Windenergie-Ausbau

„Die Ausbaulücke zwischen Nord und Süd kann durch die gegenwärtigen Regulierungen nicht geschlossen werden“

Damit Windparks im Süden gebaut werden, braucht es mehr als größere Ausschreibungen. Michael Soukup, Teamleiter Projektentwicklung Wind Süddeutschland der EnBW, plädiert für eine Südquote und einen Korrekturfaktor, der die Standortnachteile vollständig ausgleicht.
Interview*: Redaktion neue energie
25.09.2026 | 7 Min.
Michael Soukup ist Teamleiter Projektentwicklung Wind  Süddeutschland der EnBW.
Michael Soukup ist Teamleiter Projektentwicklung Wind Süddeutschland der EnBW.
Foto: EnBW

neue energie: Warum steht die Windenergie derzeit so stark im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und den Ausbauzielen?

Michael Soukup: Die Windenergie ist eine tragende Säule der Energiewende. Sie erzeugt große Mengen Strom, steigert die regionale Wertschöpfung und verringert die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten. Gleichzeitig müssen neue Windparks wirtschaftlich betrieben, ins Stromsystem integriert und vor Ort akzeptiert werden. Die Wirtschaftlichkeit hängt von der gesamten Wertschöpfungskette ab – von Flächensicherung, Planung und Genehmigung über Bau und Netzanschluss bis hin zu Betrieb, Wartung und Rückbau. Gestiegene Kosten für Anlagen, Transport, Finanzierung und Dienstleistungen belasten die Projekte. Auch die immer noch langen Genehmigungsverfahren sowie begrenzte Netzkapazitäten erhöhen das Investitionsrisiko. Dennoch braucht Deutschland große Mengen zusätzlichen Stroms, etwa für Elektromobilität, Wärmepumpen und eine klimaneutrale Industrie. Windenergie liefert besonders im Winter verlässlich viel Strom und ergänzt die Stromerzeugung aus Solar sinnvoll.

ne: Wie kann der Ausbau wirtschaftlich bleiben, wenn gleichzeitig die Kosten steigen und Strompreise schwanken?

Soukup: Windenergieprojekte benötigen verlässliche Rahmenbedingungen. Ein Windpark wird für mehrere Jahrzehnte geplant. Unternehmen und Finanzierer müssen deshalb abschätzen können, wie sich Genehmigungen, Netzentgelte, Fördermechanismen, Marktpreise und gesetzliche Vorgaben entwickeln. Hohe Risiken oder unklare politische Signale erhöhen die Unsicherheit, verteuern die Finanzierung und können Projekte verzögern und sogar verhindern.

Langfristige Stromlieferverträge mittels PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik. sind marktreif und werden nachgefragt. Sie können Einnahmen planbarer machen. Allerdings könnten die Vorschläge zur Ausgestaltung der CfDs ohne Marktwertkorridor dieses Marktsegment ausbremsen.

Ziel muss sein, eine ausreichende Kostendeckung für Südprojekte zu gewährleisten."
Ausschreibungen schaffen Wettbewerb und wirken preissenkend. Sie müssen aber so ausgestaltet sein, dass Projekte bei veränderten Kosten tatsächlich auch gebaut werden können. Aus volkswirtschaftlichen Gründen eben auch im Süden. Hier muss das Ausschreibungsdesign dringend nachgebessert werden. Ein Punkt ist die Ausgestaltung des Korrekturfaktors im Ausschreibungsmodell. Der Korrekturfaktor muss die schwächere Standortqualität des Südens und die damit verbundenen geringeren Stromerträge durch einen entsprechend höheren Wert vollständig kompensieren. Aus unserer Sicht sollte der Korrekturfaktor deshalb als Kehrwert der Standortgüte definiert werden. Damit würde der Zusammenhang zwischen Standortqualität, erwartbarem Stromertrag und notwendiger Vergütung sachgerecht abgebildet. Ziel muss sein, eine ausreichende Kostendeckung für Südprojekte zu gewährleisten und zugleich sicherzustellen, dass erfolgreiche Ausschreibungen tatsächlich in gebaute Anlagen münden.

Auch schnellere und verlässlichere Genehmigungsverfahren verbessern die Wirtschaftlichkeit. Standardisierte Verfahren, klare Anforderungen, digitale Prozesse und ausreichend ausgestattete Behörden können die Projektlaufzeiten verkürzen. Eine frühzeitige und verbindliche Abstimmung mit Kommunen, Anwohnerinnen und Anwohnern sowie Behörden hilft zudem, Konflikte zu vermeiden.

ne: Wie beurteilen Sie die Diskussionen um eine Absenkung des Grenzwerts für die Standortgüte in der Südregion? Was würde diese Absenkung für den Windenergieausbau in den südlichen Bundesländern bedeuten?

Soukup: Eine weitere Absenkung des Grenzwerts über die derzeit vorgesehenen 50 Prozent hinaus würde aus unserer Sicht die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht fördern. Die Menschen vor Ort erwarten zu Recht, dass Windenergieanlagen an geeigneten und nachvollziehbar ausgewählten Standorten errichtet werden. Eine Absenkung würde auch direkt in die bereits laufenden Planungen der Raumplanungsverbände eingreifen. Das würde zu weiteren Verzögerungen und Unsicherheiten führen. Wichtiger ist deshalb, die in den Raumplänen hinterlegten Eignungsgebiete konsequent zu nutzen. Dadurch kann der Ausbau auf geeignete Flächen konzentriert werden, ohne zusätzliche Standorte mit möglicherweise geringerer Eignung ausweisen zu müssen.

Ein konsequenter Ausbau in den süddeutschen Eignungsgebieten würde außerdem dazu beitragen, einen zusätzlichen Ausbau der Stromerzeugung im Norden zu vermeiden. Dort nehmen die Akzeptanzprobleme teilweise zu. Gleichzeitig kann eine stärkere regionale Erzeugung im Süden die Netzeinspeisung entlasten und den Bedarf an volkswirtschaftlich teuren Transportleitungen von Nord nach Süd reduzieren.

ne: Was bedeutet Versorgungssicherheit in einem Stromsystem mit einem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien?

Soukup: Versorgungssicherheit bedeutet nicht, dass jede Technologie jederzeit gleich viel Strom erzeugt. Entscheidend ist, dass das Gesamtsystem zu jeder Zeit ausreichend Leistung bereitstellen kann. Das gelingt durch das Zusammenspiel verschiedener Technologien und Infrastrukturen.

Windenergie ist wetterabhängig, aber nicht unzuverlässig. Wetterlagen lassen sich gut prognostizieren, und die Erzeugung an verschiedenen Standorten gleicht regionale Schwankungen aus. Außerdem ergänzt Wind häufig die Photovoltaik: Solarenergie liefert vor allem tagsüber und im Sommer hohe Erträge, Windenergie ist vielfach nachts und im Winter besonders wichtig. Mit Sorge betrachten wir in diesem Zusammenhang übrigens die zunehmenden nächtlichen Fledermausabschaltungen im Sommerhalbjahr, die meist alle Windenergieanlagen zeitgleich betreffen, während die Stromerzeugung aus Photovoltaik bei null liegt.

Nötig sind leistungsfähige Netze, Speicher und flexibles Verbraucherverhalten. Batteriespeicher können kurzfristige Schwankungen ausgleichen. Industrie, Gewerbe und private Haushalte können ihren Stromverbrauch teilweise an das Angebot anpassen – etwa beim Laden von Elektrofahrzeugen oder beim Betrieb von Wärmepumpen. Für längere Phasen mit wenig Wind und Sonne braucht es neben einer stärkeren europäischen Vernetzung zusätzlich hochflexible Gaskraftwerke, die bereits für eine spätere Nutzung mit Wasserstoff ausgelegt sind und damit perspektivisch klimaneutral betrieben werden können. 

ne: Wie können die bestehenden Ausbaulücken zwischen Nord- und Süddeutschland geschlossen werden?

Soukup: Die bisherige Ausbaulücke zwischen Nord und Süd kann durch die gegenwärtigen Regulierungen nicht geschlossen werden. Eine bloße Erhöhung der Ausschreibungsvolumen oder eine bloße Anpassung des sogenannten Referenzertragsmodells reicht dafür nicht aus. Sie kann die bestehende und die sich künftig weiter öffnende Lücke beim Ausbau in Süddeutschland nicht zuverlässig schließen.

Um die Versorgungssicherheit zu erhöhen, eine volkswirtschaftlich kostengünstige Stromerzeugung in Süddeutschland zu ermöglichen und zusätzlichen Netzausbau von Nord nach Süd zu vermeiden, sollten zwei regional differenzierte Ausschreibungsgebiete für Windenergie geschaffen werden: eines für den Norden und eines für den Süden. Das Ausschreibungsziel könnte in einem verbindlichen Quotenverhältnis auf beide Regionen verteilt werden, durch die Schaffung einer eigenen „Südausschreibung“ oder „Südquote“ von 20 bis 30 Prozent. Ein Vorschlag, den zum Beispiel das Land Baden-Württemberg in seinem Antrag zum EEG eingebracht hat und den wir selbst auch schon gemacht haben. Damit würde gewährleistet, dass in beiden Gebieten ein ausreichendes Ausbauvolumen zur Verfügung steht. Die regionale Differenzierung müsste mit einem sachgerecht angepassten Korrekturfaktor verbunden werden, damit auch Projekte im Süden unter den dort schwierigeren Standortbedingungen wirtschaftlich realisierbar sind.

ne: Welche politischen und wirtschaftlichen Prioritäten sind jetzt entscheidend, damit der Windenergieausbau gelingt?

Soukup: Erstens braucht es verlässliche politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Dazu gehört, neue und vermeidbare Erlösrisiken zu vermeiden. Der im Netzanschlusspaket vorgesehene Redispatch-Vorbehalt kann die Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit neuer Projekte beziehungsweise Anlagen erheblich beeinträchtigen. Zweitens müssen Genehmigungen schneller werden, ohne Umweltstandards aufzugeben. Drittens müssen Windenergieanlagen als Teil eines Gesamtsystems geplant werden. Neue Erzeugungskapazitäten benötigen Netze, Speicher, flexible Verbraucher und geeignete Vermarktungsmodelle. Flexible Netzanschlussvereinbarungen, wie sie die EnBW gemeinsam mit EWE konzipiert haben, können dabei einen früheren Anschluss ermöglichen, wenn drohende Einschränkungen transparent, vertraglich definiert und wirtschaftlich kalkulierbar sind. Den erforderlichen Netzausbau dürfen sie dabei nicht ersetzen. Viertens sollte die regionale Wertschöpfung stärker sichtbar werden. Windenergie schafft Aufträge für Planung, Bau, Wartung und Dienstleistungen. Kommunen können von Gewerbesteuern und Beteiligungsmodellen profitieren, Bürgerenergie stärkt die lokale Verankerung.

Das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Ausbau wird bestehen bleiben. Es ist jedoch kein unauflösbarer Widerspruch: Wirtschaftlichkeit braucht verlässliche Märkte, Versorgungssicherheit ein flexibles Gesamtsystem und Akzeptanz Transparenz sowie faire Beteiligung. Werden diese Aspekte gemeinsam verfolgt, kann Windenergie wesentlich zu einer klimaneutralen, sicheren und wettbewerbsfähigen Energieversorgung beitragen.

* Dieses Interview wurde im Rahmen eines Sponsorings für den Windbranchentag Baden-Württemberg geführt.

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