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Weiterbildung in der Servicetechnik

„Die Faszination für die Windkraft bleibt“

Windenergie ist komplex, und die Anlagen entwickeln sich rasant weiter. Umso wichtiger ist eine zeitgemäße Fort- und Weiterbildung in der Servicetechnik. Worauf es dabei ankommt, erklärt Technical Trainer Jan Bellwinkel im Gespräch mit neue energie.
Interview: Paul Helm
26.03.2026 | 7 Min.
Gut geschult: Alle Servicetechnikerinnen und -techniker kommen regelmäßig ins Training Center, um ihr Anlagenwissen aufzufrischen oder zu vertiefen.
Gut geschult: Alle Servicetechnikerinnen und -techniker kommen regelmäßig ins Training Center, um ihr Anlagenwissen aufzufrischen oder zu vertiefen.
Foto: Deutsche Windtechnik

neue energie: Herr Bellwinkel, Sie sind in Bissendorf für die Fort- und Weiterbildung der Servicetechniker verantwortlich. Wie sind Sie dazu gekommen?

Jan Bellwinkel: Ich arbeite seit zehn Jahren bei der Deutschen Windtechnik, davon die ersten achteinhalb Jahre im Feld, wo ich viele wertvolle Erfahrungen sammeln durfte. Im Lauf der Zeit habe ich immer wieder neue Kolleginnen, Kollegen und Auszubildende an die Hand genommen. Den Standort in Bissendorf, Osnabrück, durfte ich mitgestalten.

Jan Bellwinkel

ist gelernter Servicetechniker und Technical Trainer am 2024 eröffneten Trainingsstandort Bissendorf/Osnabrück. Die Trainingsumgebung umfasst zwei Original-Maschinenhäuser der Hersteller Nordex und Senvion, die speziell für praxisnahe Anlagenschulungen ausgelegt sind. Hier werden Servicetechniker in Sicherheitswochen, Spezialtrainings sowie Basic- und Level Trainings fit gemacht für die Arbeit im Feld.

ne: Das heißt, die Teilnehmenden bringen schon Vorwissen mit?

Bellwinkel: Für neue Mitarbeitende beginnt das Training mit einem Onboarding. Das beinhaltet alle relevanten Schulungen sowie Einweisungen in die Abläufe der Deutschen Windtechnik. Dann folgt eine Grundlagenschulung zur Windkraft: Hier lernen sie die Basics von der Funktionsweise der Hauptkomponenten einer Anlage bis hin zu Wartungsmaßnahmen. Darauf aufbauend arbeiten wir mit einer Level-Struktur, die in mehreren aufeinander aufbauenden Stufen immer tiefer in die Anlagentechnologie einführt. Nach einem Level 1 Training sind die Teilnehmenden beispielsweise in der Lage, sich sicher auf der Anlage zu bewegen, haben ein gutes Grundverständnis für die Technik entwickelt und können selbstständig eine Wartung durchführen. Für bestehende Mitarbeitende bieten wir Fort- und Weiterbildungen an, in denen sie ihre Schulungen auffrischen – zum Beispiel in Form einer jährlichen Sicherheitswoche.  

ne: Sie sind nach acht Jahren Feldarbeit in die Rolle des Trainers gewechselt. Ist Ihnen die Entscheidung leichtgefallen?

Bellwinkel: Mir hat es immer unglaublich viel Spaß macht, Wissen weiterzugeben. Als das Unternehmen mich dann gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, das Ganze auch in einem Training Center fortzuführen, war ich direkt Feuer und Flamme. Das war für mich der nächste logische Schritt.

ne: Zuvor haben Sie viele Erfahrungen in der praktischen Arbeit gesammelt, die Ihnen jetzt sicher zugutekommt. Erinnern Sie sich an eine besondere Anekdote aus dieser Zeit?

Bellwinkel: Früher habe ich im Bereich der Großkomponenten an Nordex-Anlagen gearbeitet. An einem der ersten Tage bei der Deutschen Windtechnik bin ich zu einer Fehlersuche im Pitchsystem auf eine Anlage gekommen und hatte einen komplett verschmorten Schaltschrank vor mir. Ich war vier Tage lang auf Fehlersuche, habe alles neu verdrahtet und am Ende hoffnungsvoll alle Sicherungen wieder eingelegt. Es hat tatsächlich funktioniert– und ich habe in diesen vier Tagen so viel gelernt, von dem ich heute noch zehre. Das versuche ich als Trainer weiterzugeben: Es ist völlig in Ordnung, wenn eine Fehlersuche mal länger dauert. Am Ende muss man einfach dranbleiben. Rückschläge gehören dazu.

ne: Aus Fehlern lernt man in der Regel am meisten.

Bellwinkel: Ganz genau. In meiner aktiven Zeit im Feld habe ich nicht immer alles richtig gemacht. Aber es schärft die Sinne dafür, warum manche Prozesse einfach wichtig sind – zum Beispiel, um Arbeitsunfälle zu verhindern.

ne: Ist es bei Ihrer Arbeit denn mal gefährlich geworden?

Bellwinkel: Ich hatte nie einen Arbeitsunfall, aber es gab auch mal brenzlige Situationen. Auch dieses Wissen teile ich, damit andere die Erfahrung nicht selbst sammeln müssen.

ne: Arbeitssicherheit ist also ein Schwerpunkt in der Weiterbildung?

Bellwinkel: Die Grundlage ist ein sicheres Bewegen auf der Windkraftanlage. Man muss seine Sinne dafür schärfen, wo Gefahren lauern. Dafür braucht man ein gutes Verständnis für die Anlage. Es ist schon eine spezielle Situation: Man ist irgendwo auf 100 Metern Höhe zu zweit, und der Weg nach unten kann lang werden. Da ist man schon bedeutend vorsichtiger als in anderen Arbeitssituationen.

ne: Ist die potenzielle Gefahr abschreckend, wenn man sich für diesen Berufsweg entscheidet, oder befeuert das eher eine gewisse Abenteuerlust?

Bellwinkel: Neue Kollegen beschreiben immer wieder, wie aufregend das ist, diese neuen Eindrücke zu sammeln. Da werden die ersten zwei, drei Tage viele Fotos gemacht. Und auch, wenn es irgendwann einfach der Weg zur Arbeit nach oben ist, verliert es nie seinen Reiz.

ne: Fehlt Ihnen dieses besondere Arbeitsumfeld heute?

Das ist quasi Physikunterricht live."
Bellwinkel: Ja, in gewisser Weise schon. Es vermittelt ein Gefühl von Freiheit. Das ist das, was es für mich ausmacht, Servicetechniker zu sein. Nicht nur durch die Höhe, man arbeitet auch sehr eigenverantwortlich. Ich bin im Zweierteam unterwegs, darf eigenständig auf Fehlersuche gehen, quer durch Deutschland. Das ist schon was Besonderes. An meinem letzten Tag im Feld habe ich nach getaner Arbeit noch eine halbe Stunde oben gesessen und einfach nur genossen. Das sind so große, schwere Komponenten, die sich scheinbar mühelos drehen, in einer beeindruckenden Geschwindigkeit. Das ist quasi Physikunterricht live.

Diese Faszination für die Windkraft bleibt. Ich habe das Glück, dass ich häufig noch von ehemaligen Kollegen um Rat gefragt werde. So habe ich den Bezug zum Feld nie verloren, und das ist auch wichtig: Wenn ich andere bei der Arbeit unterstützen soll, dann muss ich Up to Date bleiben.

ne: War die Faszination für die Windkraft der Grund, warum Sie sich damals für den Berufsweg entschieden haben?

Bellwinkel: Bei mir war das eher Zufall. Ich kam aus der Elektrotechnik, habe vorher viel im Bereich Photovoltaik gemacht und bin dann relativ spontan in die Windkraft gewechselt. Eine Woche später stand ich auf einer Nordex-Anlage und war auf einmal mittendrin im Geschehen.

ne: Und was war das für ein Gefühl, das erste Mal auf so einer Anlage?

Bellwinkel: Unbeschreiblich. Ich habe unzählige Fotos gemacht und allen Leuten davon erzählt, um diese Eindrücke irgendwie weiterzugeben. Es war beeindruckend.

ne: Welche Themen begegnen Ihnen jetzt als Trainer?

Bellwinkel: Kolleginnen und Kollegen bringen häufig Fehlerbilder mit ins Training und wir schauen uns diese zusammen an. Woran hat es gelegen? Es geht darum, ein grundlegendes Verständnis für das System zu entwickeln.

ne: Haben Sie ein Beispiel?

Bellwinkel: Jede Anlage hat drei Rotorblätter, die im Anstellwinkel verstellbar sind. Dieses sogenannte Pitch-System ist sehr komplex. Oft hilft bereits ein Neustart des Systems, das ist wie beim Computer zu Hause. Und wir schauen dann im Nachhinein, was mögliche Ursachen gewesen sein können.

ne: Das heißt, Fehler haben meist elektrotechnische Ursachen?

Bellwinkel: In der Regel liegen die Ursachen tatsächlich im elektrotechnischen Bereich. Moderne Windenergieanlagen bestehen aus einer Vielzahl vernetzter elektronischer Systeme – von Steuerungen über Sensorik bis hin zu Leistungselektronik. Diese Systeme greifen ineinander und bilden ein komplexes Gesamtsystem. Regelmäßige Wartungen sind dabei das A und O: Eine gute Wartung sorgt dafür, dass die Anlage lange ohne Fehler produzieren kann.

ne: Haben Sie als Trainer schon Fragen gestellt bekommen, die Sie noch überraschen konnten?

Bellwinkel: Kritische Fragen, die einen zum Nachdenken anregen, bringen das Training am meisten voran. Das sorgt dafür, dass ich Dinge noch mal hinterfrage, mich anders vorbereite. Und so wird das Training eigentlich durch jede kritische Frage besser.

ne: Welche Rolle spielt dabei die Technik der verschiedenen Anlagen?

Bellwinkel: Wir haben zwei Anlagen im Training Center hier in Bissendorf stehen, jeweils eine Nordex und eine Senvion Anlage. In unserem Training Center in Viöl (Husum) haben wir noch Vestas-, Siemens- und Enercon-Anlagen, Und da gibt es tatsächlich ein einige Unterschiede: Bei der Nordex zum Beispiel fährt das Dach einmal komplett auf. Das ist im Sommer wunderschön, im Winter und bei Regen eher nicht so. Für die Techniker bedeutet das: Auf dem Weg zur Nabe, an der die Rotorblätter montiert sind, müssen sie einmal oben drüber her klettern und vorne wieder rein. Das ist schon speziell. Im Training Center können wir das gezielt trainieren und die Angst davor nehmen. Aber im Großen und Ganzen funktionieren die Systeme ähnlich. Habe ich eins verstanden, kann ich das Wissen schnell auf andere Technologien anwenden.

ne: Haben Sie ein persönliches Lieblingsmodell?

Bellwinkel: Als ich noch im Feld unterwegs war, waren es Senvion-Anlagen. Jetzt im Training Center ist es unsere Nordex Anlage: Hier kann man Trainingssituationen sehr anschaulich zeigen, alle haben genügend Platz und eine gute Sicht.

ne: Den Standort Bissendorf haben Sie mit aufgebaut. Gibt es schon Pläne für die Zukunft?

Bellwinkel: Grundsätzlich sind wir gut aufgestellt und in einer normalen Trainingswoche regelmäßig ausgebucht.  Unsere Trainings werden kontinuierlich weiterentwickelt und es werden auch gezielt neue Trainingsmethoden ausprobiert. Gleichzeitig ist es wichtig, auch im Feld zu trainieren, um gezielt Problemen aus der praktischen Arbeit zu begegnen. Diese Erfahrung ist sehr wertvoll und da wird in Zukunft sicher noch die eine oder andere Neuerung auf uns warten.

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