Netzpaket

„Der Redispatch-Vorbehalt setzt private Milliardeninvestitionen aufs Spiel“

Mit dem geplanten Redispatch-Vorbehalt und der AgNes‑Reform sind laut Carolin Dähling von Green Planet Energy viele Wind- und Solarprojekte in Deutschland gefährdet. Sie fordert, Flexibilität im Netz gezielt zu nutzen – statt Investitionen durch pauschale Restriktionen zu behindern.
Interview: Janna Riffeler
27.05.2026 | 5 Min.
Carolin Dähling ist seit 2023 Leiterin der Abteilung Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy.
Carolin Dähling ist seit 2023 Leiterin der Abteilung Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy.
Foto: Green Planet Energy

neue energie: Mit dem AgNes-Verfahren sollen künftig auch Betreiber von Stromspeichern und Elektrolyseuren Netzentgelte zahlen. Was bedeutet das für die Unternehmen, insbesondere im Hinblick auf die Investitionsanreize und Planungssicherheit?

Carolin Dähling: Das aktuelle Netzentgeltsystem ist ein Relikt der zentralen Energieversorgung und passt längst nicht mehr zu einer dezentralen, erneuerbaren Energiewelt. Der AgNes-Prozess bietet die Chance, Kosten fairer zu verteilen und stärkere Anreize für netzdienliches Verhalten zu setzen.

Grundsätzlich ist der Gedanke richtig, dass alle Akteure, die Kosten am Netz verursachen, sich an der Finanzierung beteiligen müssen. Entscheidend ist aber, wie die Reform umgesetzt wird. Es muss klar sein, dass entscheidende Technologien für die Energiewende nicht aufgrund falscher Reformen unwirtschaftlich werden. Pauschale Entgelte oder hohe fixe Kostenanteile – etwa für Einspeisung aus PV oder Wind – wären kontraproduktiv.

Pauschale Entgelte oder hohe fixe Kostenanteile wären kontraproduktiv."
Mit Blick auf Speicher und Elektrolyseure ist entscheidend, dass die AgNes-Reform verlässliche Investitionsbedingungen schafft. Speicher und Elektrolyseure haben lange Entwicklungszyklen. Deshalb brauchen Betreiber frühzeitig Klarheit über die künftigen Netzentgeltstrukturen und deren konkrete Parameter. Nur so lassen sich Projekte finanzieren und umsetzen. Gleichzeitig ist ein konsequenter Bestandsschutz zentral: Rückwirkende Eingriffe oder unsichere Perspektiven bei Netzentgeltbefreiungen würden das Vertrauen der Investoren massiv beschädigen.

Darüber hinaus muss das System echte wirtschaftliche Anreize setzen. Dynamische, zeit- und ortsabhängige Netzentgelte können Investitionen gezielt in netzdienliche Flexibilität lenken, während starre Komponenten Projekte unwirtschaftlich machen. Insgesamt gilt: Die Reform sollte Flexibilität planbar vergüten, nicht mit Unsicherheit belegen. Nur dann wird der notwendige Ausbau von Speichern und Elektrolyseuren auch tatsächlich stattfinden.

ne: Mit den geplanten Reformen, unter anderem auch dem sogenannten Netzpaket, will der Gesetzgeber die Energiewende kosteneffizienter gestalten. Leisten die Netzentgeltreform und das Netzpaket tatsächlich einen Beitrag hierzu?

Carolin Dähling: Kosteneffizienz entsteht vor allem durch mehr Flexibilität, Digitalisierung und eine bessere Nutzung der bestehenden Netze. Dafür gibt es längst praxistaugliche Hebel: Speicher, flexible Stromtarife und steuerbare Wärmepumpen und E-Autos. Das Netzpaket setzt aber leider genau an der falschen Stelle an. Die herbeigeredeten “Systemrisiken” der Erneuerbaren Energien sind in Wahrheit das Ergebnis veralteter Regeln und einer verschleppten Modernisierung. Viele Netzbetreiber haben es in den letzten Jahrzehnten versäumt, Investitionen zu tätigen, die sie auf ein Erneuerbaren-Zeitalter vorbereitet hätten. Daher ist schon die grundsätzliche Problembeschreibung des Netzpakets problematisch. Statt Flexibilität zu stärken, drosselt es den Ausbau der Erneuerbaren und verschiebt damit das Problem einseitig auf die Betreiber, ohne systemische Probleme zu lösen.

Das ist nicht nur energiepolitisch fragwürdig, sondern auch volkswirtschaftlich ineffizient. Denn der Redispatch-Vorbehalt setzt mitten in einer fossilen Energiekrise private Milliardeninvestitionen aufs Spiel: Unsere Analyse zeigt, dass bereits geplante Wind- und Solarprojekte in 90 Landkreisen bundesweit bedroht sind.

Dabei liegen die Lösungen längst auf dem Tisch. Ein wichtiger Ansatz ist zum Beispiel das Prinzip „Nutzen statt Abregeln“: Überschüssiger erneuerbarer Strom sollte flexibel genutzt werden, statt ihn teuer abzuschalten. Heute scheitert das Konzept vor allem an Bürokratie und hohen Zugangshürden. Genau hier müsste die Politik ansetzen, statt pauschale Restriktionen für Wind- und Solarparks einzuführen. Auch Konzepte, die den Netzzustand und den Erneuerbaren-Ausbau gemeinsam denken und die Systemdienlichkeit in den Fokus nehmen, liegen längst auf dem Tisch und sind sinnvolle Alternativen zum Redispatchvorbehalt. Ich denke dabei zum Beispiel an die BET-Studie oder den bne-Vorschlag.

Weniger Erneuerbare und neue Erdgaskraftwerke, die dann auch noch über eine neue Strom-Umlage subventioniert werden, führen sicherlich nicht zu mehr Effizienz, sondern ganz im Gegenteil zu höheren Kosten. Wir fordern daher maßgebliche Korrekturen im parlamentarischen Verfahren, um einen Einbruch beim Erneuerbaren-Ausbau zu verhindern. 

ne: Welche politischen Schritte braucht es jetzt, um den Ausbau der Stromnetze und den Zubau erneuerbarer Energien tatsächlich stärker zu verzahnen?

Carolin Dähling: Mitten in einer fossilen Krise und einer sich zuspitzenden Klimakrise ist es dringend notwendig, den um Jahre verschleppten Netzausbau zu beschleunigen. Viel zu oft wird der Ausbau der Erneuerbaren als Problem fürs Netz behandelt, dabei sind Wind und Solar die Grundlage eines kosteneffizienten Systems.

Flexibilität ist derzeit eine der größten Leerstellen in der Energiepolitik der Bundesregierung."
Dazu müssen erstens die Netzbetreiber viel stärker in die Verantwortung genommen werden. Dass Deutschland beim Ausbau und bei der Digitalisierung der Netze so sehr hinter dem Plan liegt und beim Smart-Meter-Rollout immer noch europäisches Schlusslicht ist, können wir doch nicht einfach hinnehmen und mit der Schulter zucken. Im Netzpaket ist aber sogar geplant, den knapp 900 Verteilnetzbetreibern noch mehr Macht zu geben, etwa bei der Reservierung von Kapazitäten für Großprojekte wie Rechenzentren oder Elektrolyseure. Ohne klare gesetzliche Leitplanken entscheiden dann Netzbetreiber über politische Ziele. Die EEG-Ausbaupfade dürfen nicht auf diese Weise heimlich sabotiert werden.

Zweitens müssen wir vorhandene Infrastruktur besser nutzen. Der zentrale Hebel ist Flexibilität: Speicher, steuerbare Lasten, Elektromobilität oder Wärmepumpen können das System aktiv stabilisieren, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen. Flexibilität ist derzeit eine der größten Leerstellen in der Energiepolitik der Bundesregierung.

Drittens braucht es verlässliche Investitionsbedingungen. Dazu gehören planbare dynamische Netzentgelte, schnellere Genehmigungen und vor allem klare politische Signale, dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis gewollt ist.

Und schließlich ist Digitalisierung der Schlüssel: Ohne Transparenz über Netzengpässe und ohne smarte Steuerung wird das System unnötig teuer. Wenn wir diese Hebel zusammenbringen, dann lässt sich die Energiewende beschleunigen und effizienter gestalten. Entscheidend ist, dass wir erneuerbaren Strom endlich als Teil der Lösung behandeln und nicht länger als Problem.

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