neue energie: Mit dem AgNes-Verfahren sollen künftig auch Betreiber von Stromspeichern und Elektrolyseuren Netzentgelte zahlen. Was bedeutet das für die Unternehmen, insbesondere im Hinblick auf die Investitionsanreize und Planungssicherheit?
Carolin Dähling: Das aktuelle Netzentgeltsystem ist ein Relikt der zentralen Energieversorgung und passt längst nicht mehr zu einer dezentralen, erneuerbaren Energiewelt. Der AgNes-Prozess bietet die Chance, Kosten fairer zu verteilen und stärkere Anreize für netzdienliches Verhalten zu setzen.
Grundsätzlich ist der Gedanke richtig, dass alle Akteure, die Kosten am Netz verursachen, sich an der Finanzierung beteiligen müssen. Entscheidend ist aber, wie die Reform umgesetzt wird. Es muss klar sein, dass entscheidende Technologien für die Energiewende nicht aufgrund falscher Reformen unwirtschaftlich werden. Pauschale Entgelte oder hohe fixe Kostenanteile – etwa für Einspeisung aus PV oder Wind – wären kontraproduktiv.
Darüber hinaus muss das System echte wirtschaftliche Anreize setzen. Dynamische, zeit- und ortsabhängige Netzentgelte können Investitionen gezielt in netzdienliche Flexibilität lenken, während starre Komponenten Projekte unwirtschaftlich machen. Insgesamt gilt: Die Reform sollte Flexibilität planbar vergüten, nicht mit Unsicherheit belegen. Nur dann wird der notwendige Ausbau von Speichern und Elektrolyseuren auch tatsächlich stattfinden.
ne: Mit den geplanten Reformen, unter anderem auch dem sogenannten Netzpaket, will der Gesetzgeber die Energiewende kosteneffizienter gestalten. Leisten die Netzentgeltreform und das Netzpaket tatsächlich einen Beitrag hierzu?
Carolin Dähling: Kosteneffizienz entsteht vor allem durch mehr Flexibilität, Digitalisierung und eine bessere Nutzung der bestehenden Netze. Dafür gibt es längst praxistaugliche Hebel: Speicher, flexible Stromtarife und steuerbare Wärmepumpen und E-Autos. Das Netzpaket setzt aber leider genau an der falschen Stelle an. Die herbeigeredeten “Systemrisiken” der Erneuerbaren Energien sind in Wahrheit das Ergebnis veralteter Regeln und einer verschleppten Modernisierung. Viele Netzbetreiber haben es in den letzten Jahrzehnten versäumt, Investitionen zu tätigen, die sie auf ein Erneuerbaren-Zeitalter vorbereitet hätten. Daher ist schon die grundsätzliche Problembeschreibung des Netzpakets problematisch. Statt Flexibilität zu stärken, drosselt es den Ausbau der Erneuerbaren und verschiebt damit das Problem einseitig auf die Betreiber, ohne systemische Probleme zu lösen.
Dabei liegen die Lösungen längst auf dem Tisch. Ein wichtiger Ansatz ist zum Beispiel das Prinzip „Nutzen statt Abregeln“: Überschüssiger erneuerbarer Strom sollte flexibel genutzt werden, statt ihn teuer abzuschalten. Heute scheitert das Konzept vor allem an Bürokratie und hohen Zugangshürden. Genau hier müsste die Politik ansetzen, statt pauschale Restriktionen für Wind- und Solarparks einzuführen. Auch Konzepte, die den Netzzustand und den Erneuerbaren-Ausbau gemeinsam denken und die Systemdienlichkeit in den Fokus nehmen, liegen längst auf dem Tisch und sind sinnvolle Alternativen zum Redispatchvorbehalt. Ich denke dabei zum Beispiel an die BET-Studie oder den bne-Vorschlag.
Weniger Erneuerbare und neue Erdgaskraftwerke, die dann auch noch über eine neue Strom-Umlage subventioniert werden, führen sicherlich nicht zu mehr Effizienz, sondern ganz im Gegenteil zu höheren Kosten. Wir fordern daher maßgebliche Korrekturen im parlamentarischen Verfahren, um einen Einbruch beim Erneuerbaren-Ausbau zu verhindern.
ne: Welche politischen Schritte braucht es jetzt, um den Ausbau der Stromnetze und den Zubau erneuerbarer Energien tatsächlich stärker zu verzahnen?
Carolin Dähling: Mitten in einer fossilen Krise und einer sich zuspitzenden Klimakrise ist es dringend notwendig, den um Jahre verschleppten Netzausbau zu beschleunigen. Viel zu oft wird der Ausbau der Erneuerbaren als Problem fürs Netz behandelt, dabei sind Wind und Solar die Grundlage eines kosteneffizienten Systems.
Zweitens müssen wir vorhandene Infrastruktur besser nutzen. Der zentrale Hebel ist Flexibilität: Speicher, steuerbare Lasten, Elektromobilität oder Wärmepumpen können das System aktiv stabilisieren, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen. Flexibilität ist derzeit eine der größten Leerstellen in der Energiepolitik der Bundesregierung.
Drittens braucht es verlässliche Investitionsbedingungen. Dazu gehören planbare dynamische Netzentgelte, schnellere Genehmigungen und vor allem klare politische Signale, dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis gewollt ist.
Und schließlich ist Digitalisierung der Schlüssel: Ohne Transparenz über Netzengpässe und ohne smarte Steuerung wird das System unnötig teuer. Wenn wir diese Hebel zusammenbringen, dann lässt sich die Energiewende beschleunigen und effizienter gestalten. Entscheidend ist, dass wir erneuerbaren Strom endlich als Teil der Lösung behandeln und nicht länger als Problem.