neue energie: Welche Rolle spielt das Stromnetz für die Energiewende – und wie verändert sich diese Rolle in den kommenden Jahren?
Mark Becker-von Bredow: Das Stromnetz ist das Rückgrat der Energiewende – und seine Bedeutung für eine stabile, verlässliche Energieversorgung wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Denn es muss steigende Anforderungen schultern: eine stark wachsende Stromnachfrage, einen hohen Anteil erneuerbarer Energien sowie eine deutlich dezentralere Erzeugungsstruktur. Dafür müssen die Netze – die Übertragungs- wie die Verteilnetze – leistungsfähiger, intelligenter und digitaler werden.
Um die industrielle Basis Deutschlands zu sichern und gleichzeitig unsere Klimaziele zu erreichen, braucht es einen konsequenten Fokus auf vier Felder: beschleunigten Netzausbau, Digitalisierung der Netze, einen flächendeckenden Smart-Meter-Rollout und verlässliche Produktionskapazitäten für Netzkomponenten in Deutschland.
Netze, Erneuerbare und Speicher müssen synchron wachsen – ohne Tempoverlust. Effizienzgewinne bei diesem Wachstum sind notwendig, dürfen aber zugleich kein Vorwand sein, das Ausbautempo zu drosseln. Das bestehende Ambitionsniveau markiert vielmehr das Minimum für ein künftig versorgungssicheres System.
Klare und verlässliche Planungshorizonte sind hierfür zentral. Eingriffe in genehmigte Projekte untergraben Investitionen – auch in der Industrie. Zwar ist der Strombedarf durch die aktuelle industrielle Krise zurückgegangen, doch die heutige Netzplanung zielt auf die Zeit ab 2035. Elektrifizierung von Industrie, Mobilität, Wärme und der Ausbau von Rechenzentren werden den langfristigen Strombedarf deutlich erhöhen. Entscheidend ist deshalb: zielgerichteter, effizienter Ausbau – aber mit Tempo und ohne Zick-Zack-Kurs.
ne: Wie viel Potenzial steckt aus Ihrer Sicht in einer intelligenteren Nutzung bestehender Netze?
Becker-von Bredow: Kurz gesagt: Sehr viel. Für die Netzbetreiber auf der einen Seite und für alle Verbrauchsgruppen auf der anderen Seite bietet die intelligentere Nutzung bestehender Netze erhebliche Effizienz- und Kostenvorteile. Durch die Digitalisierung des Netzbetriebs – etwa digitale Überwachung, datenbasierte Steuerung und Flexibilisierung, digitale Netzanschlussportale – lassen sich nach Schätzungen Effizienzpotenziale von bis zu 30 Prozent heben.
Die Kostenentwicklung verdeutlicht den Handlungsdruck: Bereits heute entfallen etwa 60 Prozent der Netzkosten auf die Verteilnetzebene. Bis 2045 dürfte ihr Anteil auf rund 70 Prozent steigen. Ohne Reformen droht bis 2045 eine Steigerung der jährlichen Netzsystemkosten von derzeit rund 30 Milliarden Euro auf über 70 Milliarden Euro. Ein Paradigmenwechsel ist deshalb unerlässlich: weg von starren Versorgungsstrukturen hin zu einem hochflexiblen, digital gesteuerten Gesamtsystem.
ne: Wie tragen dezentrale Flexibilitäten – etwa Batteriespeicher oder Elektroautos – dazu bei, das Stromnetz effizienter zu machen?
Becker-von Bredow: Dezentrale Flexibilitäten wie Elektroautos, Wärmepumpen oder Heimspeicher haben ein enormes Potenzial, das Stromsystem effizienter und kostengünstiger zu machen. Bereits heute zeigen sich – selbst unter konservativen Annahmen – erhebliche Einsparpotenziale. Für die Endverbraucher wie auch für die Kosten im Gesamtsystem. Besonders groß ist dabei das bislang weitgehend ungenutzte Potenzial von Elektroauto-Batterien: Während die derzeit installierten stationären Speichersysteme in Deutschland auf eine aggregierte Kapazität von rund 28 GWh kommen, verfügen die bereits zugelassenen Elektrofahrzeuge zusammen schon heute über mehr als 133 GWh Batteriekapazität – also ein Vielfaches der stationären Speicher.
Die Bedeutung dieser Flexibilitäten wird in den kommenden Jahren weiter massiv wachsen. Die Anschlussleistung von Wärmepumpen, Elektroautos und Heimspeichern wird sich innerhalb eines Jahrzehnts etwa verzehnfachen – von rund 20 Gigawatt im Jahr 2020 auf über 200 Gigawatt im Jahr 2030. Bis 2045 könnten knapp 500 Gigawatt dieser dezentralen, steuerbaren Verbraucher im System sein.
Damit verändern sich die Kräfteverhältnisse grundlegend: Während ihre Anschlussleistung 2020 nur etwa einem Viertel der flexiblen Kraftwerksleistung entsprach, wird sie 2030 die Kraftwerkskapazität fast um den Faktor drei übersteigen – und bis 2045 sogar um mehr als das Sechsfache. Diese Flexibilitäten sind damit kein Zusatz, sondern ein zentraler Baustein für Netzstabilität, Effizienz und Kostendämpfung – vorausgesetzt, sie werden systematisch digital angebunden und intelligent gesteuert.
ne: Welche Weichenstellungen sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit Elektrifizierung, Digitalisierung und Energiewende in Deutschland gemeinsam gelingen?
Becker-von Bredow: Der Ausbau und die Digitalisierung der Netze ist in jeder Hinsicht ein „No-Regret“-Projekt. Allein deshalb, weil gerade in den Verteilnetzen erhebliche Erneuerungs- und Modernisierungsmaßnahmen anstehen. Im Auftrag von BDEW und ZVEI hat die Universität Wuppertal ermittelt, dass allein diese Maßnahmen 50 Prozent des gesamten Technologiebedarfs bis 2045 ausmachen werden. Gleichzeitig sind auch die Übertragungsnetze auf Basis der aktuellen Netzentwicklungspläne bis 2045 um nahezu die Hälfte des heutigen Bestands zu erweitern.
Wir müssen also ohnehin an die Netze ran. Die entscheidende Weichenstellung lautet daher, diese notwendigen Investitionen mit Weitblick und Konsequenz umzusetzen – digital, standardisiert und zukunftsfähig. Nur so lassen sich Elektrifizierung, Digitalisierung und Energiewende gemeinsam, effizient und dauerhaft erfolgreich gestalten.