neue energie: Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Energiepolitik?
Hartmut Brösamle: Wir befinden uns derzeit in einer außergewöhnlichen Situation. Wir sehen einen extrem positiven Trend bei den Genehmigungen von Windenergieprojekten. Das führt dazu, dass die Ausschreibungen seit August 2024 überzeichnet sind und die Preise in jeder Ausschreibungsrunde deutlich sinken. Das ist grundsätzlich gewünscht und erfreulich und zeigt, dass erneuerbare Energien die günstigste Art der Stromerzeugung sind. Schwierig ist diese Entwicklung jedoch vor dem Hintergrund weiter steigender Kosten für Planung, Anlagentechnologie, Infrastruktur, Bau und immer weiteren Anforderungen in den Projekten bezüglich Beteiligung und Naturschutz. Diese gegenläufigen Tendenzen führen zu einer wirtschaftlich angespannten Situation in der Branche.
ne: Was erwarten Sie für das energiepolitische Jahr 2026?
Brösamle: Angesichts der aktuellen geopolitischen und wirtschaftspolitischen Herausforderungen einerseits und den dramatischen klimatischen Veränderungen ist der Handlungsdruck eigentlich massiv. Bislang ist aber noch nicht wirklich viel passiert. Die Branche wartet einerseits auf Referentenentwürfe für das EEG und ist andererseits schon im Austausch mit den politischen Entscheidern und den Ministerien zu den Themen Net-Zero-Industry-Act, Strommarktdesign der Zukunft und die Refinanzierbarkeit der Energiewende. Am Ende erwarten wir eher überschaubare Eingriffe und Weichenstellungen.
ne: Und welchen Wunschzettel haben Sie für die politische Weichenstellung, um den Ausbau der Erneuerbaren weiter voranzutreiben?
Brösamle: Für uns sind vor allem zwei Themen zu priorisieren: der Netzausbau und die Refinanzierbarkeit von EE-Projekten. Ohne einen massiven Hochlauf des Netzausbaus, der jahrelang wie auch andere Infrastrukturprojekte vernachlässigt wurde, kommen wir schnell an Grenzen. Und als zweites müssen im Rahmen der Strommarktdesign-Debatte stabile und verlässliche Rahmenbedingungen für die Finanzierung von EE-Projekten geschaffen werden. Insgesamt muss die von der Politik zunehmend verursachte Verunsicherung beendet werden. Wir brauchen langfristig verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, den von der Vorgängerregierung eingeschlagenen Weg zur Ausweisung von Flächen für die Windenergie bis 2032 konsequent und ohne Einschränkungen hinsichtlich der Mengen und der Verbindlichkeit der Mechanismen fortzusetzen.
