neue energie: Herr Meyer, Sie haben die Energiewende aus sehr unterschiedlichen Perspektiven erlebt: aus der Forschung, dem Umweltministerium und jetzt als Unternehmenschef. Hat sich Ihr Blick auf die energiepolitischen Herausforderungen im Lauf der Zeit verändert?
ist seit Januar 2026 CEO der Deutschen Windtechnik. Der studierte Physiker begann 2004 bei Energy & Meteo Systems mit Windleistungsprognosen und wechselte 2007 zur Boston Consulting Group. Von 2010 bis 2015 führte er die Bremerhavener Windenergie-Agentur WAB, war danach Bremer Staatsrat für Umwelt, Bau und Mobilität und ab 2022 Abteilungsleiter Grundsatz im Bundesumweltministerium.
ne: Hilft Ihnen die Erfahrung aus der Politik bei der Leitung des Unternehmens?
Meyer: Am Ende geht es darum, Menschen zu führen. Dafür müssen Sie zuhören, motivieren und Ziele setzen können – das ist im öffentlichen Dienst so und in der Privatwirtschaft auch. Was mir jetzt in der Debatte um EEG-Novelle und Netzpaket hilft: Ich verstehe, wie Politik denkt und wie Verwaltung spricht. Zaubern kann ich deshalb nicht. Aber wer einmal auf der anderen Seite des Tisches gesessen hat, kann besser nachvollziehen, was dort passiert.
ne: Rund um 2019 prägten die Klimaproteste die Debatte, heute geht es vor allem um Systemkosten, Bezahlbarkeit und Netzverträglichkeit. Ist das eine notwendige Anpassung an die politische Realität oder schmerzt Sie diese Verschiebung angesichts der sichtbaren Klimafolgen?
Verschärfend kommt hinzu, dass sich die Windenergie mehr und mehr zum Kulturkampfthema entwickelt. Die Akzeptanz spielt also eine wichtige Rolle. Ich kenne in der Windbranche aber niemanden, der sich diesen Herausforderungen nicht stellen will. Die Fragen sind also die richtigen. Die Instrumente, die jetzt vorgeschlagen werden, sind es nicht.
ne: Die Bundesregierung hält an den Ausbauzielen fest und schreibt sogar zwölf Gigawatt zusätzlich aus. Gleichzeitig warnt die Branche vor einem Fadenriss. Wo liegt der Fehler?
Meyer: Mein Eindruck ist, dass das Verständnis dafür fehlt, welche Verunsicherung allein eine EEG-Debatte bei Investitionsentscheidungen auslöst. Natürlich ist entscheidend, was am Ende im Gesetz steht. Aber schon die Unsicherheit führt dazu, dass Investoren sich zurückhalten. Und wer dann Gefahr läuft, im Redispatch-Vorbehalt zu landen, muss mit seiner Bank entweder sehr lange diskutieren oder bekommt überhaupt keine Finanzierung mehr.
ne: Ist der geplante Redispatch-Vorbehalt also das problematischste Instrument im Reformpaket?
Meyer: Das zeigen die Gespräche mit unseren Kunden. Ich erkenne an, dass es eine Lösung braucht, wenn Strom produziert und – in Anführungszeichen – weggeworfen wird und dadurch hohe Redispatch-Kosten entstehen. Aber so, wie es jetzt gemacht ist, sorgt es für Unsicherheit und geht einseitig zulasten der Windkraft.
ne: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht von einem Paradigmenwechsel, ignoriert den Sachverstand aus der Praxis aber offenbar weitgehend. Sie kennen die politische Arbeit von innen: Ist das ein handwerkliches Problem, ein Kommunikationsproblem der Branche – oder eine bewusste politische Entscheidung gegen die Windenergie?
ne: Rechnen Sie mit einem Einbruch beim Zubau, und wann würde dieser bei Ihnen als Serviceunternehmen ankommen?
Meyer: Wir bekommen mit, dass sich viele Sorgen machen. Und weiter vorne in der Wertschöpfungskette, in Gutachterbüros und in der Projektierung, ist es bereits zu Einbrüchen gekommen. Bei Deutsche Windtechnik werden wir eine solche Delle wahrscheinlich erst in fünf bis zehn, vielleicht sogar erst in 15 Jahren sehen. Aber das ist uns auch jetzt nicht egal. Wir wollen die Energiewende, wir stehen an der Seite unserer Kunden, und deshalb beteiligen wir uns an Branchenaktionen und führen selbst Gespräche.
ne: Das Netzpaket sieht auch vor, Anschlussleistungen zu begrenzen. Was halten Sie davon, wenn Anlagen dauerhaft gedrosselt fahren müssen?
ne: Die Netzbetreiber argumentieren, die Erneuerbaren seien zu schnell gewachsen.
Meyer: Dass wir heute bei 60 Prozent Erneuerbaren sind, war ja auch politisch gewollt. Da kann sich keiner hinstellen und sagen, er hätte es nicht gewusst. Jemand hat den anderen Teil der Hausaufgaben nicht gemacht. Und wenn Netzbetreiber von allen Risiken freigestellt werden und eine garantierte Marge bekommen, dann sind Innovationskraft und Bewegungsdrang eher schwach ausgeprägt. Es braucht ökonomische Anreize, damit sie sich um den Netzausbau kümmern. Ich verstehe, dass sie Probleme mit Fachkräften haben, mit der Beschaffung von Technik und Kapital. Aber das muss man dann eben lösen. Ich habe 2004 in der Windenergie angefangen, schon damals war der Netzausbau ein Thema. Das ist 22 Jahre her.
ne: Die Deutsche Windtechnik hat sich mit einem Schreiben an Bundestagsabgeordnete gewandt. Welche Resonanz gab es?
ne: Im September haben Sie rund 35 neue Auszubildende begrüßt. Spüren Sie die Verunsicherung auch bei Ihren Mitarbeitenden, gerade bei den jungen Leuten?
Meyer: Als Diskussion nehme ich das nicht wahr. Aber natürlich lesen die jungen Leute Zeitung und bekommen das mit. Sie steigen in ein Berufsfeld ein, das sie die nächsten 30, 40 Jahre begleiten soll, und stellen sich solche Fragen. Wir kommen aus der Zeit von Fridays for Future und eines Wirtschaftsministeriums, aus dem im Wochenrhythmus Gesetze für die Energiewende kamen. Dass jetzt mit angezogener Handbremse gefahren wird, merken die Menschen schon. Was sie bei uns bewegt, warum sie in die Branche kommen, ist ja, dass sie an der Energiewende arbeiten wollen, weil das die Zukunft ist. Dann muss die Politik diese Zukunft aber auch zulassen.
ne: Wenn Sie den Abgeordneten, die Sie angeschrieben haben, einen einzigen Satz mitgeben könnten, welcher wäre das?
Meyer: Das ist ganz einfach: Kümmern Sie sich um die zukunftsfähigen Arbeitsplätze in Ihrem Wahlkreis! So viele Zukunftsbranchen gibt es nicht.