Die Diplom-Volkswirtin und CDU-Politikerin war von 1998 bis 2013 Mitglied des Bundestags, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Landwirtschaft sowie im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Von 2014 bis 2018 war sie Vorsitzende der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung und zwischen 2018 und 2022 Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz. Seit Oktober 2025 ist Heinen-Esser Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE).
Ursula Heinen-Esser: Die Energiewende begleitet mein berufliches Leben schon seit vielen Jahren. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur mit den Erneuerbaren Energien unsere Lebensgrundlagen schützen und die Energieversorgung in Deutschland kostengünstig und sicher aufstellen können. Dafür möchte ich mich einsetzen.
ne: Der BEE steht mitten zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Welche Rolle soll der Verband unter Ihrer Führung neu oder stärker ausfüllen?
Heinen-Esser: In den kommenden Monaten stehen sowohl die Reform des EEG als auch die Reform des Gebäudeenergiegesetzes an. Da wird sich entscheiden, wie die Energieversorgung der Zukunft ausgestaltet wird. Ich möchte die Positionen des Verbands deutlicher und klarer als bisher in die Politik tragen. Die Erneuerbaren können nicht nur die Versorgung mit günstiger Energie sichern, sondern sind auch ein bedeutender Wirtschaftszweig. Den Zweiflern dürfen wir hier nicht das Feld überlassen.
ne: Viele Unternehmen wünschen sich mehr Klarheit und Verlässlichkeit von der Politik. Welche drei Signale senden Sie der Branche zu Beginn Ihrer Amtszeit?
ne: Beim ENERGIEDIALOG im Januar werden Sie erstmals als BEE-Präsidentin auftreten: Welche Bedeutung hat dieser Moment für Sie – und welche Erwartungen verbinden Sie damit in Bezug auf Signalwirkung, politische Gespräche und gemeinsame Prioritäten für 2026?
Heinen-Esser: Ich freue mich sehr auf den ENERGIEDIALOG. Es stehen zentrale Weichenstellungen für die kommenden Jahre an. Deshalb geht es mir als neu gewählte Präsidentin des BEE dabei auch darum, zu zeigen, dass auch in dieser Legislatur mit den erneuerbaren Energien zu rechnen ist. Wir werden nicht leiser werden.
ne: Die Energiewende steht an einem Wendepunkt: bezahlbarer, schneller, digitaler, flexibler. Welche strategischen Hebel werden aus Ihrer Sicht zu wenig genutzt?
Heinen-Esser: Die Bundesregierung hat viele Möglichkeiten, die sie noch ausschöpfen kann. Sie kann unter anderem den Wasserstoffhochlauf anreizen, indem sie Grünstahlquoten oder Leitmärkte einführt. Der Bau von Speichern kann beschleunigt werden, wenn man bei der Genehmigung solche Anlagen priorisiert, die sich systemdienlich verhalten. Und ein vollständig digitalisiertes Netz und ein flächendeckender Smart-Meter-Rollout führen zu mehr Transparenz im Netz. Das alles sind nur einige der Instrumente im Werkzeugkasten, mit denen das gesamte System schneller, günstiger und flexibler wird.
ne: Die EEG- und GEG-Novelle stehen an und ein neues Strommarktdesign im Raum. Wie müsste es aussehen, damit erneuerbare Energien dauerhaft das Rückgrat des Energiesystems bilden?
Heinen-Esser: Der BEE hat 2021 eine ausführliche Studie veröffentlicht, wie ein klimaneutrales Stromsystem aussehen muss. Sie gilt weiterhin. Vor allem muss das System flexibel aufgestellt sein, damit wir Abregelungen und negative Strompreise reduzieren und zugleich jede produzierte Kilowattstunde nutzen können. Mit einem System der Vergangenheit kann man keine Energieversorgung der Zukunft aufbauen. Wir brauchen jetzt dringend tiefgreifende Änderungen.
ne: Bioenergie, Geothermie, Speicher und SektorenkopplungDie Nutzung von Strom in anderen Energie-Sektoren wie Wärme und Verkehr, z.B. durch E-Autos und Wärmepumpen.Die Nutzung von Strom in anderen Energie-Sektoren wie Wärme und Verkehr, z.B. durch E-Autos und Wärmepumpen. fristen in Deutschland oft ein Schattendasein. Welche dieser Bereiche unterschätzt die Politik, und wie werden Sie das ändern wollen?
Heinen-Esser: Was diese Technologien eint, ist, dass sie als Flexibilitäten im System wichtig sind. Ihre Bedeutung kommt jetzt auch in der Politik an. Die entscheidende kosten- und systemstabilisierende Rolle solcher Flexibilitäten hat gerade erst der Monitoringbericht des BMWE unterstrichen. Bei Speichern sehen wir in jüngster Zeit viel Bewegung, die Rahmenbedingungen müssen aber verbessert werden, damit wir schneller vorankommen. Auch Bioenergie und Geothermie können mehr leisten und das System stützen, wenn man sie denn lässt.
Heinen-Esser: Deutschland ist noch immer zu bürokratisch und nicht digital genug. Das sind keine neuen Beobachtungen, aber es ist das, was uns bremst. In den vergangenen Jahren hat sich hier schon viel getan. Wir sehen, dass neue Anlagen viel schneller genehmigt werden können als etwa noch vor fünf Jahren. Zugleich haben wir aber auch entsprechend mehr Genehmigungsanträge. Ich glaube, hier kann noch vieles entschlackt und digitalisiert werden.
ne: Mit der EEG- und GEG-Novelle stehen zentrale Weichenstellungen für Ausbau, Effizienz und Investitionssicherheit an. Welche Erwartungen haben Sie an die Reformen?
Heinen-Esser: Vor allem müssen wir auf Kurs bleiben. Wir brauchen Kontinuität in den Rahmenbedingungen der Energiewende, insbesondere bei den Ausschreibungsvolumina und den Finanzierungsbedingungen. Hohe Ambitionen bei den Ausschreibungen hat der Koalitionsausschuss bereits bestätigt. Die gleiche Sicherheit muss jetzt beim finanziellen Rahmen gegeben werden. Es geht darum, vor allem kleineren und mittleren Unternehmen Projekte zu ermöglichen und dadurch die regionale Wertschöpfung zu steigern und Arbeitsplätze zu sichern.
ne: Sie kennen die Energiewelt aus unterschiedlichsten Rollen: Landespolitik, Bundestag, Ressortführung. Welche Erfahrung prägt Ihren Blick auf die Transformation am stärksten?
Heinen-Esser: Die Energiewende ist nicht die einzige große Transformation, die in diesem Land stattfindet. In meine Zeit als parlamentarische Staatssekretärin fiel der Ausstieg aus der Kernenergie. Das zeigt für mich ganz deutlich, dass auch schwierige Veränderungsprozesse organisiert und umgesetzt werden können.
Heinen-Esser: Ich kenne Frau Reiche schon seit langer Zeit. Wir sind damals gemeinsam als Abgeordnete in den Bundestag eingezogen und waren beide gleichzeitig Staatssekretärinnen. Von daher verstehe ich, was sie bewegt. Sie war vor ihrer Zeit als Ministerin aber auch in einem Unternehmen tätig. Das hat ihre Denkweise beeinflusst. Sie ist nicht nur Berufspolitikerin, sondern hat eine stark wirtschaftlich geprägte Sicht auf die Dinge. Dass sie sich aber klar zum 80-Prozent-Ziel bekannt hat, ist begrüßenswert.
ne: Die Energiewende wird häufig als technisch dargestellt – aber sie ist auch ein Kulturwandel. Wie wollen Sie Menschen stärker für erneuerbare Energien begeistern?
Heinen-Esser: Wir müssen die Erfolge und den Mehrwert, den die Menschen im Land von erneuerbaren Energien erhalten, deutlicher in den Mittelpunkt stellen. Ob das Gemeinden sind, die mittels Beteiligung an Windparks ihren Haushalt stärken, oder Jobs, die auch abseits der Ballungszentren entstehen. Wir haben so viele positive Geschichten zu erzählen. Die müssen wir nach außen tragen.
ne: Wenn Sie einige Jahre in die Zukunft blicken, woran würden Sie Ihren eigenen Erfolg als BEE-Präsidentin messen?
Heinen-Esser: Ich würde gern auf diese Zeit zurückblicken und sagen können, dass es uns gelungen ist, die erneuerbaren Energien in unruhigem Fahrwasser auf Kurs zu halten und die Energiewende als Erfolgsgeschichte in den Köpfen der Menschen zu verankern.
Heinen-Esser: Für mich war das Leitbild von der Bewahrung der Schöpfung immer eine wichtige persönliche Triebfeder. Und zur Schöpfung gehört eben nicht nur der Mensch, sondern auch unsere Welt. Es ist mir persönlich ein großes Anliegen, dass wir unseren Kindern einen lebenswerten Planeten hinterlassen.
ne: Zum Schluss noch ein Blick hinter die Kulissen: Was sollten unsere Leserinnen und Leser unbedingt über Sie wissen, das über offizielle Porträts hinausgeht?
Heinen-Esser: Ich bin zwar Politikerin und Verbandspräsidentin, aber ich bin auch Mensch und Mutter. Und bei aller Begeisterung für die erneuerbaren Energien ist es schön, am Wochenende mal loslassen zu können und einen guten Krimi zu lesen. Im Moment meist von skandinavischen Autoren. Die düstere Grundstimmung passt gut zum Berliner Winter.