neue energie: Herr Koßakowski, welche Makro-Trends beobachten Sie aktuell auf dem Arbeitsmarkt? Und gibt es Trends, die aus Ihrer Sicht häufig noch unterschätzt werden?
Koßakowski: Mehrere größere Trends wirken sich derzeit auf den Arbeitsmarkt aus und beeinflussen sich gegenseitig. Dazu zählen der demographische Wandel, die zunehmende Akademisierung, Automatisierung und Digitalisierung. Hinzu kommen Strukturveränderungen wie die voranschreitende Elektromobilität.
Eine Entwicklung, die teils unterschätzt wird, ist das positive Potential durch die Migrationsentwicklung. Dass diese Personengruppe für den deutschen Arbeitsmarkt immer wichtiger wird, zeigt sich auch in den Arbeitsmarktstatistiken zur Beschäftigungsentwicklung. Binnen eines Jahres ist die Zahl der Beschäftigten in der Personengruppe um 4,2 Prozent gestiegen.
In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass Diversität in Teams sehr wertvoll für Unternehmen ist. Durch unterschiedliche Hintergründe können Themen von Teams oft ganzheitlicher betrachtet werden, um so zu besseren Lösungen zu kommen. Bringen Personen mit Migrationshintergrund Fremdsprachenkenntnisse, Kontaktnetzwerke ins Ausland und/oder interkulturelle Kompetenzen ins Unternehmen ein, kann dies beispielsweise den Zugang zu neuen Märkten erleichtern. Für Arbeitgeber lohnt es sich, diese Personengruppe stärker in den Blick zu nehmen und Chancen zu erkennen und zu nutzen.
ne: Welche Veränderungen nehmen Sie in der Energiebranche wahr, insbesondere mit Blick auf Einstellungssituation und besonders gefragte Profile?
Koßakowski: Die Energiebranche in ihrer Gesamtheit lässt sich mit Blick auf das Statistik-Angebot der Bundesagentur für Arbeit nur schwer fassen, da die Unternehmen nicht alle einem Wirtschaftszweig zugeordnet sind. So finden sich Betriebe teils in der Sammelkategorie, welche die Herstellungen von Motoren für Kraftfahrzeuge und den Turbinenbau summiert, teils bei der Elektrizitätsversorgung.
Im Folgenden würde ich mich vor allem auf die Elektrizitätsversorgung beziehen. Dies bedeutet, dass die Zahlen nur als Ausschnitt der Energiebranche zu sehen sind, nicht als umfassende Abbildung der Gesamtbranche.
So waren in der Elektrizitätsversorgung im Dezember 2025 insgesamt 1.212 offene Stellen zur Besetzung gemeldet. Im Vorjahresmonat waren es 1.377. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lag in der Oberkategorie Energieversorgung, zu der neben der Elektrizitätsversorgung auch die Gas-, Wärme- und Kälteversorgung gerechnet werden, im Juni 2025 bei 294.547 Personen. Im Juni 2024 waren es 280.290 Personen.
Eine Detailauswertung nach den Tätigkeiten innerhalb der Branche liegt zudem für die Elektrizitätsversorgung im Juni 2024 vor. Zu diesem Zeitpunkt waren 241.220 Personen in dem Bereich beschäftigt. Tätig waren die Personen in folgenden Feldern:
- 50.700 in der Unternehmensorganisation- und -strategie
- 48.850 in der Energietechnik
- 24.860 in Büro und Sekretariat
- 13.700 in der Elektrotechnik
- 11.300 in der Ver- und Entsorgung
- 9.890 in Maschinenbau- und Betriebstechnik
- 8.670 in Einkauf und Vertrieb
- 8.370 in Rechnungswesen, Controlling und Revision
- 4.650 in Werbung und Marketing
- 4.630 in der Technischen Produktplanung, -steuerung
Nach den Boomjahren bis 2023 ist aktuell ein geringeres Wachstum zu erkennen. Der Ausbau von Photovoltaik, Windkraft und Wärmepumpen hält weiter an, der Beschäftigungsaufbau wird jedoch von Produktivitätssteigerungen und Automatisierung beeinflusst, so dass der Aufbau eher moderat verläuft.
Wir erwarten, dass die erneuerbaren Energien ein Jobmotor bleiben, jedoch mit abnehmender Dynamik. Das Wachstum verlagert sich stärker in hochqualifizierte und technische Berufe. In der Elektrizitätsversorgung insgesamt führt der Strukturwandel zu einem leichten Beschäftigungsaufbau.
ne: Mit dem Pilotprojekt „Digitale Arbeitsmarktdrehscheibe“ eröffnen Sie Unternehmen derzeit einen neuen Zugang zu Arbeitsuchenden aus Transfergesellschaften. Wie funktioniert dieses Instrument genau und wie können Unternehmen profitieren?
Koßakowski: Im November hat das Key Account Management (KAM) der Bundesagentur für Arbeit die „Digitale überregionale Arbeitsmarktdrehscheibe – von Arbeit in Arbeit“ pilotiert. Ziel war es, Arbeitnehmenden, die von der Transformation am Arbeitsmarkt betroffen sind oder sich bereits in Transfergesellschaften befinden, neue Beschäftigungsmöglichkeiten aufzuzeigen und einen möglichst nahtlosen Übergang zwischen den Beschäftigungen zu ermöglichen.
Mit zehn personalsuchenden Unternehmen und bundesweit knapp 6.000 Arbeitnehmenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern war der Pilot sehr erfolgreich. Wir haben uns deshalb für eine quartalsmäßige Fortsetzung im Jahr 2026 entschieden. Die Umsetzung erfolgt mit MS Teams und der Plattform Eveeno, was für alle Beteiligten eine komfortable und niederschwellige Teilnahme ermöglicht. Unsere nächste Veranstaltung in der neunten Kalenderwoche wird sowohl zeitlich als auch hinsichtlich der teilnehmenden Unternehmen ausgeweitet.
Uns ist es wichtig, hinsichtlich der personalaufnehmenden Unternehmen auf einen Branchenmix und möglichst vielfältige und überregionale Beschäftigungsmöglichkeiten zu achten. Für die teilnehmenden Unternehmen eröffnen wir durch 30-minütige Pitches mit einem anschließenden 15-minütigen Fragen-und-Antworten-Slot die Möglichkeit, ein neues und bislang unbekanntes Personalpotenzial zu erschließen, Transparenz über aktuelle Personalbedarfe sowie mittelfristige Beschäftigungsperspektiven zu schaffen und zugleich Employer Branding zu betreiben.
Neben der digitalen und bundesweit ausgerichteten Arbeitsmarktdrehscheibe des KAM gibt es auch regionale Drehscheiben der Agenturen für Arbeit.
ne: Welche Kompetenzen und Erfahrungen sind auf der Digitalen Arbeitsmarktdrehscheibe aktuell besonders häufig vertreten – und für welche Bereiche der Energiebranche sind diese Profile besonders relevant?
Koßakowski: Für Arbeitnehmende ist das Format offen und die Teilnahme ohne Anmeldung möglich, so dass eine breite Streuung der Qualifikationen vorhanden ist. Wir haben jedoch im Vorfeld der Arbeitsmarktdrehscheiben auch Kontakt zu Unternehmen aus dem Industrie- und Chemiesektor, der Automobilherstellung und Zulieferbetrieben gesucht. Gerade aus diesen Bereichen können neue Arbeitnehmende für die Energiebranche gewonnen werden, zumal unsere virtuellen Formate auch mit Angeboten unserer Berufsberatung im Erwerbsleben abgerundet werden. Hier werden unter anderem Qualifizierungs- und Fördermöglichkeiten sowie Quereinstieg beleuchtet.
Zudem war die Teilnahme des Bundesverbandes WindEnergie an unserer Pilotierung hinsichtlich der Steigerung der Bekanntheit und der Attraktivität der Beschäftigung in der Windenergie aus meiner Sicht erfolgreich.
ne: Welche Tipps würden Sie Personalverantwortlichen aus der Energiebranche für die nächsten zwei bis drei Jahre geben – sowohl für Recruiting-Strategien als auch für die Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit?
Koßakowski: Nicht nur für die Energiebranche, sondern generell empfiehlt sich eine breite Rekrutierungsstrategie, die schon bewusst das Thema Weiterbildung und Qualifizierung mitdenkt und – dies ist wichtig – auch in Ausschreibungen thematisiert. Nicht immer finden sich direkt Bewerber/innen, welche alle Qualifikationen mitbringen. Aber oft gibt es Menschen, bei denen das Basiswissen und die Bereitschaft vorhanden sind, sich die fehlenden Qualifikationen anzueignen. Um diese Personen zu einer Bewerbung zu motivieren, sollten daher Ausschreibungen auch die Option der Weiterbildung klar benennen.
Je früher die Suche nach Nachwuchskräften ansetzt, umso erfolgreicher ist diese in der Regel. So lohnt es sich zum Beispiel, auch Schnupperpraktika für Schülerinnen und Schüler aktiv zu bewerben. Dies kann klassisch über lokale Medien erfolgen, über Social Media, bei Messen oder durch Projekte mit Schulen.