neue energie: Wie hat sich der Fachkräftebedarf für Netzbetreiber in den letzten fünf bis zehn Jahren entwickelt?
Lisa Besler: Der Fachkräftebedarf bei 50Hertz ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Treiber sind insbesondere die Projekte zur Energiewende, die einen massiven Aus- und Umbau der Netzinfrastruktur erfordern sowie die Zunahme an Digitalisierungsprojekten. Mit wachsender Verantwortung für die Integration erneuerbarer Energien stieg auch der Bedarf an qualifizierten Fachkräften kontinuierlich. Die Aufgaben sind vielfältiger und komplexer geworden, etwa durch neue Technologien, regulatorische Anforderungen und anspruchsvolle Projekte wie Offshore-Netzanbindungen. Daher benötigen wir mehr qualifizierte Mitarbeitende mit technischen, digitalen und interdisziplinären Fähigkeiten als noch vor zehn Jahren. 50Hertz plant auch künftig moderat weiteres Wachstum. In Zahlen: Waren wir 2021 knapp 1400 Mitarbeitende, werden wir in 2026 voraussichtlich 2700 Mitarbeitende sein (aktuell ca. 2500).
ne: Welche Rollen und Positionen sind in Ihrer Branche aktuell besonders schwer zu besetzen?
Auch Fachkräfte im Bereich Bau- und Trassierungstechnik sind stark nachgefragt, ebenso wie IT- und Digitalisierungsexpertinnen und -experten, etwa für die Netzsteuerung oder Datenanalyse. Nicht zuletzt besteht ein großer Bedarf an erfahrenen Projektleiterinnen und Projektleitern für große Infrastruktur- und Offshore-Projekte. Diese Profile sind besonders gefragt, da sie sowohl für den Netzausbau als auch für die fortschreitende Digitalisierung des Energiesystems essenziell sind.
ne: Das 50Hertz-Netzgebiet umfasst die Regionen in Nord-Ost-Deutschland. Gibt es bei Ihnen bestimmte Standorte mit besonders großem Fachkräftebedarf?
Besler: Grundsätzlich besteht der Fachkräftebedarf im gesamten 50Hertz-Netzgebiet. Besonders hoch ist er jedoch an Standorten, an denen zentrale Infrastrukturprojekte umgesetzt werden oder wichtige operative Einheiten angesiedelt sind. Dazu zählen vor allem Regionen mit großen Netzausbauprojekten, etwa im Trassenbau oder bei Offshore-Anbindungen, ebenso wie regionale Betriebs- und Service-Standorte.
Auch der Unternehmenssitz in Berlin ist von großer Bedeutung, insbesondere für zentrale Funktionen. Insgesamt ist der Bedarf im gesamten Netzgebiet deutlich spürbar, jedoch stechen einige Standorte besonders hervor: Dazu gehören Berlin selbst, Neuenhagen bei Berlin mit seiner zentralen Rolle in Leitstelle und Netzführung sowie die Standorte im Bereich der Offshore-Infrastruktur an der Ostseeküste und in Hamburg. Darüber hinaus sind besonders jene Regionen gefragt, in denen der Netzausbau derzeit besonders dynamisch voranschreitet.
ne: Mit welchen Studiengängen oder Ausbildungsprofilen kann man bei einem Übertragungsnetzbetreiber anfangen? Und hat sich diese Auswahl in den letzten Jahren verändert?
Besler: Der klassische Einstieg erfolgt über Studiengänge wie Elektrotechnik, Energietechnik, Informationstechnik, Bauingenieurwesen oder Wirtschaftsingenieurwesen. In den letzten Jahren sind zudem Profile aus den Bereichen IT, Data Science, Umweltmanagement, Digitalisierung, Cybersecurity und Betriebswirtschaft für Netzbetreiber immer wichtiger geworden. Ergänzend auch Rechts- beziehungsweise Verwaltungswissenschaft oder Naturwissenschaften. Auch duale Studiengänge und technische Ausbildungsprofile sowie Qualifizierungen zur Techniker*in/Meister*in mit relevanten Fachkenntnissen sind heute gesucht.
ne: Welche Qualifikationen sollten Interessierte mitbringen, wenn sie bei einem Übertragungsnetzbetreiber arbeiten wollen?
Darüber hinaus spielen persönliche Kompetenzen eine entscheidende Rolle: Wichtig sind ein ausgeprägtes Interesse an der Energiewende und an gesellschaftlich relevanten Aufgaben, Innovationsfähigkeit sowie Offenheit gegenüber neuen Technologien. Ebenso sind Teamfähigkeit, insbesondere in interdisziplinären Projekten, und ein hohes Verantwortungsbewusstsein gefragt – nicht zuletzt, weil die Versorgungssicherheit eine zentrale Bedeutung hat. Schließlich sollten Interessierte die Bereitschaft mitbringen, in einem dynamischen und sich stetig wandelnden Umfeld zu arbeiten.
ne: Haben sich Erwartungen und Interessen jüngerer Bewerber an einen Arbeitgeber verändert? Wie gehen Sie damit um?
Besler: Wir nehmen wahr, dass sich insbesondere jüngere Bewerberinnen und Bewerber heute bewusster für einen Arbeitgeber entscheiden. Sie suchen eine Aufgabe mit Sinn, bei der sie wirklich etwas bewegen können – etwa die Energiewende aktiv mitgestalten. Gleichzeitig ist ihnen wichtig, dass Arbeit zu ihrem Leben passt und sie sich persönlich weiterentwickeln können.
Viele achten stark auf Kultur und Haltung: Sie wünschen sich ein Umfeld, das offen, respektvoll und vielfältig ist und in dem ihre Perspektiven gehört werden. Auch Themen wie Flexibilität, Entwicklungsmöglichkeiten und ein wertschätzender Umgang spielen eine zentrale Rolle.
Darauf reagieren wir, indem wir genau diese Aspekte erlebbar machen: Wir zeigen, welchen Beitrag jede einzelne Rolle leisten kann, wie vielfältig die Aufgaben sind und welche Wege sich individuell entwickeln lassen. Im Job bieten wir ein Arbeitsumfeld, das zu unterschiedlichen Lebensentwürfen passt – und in dem Menschen das Gefühl haben, mit ihrer Expertise und Wertevorstellungen am richtigen Ort zu sein.
ne: Welche Rolle könnten Automatisierung oder KI künftig spielen? Und wie bereiten Sie Ihre Mitarbeitenden darauf vor?
Besler: Automatisierung und Künstliche Intelligenz werden künftig eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Ziel ist es, komplexe Energiesysteme effizienter zu betreiben und gleichzeitig die Stabilität des Stromnetzes weiter zu erhöhen.
50Hertz bereitet sich auf diese Entwicklungen vor, indem die Digitalisierung strategisch vorangetrieben wird. Parallel dazu werden gezielt IT- und Datenkompetenzen im Unternehmen aufgebaut. Ein zentraler Baustein ist außerdem die kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeitenden, damit sie neue Technologien sicher anwenden und aktiv mitgestalten können.
ne: Der Arbeitsmarkt in Deutschland wird von einem Teil der Arbeitnehmer derzeit als eher unsicher eingeschätzt. Welche krisen- und KI-sicheren Jobs bietet 50Hertz?
Zukunftssichere Perspektiven bieten sich insbesondere im Netzbetrieb und in der Systemführung, wo das Stromsystem rund um die Uhr in Echtzeit überwacht und stabilisiert wird. Ebenso wächst der Bedarf im Netzausbau und bei Infrastrukturprojekten, die im Zuge der Energiewende massiv an Bedeutung gewinnen. Darüber hinaus spielen Technik, Instandhaltung und Engineering eine zentrale Rolle, da sie den sicheren Betrieb und die Weiterentwicklung der physischen Anlagen gewährleisten.
Diese Aufgabenfelder sind langfristig angelegt und gewinnen weiter an Bedeutung: Mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien wird das Stromsystem komplexer – und der Bedarf an qualifizierten Fachkräften steigt kontinuierlich. Kurz gesagt: Wer an der sicheren Energieversorgung arbeitet, gestaltet eine stabile und systemrelevante Zukunft – auch in Krisenzeiten und im Zeitalter von KI.