neue energie: Sie waren kürzlich im Rahmen einer Expedition in der Antarktis unterwegs, Frau Neubauer. Hat diese Erfahrung Ihren Blick auf die Energiewende verändert?
ist längst mehr als das Gesicht von „Fridays for Future“. Die 29-jahrige Klimaaktivistin gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Klimadebatte, insbesondere zur Energiewende und zum Ausbau erneuerbarer Energien. Sie engagiert sich in Nichtregierungsorganisationen, wirbt für eine schnellere Transformation des Energiesystems und ordnet Wind- und Solarenergie in größere wirtschaftliche und demokratische Zusammenhänge ein. Mit ihrem Podcast 1,5 Grad, Büchern und Auftritten als Rednerin prägt sie die Debatte auf Bühnen und bei Demonstrationen.
ne: Die energiepolitische Debatte ist derzeit stark von Gesetzesvorhaben wie EEG-Novelle, Netzpaket und Gebäudemodernisierungsgesetz geprägt. Gerät dadurch der Kern der Klimafrage aus dem Blick?
Neubauer: Wir vergessen gerade, worum es eigentlich geht: um die Frage, unter welchen Bedingungen wir auf diesem Planeten leben können. All die Gesetze, Technologien und wirtschaftlichen Abwägungen sind letztlich nur Reaktionen auf eine existenzielle Krise. Das ist keine politische Kür, sondern eine Notwendigkeit. Wenn wir das aus dem Blick verlieren, wird es sehr leicht, die Transformation als lästig oder verzichtbar darzustellen.
ne: Zugleich wird häufig argumentiert, die Energiewende sei vor allem eine Kostenfrage. Ist das zu kurz gedacht?
ne: Deutschland galt lange als Vorreiter. Droht diese Rolle verloren zu gehen?
Neubauer: Die Gefahr besteht. Wir haben schon einmal erlebt, wie politische Entscheidungen eine starke Branche [redaktionelle Anmerkung: Solarbranche] ausgebremst haben. Heute sehen wir ähnliche Muster: Es wird nicht offen gesagt, dass man die Energiewende bremsen will, sondern es geschieht über technische Regelungen und vermeintliche Effizienzargumente. Das ist politisch geschickt. Aber hochproblematisch.
ne: Kritiker sprechen von einem schleichenden Paradigmenwechsel zugunsten fossiler Energien. Teilen Sie diese Einschätzung?
Neubauer: Zumindest sehen wir eine gefährliche Entwicklung. Ein bisschen mehr Erneuerbare zu fördern, ohne gleichzeitig konsequent aus den Fossilen auszusteigen, funktioniert nicht. Das ist teuer und ineffektiv. Wenn politische Maßnahmen dazu führen, dass fossile Energien wieder attraktiver werden, dann untergräbt das die gesamte Transformation.
ne: Welche konkreten Folgen hat das für Wirtschaft und Kommunen?
Neubauer: Die größte Herausforderung ist die Verunsicherung. Viele Unternehmen, Kommunen und Bürger haben in den letzten Jahren massiv in erneuerbare Projekte investiert. Sie brauchen Planungssicherheit. Wenn diese fehlt, werden Investitionen gestoppt, Arbeitsplatze gefährdet und Projekte infrage gestellt. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein Vertrauensproblem.
ne: Sie sprechen Vertrauen an: Welche Rolle spielt es für die Energiewende gerade in dieser Phase der geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheit?
ne: Diese Fragen werden auch durch die anstehenden energiepolitischen Entscheidungen beantwortet.
Neubauer: Wir stehen an einem echten Kipppunkt. Die nächsten Monate entscheiden darüber, ob wir die Energiewende beschleunigen oder ausbremsen. Das ist eine historische Phase. Wenn jetzt falsche Entscheidungen getroffen werden, verlieren wir Zeit, Geld und Vertrauen.
ne: Was fordern Sie von der Politik?
Neubauer: Die aktuellen Gesetzesvorhaben müssen grundlegend überarbeitet werden. Es braucht klare Priorität für erneuerbare Energien, verlässliche Rahmenbedingungen und transparente Entscheidungsprozesse. Außerdem müssen die Interessen der Erneuerbare-Energien-Branche starker berücksichtigt werden. Im Moment erleben wir teilweise eine einseitige Einflussnahme zugunsten fossiler Akteure. Das ist sehr problematisch.
ne: Welche Rolle sollte die Erneuerbaren-Branche in dieser Situation einnehmen?
Neubauer: Eine sehr viel aktivere als bisher. Die Branche darf sich nicht darauf verlassen, dass politische Mehrheiten automatisch in ihrem Sinne entscheiden. Sie muss selbstbewusster auftreten, klarer kommunizieren und ihre Interessen bündeln. Wir sehen gerade, wie stark andere Industrien ihre Interessen vertreten. Das müssen die Erneuerbaren auch tun.
Das Bundeswirtschaftsministerium treibt ein Netzpaket voran, das zentrale Prinzipien der Energiewende infrage stellt. Darunter: weniger Vergütung für kleine Photovoltaik-Anlagen und Einschränkungen bei Entschädigungen für erneuerbare Energien bei Netzengpässen. Die Kritik ist breit: Von Verbanden über Unternehmen bis hin zur kommunalen Ebene wächst der Widerstand gegen die bislang bekannt gewordenen Eckpunkte des Netzpakets. Kritiker warnen vor Investitionshemmnissen und einer Verschiebung der Prioritäten: weg vom Netzausbau, hin zur Verwaltung von Engpässen. Für den 18. und 24. April 2026 sind bundesweit verschiedene Informationsveranstaltungen zur Neuausrichtung angekündigt.
ne: Was bedeutet das konkret?
ne: Konfliktbereiter? Was heißt das?
Neubauer: Dass man sich auch traut, klar zu widersprechen, wenn politische Entscheidungen die Energiewende gefährden. Es gibt oft die Sorge, man könne sich durch Kritik Chancen verbauen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer jetzt nicht sichtbar Position bezieht, läuft Gefahr, übergangen zu werden.
ne: War die Erneuerbare-Energien-Branche zu zahm?
ne: Was ist Ihre zentrale Botschaft in dieser Phase?
Neubauer: Wir stehen vor einer Situation, in der es sehr viel zu gewinnen gibt. Aber auch sehr viel zu verlieren. Entscheidend ist, dass wir jetzt handeln und nicht später sagen müssen: Wir haben zugeschaut, obwohl wir hätten eingreifen können.

