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Energiepolitik

„Ein bisschen mehr Erneuerbare reicht nicht“

Für Luisa Neubauer ist die energiepolitische Transformation kein abstraktes Projekt, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Sie erklärt, weshalb sich gerade jetzt entscheidet, ob Deutschland wirtschaftlich, gesellschaftlich und geopolitisch zukunftsfähig bleibt.
Interview: Heiko Hamann
07.04.2026 | 6 Min. | 3
Erschienen in: Ausgabe 04/2026
Klimaaktivistin: Luisa Neubauer ruft die Erneuerbaren-Branche auf, sichtbarer und lauter zu werden.
Klimaaktivistin: Luisa Neubauer ruft die Erneuerbaren-Branche auf, sichtbarer und lauter zu werden.
Foto: David Hammersen, dpa Picture Alliance

neue energie: Sie waren kürzlich im Rahmen einer Expedition in der Antarktis unterwegs, Frau Neubauer. Hat diese Erfahrung Ihren Blick auf die Energiewende verändert?

Luisa Neubauer

ist längst mehr als das Gesicht von „Fridays for Future“. Die 29-jahrige Klimaaktivistin gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Klimadebatte, insbesondere zur Energiewende und zum Ausbau erneuerbarer Energien. Sie engagiert sich in Nichtregierungsorganisationen, wirbt für eine schnellere Transformation des Energiesystems und ordnet Wind- und Solarenergie in größere wirtschaftliche und demokratische Zusammenhänge ein. Mit ihrem Podcast 1,5 Grad, Büchern und Auftritten als Rednerin prägt sie die Debatte auf Bühnen und bei Demonstrationen.

Luisa Neubauer: Ja, absolut. Die Antarktis wirkt für viele Menschen weit weg, fast losgelöst von unserem Alltag. In Wahrheit hängt unser Leben unmittelbar von solchen Ökosystemen ab. Wenn man dort ist, sieht und hört man, wie Gletscher abbrechen. Das ist physisch spürbar. Man versteht auf einer ganz anderen Ebene, wie fragil unser System ist und wie sehr wir von Dingen abhängen, die wir im Alltag oft ausblenden. Das macht demütig und gleichzeitig sehr klar in der Haltung: Wir dürfen diese Grundlagen nicht weiter aufs Spiel setzen.

ne: Die energiepolitische Debatte ist derzeit stark von Gesetzesvorhaben wie EEG-Novelle, Netzpaket und Gebäudemodernisierungsgesetz geprägt. Gerät dadurch der Kern der Klimafrage aus dem Blick?

Neubauer: Wir vergessen gerade, worum es eigentlich geht: um die Frage, unter welchen Bedingungen wir auf diesem Planeten leben können. All die Gesetze, Technologien und wirtschaftlichen Abwägungen sind letztlich nur Reaktionen auf eine existenzielle Krise. Das ist keine politische Kür, sondern eine Notwendigkeit. Wenn wir das aus dem Blick verlieren, wird es sehr leicht, die Transformation als lästig oder verzichtbar darzustellen.

ne: Zugleich wird häufig argumentiert, die Energiewende sei vor allem eine Kostenfrage. Ist das zu kurz gedacht?

Neubauer: Absolut. Selbst wenn erneuerbare Energien wirtschaftlich unattraktiv wären – was sie nicht sind –, müssten wir sie ausbauen, um aus den fossilen Abhängigkeiten herauszukommen. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall: Erneuerbare Energien sind heute die günstigste Energieform, sie schaffen Jobs und sind weltweit auf dem Vormarsch. Mehr als 90 Prozent der globalen Zubaukapazitäten im Stromsektor sind inzwischen erneuerbar. Das ist kein ideologisches Projekt, sondern ökonomische Realität.

ne: Deutschland galt lange als Vorreiter. Droht diese Rolle verloren zu gehen?

Neubauer: Die Gefahr besteht. Wir haben schon einmal erlebt, wie politische Entscheidungen eine starke Branche [redaktionelle Anmerkung: Solarbranche] ausgebremst haben. Heute sehen wir ähnliche Muster: Es wird nicht offen gesagt, dass man die Energiewende bremsen will, sondern es geschieht über technische Regelungen und vermeintliche Effizienzargumente. Das ist politisch geschickt. Aber hochproblematisch.

ne: Kritiker sprechen von einem schleichenden Paradigmenwechsel zugunsten fossiler Energien. Teilen Sie diese Einschätzung?

Neubauer: Zumindest sehen wir eine gefährliche Entwicklung. Ein bisschen mehr Erneuerbare zu fördern, ohne gleichzeitig konsequent aus den Fossilen auszusteigen, funktioniert nicht. Das ist teuer und ineffektiv. Wenn politische Maßnahmen dazu führen, dass fossile Energien wieder attraktiver werden, dann untergräbt das die gesamte Transformation.

ne: Welche konkreten Folgen hat das für Wirtschaft und Kommunen?

Neubauer: Die größte Herausforderung ist die Verunsicherung. Viele Unternehmen, Kommunen und Bürger haben in den letzten Jahren massiv in erneuerbare Projekte investiert. Sie brauchen Planungssicherheit. Wenn diese fehlt, werden Investitionen gestoppt, Arbeitsplatze gefährdet und Projekte infrage gestellt. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein Vertrauensproblem.

ne: Sie sprechen Vertrauen an: Welche Rolle spielt es für die Energiewende gerade in dieser Phase der geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheit?

Bei der Energiewende geht es um wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit, soziale Stabilität und geopolitische Unabhängigkeit."
Neubauer: Vertrauen ist eine zentrale Ressource. Wenn Menschen und Unternehmen daran glauben, dass die politischen Rahmenbedingungen verlässlich sind, investieren sie. Wenn dieses Vertrauen verloren geht, ist es extrem schwer wiederherzustellen. Und genau dieses Vertrauen steht gerade auf dem Spiel. Bei der Energiewende geht es um weit mehr als Klimaschutz. Es geht um wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit, um soziale Stabilität und um geopolitische Unabhängigkeit. Erneuerbare Energien bedeuten weniger Abhängigkeit von fossilen Importen, stabilere Preise und mehr regionale Wertschöpfung. Die Frage ist: Wollen wir weiterhin von globalen Krisen und autokratischen Regimen abhängig sein? Oder unsere Energieversorgung selbst gestalten?

ne: Diese Fragen werden auch durch die anstehenden energiepolitischen Entscheidungen beantwortet.

Neubauer: Wir stehen an einem echten Kipppunkt. Die nächsten Monate entscheiden darüber, ob wir die Energiewende beschleunigen oder ausbremsen. Das ist eine historische Phase. Wenn jetzt falsche Entscheidungen getroffen werden, verlieren wir Zeit, Geld und Vertrauen.

ne: Was fordern Sie von der Politik?

Neubauer: Die aktuellen Gesetzesvorhaben müssen grundlegend überarbeitet werden. Es braucht klare Priorität für erneuerbare Energien, verlässliche Rahmenbedingungen und transparente Entscheidungsprozesse. Außerdem müssen die Interessen der Erneuerbare-Energien-Branche starker berücksichtigt werden. Im Moment erleben wir teilweise eine einseitige Einflussnahme zugunsten fossiler Akteure. Das ist sehr problematisch.

ne: Welche Rolle sollte die Erneuerbaren-Branche in dieser Situation einnehmen?

Neubauer: Eine sehr viel aktivere als bisher. Die Branche darf sich nicht darauf verlassen, dass politische Mehrheiten automatisch in ihrem Sinne entscheiden. Sie muss selbstbewusster auftreten, klarer kommunizieren und ihre Interessen bündeln. Wir sehen gerade, wie stark andere Industrien ihre Interessen vertreten. Das müssen die Erneuerbaren auch tun.

ne: Was bedeutet das konkret?

Neubauer: Es bedeutet erstens, dass sich die Branche stärker zusammenschließen muss. Die Energiewende ist kein Wettbewerb einzelner Technologien, sondern ein gemeinsames Projekt. Zweitens braucht es eine klarere Sprache: Es geht nicht nur um Kilowattstunden oder Netzausbau, sondern um Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Sicherheit. Und drittens muss die Branche politischer werden – im Sinne von sichtbarer, präsenter und konfliktbereiter.

ne: Konfliktbereiter? Was heißt das?

Neubauer: Dass man sich auch traut, klar zu widersprechen, wenn politische Entscheidungen die Energiewende gefährden. Es gibt oft die Sorge, man könne sich durch Kritik Chancen verbauen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer jetzt nicht sichtbar Position bezieht, läuft Gefahr, übergangen zu werden.

ne: War die Erneuerbare-Energien-Branche zu zahm?

Wenn politische Führung fehlt, müssen andere Akteure Verantwortung übernehmen."
Neubauer: Teilweise schon. Es gibt viele engagierte Akteure, aber insgesamt könnte die Branche geschlossener auftreten. Angesichts der aktuellen Herausforderungen ist das entscheidend. Denn die Interessen der Erneuerbaren sind nicht automatisch gesetzt. Sie müssen vertreten werden. Wenn politische Führung fehlt, müssen andere Akteure Verantwortung übernehmen: Unternehmen, Kommunen, Bürgerinnen und Bürger. Jede Investition in erneuerbare Energien ist ein Beitrag zur Transformation. Gleichzeitig braucht es öffentlichen Druck, damit politische Entscheidungen korrigiert werden.

ne: Was ist Ihre zentrale Botschaft in dieser Phase?

Neubauer: Wir stehen vor einer Situation, in der es sehr viel zu gewinnen gibt. Aber auch sehr viel zu verlieren. Entscheidend ist, dass wir jetzt handeln und nicht später sagen müssen: Wir haben zugeschaut, obwohl wir hätten eingreifen können.

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Kommentare (3)

Dass der Klimawandel mit seinen Folgen wesentlich gefährlicher ist als allgemein angenommen wird, war schon seit Jahren bekannt. Der Klimawandel entwickelt sich progressiv. Aufgrund seiner physikalischen Struktur kann er nicht angehalten, sondern nur verlangsamt werden. Erst Mitte 2025 hat die Klimaforschung in einer weltweiten Aktion von diesen beiden Fakten lediglich erkannt, dass er sich progressiv entwickelt. Wenn es wieder Jahrzehnte dauert, bis sie auch erkennt, dass er nicht angehalten, sondern nur verlangsamt werden kann, können wir uns alle Klimaschutz-Maßnahmen ersparen. Dann ist es wirklich zu spät. Viele Menschen und Institutionen waren über diese Sachverhalte informiert, auch Frau Neubauer. Trotzdem wurde auch von ihr mantraartig die These der Klimaforschung weiterverbreitet, dass der Klimawandel anzuhalten sei. Für die wenig informierten Bürger:innen hieß das, sich zurücklehnen und weitermachen wie bisher.
Wären die wahren Auswirkungen des Klimawandels den Menschen frühzeitiger bekannt gemacht worden, wären wir heute schon sehr viel weiter und wir hätten keine Energie- und Wirtschaftskrise. Mit der Bekanntmachung neuster Erkenntnisse und der Umsetzung zukunftsweisender Lösungen könnten zukünftig hunderttausende Menschenleben gerettet und Staatsverschuldungen in Billionenhöhen verhindert werden. Hiernach sieht es leider nicht aus.

14.04.2026 - 14:05 | Gernot Kloss

Neues Apollo-Projekt: Holland hat mehr Flächen für Fotovoltaik als ganz Afrika. Jordanien, überwiegend Wüste, gewinnt nur 20 Prozent elektrischer Energie aus Erneuerbarer Energie. Was für gigantische Investitionspotentiale für den Eigenverbrauch und Export, und faszinierende Aufgaben für Ingenieure und Wirtschaftler. Das Desertec Projekt wartet nur auf Realisierung. Was hindert uns

07.04.2026 - 21:23 | Walter Rathjen

Schöne Worte, doch was fehlt sind Ideen, wie sie sich eine stabile Stromerzeugung mit noch mehr EE so vorstellt.
Man liest die üblichen Schlagworte, doch kein Wort darüber, wie es technisch umgesetzt werden soll.
Mehr EE, raus aus Fossilen.
Der angedacht steigende Strombedarf muss irgendwie erzeugt werden, auch Nachts, bei wenig Wind oder im Winter.
Hier wären ein paar kritische Fragen angebracht gewesen.

07.04.2026 - 15:15 | Thomas Elbe

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