neue energie: Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Energiepolitik?
Jost Backhaus: Im Bereich Wind onshore steht die Branche Genehmigungszahlen gegenüber, die ihresgleichen suchen. Noch nie wurden innerhalb eines Jahres so viele BImSchG-Genehmigungen erteilt wie in diesem Jahr, bei gleichzeitig sinkender Genehmigungsdauer. Diese Erfolgsgeschichte zeigt, was bei richtiger politischer Weichenstellung alles möglich ist. Gleichzeitig führt die hohe Anzahl an erteilten Genehmigungen zu sinkenden Zuschlagswerten, was die Kosten des Windenergieausbaus weiter senken wird. Der Marktmechanismus greift also. Der Erfolg stellt die Branche aber auch vor Herausforderungen. Denn perspektivisch dürften nur noch die werthaltigsten Projekte im Rahmen der EEG-Ausschreibungen bezuschlagt und auch gebaut werden. Viele genehmigte Projekte dürften leer ausgehen. Daher ist es jetzt umso wichtiger, Wege zu finden, um diese bereits genehmigten Projekte wirtschaftlich nicht zu entwerten. Umsetzbar wäre dies unter zum Beispiel durch bundeseinheitliche und verlängerte Fristen bezüglich der Gültigkeit der BImSch-Genehmigungen und perspektiv höheren Ausschreibungsvolumina, oder aber das Ermöglichen von Direktbelieferungen der Industrie durch das Streichen des Kriteriums der „unmittelbaren räumlichen Nähe“ aus dem EEG. Hier erwarten wir klare Verbesserungen in der anstehenden EEG-Novelle.
ne: Was erwarten Sie für das energiepolitische Jahr 2026?
Backhaus: Wir befinden uns in einer Phase der Energiewende, in der der Erzeugungsanteil von Erneuerbaren Energien bei über 60 Prozent liegt und die steigende Anzahl an negativen Strompreisstunden ein starkes Marktsignal setzt. Hier benötigt es zeitnah einen angepassten Investitionsrahmen, der Investitionen in Erneuerbare Energien weiterhin absichert und den Ausbau nicht abreißen lässt. Gleichzeitig muss jetzt bereits gemeinsam mit der Branche an einem Investitionsrahmen gearbeitet werden, der ab den 2030er Jahren greift, in einer Welt mit einem EE-Anteil von 80 Prozent Plus. Genauso wichtig ist die Beschleunigung des Netzausbaus und Netzzugangs. Der schleppende Um- und Ausbau, vor allem aber die mangelnde Digitalisierung der Stromnetze führen zu Verunsicherung und Investitionszurückhaltung. Je „schlauer“ aber das Netz ertüchtigt wird, desto mehr Erzeugungs- und Verbrauchseinheiten können angeschlossen werden – und das auf allen Spannungsebenen. Zudem lässt sich die bestehende Netzinfrastruktur dann optimal ausnutzen. Neben der Digitalisierung benötigt es ein transparentes Vergabeverfahren über alle Netzbetreiber hinweg, die das Windhundprinzip beendet und klare Anforderungen an die Netzanfrage stellt, die sich an der Projektreife orientieren. Es braucht klare und verbindliche Spielregeln für alle Netzbetreiber, die idealweise zentral vorgegeben werden.
ne: Und welchen Wunschzettel haben Sie für die politische Weichenstellung, um den Ausbau der Erneuerbaren weiter voranzutreiben?
Backhaus: Der Monitoringbericht, den das BMWE als Arbeitsgrundlage ansieht, ist in seiner Aussage klar: Für Wirtschaftswachstum und Dekarbonisierung brauchen wir weiterhin einen dynamischen Zubau der Erneuerbaren, vor allem bei Wind onshore und PV-Freifläche. Debatten über Zielmengen sind hier wenig hilfreich und lenken ab vom Blick aufs Wesentliche: Der Schaffung von Planungssicherheit für EE-Projekte durch einen neuen unbürokratischen und verlässlichen Investitionsrahmen, einen beschleunigten Netzaus- und umbau, das Heben von Flexibilisierungsoptionen und das Ermöglichen neuer unternehmerischer Lösungen zur Nutzung von Strom vor dem Netzverknüpfungspunkt. Die Windenergiebranche ist bereit, um Systemverantwortung mit günstigem Strom zu übernehmen. Dafür müssen aber jetzt die Weichen richtiggestellt werden.
