neue energie: Sie haben vor Green Planet Energy in der technischen Netzintegration gearbeitet. Wenn Sie die heutige Debatte mit diesem Blick betrachten: Wird das Netzproblem politisch überzeichnet, oder unterschätzt die Branche, wie eng es tatsächlich ist?
Carolin Dähling: Wer heute mit Projektentwicklern, Unternehmen oder Kommunen spricht, hört immer wieder dieselben Aussagen: Wind- und Solarprojekte, Batteriespeicher oder Mieterstromprojekte warten auf ihren Anschluss. Und warten und warten. Deutschland hat kein Erneuerbaren-Problem, sondern ein Netzproblem. Der Bundesrechnungshof hat schon 2024 festgestellt, dass der notwendige Netzausbau Jahre hinter dem Bedarf zurückliegt. Die Antwort darauf kann aber nicht sein, auch noch die Energiewende zu verlangsamen. Wir brauchen schnellere Netze, mehr Flexibilität und müssen Netzbetreiber stärker in die Pflicht nehmen, wenn sie die Vorgaben nicht erfüllen.
Dafür haben wir gemeinsam mit Partnern der Energiewende-Digitalisierungs-Allianz 30 konkrete Vorschläge vorgelegt: von standardisierten Netzanschlüssen über digitale Prozesse bis hin zu mehr Transparenz im Netz. Denn sowohl für viele Anlagen- als auch für viele Netzbetreiber ist das Netz noch immer eine Blackbox. Wo Kapazitäten verfügbar sind und wo Engpässe bestehen, ist häufig nicht erkennbar. Genau hier kann mehr Digitalisierung die notwendigen Daten liefern und den Ausbau der Erneuerbaren beschleunigen.
ne: Die enervis-Studie in Ihrem Auftrag kam im März auf 90 betroffene Landkreise, 32 Gigawatt gefährdetes Projektvolumen und rund 45 Milliarden Euro Investitionen. Die Kabinettsfassung ist an mehreren Stellen entschärft worden. Wie viel von diesem Risiko bleibt nun übrig, und ab welcher Ausgestaltung wäre der Vorbehalt für Sie tragbar?
Dähling: Auch nach den Änderungen im Kabinett bleibt das Kernproblem ungelöst: Der Gesetzgeber will Investitionsrisiken an einem Punkt einführen, an dem die nötigen Informationen gar nicht vorliegen. Weder Projektierer noch Banken oder Netzbetreiber können heute seriös abschätzen, wo, wie häufig und in welchem Umfang Anlagen künftig betroffen wären. Aus dieser Unsicherheit wird ein Finanzierungsrisiko. Für Banken und Investoren zählt am Ende nicht nur die Höhe dieses Risikos, sondern ob es überhaupt berechenbar ist. Genau daran fehlt es momentan.
Deshalb appellieren wir an die Abgeordneten, den Redispatch-Vorbehalt zu streichen. Es gibt längst bessere Instrumente, die den Erneuerbaren-Ausbau und Netzstabilität vereinen. Die systemdienliche Anschlussleistung schafft eine regionale Lenkungswirkung und Standortsteuerung, ohne die Finanzierung neuer Wind- und Solarprojekte zu gefährden. Was wir brauchen, sind intelligente Anreize für die richtige Standortwahl und die flexible Nutzung von Strom, nicht Unsicherheit für Investitionen.
ne: Sie haben im Mai gesagt, ohne gesetzliche Leitplanken entschieden künftig Netzbetreiber über politische Ziele. Mit dem Netzpaket fällt das Windhundprinzip, Kapazitäten können reserviert und priorisiert werden. Nach welchen Kriterien müsste das Gesetz priorisieren, damit die EEG-Ausbaupfade nicht faktisch von den Verteilnetzbetreibern kassiert werden?
Dähling: Die Abkehr vom Windhundprinzip ist grundsätzlich richtig. Mehr Steuerung ist sinnvoll. Aber nur, wenn die Kriterien transparent, einheitlich und konsequent am Ziel der Energiewende ausgerichtet sind. Sonst droht die Gefahr, dass der gesetzlich beschlossene Ausbau der Erneuerbaren nicht mehr durch den Bundestag, sondern durch 866 unterschiedliche Netzanschlusspraxen vor Ort bestimmt wird. Gleichzeitig müssen Netzbetreiber verbindliche Vorgaben erhalten und deren Einhaltung muss wirksam kontrolliert werden. Die Energiewende ist eine politische Aufgabe. Deshalb müssen die Prioritäten vom Gesetzgeber festgelegt werden und dürfen nicht indirekt durch regionale Verwaltungspraktiken entstehen.
ne: Der Anschluss- und Einspeisevorrang ist auch europarechtlich verankert. Es gibt inzwischen mehrere Rechtsgutachten zur EU-rechtlichen Zulässigkeit. Rechnen Sie damit, dass der Redispatch-Vorbehalt am Ende vor Gericht landet – und was würde diese Hängepartie für Projekte bedeuten, die jetzt finanziert werden müssen?
Für die Finanzierung neuer Projekte ist das ein echtes Problem. Banken finanzieren Wind- und Solarparks über Zeiträume von 15 bis 20 Jahren. Wenn unklar ist, ob zentrale Regelungen in einigen Jahren noch Bestand haben oder von Gerichten wieder aufgehoben werden, steigt das Risiko. Und höhere Risiken bedeuten höhere Finanzierungskosten. Es ist doch völlig klar: Wer heute auf Grundlage bestehender Regeln plant, Flächen sichert, Genehmigungen einholt und Millionen investiert, muss darauf vertrauen können, dass die Spielregeln nicht nachträglich grundlegend verändert werden.
ne: Ihre enervis-Analyse vom Juni empfiehlt regionale Baukostenzuschüsse und begrenzte Einspeiseleistungen als bessere Steuerungsinstrumente. Auch Baukostenzuschüsse belasten aber die Projektierer, und über die Netzentgeltreform kommen weitere Kosten dazu. Worin liegt für Sie der entscheidende Unterschied zum Redispatch-Vorbehalt – und was bedeutet die Summe dieser Belastungen für kleine Projekte und Bürgerenergie, die Risiken nicht über ein Portfolio streuen können?
ne: Sie nennen Digitalisierung den Schlüssel – das Netzpaket liefert hier durchaus etwas: digitale Portale bei allen Netzbetreibern bis 2028, eine Netzanschlussauskunft über freie Kapazitäten, verbindliche Fristen. Ist 2028 nicht viel zu spät für Projekte, die heute geplant werden? Und was ist eine Kapazitätsauskunft wert, die das Gesetz ausdrücklich als unverbindlich bezeichnet?
Dähling: Ja, 2028 ist zwar sehr spät, aber das Netzpaket geht an dieser Stelle in die richtige Richtung. Mehr Transparenz, digitale Anschlussverfahren und verbindliche Fristen sind überfällig. Entscheidend ist allerdings die Verbindlichkeit. Schon jetzt gibt es viele Vorgaben, die in der Praxis sehr unterschiedlich umgesetzt werden. Noch immer arbeiten Netzbetreiber in Deutschland mit hunderten unterschiedlichen Formularen, Prozessen und technischen Anforderungen. Das bremst Investitionen und schafft unnötige Bürokratie. Deshalb brauchen wir nicht nur neue Pflichten, sondern auch eine wirksame Durchsetzung. Wer verbindliche Fristen, Transparenzvorgaben oder Digitalisierungsstandards nicht einhält, muss damit rechnen, dass das finanzielle Folgen hat. Sonst bleibt es bei guten Regeln auf dem Papier. Eine unverbindliche Kapazitätsauskunft kann da ein erster Schritt sein. Wirklich wertvoll wird sie aber erst dann, wenn die zugrunde liegenden Daten verlässlich, aktuell und für alle Netzbetreiber nach vergleichbaren Standards verfügbar sind.
ne: Speicher gelten als Schlüssel, um Abregelung zu vermeiden – konkurrieren aber selbst um knappe Netzanschlusskapazität. Welcher regulatorische Hebel würde Speicher und Überbauung tatsächlich dorthin bringen, wo der Engpass ist?