EEG 2027 & Netzpaket

„Deutschland hat kein Erneuerbaren-Problem, sondern ein Netzproblem“

Speicher-, Wind- und Solarprojekte warten auf ihren Anschluss, während der Strombedarf hierzulande zukünftig weiter steigen dürfte. Carolin Dähling von Green Planet Energy warnt davor, dass fehlende Netzkapazitäten die Energiewende bremsen und zum Standortnachteil für Deutschland zu werden drohen.
Interview: Christiane Nönnig
08.09.2026 | 7 Min.
Carolin Dähling ist seit 2023 Leiterin der Abteilung Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy.
Carolin Dähling ist seit 2023 Leiterin der Abteilung Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy.
Foto: Green Planet Energy

neue energie: Sie haben vor Green Planet Energy in der technischen Netzintegration gearbeitet. Wenn Sie die heutige Debatte mit diesem Blick betrachten: Wird das Netzproblem politisch überzeichnet, oder unterschätzt die Branche, wie eng es tatsächlich ist?

Carolin Dähling: Wer heute mit Projektentwicklern, Unternehmen oder Kommunen spricht, hört immer wieder dieselben Aussagen: Wind- und Solarprojekte, Batteriespeicher oder Mieterstromprojekte warten auf ihren Anschluss. Und warten und warten. Deutschland hat kein Erneuerbaren-Problem, sondern ein Netzproblem. Der Bundesrechnungshof hat schon 2024 festgestellt, dass der notwendige Netzausbau Jahre hinter dem Bedarf zurückliegt. Die Antwort darauf kann aber nicht sein, auch noch die Energiewende zu verlangsamen. Wir brauchen schnellere Netze, mehr Flexibilität und müssen Netzbetreiber stärker in die Pflicht nehmen, wenn sie die Vorgaben nicht erfüllen. 

Dafür haben wir gemeinsam mit Partnern der Energiewende-Digitalisierungs-Allianz 30 konkrete Vorschläge vorgelegt: von standardisierten Netzanschlüssen über digitale Prozesse bis hin zu mehr Transparenz im Netz. Denn sowohl für viele Anlagen- als auch für viele Netzbetreiber ist das Netz noch immer eine Blackbox. Wo Kapazitäten verfügbar sind und wo Engpässe bestehen, ist häufig nicht erkennbar. Genau hier kann mehr Digitalisierung die notwendigen Daten liefern und den Ausbau der Erneuerbaren beschleunigen.

Gleichzeitig muss der Netzausbau endlich ambitionierter vorankommen. Die aktuellen Szenarien der Netzplanung gehen immer noch von einer geringen Entwicklung bei Elektrifizierung, Flexibilitäten und erneuerbaren Energien aus. Wir wissen aber, dass der Stromverbrauch durch Wärmepumpen, Elektromobilität, Elektrifizierung und insbesondere Rechenzentren massiv steigen wird. Deshalb brauchen wir eine Netzplanung, die von den tatsächlichen Ausbauzielen ausgeht und Flexibilitäten wie Speicher, intelligente Steuerung und flexible Lasten systematisch einbezieht. Sonst bremsen wir die Modernisierung unserer Wirtschaft sehenden Auges. Der schlechte Netzzustand wird vom Infrastrukturproblem zunehmend zum Standortnachteil. Während andere Länder um Zukunftsinvestitionen werben, scheitern Projekte in Deutschland schon jetzt an fehlenden Netzkapazitäten. Das verzögert Innovationen, verhindert Wertschöpfung und kostet Arbeitsplätze. Wenn Unternehmen nicht wissen, wann sie einen Netzanschluss bekommen, investieren sie woanders. Es gibt sogar schon Fälle, in denen Gewerbe- und Industrieprojekte deshalb verschoben oder aufgegeben werden.

ne: Die enervis-Studie in Ihrem Auftrag kam im März auf 90 betroffene Landkreise, 32 Gigawatt gefährdetes Projektvolumen und rund 45 Milliarden Euro Investitionen. Die Kabinettsfassung ist an mehreren Stellen entschärft worden. Wie viel von diesem Risiko bleibt nun übrig, und ab welcher Ausgestaltung wäre der Vorbehalt für Sie tragbar?

Dähling: Auch nach den Änderungen im Kabinett bleibt das Kernproblem ungelöst: Der Gesetzgeber will Investitionsrisiken an einem Punkt einführen, an dem die nötigen Informationen gar nicht vorliegen. Weder Projektierer noch Banken oder Netzbetreiber können heute seriös abschätzen, wo, wie häufig und in welchem Umfang Anlagen künftig betroffen wären. Aus dieser Unsicherheit wird ein Finanzierungsrisiko. Für Banken und Investoren zählt am Ende nicht nur die Höhe dieses Risikos, sondern ob es überhaupt berechenbar ist. Genau daran fehlt es momentan.

Was wir brauchen, sind intelligente Anreize für die richtige Standortwahl und die flexible Nutzung von Strom, nicht Unsicherheit für Investitionen."
Wenn Erlöse künftig schwerer vorhersehbar werden und zusätzliche Redispatch-Risiken entstehen, steigen außerdem die Finanzierungskosten. Banken verlangen höhere Eigenkapitalanforderungen, zusätzliche Sicherheiten und Risikoaufschläge. Das trifft vor allem kleinere Akteure und macht Projekte unnötig teurer.

Deshalb appellieren wir an die Abgeordneten, den Redispatch-Vorbehalt zu streichen. Es gibt längst bessere Instrumente, die den Erneuerbaren-Ausbau und Netzstabilität vereinen. Die systemdienliche Anschlussleistung schafft eine regionale Lenkungswirkung und Standortsteuerung, ohne die Finanzierung neuer Wind- und Solarprojekte zu gefährden. Was wir brauchen, sind intelligente Anreize für die richtige Standortwahl und die flexible Nutzung von Strom, nicht Unsicherheit für Investitionen.

ne: Sie haben im Mai gesagt, ohne gesetzliche Leitplanken entschieden künftig Netzbetreiber über politische Ziele. Mit dem Netzpaket fällt das Windhundprinzip, Kapazitäten können reserviert und priorisiert werden. Nach welchen Kriterien müsste das Gesetz priorisieren, damit die EEG-Ausbaupfade nicht faktisch von den Verteilnetzbetreibern kassiert werden?

Dähling: Die Abkehr vom Windhundprinzip ist grundsätzlich richtig. Mehr Steuerung ist sinnvoll. Aber nur, wenn die Kriterien transparent, einheitlich und konsequent am Ziel der Energiewende ausgerichtet sind. Sonst droht die Gefahr, dass der gesetzlich beschlossene Ausbau der Erneuerbaren nicht mehr durch den Bundestag, sondern durch 866 unterschiedliche Netzanschlusspraxen vor Ort bestimmt wird. Gleichzeitig müssen Netzbetreiber verbindliche Vorgaben erhalten und deren Einhaltung muss wirksam kontrolliert werden. Die Energiewende ist eine politische Aufgabe. Deshalb müssen die Prioritäten vom Gesetzgeber festgelegt werden und dürfen nicht indirekt durch regionale Verwaltungspraktiken entstehen.

ne: Der Anschluss- und Einspeisevorrang ist auch europarechtlich verankert. Es gibt inzwischen mehrere Rechtsgutachten zur EU-rechtlichen Zulässigkeit. Rechnen Sie damit, dass der Redispatch-Vorbehalt am Ende vor Gericht landet – und was würde diese Hängepartie für Projekte bedeuten, die jetzt finanziert werden müssen?

Dähling: Ja, wir rechnen mit Klagen. Der Anschluss- und Einspeisevorrang für Erneuerbare ist national und europarechtlich verankert. Mehrere Rechtsgutachten, unter anderem im Auftrag des Bundesverbands WindEnergie, kommen zu dem Ergebnis, dass erhebliche verfassungs- und europarechtliche Zweifel am Redispatch-Vorbehalt bestehen. Vor allem die Eingriffe in bestehende Projekte und die Frage des Bestandsschutzes bewerten wir kritisch.

Für die Finanzierung neuer Projekte ist das ein echtes Problem. Banken finanzieren Wind- und Solarparks über Zeiträume von 15 bis 20 Jahren. Wenn unklar ist, ob zentrale Regelungen in einigen Jahren noch Bestand haben oder von Gerichten wieder aufgehoben werden, steigt das Risiko. Und höhere Risiken bedeuten höhere Finanzierungskosten. Es ist doch völlig klar: Wer heute auf Grundlage bestehender Regeln plant, Flächen sichert, Genehmigungen einholt und Millionen investiert, muss darauf vertrauen können, dass die Spielregeln nicht nachträglich grundlegend verändert werden.

ne: Ihre enervis-Analyse vom Juni empfiehlt regionale Baukostenzuschüsse und begrenzte Einspeiseleistungen als bessere Steuerungsinstrumente. Auch Baukostenzuschüsse belasten aber die Projektierer, und über die Netzentgeltreform kommen weitere Kosten dazu. Worin liegt für Sie der entscheidende Unterschied zum Redispatch-Vorbehalt – und was bedeutet die Summe dieser Belastungen für kleine Projekte und Bürgerenergie, die Risiken nicht über ein Portfolio streuen können?

Besonders kritisch ist das Finanzierungsrisiko für Bürgerenergiegesellschaften, Genossenschaften und kleinere Projektierer."
Dähling: Der entscheidende Unterschied ist die Planbarkeit. Ein Baukostenzuschuss ist zwar ein zusätzlicher Kostenfaktor, aber er ist zu Beginn eines Projekts bekannt und kann eingepreist werden. Damit kann der Zuschuss auch eine klare Steuerungswirkung entfalten, denn es ist von Anfang an klar, wo die Netzgebiete mit hohen Baukostenzuschüssen liegen. Der Redispatch-Vorbehalt betrifft dagegen die laufenden Erlöse und damit genau die Grundlage jeder Projektfinanzierung. Banken finanzieren Investitionen auf Basis verlässlicher Cashflows. Wenn nicht mehr kalkulierbar ist, wann und in welchem Umfang eine Anlage abgeregelt wird, wird die Finanzierung schwieriger und teurer. Besonders kritisch ist das für Bürgerenergiegesellschaften, Genossenschaften und kleinere Projektierer. Große Portfolios können Risiken verteilen. Kleine Akteure können das oft nicht.

ne: Sie nennen Digitalisierung den Schlüssel – das Netzpaket liefert hier durchaus etwas: digitale Portale bei allen Netzbetreibern bis 2028, eine Netzanschlussauskunft über freie Kapazitäten, verbindliche Fristen. Ist 2028 nicht viel zu spät für Projekte, die heute geplant werden? Und was ist eine Kapazitätsauskunft wert, die das Gesetz ausdrücklich als unverbindlich bezeichnet?

Dähling: Ja, 2028 ist zwar sehr spät, aber das Netzpaket geht an dieser Stelle in die richtige Richtung. Mehr Transparenz, digitale Anschlussverfahren und verbindliche Fristen sind überfällig. Entscheidend ist allerdings die Verbindlichkeit. Schon jetzt gibt es viele Vorgaben, die in der Praxis sehr unterschiedlich umgesetzt werden. Noch immer arbeiten Netzbetreiber in Deutschland mit hunderten unterschiedlichen Formularen, Prozessen und technischen Anforderungen. Das bremst Investitionen und schafft unnötige Bürokratie. Deshalb brauchen wir nicht nur neue Pflichten, sondern auch eine wirksame Durchsetzung. Wer verbindliche Fristen, Transparenzvorgaben oder Digitalisierungsstandards nicht einhält, muss damit rechnen, dass das finanzielle Folgen hat. Sonst bleibt es bei guten Regeln auf dem Papier. Eine unverbindliche Kapazitätsauskunft kann da ein erster Schritt sein. Wirklich wertvoll wird sie aber erst dann, wenn die zugrunde liegenden Daten verlässlich, aktuell und für alle Netzbetreiber nach vergleichbaren Standards verfügbar sind.

ne: Speicher gelten als Schlüssel, um Abregelung zu vermeiden – konkurrieren aber selbst um knappe Netzanschlusskapazität. Welcher regulatorische Hebel würde Speicher und Überbauung tatsächlich dorthin bringen, wo der Engpass ist?

Die Überbauung von Netzverknüpfungspunkten ist ein wichtiger Hebel."
Dähling: Wir müssen Speicher, Erneuerbare und Netzanschlüsse endlich als gemeinsames System betrachten. Jede Kilowattstunde, die ein Speicher aufnimmt, statt abgeregelt zu werden, entlastet das Netz und erhöht den Nutzen der Erneuerbaren. Gerade die Überbauung ist ein wichtiger Hebel. Erzeugungsanlagen und Speicher beanspruchen ihre maximale Anschlussleistung nur selten gleichzeitig. Wenn Speicher hinter demselben Netzanschlusspunkt wie Wind- oder PV-Anlagen betrieben werden können, lässt sich die vorhandene Anschlusskapazität deutlich effizienter nutzen, ohne dass sofort neue Netzkapazitäten geschaffen werden müssen. Dafür braucht es einen regulatorischen Rahmen, der solche kombinierten Projekte erleichtert und klare regulatorische Signale, die netzdienliches Verhalten belohnen.

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