studierte Biologie (Zoologie und Botanik) sowie Betriebswirtschaftslehre. Er war zunächst als Anlage- und Vermögensberater tätig. 1989 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Irene die Firma Orchis Umweltplanung. Heute umfasst die Orchis-Gruppe mehrere Unternehmen und ist weltweit aktiv.
Peter Hochrathner: Zu den größten Herausforderungen gehören sicher die Horste bestimmter Groß- und Greifvögel, beispielsweise ein Rot- oder Schwarzmilan in unmittelbarer Nähe zur geplanten Turbine.
ne: Dann darf ich meine Anlage nicht bauen?
Hochrathner: Doch – nur vielleicht nicht ganz so wie geplant. Wir könnten zum Beispiel die Turbine ein Stück verschieben, um den Abstand zu vergrößern. Oder es ist ein länger bestehender Wechselhorst, den der Rotmilan gar nicht mehr nutzt. In den meisten Fällen ist es möglich, entsprechende Maßnahmen zu definieren, damit der Windpark trotzdem gebaut werden kann. Wir schauen immer, dass jedes Projekt einen optimalen Rollout bekommt, mit dem geringsten Einfluss auf Natur und Umwelt.
ne: Könnte man die Tiere auch umsiedeln?
Hochrathner: Bei einigen Tieren geht das. Wir hatten einmal ein Projekt, bei dem wir Feldhamster umsiedeln mussten. Ein spezialisiertes Team hat nächtelang die Tiere in Lebendfallen gefangen, um sie in ein anderes schönes Gebiet zu versetzen.
ne: Also ist der Feldhamster die größte Gefahr für Windenergieanlagen?
Hochrathner: Nein, aber es ist schon eine Herausforderung, wenn man diese Tiere umsiedeln muss. Bei Vögeln kann es immer sein, dass ein Horst schon älter und am Zerfallen ist oder dass es Wechselhorste gibt. Außerdem ist der Minimalabstand zur Turbine, den die Windkraftrichtlinien festlegen, oft groß genug, um durch Umplanungen oder das Definieren von entsprechenden Maßnahmen den Windpark umsetzen zu können.
ne: Waren die Feldhamster denn zufrieden mit ihrer neuen Heimat?
Hochrathner: Ich hoffe es. Wir haben sie noch nicht interviewt. Aber das Gebiet war natürlich etwas weiter weg, sonst laufen sie zurück.
ne: Sie haben aber nicht ausschließlich Feldhamster-Spezialisten im Unternehmen?
Hochrathner: Wir haben ein großes Expertenteam, bestehend aus mehr als 100 Mitarbeitenden. Eine Abteilung kümmert sich ausschließlich um die nachtaktiven Tiere, etwa Fledermäuse, Eulen usw. Wir haben zudem Ornithologen, Herpetologen, Entomologen und Botaniker an Bord. Es gibt auch eine eigene Abteilung für die Biotopkartierung und spezifische Teams für Wald, Forst und Bodenmanagement.
ne: Ein sehr weites Feld also.
Hochrathner: Das ist typisch für die Biologie. Der Klassiker ist, dass ich gefragt werde: Sie sind doch Biologe, was ist das denn für ein Käfer? Dabei gibt es mehr als 30.000 Insektenarten allein in Deutschland.
Die Orchis Umweltplanung GmbH wurde vor mehr als 40 Jahren von Irene und Peter Hochrathner gegründet. Das Unternehmen hat sich auf Wind- und Solarparks sowie Trassenplanung in ganz Deutschland spezialisiert. Für diesen Bereich bietet das Team, bestehend aus aktuell 109 festangestellten Vollzeitkräften, das gesamte Spektrum der Umweltplanung an, von der Datenerhebung im Feld bis zum fertigen einreichfähigen Gutachten. Zu den Kunden zählen Unternehmen der Energiewirtschaft, vom Energiekonzern bis zum einzelnen Grundbesitzer. Mehr Infos: www.orchis-eco.de
Hochrathner: Allein aus natur- und umweltfachlichen Gründen ist das extrem selten, in den meisten Fällen lassen sich Maßnahmen definieren. Es gibt durchaus immer wieder Projektstopps, dann aber eher wegen der Flächensicherung – oder weil sich herausstellt, dass eine Tiefflugstrecke der Bundeswehr über das Planungsgebiet führt. Das ist von unserer Seite aber auch kein Problem: Wir können ein Projekt sofort abbrechen und berechnen nur die bis dahin erbrachten Leistungen.
ne: Das ist eine ordentliche Erfolgsquote. Woran liegt das?
Hochrathner: Wir stehen hinter unseren Projekten und schauen, dass diese am Ende auch umgesetzt werden – natürlich bei minimaler Beeinflussung von Natur und Umwelt. Das Ziel ist der bestmögliche Kompromiss. Welche Maßnahmen sind nötig? Was hilft den Tieren und Pflanzen wirklich und zu welchem Preis? Wir sind nicht der Gegner der Windkraft.
ne: Dabei wird das ja häufig kontrovers diskutiert: Klimaschutz versus Artenschutz. Aus Ihrer Sicht kann beides Hand in Hand gehen?
Hochrathner: Absolut. Es ist immer eine Frage des Wollens. Mir widerstrebt es, eine so wichtige Energiequelle wie die Windkraft kategorisch abzulehnen. Ich möchte als Biologe doch Gutes bewirken. Und wenn der Windpark irgendwann fertig ist und ich in die glücklichen Gesichter sehe, weiß ich: Meine Arbeit hat einen Sinn.
ne: Gibt es denn Flächen, auf denen der Preis für die Flora und Fauna zu hoch wäre?
Hochrathner: Zum Beispiel in Großvogelzentren, die für ein bestimmtes Bundesland von zentraler Bedeutung sind, kann es vorkommen, dass die Horste der Großvögel so dicht aneinander liegen, dass wenig Chance auf eine naturverträgliche Umsetzung besteht, auch nicht durch Verschieben von Turbinenstandorten oder andere Maßnahmen.
ne: In 40 Jahren haben Sie sicher einige spannende Projekte betreut. Was waren Ihre persönlichen Highlights?
Hochrathner: Ich erinnere mich an einen riesigen, stillgelegten Flughafen in Brandenburg, der schon vollkommen verwachsen war. Auf der Landebahn wurden Photovoltaikanlagen installiert und rundherum die Turbinen. Dort gab es faszinierende Tier- und Pflanzenarten und das Projekt konnte dennoch realisiert werden, denn der Anlagenbau hatte die ökologische Qualität der Umgebung nicht beeinflusst. Besonders schön sind auch Projekte am Wattenmeer, in den wunderschönen Koogen des „Echten Nordens“. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man auf die Deiche steigt und den Salzgeruch in der Luft hat. Oder Projekte in einer Hügellandschaft, bei denen die Turbinen ganz oben im Wald gebaut werden.
- Am Beginn der Arbeiten steht die Frage nach dem Planungshorizont: Wann möchten Sie Ihre Gutachten bei den Behörden einreichen?
- Entsprechend des Windkraftleitfadens des betroffenen Bundeslandes wird anhand der zur Verfügung stehenden Flächen und der geplanten Turbinenstandorte das Untersuchungsgebiet festgelegt und eine Datenabfrage bei der Behörde bzw. weiteren Datenquellen durchgeführt.
- Geleichzeitig wird ein Check-up des Planungsgebietes gemacht: Sind Naturschutz-/FFH-Gebiete oder andere sensible Gebiete in der Nähe?
- Anschließend geht das Expertenteam ins Gelände und beginnt mit den detaillierten zoologischen und botanischen Untersuchungen.
- Die ornithologische Feldarbeit umfasst die Suche nach Horsten von Groß- und Greifvögeln (Horstsuche) im Winter im unbelaubten Zustand der Baumbestände, dann beginnt die sogenannte Horstkontrolle, bei der die Horste auf Besatz geprüft werden. Die Königsdisziplin des Ornithologen, die Brutvogelkartierung, bei der die Vogelarten fast nur akustisch aufgenommen werden, findet im Frühjahr und Frühsommer statt. Im August etwa startet die Zug- und Rastvogelkartierung, die sich zuerst auf den Herbst, der bedeutendsten Zugzeit, und dann auf den Frühjahrszug konzentriert.
- Fledermäuse untersucht das Team von März, wenn sie aus dem Winterschlaf kommen, bis in den November. Die Untersuchungen erfolgen vor der Errichtung der Anlagen vom Boden aus. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit des sogenannten Gondel-Monitorings, einer mehrjährigen Untersuchung der Fledermäuse von der Gondel der bereits bestehenden Turbine aus.
- Die botanischen Untersuchungen können während der gesamten Vegetationsperiode durchgeführt werden.
- Alle anderen Datenerhebungen im Feld richten sich nach der Biologie und Ökologie der untersuchten Tierarten.
- Die Datenerhebung im Feld dauert in etwa ein Jahr (also eine Saison), danach erfolgt die Datenauswertung und das Anfertigen des einreichfähigen Gutachtens.
