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Gutachten

Artenschutz vs. Energiewende? Ein Biologe und Gutachter über pragmatische Lösungen

Artenschutz und Windenergie sind gut miteinander vereinbar, sagt Umweltplaner Peter Hochrathner. Im Gespräch erläutert der CEO von Orchis Umweltplanung, wo die größten Herausforderungen bei Naturschutzgutachten liegen.
Interview: Christiane Nönnig
04.12.2025 | 4 Min.
Erschienen in: Ausgabe 12/2025
Für Klima- und Artenschutz: Peter Hochrathner erstellt seit über 30 Jahren Gutachten für Wind- und Solarparks sowie für die Trassenplanung.
Für Klima- und Artenschutz: Peter Hochrathner erstellt seit über 30 Jahren Gutachten für Wind- und Solarparks sowie für die Trassenplanung.
Foto: Orchis Umweltplanung

Peter Hochrathner

studierte Biologie (Zoologie und Botanik) sowie Betriebswirtschaftslehre. Er war zunächst als Anlage- und Vermögensberater tätig. 1989 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Irene die Firma Orchis Umweltplanung. Heute umfasst die Orchis-Gruppe mehrere Unternehmen und ist weltweit aktiv.

neue energie: Wenn ich eine Windkraftanlage errichten will: Was wäre das Schlimmste, Herr Hochrathner, was Sie bei der Umweltplanung finden könnten?
Peter Hochrathner: Zu den größten Herausforderungen gehören sicher die Horste bestimmter Groß- und Greifvögel, beispielsweise ein Rot- oder Schwarzmilan in unmittelbarer Nähe zur geplanten Turbine.

ne: Dann darf ich meine Anlage nicht bauen?
Hochrathner: Doch – nur vielleicht nicht ganz so wie geplant. Wir könnten zum Beispiel die Turbine ein Stück verschieben, um den Abstand zu vergrößern. Oder es ist ein länger bestehender Wechselhorst, den der Rotmilan gar nicht mehr nutzt. In den meisten Fällen ist es möglich, entsprechende Maßnahmen zu definieren, damit der Windpark trotzdem gebaut werden kann. Wir schauen immer, dass jedes Projekt einen optimalen Rollout bekommt, mit dem geringsten Einfluss auf Natur und Umwelt.

ne: Könnte man die Tiere auch umsiedeln?
Hochrathner: Bei einigen Tieren geht das. Wir hatten einmal ein Projekt, bei dem wir Feldhamster umsiedeln mussten. Ein spezialisiertes Team hat nächtelang die Tiere in Lebendfallen gefangen, um sie in ein anderes schönes Gebiet zu versetzen. 

ne: Also ist der Feldhamster die größte Gefahr für Windenergieanlagen?
Hochrathner: Nein, aber es ist schon eine Herausforderung, wenn man diese Tiere umsiedeln muss. Bei Vögeln kann es immer sein, dass ein Horst schon älter und am Zerfallen ist oder dass es Wechselhorste gibt. Außerdem ist der Minimalabstand zur Turbine, den die Windkraftrichtlinien festlegen, oft groß genug, um durch Umplanungen oder das Definieren von entsprechenden Maßnahmen den Windpark umsetzen zu können.

ne: Waren die Feldhamster denn zufrieden mit ihrer neuen Heimat?
Hochrathner: Ich hoffe es. Wir haben sie noch nicht interviewt. Aber das Gebiet war natürlich etwas weiter weg, sonst laufen sie zurück.

ne: Sie haben aber nicht ausschließlich Feldhamster-Spezialisten im Unternehmen?
Hochrathner: Wir haben ein großes Expertenteam, bestehend aus mehr als 100 Mitarbeitenden. Eine Abteilung kümmert sich ausschließlich um die nachtaktiven Tiere, etwa Fledermäuse, Eulen usw. Wir haben zudem Ornithologen, Herpetologen, Entomologen und Botaniker an Bord. Es gibt auch eine eigene Abteilung für die Biotopkartierung und spezifische Teams für Wald, Forst und Bodenmanagement.

ne: Ein sehr weites Feld also.
Hochrathner: Das ist typisch für die Biologie. Der Klassiker ist, dass ich gefragt werde: Sie sind doch Biologe, was ist das denn für ein Käfer? Dabei gibt es mehr als 30.000 Insektenarten allein in Deutschland.

ne: Kann es auch vorkommen, dass ein Projekt gestoppt werden muss?
Hochrathner: Allein aus natur- und umweltfachlichen Gründen ist das extrem selten, in den meisten Fällen lassen sich Maßnahmen definieren. Es gibt durchaus immer wieder Projektstopps, dann aber eher wegen der Flächensicherung – oder weil sich herausstellt, dass eine Tiefflugstrecke der Bundeswehr über das Planungsgebiet führt. Das ist von unserer Seite aber auch kein Problem: Wir können ein Projekt sofort abbrechen und berechnen nur die bis dahin erbrachten Leistungen.

ne: Das ist eine ordentliche Erfolgsquote. Woran liegt das?
Hochrathner: Wir stehen hinter unseren Projekten und schauen, dass diese am Ende auch umgesetzt werden – natürlich bei minimaler Beeinflussung von Natur und Umwelt. Das Ziel ist der bestmögliche Kompromiss. Welche Maßnahmen sind nötig? Was hilft den Tieren und Pflanzen wirklich und zu welchem Preis? Wir sind nicht der Gegner der Windkraft.

ne: Dabei wird das ja häufig kontrovers diskutiert: Klimaschutz versus Artenschutz. Aus Ihrer Sicht kann beides Hand in Hand gehen?
Hochrathner: Absolut. Es ist immer eine Frage des Wollens. Mir widerstrebt es, eine so wichtige Energiequelle wie die Windkraft kategorisch abzulehnen. Ich möchte als Biologe doch Gutes bewirken. Und wenn der Windpark irgendwann fertig ist und ich in die glücklichen Gesichter sehe, weiß ich: Meine Arbeit hat einen Sinn.

ne: Gibt es denn Flächen, auf denen der Preis für die Flora und Fauna zu hoch wäre?
Hochrathner: Zum Beispiel in Großvogelzentren, die für ein bestimmtes Bundesland von zentraler Bedeutung sind, kann es vorkommen, dass die Horste der Großvögel so dicht aneinander liegen, dass wenig Chance auf eine naturverträgliche Umsetzung besteht, auch nicht durch Verschieben von Turbinenstandorten oder andere Maßnahmen.

ne: In 40 Jahren haben Sie sicher einige spannende Projekte betreut. Was waren Ihre persönlichen Highlights?
Hochrathner: Ich erinnere mich an einen riesigen, stillgelegten Flughafen in Brandenburg, der schon vollkommen verwachsen war. Auf der Landebahn wurden Photovoltaikanlagen installiert und rundherum die Turbinen. Dort gab es faszinierende Tier- und Pflanzenarten und das Projekt konnte dennoch realisiert werden, denn der Anlagenbau hatte die ökologische Qualität der Umgebung nicht beeinflusst. Besonders schön sind auch Projekte am Wattenmeer, in den wunderschönen Koogen des „Echten Nordens“.  Es ist ein tolles Gefühl, wenn man auf die Deiche steigt und den Salzgeruch in der Luft hat. Oder Projekte in einer Hügellandschaft, bei denen die Turbinen ganz oben im Wald gebaut werden.

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