Akzeptanz für Windenergie

„Energie eignet sich nicht für Ideologie“

Ein Jahr nach unserem Bericht über das Windprojekt Erndtebrück: Claus Urbanke, VP Wind, Solar & Storage Development bei Statkraft, über Akzeptanz vor Ort, politische Risiken nach den Landtagswahlen – und warum der Pachtdeckel ein Problem löst, das es gar nicht gibt.
Interview: Christiane Nönnig
21.10.2026 | 10 Min.
 Claus Urbanke: VP Wind, Solar & Storage Development bei Statkraft.
Claus Urbanke: VP Wind, Solar & Storage Development bei Statkraft.
Foto: Statkraft

neue energie: Herr Urbanke, vor einem Jahr haben wir über Ihr Windprojekt in Erndtebrück berichtet. Wie ist es seitdem weitergegangen?

Claus Urbanke: Erndtebrück liegt in einer Region, die kein grundsätzliches Akzeptanzproblem mit der Windkraft hat, in der es aber bislang eher wenig Erfahrung mit Windenergie und zugleich sehr viele Projektentwicklungsaktivitäten gibt. Diese Kombination hat natürlich für Interesse und auch für Kritik gesorgt. Wir haben in Erndtebrück aber nichts anderes gemacht als in unseren anderen Projekten auch: Wir sind früh und sehr intensiv in den Dialog gegangen und haben viel Transparenz hergestellt. Unser Eindruck ist, dass es dort inzwischen weder besser noch schlechter läuft als anderswo. Die Gemeinde unterstützt das Projekt, und ich glaube, auch eine Mehrheit der Anwohnerinnen und Anwohner. 

Die Planung haben wir inzwischen etwas angepasst – das Projekt ist von der Zuwegung und der Topografie her anspruchsvoll. Wir planen zurzeit mit acht Turbinen, etwas weniger als zu Beginn. Insofern ist Erndtebrück ein anspruchsvolles, aber letztlich normales Projekt.

ne: Wie wurde die angepasste Planung aufgenommen und wie informieren Sie die Menschen vor Ort darüber?

Urbanke: Unser Eindruck ist, dass die angepasste Planung vor Ort überwiegend positiv aufgenommen wird. Die Änderungen haben wir frühzeitig dem Bürgermeister mitgeteilt und mit weiteren am Projekt beteiligten Akteuren besprochen, darunter die Zukunftsstiftung ‚Unser Erndtebrück‘. Der offene Austausch mit der Region bleibt für uns ein zentraler Bestandteil der Projektentwicklung. Deshalb werden wir die angepasste Planung auch bei einem nächsten Bürgerdialog im November vorstellen und mit den Menschen vor Ort besprechen.

ne: Wie steht es um die Akzeptanz der Windkraft in Deutschland insgesamt?

Urbanke: Gestern war unser Aufsichtsrat aus Norwegen zu Besuch. In Norwegen gibt es große Schwierigkeiten mit Windkraft. Was auf den ersten Blick überraschend und sogar ganz lustig ist: Das Land ist sehr dünn besiedelt, hat sehr viel Platz und sehr guten Wind – aber niemand will dort Windprojekte haben. Die Ausgangslage ist allerdings eine andere: Norwegen hat sehr gute Voraussetzungen für Wasserkraft und sehr viel unberührte, sehr schöne Natur. Wir in Deutschland haben keine Fjorde. Wir haben eine fast überall durchindustrialisierte Landschaft und seit mehr als 25 Jahren Windkraft. Die Menschen sind daran gewöhnt. Es gibt eine sehr breite Mehrheit, die Windkraft grundsätzlich unterstützt, Viele sagen auch: Ich käme ohne Turbinen in der Landschaft aus, aber es muss halt sein. Diese breite Unterstützung gibt es nicht in allen Ländern. Da haben wir in Deutschland einen Vorteil.

ne: Bei den jüngsten Landtagswahlen hat die AfD sehr stark abgeschnitten, teils wurde angekündigt, verstärkt gegen die Windkraft vorzugehen. Spüren Sie das bereits?

Urbanke: Direkte Auswirkungen der Landtagswahlen haben wir bisher nicht. Aber natürlich ist klar, dass sich die AfD in ihrem Parteiprogramm sehr deutlich positioniert: als Partei, die erstens den menschengemachten Anteil am Klimawandel in Frage stellt und sich zweitens gegen erneuerbare Energien stellt. Sollte die AfD zum Beispiel in Sachsen-Anhalt die Landesregierung bilden oder daran beteiligt sein, ist das politische Risiko für die Windkraft deutlich erhöht. Das muss man einfach so sagen. Grundsätzlich wird Energiepolitik aber nicht in den Ländern gemacht, sondern vor allem im Bund. Auf Landesebene kann man der Windkraft allerdings gezielt Steine in den Weg legen, wenn man das möchte – etwa durch eine restriktivere Flächenausweisung oder erschwerte Genehmigungsverfahren. Das ist ein Risiko, und das beobachten wir sehr genau.

ne: Kommt man vor Ort mit Fakten noch gegen eine emotional und ideologisch aufgeladene politische Debatte an?

Energie eignet sich überhaupt nicht für Ideologie. Das ist ein technisches Thema."
Urbanke: Unsere Erfahrung ist schon seit Längerem: Wenn man vor Ort an konkreten Projekten arbeitet, spielt das Parteibuch häufig nur eine sekundäre Rolle. Dann geht es um konkrete Argumente und nicht mehr um Ideologie oder Parteipolitik. Wir haben schon die verrücktesten Konstellationen erlebt, etwa dass die CDU ein Solarprojekt unterstützt, während die Grünen dagegen sind. Es gibt alle Konstellationen. Deshalb muss man sehr genau schauen, was man vor Ort vorfindet. Energie eignet sich unserer Meinung nach überhaupt nicht für Ideologie. Das ist ein technisches Thema. Natürlich kann man über Technologien und den Weg der Energiewende unterschiedlicher Meinung sein, das ist ganz normal. Negativ wird es erst, wenn wir nicht mehr auf der Grundlage von Fakten miteinander sprechen.

ne: Windprojekte im Forst sind noch einmal emotionaler aufgeladen. Müssen Sie dort stärker um Akzeptanz werben?

Urbanke: Absolut, das ist ja auch das, was man erwarten würde. Aber auch hier kommt es sehr stark auf den konkreten Standort an. Wir entwickeln selbst Windprojekte im Forst, gehen dabei aber vorrangig auf Flächen, die bereits geschädigt sind, etwa durch Sturm oder Borkenkäfer. In der Regel handelt es sich um  Forstflächen, nicht in naturnahe Waldbestände. Wir arbeiten eng mit den Forstbehörden und dem Revierförster zusammen und planen die Anlagen gemeinsam. Ökologisch wertvolle Waldflächen kommen dafür natürlich nicht in Frage. Erndtebrück ist dabei nicht unser einziges Forstprojekt, und Forst heißt auch nicht automatisch, dass große Eingriffe oder umfangreiche Erschließungsmaßnahmen nötig sind. Unser allererstes Projekt in Deutschland, das wir 2020 über eine Ausschreibung von Hessen-Forst erworben haben, ist der Windpark Rappenhagen mit sechs Turbinen – ebenfalls im Forst. Das ist ein ganz hervorragendes Projekt: super entwickelt, mit sehr gutem Netzanschluss und relativ leicht zu erschließen. 

ne: Sie hatten im vergangenen Jahr maximalen Spielraum für Kommunen als Hebel für Akzeptanz gefordert. Hilft die EEG-Novelle in dieser Hinsicht?

Urbanke: Der EEG-Entwurf ist ein bunter Mix, und das Akzeptanzthema stand dabei nicht im Vordergrund. Es sind aber einige Regelungen zur Beteiligung enthalten, und das ist ein wichtiges Thema. Positiv sehen wir alles, was Beteiligungsformen vereinfacht. Die Einführung des Paragrafen 6 EEG fanden wir zum Beispiel sehr gut: eine einfache, bundesweite Regelung, die jeder versteht, die leicht umzusetzen ist und direkt finanziell in der Kommune ankommt. Die Kommune kann das Geld frei verwenden – das ist wirklich die beste Form der finanziellen Beteiligung. Jetzt gibt es den Vorschlag, die Zahlung von zwei auf drei Euro pro Megawattstunde zu erhöhen, wobei der dritte Euro nicht mehr erstattungsfähig ist. Kann man machen, erhöht aber die Kosten der Windprojekte. In der derzeitigen Marktlage ist das schwierig, und viele Projekte, deren Wirtschaftlichkeit ohnehin schon unter Druck steht, werden das nicht tragen können. Es gibt aber auch Vereinfachungen, etwa bei der Berechnung der eingespeisten Strommenge, die Grundlage für die Auszahlung nach Paragraf 6 ist. Alles, was weniger Bürokratie und eine leichtere Abrechnung bedeutet, ist gut für alle Seiten.

ne: Reichen diese Vereinfachungen aus, oder müsste mehr für die Akzeptanz getan werden?

Urbanke: Die größten Bauchschmerzen haben wir nach wie vor damit, dass jedes Bundesland sein eigenes Beteiligungsgesetz machen will. Das haben wir von Anfang an gesagt, und das halten wir weiterhin für eine Fehlentwicklung. Beteiligung ist uns wirklich sehr wichtig, wir haben sie uns seit 2020 auf die Fahnen geschrieben. Deshalb haben wir inzwischen auch einen eigenen Beteiligungsmanager der Kommunen berät und unsere Projektteams über die verschiedenen Projektphasen hinweg unterstützt. Aber eigene Regelungen in fast jedem Bundesland schaffen zusätzliche Kosten und Bürokratie. Das ist nicht zeitgemäß. Was wir brauchen, ist eine einheitliche Regelung, die in allen Bundesländern gleich ist und die alle mittragen.

ne: Welche Punkte im Reformpaket aus EEG-Novelle und Netzpaket sehen Sie darüber hinaus besonders kritisch?

Urbanke: Das größte Problem ist, dass man die Auswirkungen nicht einschätzen und nicht analysieren kann, weil Informationen und Daten fehlen. Wir wissen nicht, welche Netzregionen genau dem Redispatch-Vorbehalt unterliegen werden. Wir können also nicht sagen, welche unserer Projekte betroffen sein werden. Da hätten wir uns gewünscht, dass die Netzbetreiber stärker in die Pflicht genommen werden. Das grundsätzliche Anliegen, Windkraftausbau und Netzausbau besser zu koordinieren, ist natürlich richtig. Das kann jeder verstehen, das muss man machen. Aber die Methode ist etwas holzschnittartig: zu freundlich für die Netzbetreiber und zu nachteilig für die Projektentwickler.

ne: Und der Pachtdeckel?

Den Pachtdeckel sehen wir enorm kritisch. Er ist eine Lösung für ein Problem, das nicht existiert."
Urbanke: Den sehen wir enorm kritisch. Der Pachtdeckel ist eine Lösung für ein Problem, das nicht existiert, und er wird sehr viele neue Probleme schaffen. Das sehen wir schon heute. Der Abschluss neuer Pachtverträge ist deutlich schwieriger geworden, weil Unsicherheit herrscht: Kommt der Pachtdeckel? Wie wird er ausgestaltet? Was kann ich erwarten? Die Landeigentümer warten ab. Und wir sehen schon jetzt sehr viel Kreativität bei Vertragsmodellen, mit denen der Pachtdeckel umgangen werden könnte, was absehbar war. Das alles wird dazu führen, dass das eigentliche Ziel nicht erreicht wird. Dabei hat sich das Problem längst weitestgehend selbst gelöst: Es gab eine Phase mit sehr hohen Pachten, weil Flächen knapp waren. Dann hat die letzte Bundesregierung mit dem Wind-an-Land-Gesetz genau das Richtige getan und sehr viel mehr Flächen zur Verfügung gestellt. Die Knappheit ist beseitigt, in der Folge sind die Pachten stark gesunken. Und jetzt kommt mit Verspätung die Idee des Pachtdeckels – noch dazu mit einem sehr niedrigen Wert, der alle verunsichert. Das ist wirklich ein bisschen verrückt.

ne: Beim neuen CfDSteht für Contracts for Difference (Differenzverträge): Erhält ein Stromerzeuger bei Ausschreibungen für sein Preisangebot den Zuschlag, kriegt er bei einem niedrigeren Börsenpreis die Differenz erstattet. Liegt der Börsenpreis höher, muss er die zusätzlichen Gewinne abgeben.Steht für Contracts for Difference (Differenzverträge): Erhält ein Stromerzeuger bei Ausschreibungen für sein Preisangebot den Zuschlag, kriegt er bei einem niedrigeren Börsenpreis die Differenz erstattet. Liegt der Börsenpreis höher, muss er die zusätzlichen Gewinne abgeben.-Förderdesign soll ein Wechsel zum PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik. innerhalb der ersten zehn Jahre nur einmal möglich sein. Manche halten den PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.-Markt damit für tot. Sie auch?

Urbanke: Tot wird er sicherlich nicht sein, aber stark eingeschränkt. Es ist tatsächlich ein Dilemma. Auf der einen Seite braucht die Windkraft ein Fördersystem mit zweiseitigen Differenzverträgen, das ist Vorgabe der Europäischen Union. Auf der anderen Seite gibt die EU vor, dass der PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.-Markt möglichst gestärkt werden soll. Beide Modelle stehen aber schon in der Theorie im Wettbewerb zueinander. Man muss also regulatorisch immer einen Kompromiss finden. Der jetzige Ansatz bietet die Möglichkeit, innerhalb der ersten zehn Betriebsjahre einmal aus dem EEG herauszuoptieren, ohne zurückkehren zu können. Das ist sehr restriktiv. Es wird vielleicht ein paar PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.-Abschlüsse geben, aber voraussichtlich deutlich weniger. Unsere Position wäre gewesen, das weiter zu flexibilisieren. Den PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.-Markt für ausgeförderte Anlagen wird es weiterhin geben. Mit welchen PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.-Volumina wir im Vergleich zu heute landen, weiß aber niemand.

ne: Wie erleben Sie aktuell die Stimmung in der Branche?

Urbanke: Das hängt stark davon ab, mit wem Sie sprechen. Der Langfristtrend ist völlig intakt: Die Windbranche in Deutschland boomt, es sind so viele Projekte im Bau wie noch nie. Die Ausbauziele sind bestätigt, wir haben Planungssicherheit bis 2032, jedes Jahr werden 10.000 Megawatt ausgeschrieben, dazu kommen eventuell Sonderausschreibungen. Gleichzeitig gibt es mehr genehmigte Projekte, die in die Ausschreibungen wollen, als bezuschlagt werden können. Das hat dazu geführt, dass die Zuschlagswerte, also letztlich die Preise für Projekte, sehr stark gefallen sind. Das trifft einige Unternehmen – man sieht Insolvenzen, Restrukturierungen und Konsolidierungen, und viele bauen Personal ab. Im Durchschnitt ist die Stimmung aber nach wie vor realistisch-optimistisch. Viele sind auch einfach damit beschäftigt, die Projekte der vergangenen Jahre zu bauen, was zwei bis zweieinhalb Jahre dauert. 

ne: Einen Fadenriss beim Ausbau befürchten Sie also nicht?

Urbanke: Nein. Die Windkraft ist die einzige erneuerbare Erzeugungstechnologie, die wir in Deutschland noch im großen Umfang zusätzlich ausbauen können. Solar haben wir in den letzten Jahren sehr stark ausgebaut, dort sehen wir jetzt stark fallende Marktwerte. Für Wind gibt es noch Platz im System, deshalb bauen wir jetzt noch sehr viel Windkraft zu. Parallel müssen wir die Flexibilität erhöhen, also Gaskraftwerke und Batteriespeicher bauen, um noch mehr Erneuerbare integrieren zu können. Wir sind überzeugt: Das ist der einzige Weg, um mehr Angebot zu schaffen, die Strompreise langfristig zu senken und uns unabhängiger von Energieimporten zu machen.

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