Windkraft-Studie

Zweifel an Gefährdung des Rotmilans

Isaac Bah, 08.04.16
Eine neue Studie aus der Schweiz gibt Entwarnung für den als „windkraftsensibel“ eingestuften Raubvogel Rotmilan: Der Bestand sei nicht durch die Windkraft bedroht. Naturschützer widersprechen vehement.

Bei der Vorstellung der Studie in Berlin werden die Fronten schnell deutlich. Auf der einen Seite der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell, der zu dem Gespräch über die Studie „Windenergie und Rotmilan: Ein Scheinproblem“ eingeladen hat, daneben Studienautor Oliver Kohle, Geschäftsführer des Umweltbüros KohleNusbaumer, einem Projektentwickler mit Sitz in Lausanne, sowie Günter Ratzbor, Beratender Ingenieur für Umweltplanung. Auf der anderen Seite Jochen Bellebaum, Artenschutzexperte bei der Deutschen Wildtier Stiftung und Nabu-Vogelschutzreferent Lars Lachmann, der bereits im Vorfeld der Präsentation einen Faktencheck zu den Studienergebnissen veröffentlicht hat und dem Autor darin zahlreiche Verstöße gegen gängige wissenschaftliche Methodik vorhält.

Am Thema „Methodik“ setzt allerdings auch die Kohle-Nusbaumer-Studie an. Unter anderem kritisiert sie, dass sich die von Vogelschutzwarten vorgenommene Klassifizierung des Rotmilans als durch Windkraftanlagen stark gefährdete Vogelart im Wesentlichen auf Erhebungen des Landesumweltamts Brandenburg stützt. Die „Zentrale Fundkartei über Anflugopfer an Windenergieanlagen“ ist die bundesweit einzige Datenbank dieser Art und wird in Abstimmung mit der Länderarbeitsgemeinschaft der deutschen Vogelschutzwarten von der Staatlichen Vogelschutzwarte des Landesamts für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg geführt.

Da diese Kartei nur vereinzelt Fundmeldungen von bedrohten Vogelarten unter Windenergieanlagen aufweise, ließen sich daraus keine Schlussfolgerungen ziehen, so das Argument. Allein auf die Aussagekraft der Kartei zu setzen, verzerre massiv das Bild von der Realität, sagt Kohle „Die Zahl der Funde von toten Vögeln unter Windkraftanlage ist im Verhältnis zur Bestandsgröße und den jährlichen Verlusten verschwindend gering.“ In der Studie seien deshalb auch andere Faktoren, wie etwa das Verhalten der Vögel an Windkraftanlagen und der Umbau des Stromnetzes ausgewertet worden. Letzterer sei bei der Bestandsentwicklung gefährdeter Arten besonders zu beachten, da Stromschläge an Stromfreileitungen 100 mal häufiger zum Tod der Tiere führten als die  Windenergie.

Nabu empfiehlt Abstandsregeln

Nabu-Referent Lachmann widerspricht den Ausführungen Kohles in nahezu allen Punkten, verwehrt sich aber dagegen, von Kohle als „Windkraftverhinderer“ dargestellt zu werden. Auch ihm gehe es darum, gemeinsam Lösungen zu finden, so Lachmann. Von seiner grundsätzlichen Kritik am nichtwissenschaftlichen Ansatz der Untersuchung hält er indes fest und übt harsche Kritik an der Studienthese, dass Rotmilane Windenergieanlagen gezielt ausweichen: „Die Aussagen von Kohle sind weitgehend erfunden“, heißt es dazu im Nabu-Hintergrundpapier.

Das Thema Arten- und speziell Vogelschutz sorgt seit langem für Irritationen zwischen Vertretern der Windenergiebranche und Naturschützern. Erst im Mai 2015 hat sich die Umweltministerkonferenz der Bundesländer dem sogenannten Helgoländer Papier „Kenntnis nehmend“ angeschlossen. In dem Papier formuliert die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten „Abstandsempfehlungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten“.

Nach Ansicht des Nabu ermöglicht das Papier Windkraftplanern, „von vornherein kritische Standorte auszuschließen, um spätere Bauverzögerungen oder Fehlinvestitionen zu vermeiden“. In der Praxis der Windkraftplaner ist häufig das Gegenteil der Fall. Obwohl das Papier rechtlich nicht bindend ist, sondern weiterhin die jeweiligen Festlegungen in den Windkrafterlassen der Länder zählen, sorgen die „Empfehlungen“ der Vogelschützer immer wieder für Verzögerungen oder gar Verhinderungen von Windkraftprojekten.

Verhärtete Standpunkte

Zusätzlich befeuert wird der sich immer stärker abzeichnende Konflikt zwischen Klimaschutz und der Schutz der Biodiversität, zwischen Naturschutz und der Nutzung erneuerbarer Energien durch eine Vielzahl von Untersuchungen zum Thema, die in den letzten Jahren publiziert wurden. So präsentierte Ende 2014 die Deutsche Wildtier Stiftung die Studie „Windenergie im Lebensraum Wald“ verbunden mit der Forderung, den Windenergieausbau im Wald „zurückzustellen, solange andere, für den Natur-/Artenschutz risikoarme beziehungsweise risikoärmere Flächen bereitstehen“ (neue energie 1/2015).

Im Laufe dieses Jahres soll auch die 2012 vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie „Progress“ erscheinen, die der „Ermittlung der  Kollisionsraten von (Greif-) Vögeln und der Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen“ dienen soll. Vorab bekannt gewordene Details der Studie rücken auch den vom Umweltbüro KohleNusbaumer thematisierten Rotmilan wieder in den Fokus. „Die Bestände des seltenen Rotmilans in Deutschland vertragen einen weiteren Ausbau der Windkraft aller Voraussicht nach nicht“, meldete die Süddeutsche Zeitung Anfang Januar mit Bezug auf die Studie.

Bei der Vorstellung der  KohleNusbaumer-Studie zum Rotmilan in Berlin ist Gastgeber Hans-Josef Fell sichtlich bemüht, zwischen den entgegengesetzten Standpunkten zu vermitteln. „Wir gehen auf einen Konflikt zu, wenn wir den Naturschutz und den Artenschutz als örtliche Maßnahme überbetonen und gleichzeitig nicht den notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien als entscheidende Klimaschutzmaßnahme mitnehmen“, sagt Fell. „Klimaschutz und der Erhalt der Artenvielfalt sind nicht trennbar.“

„Artenschutz und Energiewende gehören zusammen“

In einer Stellungnahme zur Artenschutzdiskussion betont auch der Bundesverband Windenergie (BWE), dass die Branche Maßnahmen unternehme, um Kollisionsrisiken bestimmter Tierarten zu minimieren. Gleichzeitig weist der BWE darauf hin, dass natur- und artenschutzrechtliche Anforderungen in den letzten Jahren genauso wie die Summe der Ausgleichsmaßnahmen stark zugenommen hätten, sodass Genehmigungsverfahren heute durchschnittlich fünf Jahre dauerten.

„Wir wünschen uns eine Betrachtung der jeweiligen Population und der Maßnahmen, die deren Entwicklung unterstützen. Die auf die Populationsentwicklung wirkenden Ursachen müssen im Zusammenhang betrachtet werden“, sagt BWE-Pressesprecher Wolfram Axthelm. Auf Basis bisheriger Erkenntnisse schlägt der BWE konkrete Maßnahmen vor, sie reichen von der „Anordnung der Anlagen, der Gestaltung des unmittelbaren Umfeldes der Anlagen, Biotopaufwertungen zur Stärkung von Populationen und Ablenkpflanzungen im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen bis hin zu einem Abschaltmanagement zu relevanten Zeiten“.

„Artenschutz und Energiewende gehören zusammen“, bestätigt Oliver Kohle. Trotz unterschiedlicher Ansätze bei der Verwendung und Auswertung vorliegender Forschungsdaten kann die neue Rotmilan-Studie womöglich dabei helfen, eine offene Diskussion im Spannungsfeld Energiewende-Naturschutz-Klimaschutz zu ermöglichen.

 

Kommentare (5)

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  • 11.04.16 - 04:46, Kevin Richter

    Der NABU nennt die Studie ein "interessengeleitetes Lobby-Papier" und die Deutsche Wildtierstiftung "warnt vor Windkraft-Lobbyisten, die die Gefahren für die Vogelwelt leugnen". Das folgt wahrscheinlich dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", schließlich lässt sich der NABU seit 20 Jahren von den Klimakillern Lufthansa und VW sponsern und die Deutsche Wildtierstiftung wird von dem Klima"skeptiker" Fritz Vahrenholt geleitet.

    http://www.kraniche.de/Start/KranichschutzDeutschland.shtml
    http://www.taz.de/Fahrzeuge-im-Tausch-gegen-Beratung/!5279061/
    http://www.klima-luegendetektor.de/2016/01/06/wildtierstiftung-die-axt-im-walde/

  • 04.05.16 - 16:23, Heinz Kowalski

    Die Energiewende muss naturverträglich sein. Und der Klimaschutz gelingt auch, wenn Windräder nicht in die Reviere seltener Vögel wie Rotrmilan und Schwarzstorch gestellt werden. Dass das dann mit rein wirtschaftlichen Interessen von Investoren und Politikern kollidiert und sie versuchen, mit unwissenschaftlichen "Gutachten" den Artenschutz zu unterlaufen, muss den Widerstand von Naturschützern herausfordern.

  • 04.05.16 - 19:00, Martin Keller

    Ich wundere mich immer wieder, dass über den Rotmilan als seltenen Vogel diskutiert wird. Bein uns (Nähe Ammersee) ist er überaus häufig anzutreffen. Ich möchte sogar behaupten, dass er bei uns der häufigste Raubvogel ist. Und wahrscheinlich sterben deutlich mehr Vögel in unserem Verkehr als durch Windräder. Aber das wird nicht thematisiert.

    Schade, wenn in letzter Zeit Artenschutz gegen Naturschutz ausgespielt wird und daher mehr Strom in Kohlekraftwerken erzeugt wird. Aber deren Dreck sieht man halt dann nicht mehr...

  • 09.05.16 - 08:34, Rombach

    Als Ortsansässiger Landwirt kannte ich den Milan früher nur von Bildern.
    Den Mäusebussard und vereinzelt den Habicht habe ich als vom Segelflug begeisterter Jugendlicher im Südschwarzwald schon immer beobachtet. Jetzt sieht man auch den Milan, eingewandert, wegen der zunehmenden Population, wahrscheinlich von der Baar her.
    Gehäuft kreist er nur am Himmel, wenn die Felder gemäht werden, wegen der Wiesenbewohner die dann ihre Deckung verlieren oder getötet wurden.
    Auf den dicht bewaldeten Bergkuppen, den potentiellen Windkraftstandorten, gibt es dieses Nahrungsangebot nicht, somit ist das Kollisionsrisiko gering.

  • 25.10.16 - 15:08, J.Kee

    Pecking Order: Energy's Toll on Birds
    So meine lieben Herren "Naturschutz"profitöre- bleiben wir bei den Fakten. In der folgenden Aufstellung sehen Sie die auf Art der Energiegestehung anrechenbaren Vogelopfer:
    http://www.usnews.com/news/blogs/data-mine/2014/08/22/pecking-order-energys-toll-on-birds
    Die Naturschutzverbände hierzulande machen Politik (konservative per Definition)- in USA sind Windräder gerne gesehen, ebenso in der Bevölkerung hierzulande, mit Ihnen kommt endlich wieder Geld in die Gemeindekassen- wo die RWE Dividenden ausbleiben.. daran arbeitet ja das Bundeswirtschaftsministerium bereits auf Hochtouren.
    Das Instrument, das in der Photovoltaik den Neuzubau 2015 um -81,5% vs. 2012 eingebremst hat trotz weiter sinkender Systempreise ist nun mit ebenfalls viel zu geringen 2,5GW/a für die Windkraft eingeführt worden und wird in Fachkreisen "zuziehende Schlinge" betitelt (die Zahlen geben diesem Ausdruck Gesicht. Gemeint ist der sog. "Atmende Deckel" und da braucht es seitens des Bundeswirtschaftsministers "Grabriel" (dem der die Energiewende begraben möchte und dessen Klientel davon langfristig wohl profitiert http://www.n-tv.de/politik/Deutschland-verzehnfacht-Munitions-Exporte-article18927596.html ) unwissenschaftliche Stimmungsmache gegen die Windenergie.
    Eine Win-Win-Situation zwischen einigen Naturschutzverbänden (ohne wissenschaftlich belastbares Material) und dem KOhlekabinett Union I-III (heimische BraunKOhle vgl. Union Wahlprogramm 2013.. das Wahlprogramm 2009 mit jährlich 1-5-2,5GW PV-Neuzubau wurde in 2014+2015 erreicht von 7,5GW/a kommend) wie es scheint.
    Was diese Leute wie Herr Lachmann vom Nanu, Herr Vahrenholt oder der LBV vertreten ist der reinste Populismus.. klar, wenn die Spenden von VW und der Lufthansa eintreffen, wird Vogelschlag durch Autos oder Flugzeuge nebst Bestandsgefährdung durch karzinogene Abgase oder den Klimawandel mal eben weggelassen um die Spenden nicht zu gefährden.
    Die Verhältnismäßigkeit ist absolut über den Haufen geworfen.
    Stromleitungen oder von der verheerenden Vogelausrottungswirkung anderer Energieerzeugungsquellen oder der Agrochemie https://www.youtube.com/watch?v=qnwi4_fXS5Q .. zuletzt in der Debatte dünnen Eierschalen- durch Kreuzresistenzen werden mittlerweile wieder Mittel dieser Kuleur verwand- kein Wort (vermutlich leistet "Bayer Drop Science" großzügige Zuwendungen?) .. das ist doch kein Naturschutz meine Herren wollen doch nur Bares?
    Mehrjährige Studien aus Schweden belegen ( durchgeführt mit alen technischen Raffinessen, Ornithologen, staatlichen Stellen etc. eine sehr hochkarätige alle Interessengruppen zufriedenstellende Fachschaft) für die Gegend der Zugvogelrouten am Kalmarsund 0,5 tote Vögel/Windrad+Jahr. Die Tiere fliegen demnach bei Nacht und Nebel und jedem Wetter in einem weiten Bogen um die Anlagen.
    Sagen aus dem KOhleland Brandenburg, in dem politisch die Windenergie klein gehalten werden soll sind also die bundesweit einzigen Daten.. ein Schelm wer böses dabei denkt!
    Zum Glück ist die Bevölkerung zu gut aufgeklärt um auf Stimmungsmache ohne wissenschaftlich belastbaren Hintergrund hereinzufallen und lehnte sprach sich in einer Volksabstimmung klar für die Windkraft aus- die Versuche eine dem CSU-Vorbild folgende durch Kabinett Union III legitimierten Ausbaustopp der Windenergie via Abstandsregelung (10-H www.prowindkraft.de) zu erreichen scheiterte Kläglich am Willen der Bevölkerung hin zu einer Energiewende mit 100% EE innerhalb einer Generation http://www.eurosolar.de/de/images/MV2016_Resolution_final.pdf .
    Mir kommen die Tätigkeiten des NABU ein wenig vor wie die Berufskläger der Anlegerschutzvereinigungen. Es wird so oft geklagt wie möglich, um einen Stillstand zu erwirken, von dem sich die Betroffenen dann freikaufen müssen um weiterzukommen.
    Unterm Strich ändert sich nichts, außer das der NABU, LBV etc. ihr Geld erhalten.
    Traurig- ich kann somit nicht mehr Mitglied bei diesen Leuten sein- bin aus den Organisationen ausgetreten. Die Stiftung von Vahrenholt, der NABU und der LBV nutzen in aller Regel wissenschaftlich nicht belastbare Thesen um Aufgrund fehlender Datengrundlagen ihre Ansichten durchzusetzen.

    Das folgende Interview räumt wunderbar mit Vorurteilen auf:
    http://www.hans-josef-fell.de/content/index.php/dokumente/vortraege-und-praesentationen/924-interview-in-kinzigtaler-zeitung-zu-den-argumenten-der-windkraftgegnern/file

    Hintergrund:
    Auszug aus dem Wahlprogramm- der gewählten Mehrheit..:
    S.29
    "Bis das Zusammenspiel von erneuerbaren Energien, Net­zen und Speichertechnik in einigen Jahrzehnten unsere Energieversorgung sichern kann, benötigen wir moderne Kohle­ und Gaskraftwerke, um Schwankungen bei den er­ neuerbaren Energien wirksam auszugleichen. Damit das umwelt­ und klimaverträglich geschieht, wollen wir den Bau neuer, effizienter Kraftwerke beschleunigen. Dafür wollen wir für Investoren stabile und verlässliche Bedin­ gungen schaffen, damit der Betrieb solcher Reservekapa­zitäten
    wirtschaftlich ist. Durch den Einsatz modernster Technologien kann auch die heimische Braunkohle eine wichtige
    Rolle spielen." http://www.cdu.de/sites/default/files/media/dokumente/regierungsprogramm-2013-2017- langfassung-20130911.pdf
    TSLA:
    11 of past 12 months have set new monthly high-temperature records @NASAEarth​ http://go.nasa.gov/2efgySJ
    Es wird höchste Zeit das Aussterben weiter Arten zu verhindern und damit auch die zukünftige Kriegs und Fluchtursache Nr.1 an der Wurzel zu packen, "Act on Facts" https://www.youtube.com/watch?v=XoE8h81rBBU

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