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Windenergie

Service unter Sparzwang

Sascha Rentzing, 15.12.16
Um künftig ihren Strom gewinnbringend an der Börse verkaufen zu können, müssen Windparkbetreiber ihre Kosten deutlich senken. Vor allem bei Wartung und Instandhaltung sind neue Konzepte gefragt.

Betreiber von Windturbinen stehen vor einem großen Problem: Künftig wird die Vergütungshöhe über Ausschreibungen ermittelt, Altanlagen-Betreiber müssen ihren Strom zudem nach Ende der EEG-Vergütung ab 2021 an der Strombörse verkaufen – zu Erlösen, die alles andere als üppig ausfallen dürften. Während sich die Vergütungssätze des EEG 2000 zwischen 6,19 und 9,10 Cent pro Kilowattstunde bewegen, pendelt der Börsenstrompreis aktuell um die 2,5 Cent, Tendenz fallend.

Das würde heute gerade einmal reichen, um die Wartungskosten sicher abzudecken, nicht aber die gesamten Betriebskosten einer Turbine inklusive Pacht, Großreparaturen, Vermarktungskosten und Versicherung. Die Servicepreise orientieren sich in der Regel an der Vergütung und belaufen sich nach Brancheninformationen je nach Servicekonzept auf 0,7 bis 1,5 Cent pro Kilowattstunde. Wenn es auch künftig bei einem realistischen Verhältnis von Erlös und Wartungskosten bleiben soll, müssten die Serviceanbieter ihre Preise erheblich senken.

In der Branche herrscht Skepsis, ob das ohne Qualitätseinbußen und drastische Einschnitte bei den Firmen möglich sein wird. „Bei Wartung und Instandhaltung sind die Einsparmöglichkeiten nicht so groß“, sagt Ian-Paul Grimble, Geschäftsführer des Winddienstleisters psm Nature Power Service & Management aus Erkelenz. Eine Windturbine wird während des Betriebs durch eine Kombination von Wartungen und wiederkehrenden Prüfungen überwacht.

Kaum Spielraum zum Sparen

Die erforderlichen Prüfintervalle hierfür ergeben sich individuell aus der Genehmigung, der Typenprüfung und der Stellungnahme eines Gutachters zur Anlage. Erfüllen Betreiber die Auflagen nicht und erfolgt die Wartung nicht mindestens nach Pflichtenheft, steht die Betriebssicherheit der Turbine auf dem Spiel und sie darf nicht weiterbetrieben werden. Viel reduzieren lässt sich bei Service und Wartung also nicht.

Damit gerät der Service unter großen Druck. Zuerst könnte es nach Einschätzung von Experten dazu kommen, dass die umfassenden, relativ teuren Vollwartungsverträge auf den Prüfstand gestellt werden. „Das Gros an Vollwartung wird nicht überleben. Das wird sich schon mit den Ausschreibungen zeigen, die ab 2017 kommen sollen“, sagt Gerald Riedel, Gesellschafter des Kieler Windprojektierers Getproject.

Aber auch die günstigere Basiswartung könnte in ihrer heutigen Form keine Selbstverständlichkeit mehr sein. Der Enercon-Servicevertrag EPK III für Anlagen ab dem 20. Betriebsjahr etwa umfasst für 0,7 Cent pro Kilowattstunde neben Fernüberwachung und geplanter Instandhaltung die Reparatur und den Austausch von Standard-Ersatzteilen, der Ersatz von Großkomponenten wie Getrieben ist dagegen nicht im EPK III eingeschlossen. Fällt eine solche Komponente aus, droht dem Betreiber ein Problem. Denn hat er für diesen Fall keine Rücklagen gebildet, müsste er mit den Einnahmen aus dem laufenden Betrieb Ersatz beschaffen – das dürfte bei den absehbaren Börsenstrompreisen schwierig werden.

Inspiration aus dem Ausland

Die Serviceanbieter sehen sich deshalb vor große Herausforderungen gestellt. „Effizienz im Betrieb wird zu einem wichtigen Thema“, sagt Matthias Brandt, Chef
des herstellerunabhängigen Dienstleisters Deutsche Windtechnik. Dennoch glaubt Brandt, dass auch künftig wirtschaftliche Servicekonzepte angeboten werden können. „Wir werden zwar keine revolutionären neuen Entwicklungssprünge im Service erleben, aber dafür eine Reihe kleiner evolutionärer Schritte. So werden Standardisierung und Automatisierung wesentlich zu den erforderlichen Kostensenkungen beitragen“, so Brandt.

Außerdem sei das Ausland ein „toller Inspirationsgeber“. In Spanien biete die Deutsche Windtechnik bereits einfachere und günstigere Konzepte an. Mit Beginn der Wirtschaftskrise wurde dort die Erneuerbaren-Förderung massiv gekappt. „Deshalb geht in Spanien die Tendenz zu Manpower-Serviceverträgen: Hier ist Verfügbarkeit nicht alles, sondern es stehen garantierte Instandsetzungspreise und Reaktionszeiten im Vordergrund.“

Außerdem arbeiteten die Servicefirmen dort häufiger vor Ort mit Leiharbeitern und weniger mit den Ingenieuren der Auftraggeber zusammen. Schlankere Konzepte seien auch in Deutschland realisierbar. Ein denkbarer Ansatz für den heimischen Markt sind Brandt zufolge integrierte Instandhaltungsstrategien, bei denen aus verschiedenen möglichen Strategien – von der ausfallbedingten bis zur zustandsorientierten Instandhaltung – eine für den einzelnen Windpark optimale Strategie konstituiert werde.

Dazu zähle auch, die Organisation aller Beteiligten des Service zu verschlanken und Schnittstellen abzubauen. „Wir brauchen ein besseres Schnittstellenmanagement“, so Brandt. Voraussetzung für die integrierte Instandhaltung sei allerdings, dass Betreiber und Servicefirmen noch enger zusammenarbeiteten und gemeinsam nach der passenden individuellen Lösung suchten. „Es gilt, viele Interessen unter einen Hut zu bringen“, sagt Brandt.

Vermarktungsmodell gefordert

Abo Wind aus Wiesbaden sieht ebenfalls mögliche Ansätze für die Wartung von Altanlagen. Das Unternehmen ist in verschiedenen Bereichen der Windkraft aktiv und bietet neben der Betriebsführung von Anlagen auch Serviceprodukte wie Wartung und Reparatur an. Diese Vielseitigkeit könnte sich als Vorteil erweisen, da Abo Wind bei der Instandhaltung Synergien nutzen könne, heißt es bei dem Unternehmen. Der Service sei wesentlich geprägt durch Anfahrtskosten. Werden Service und Betriebsführung zusammengelegt, ließen sich Kosten sparen. Außerdem seien bei Altanlagen keine intensiven lebensverlängernden Maßnahmen mehr nötig, wichtiger sei vielmehr eine punktuelle vorbeugende Instandhaltung wesentlicher Bauteile mit festen Kontrollroutinen.

Condition-Monitoring-Systeme könnten bei der intelligenten Wartung eine wichtige Rolle spielen. Ihre Sensoren im Triebstrang oder in den Rotorblättern messen regelmäßig die Vibrationen der Komponenten, sodass Betreiber mithilfe der Daten ihren Service besser planen und bei drohenden Schäden frühzeitig gegensteuern können. Doch müssten Betreiber auch an dieser Stelle genau abwägen, ob die zusätzlichen Kosten für die Systeme die Anschaffung rechtfertigen.

Experten bestätigen das Einsparpotenzial beim Service, sehen aber auch Untergrenzen. „Es darf auf keinen Fall bei der Sicherheit gespart werden“, sagt Gerald Riedel. Um einen sicheren Weiterbetrieb von Turbinen zu ermöglichen und einen ruinösen Preiskampf unter den Serviceanbietern zu vermeiden, halten Marktakteure vor allem ein politisches Einlenken für nötig. So drängen Ökostromanbieter schon seit längerem auf ein sogenanntes Grünstrom-Markt-Modell, das es Stromkunden ermöglichen würde, direkt und nachvollziehbar mit echtem Ökostrom aus konkreten Anlagen beliefert zu werden. Mit dem Modell wäre es möglich, Windstrom aus Altanlagen als wertvollen Ökostrom unmittelbar an ein nahegelegenes Industriegebiet zu verkaufen – besser vergütet, als dies über den Börsenstrompreis möglich ist.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 12/2016 von neue energie.

 

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