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Bericht der Bundesnetzagentur

Kohle- und Atomstrom bleibt auch bei Minuspreisen im Netz

Foto: picture alliance

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Kohle- und Atomkraftwerke sind oft technisch nicht in der Lage, die Stromeinspeisung zu reduzieren.

Tim Altegör, 12.04.17
Viele konventionelle Kraftwerke drosseln ihre Leistung selbst dann nicht, wenn die Strompreise an der Börse ins Negative rutschen. Für eine sichere Stromversorgung ist der Großteil davon unwichtig, schreibt die staatliche Netzagentur.

Am 18. November 2015 war es mal wieder so weit: Viel Strom aus Solar- und Windkraftanlagen trifft auf wenig Verbrauch, die Preise an der Energiebörse sinken ins Minus. Kraftwerksbetreiber erhalten also kein Geld mehr für ihren Strom, sondern müssen sogar dafür zahlen, ihn loszuwerden. Die Ökostromanlagen erhalten weiter ihre Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Nach den letzten Novellen gilt das für größere Anlagen aber nur noch, solange die negative Preis-Phase weniger als sechs Stunden dauert.

Für konventionelle Kraftwerke dagegen müsste die Devise eigentlich sofort lauten, die Leistung zu drosseln. Ein gestern (11. April) veröffentlichter Bericht der Bundesnetzagentur kommt jedoch zu dem Schluss, dass viele von ihnen trotzdem einfach weiterlaufen. „Etwa ein Viertel der in Deutschland in der Spitze einspeisenden Kraftwerksleistung reagiert nicht oder nur eingeschränkt auf Preise am Strommarkt“, kommentierte deren Präsident Jochen Homann das Ergebnis.

Am besagten 18. November etwa war demnach trotz Minuspreisen mehr als 28 Gigawatt konventionelle Leistung am Netz. Und nur einen kleinen Teil davon, nämlich 4,5 Gigawatt, rechnet die Behörde zur sogenannten Mindesterzeugung, die aus netztechnischer Sicht nötig ist. Der Großteil könnte also guten Gewissens abgeschaltet werden. Fünf solcher Tage hat die Netzagentur untersucht, der für die Versorgung überflüssige Kohle- und Atomstrom schwankt dabei zwischen 18 und 23 Gigawatt.

Platz im Stromnetz ist rar

Der Weiterbetrieb konventioneller Kraftwerke trotz eines offensichtlichen Überangebots an Strom ist gleich aus mehreren Gründen problematisch: Platz im Stromnetz ist ein rares Gut, regelmäßig werden Windkraftanlagen deshalb auf Geheiß der Netzbetreiber abgeschaltet. Wegen fehlender Leitungen wird der Windkraft-Zubau an der Küste in den kommenden Jahren sogar gezielt gedrosselt. Zudem ist Deutschland auf dem besten Weg, die selbstgesteckten Klimaziele zu verfehlen. Da hilft es nicht, wenn Kohlekraftwerke einfach weiter laufen, obwohl reichlich erneuerbarer Strom vorhanden ist.

Die Erkenntnis ist auch nicht neu: Vor einem Jahr veröffentlichten etwa die vier Übertragungsnetzbetreiber eine Studie, die zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam. Die Leistung konventioneller Kraftwerke in Zeiten negativer Preise bezifferte sie auf 25 bis 30 Gigawatt. Auf diese Untersuchung verwies Ende März auch die Bundesregierung in einer Antwort an die Grünen im Bundestag, die sich für die „starre fossile Restlast“ interessierten.

Erneuerbaren-Verband sieht „Marktversagen“

Warum aber nehmen die Betreiber ihre Anlagen nicht vom Netz, wenn es doch nicht wirtschaftlich zu sein scheint? Die Bundesnetzagentur verweist zum einen auf technische Hindernisse. Kraftwerke könnten nicht schnell genug herunter- und wieder heraufgefahren werden. Dazu passt, dass relativ unflexible Atommeiler und Braunkohlekraftwerke mit ungefähr 70 Prozent den größten Beitrag zur erhobenen konventionellen Leistung beitrugen. In flexibleren Anlagen sieht der Bericht „das größte Potential für eine weitere Reduzierung des konventionellen Erzeugungssockels“. Als zusätzliche Gründe nennt die Behörde Wärmelieferungen aus Kraftwerken, die Kraft-Wärme-Kopplung nutzen, sowie verschiedene ökonomische Anreize, die den Signalen von der Börse entgegenstünden, beispielsweise die sogenannten vermiedenen Netzentgelte. Diese will die Bundesregierung abschaffen.

In ihrer Antwort an die Grünen hatte sie erklärt, „Hindernisse, die einer Absenkung des konventionellen Erzeugungssockels und der Mindesterzeugung entgegenstehen“ abbauen zu wollen. Konkrete Vorschläge dafür bleibt die Netzagentur jedoch schuldig und verweist lediglich auf einen detaillierteren Folgebericht, der 2019 erscheinen soll. Beim Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) stößt das auf Unverständnis. „Das Bundeswirtschaftsministerium sollte die Bundesnetzagentur dazu auffordern, den gesetzlichen Vorrang erneuerbarer Energien gegenüber den konventionellen Kraftwerken durchzusetzen, anstatt diesem Marktversagen nur zuzuschauen und Berichte zu schreiben“, erklärte der kommissarische Geschäftsführer des Verbands, Harald Uphoff.

 

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