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Einweihung von „Nordlink“

Ein Kabel für die Energiewende

Joachim Wille, 26.05.21
An diesem Donnerstag wird die Nordlink-Trasse eingeweiht, die Norwegen mit dem Norden Deutschlands verbindet. Damit können künftig große Mengen Strom aus Windenergie und Wasserkraft hin und her fließen.

Große Worte begleiten dieses Energiewende-Projekt von Anfang an. Norwegen werde dadurch zur „grünen Batterie“ für Deutschland. So hieß es schon vor fast zehn Jahren, als die ersten konkreten Pläne für das Unterseekabel erstellt wurden, das nun zwischen Schleswig-Holstein und der südnorwegischen Region Veet-Agder liegt. Am Donnerstag (27. Mai) findet ein digitaler Festakt zur offiziellen Einweihung von „Nordlink“ statt. Mit dabei: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Norwegens Premierministerin Erna Solberg.

Das Kabel ist armdick und kann bis zu 1400 Megawatt Strom transportieren, was der Leistung von einem Atomkraftwerk respektive 400 mittelgroßen Windkraftanlagen entspricht. Große Mengen Strom können nun zwischen den Netzen von Deutschland und Norwegen hin- und hergeschoben werden. Als Quasi-Batterie fungieren dabei die Wasserkraftwerke in dem skandinavischen Land. Das Prinzip geht so: Überschüssiger Windstrom aus norddeutschen Windrädern, der sonst nicht genutzt werden könnte und deswegen billig ist, wird in Norwegen verbraucht. Und umgekehrt: Bei Flaute, wenn also bei stillstehenden Rotoren in Deutschland Strom fehlt, wird Elektrizität aus den Wasserkraftwerken nach Süden geleitet.

Das „grüne Kabel“ auf dem Meeresboden hat eine Länge von 516 Kilometern, hinzu kommen im Norden und Süden jeweils gut 50 Kilometer an Land. Die Leitung verbindet ein Umspannwerk im schleswig-holsteinischen Wilster (Kreis Steinburg), wo der Strom aus den zahlreichen Windparks in dem Bundesland „gesammelt“ wird, mit einer weiteren solchen Anlage in der Nähe des Wasserkraftwerks von Tonstand, das mit rund 960 Megawatt das leistungsstärkste in ganz Norwegen ist. Ausgeführt ist das Kabel in „HGÜ“-Technik. HGÜ steht für Hochspannungs-Gleichstromübertragung, damit wird der Strom sehr verlustarm transportiert.

Als alleinige „Batterie“ für Deutschland eignet sich Norwegen nicht

Gebaut hat die Stromtrasse ein Gemeinschaftsunternehmen des deutsch-niederländischen Netzbetreibers Tennet und der Förderbank KfW sowie des norwegischen Netzbetreibers Statnett. Baubeginn war 2015, und alles verlief im Plan – zuletzt auch trotz Corona. Tatsächlich wurde der erste Strom bereits im letzten Herbst durch die Leitung geschickt. Die Kosten für das Projekt betrugen knapp zwei Milliarden Euro. Die Erträge aus den Stromtransporten will Tennet unter anderem für den weiteren Netzausbau verwenden.

Tennet-Geschäftsführer Tim Meyerjürgens lobte Nordlink als „Leuchtturmprojekt der Energiewende und wichtigen Schritt zur Integration erneuerbarer Energien in den Strommarkt“. Norwegische Wasserkraft und deutsche Windenergie ergänzten sich in diesem System in idealer Weise. Über das „grüne Kabel“ können rechnerisch bis zu 3,6 Millionen Haushalte mit Ökostrom versorgt werden, was einem guten Teil der Haushalte der Nord-Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein entspricht.

Damit wird allerdings auch klar: Norwegen, das mehr als 90 Prozent seines Strombedarfs über die mehr als 1700 Wasserkraftwerke an den zahlreichen Flüssen und Seen im Land deckt, kann nicht wirklich die Batterie für ganz Deutschland stellen, wenn die berüchtigte „Dunkelflaute“ mit wenig Wind- und Solarenergie herrscht. Die Kapazitäten reichen dafür nicht. Die Bundesrepublik verbraucht im Jahr rund 580 Terawattstunden Elektrizität, die norwegischen Wasserkraftwerke produzieren etwa ein Viertel davon, und zwar natürlich vor allem für den Bedarf im eigenen Land. Um Deutschlands Ökostrom-Versorgung insgesamt stabil zu machen, braucht es weitere Lösungen – zum Beispiel dezentrale und zentrale Batteriespeicher, Wasserstoff-Speicher, die künftige E-Auto-Flotte als Puffer, eine intelligente Verbrauchssteuerung – sowie einen weiteren Ausbau der Netze im Inland, vor allem im Nord-Süd-Korridor.

Weitere Seekabel im Bau

Nordlink gilt Experten allerdings als Projekt, das als Musterfall die Integration der vielfach noch stark abgeschotteten nationalen Stromnetze voranbringen helfen kann. Je mehr Netze miteinander verbunden seien, desto stabiler werde das System insgesamt, erläutert Professor Michael Berger von der Fachhochschule Westküste in Heide in Schleswig-Holstein. „Ist in einer Region gerade einmal kein Strom aus Sonne oder Wind vorhanden, kann eine andere Gegend aushelfen, in der gerade viel Energie vorhanden ist.“ Irgendwann werde dann das Angebot an Ökostrom so groß sein, dass es keine Engpässe mehr gebe.

Im Bereich der Nordsee-Anrainer hat sich hier bereits Einiges getan. Nordlink ist nicht das einzige Seekabel. Schon länger werden Stromverbindungen zwischen Norwegen und den Niederlanden, den Niederlanden und Großbritannien sowie den Niederlanden und Dänemark betrieben. Gebaut wird derzeit an einer Gleichstrom-Verbindung zwischen Norwegen und Nordengland, genannt „North Sea Link“. Das Seekabel wird den norwegischen Ort Kvildall mit Blyth in der Grafschaft Northumberland verbinden. Die Inbetriebnahme ist für dieses Jahr vorgesehen.

 

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