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Sektorenkopplung

Aufruf zum Experimentieren

Tim Altegör, 07.03.19
Eine große Reform der Energiesteuern würde die vielbeschworene Nutzung von Ökostrom in Wärme und Verkehr befördern. Weil das aber derzeit unwahrscheinlich ist, macht Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister nun einen anderen Vorschlag: Er setzt auf 100 „Testballons“.

Er sei „abgrundtiefer Pragmatiker“, sagt Christian Pegel, der Energieminister von Mecklenburg-Vorpommern. Wie die meisten Experten ist der SPD-Politiker überzeugt, dass die sogenannte Sektorenkopplung zentral ist, um die Energiewende in den kommenden Jahrzehnten wirklich zu vollbringen. Gemeint ist damit, dass Ökostrom künftig nicht mehr nur aus der Steckdose kommt, sondern auch beim Heizen und im Verkehr genutzt wird (ein Erklärvideo gibt es hier). Je nach Technologie muss er dafür noch umgewandelt werden, etwa in klimafreundliches Gas, „Power-to-X“ lautet das Schlagwort.

Doch so richtig geht es damit bislang nicht voran. Als ein Grund gilt die Art, wie die Steuern und Abgaben im Energiesektor organisiert sind: Auf Strom fallen mehr Zusatzkosten an als bei fossilen Brennstoffen, mit denen er in Konkurrenz treten soll. Pegels Amtskollege aus Schleswig-Holstein, Jan Philipp Albrecht, hat deshalb gerade im Bundesrat den Antrag gestellt, die Energiesteuern zu reformieren, erneuerbaren Strom günstiger und CO2-Emissionen teurer zu machen.

Dass sich die Große Koalition in Berlin der Sache demnächst annimmt, hält Christian Pegel allerdings für „nicht sonderlich realistisch“. Die Bundespolitik sei momentan „in einer relativ abwartenden Positionierung“, anders formuliert: Sie will nicht. Deshalb hat Pegel nun einen anderen Vorschlag gemacht und in der Hauptstadt vorgestellt: Mit einer „Experimentierklausel“ sollen 100 Projekte erproben können, wie die sektorenübergreifende Nutzung von Strom wirtschaftlich funktionieren würde.

Zu diesem Zweck sollen für sie die hinderlichen Nebenkosten, vor allem Stromsteuer und EEG-Umlage, entfallen. Kern des Modells, das vom Forschungsinstitut Ikem entwickelt wurde, ist die „Anlagenkopplung“. Stromerzeuger, Speicher und beispielsweise Elektrolyseure zur Umwandlung in Wasserstoff, würden damit als eine gemeinsame Anlage aufgefasst, statt wie derzeit als separate Teile. Dies kann per Direktverbindung, aber auch virtuell geschehen – entscheidend ist, dass die Anlage als Einheit betrieben wird.

Das Ziel sind Geschäftsmodelle

„Die Anlagenkopplung ist die Basis“, über alle anderen Details könne man diskutieren, sagte Ikem-Geschäftsführer Simon Schäfer-Stradowsky beim Gespräch mit Journalisten. Das Ikem hat aber ein detailliertes Konzept erarbeitet, inklusive Gesetzestext. Es sieht unter anderem vor, dass von den 100 Anlagen „bis zu 70“ im Netzausbaugebiet liegen sollen (zu dem Mecklenburg-Vorpommern wie der gesamte Norden gehört) und dass sie zusätzlich zum ohnehin geplanten Erneuerbaren-Ausbau entstehen. Um die Projekte auszuwählen, ist ein zweistufiges Ausschreibungsverfahren vorgesehen. Zunächst sollen die besten Bewerber nach Kriterien wie Klimaeffekt, Innovationsgrad oder Standort vorausgewählt werden. Im zweiten Schritt würden dann diejenigen den Zuschlag erhalten, die mit den geringsten Abschlägen bei Steuern und Abgaben auskommen.

Ihre Sonderkonditionen sollen die erfolgreichen Bieter 20 Jahre lang behalten. Die Idee dahinter ist, dass bei kürzer angelegten Förderprojekten häufig „hinten raus keine Geschäftsmodelle“ entstünden, so Pegel. Erkenntnisse, welche der „Testballons“ als Vorbild für viele weitere Anlagen dienen könnten, erhofft er sich aber bereits nach vier bis fünf Jahren. Alternativ könnte das Experiment auch im Rahmen der im Erneuerbare-Energien-Gesetz vorgesehenen Innovationsausschreibungen stattfinden. Das halten die Studienautoren aber nur für den zweitbesten Plan, weil dann etwa der ausschließliche Fokus auf die Sektorenkopplung fehle.

Plan A, die Experimentierklausel, sei „juristisch minimal-invasiv“, findet Pegel, „mit möglichst wenig Erschrecken“ für die zurückhaltenden Bundespolitiker. Den Vorschlag will er nun mit seinen Länderkollegen und anderen Betroffenen diskutieren. Damit die weitreichende Verknüpfung von Strom, Wärme und Mobilität gelingt, steht für ihn aber fest: „Wir brauchen sehr kurzfristig wenigstens Modellprojekte.“

 

Kommentare (1)

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  • 16.03.19 - 15:52, Tasso Rometsch

    Mir scheint diese ganze Energiewende ist ein TESTBALLON Herr Altegör mit ungewissem Ausgang und exorbitanten Kosten für die Bürger

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