World Nuclear Industry Status Report 2015

Atomkraft baut ab

Joachim Wille, 07.08.15
Immer weniger Atommeiler sind weltweit in Betrieb, zudem steigt ihr Durchschnittsalter. Das hat vor allem Kostengründe und begünstigt die erneuerbaren Energien.

Die vielbeschworene Renaissance der Atomkraft fällt bis auf weiteres aus. Der Anteil der Atomkraftwerke (AKW) am weltweiten Strommix ist von 17,6 Prozent, dem Höchststand im Jahr 1996, auf nur noch 10,8 Prozent anno 2014 gesunken. Gleichzeitig ist die Stromproduktion aus erneuerbare Energien wie Windkraft, Photovoltaik und Biomasse-Verstromung in den vergangenen zwei Jahrzehnten sechsmal so stark gewachsen, wie jene der Kernkraft. Das zeigt der neue „World Nuclear Industry Status Report 2015“ zur Situation der Atombranche, der am 15. Juli in London vorgestellt wurde.

Die Zahl der weltweit betriebenen Atommeiler ist rückläufig. Laut dem jährlich erscheinenden Bericht war das Maximum 2002 mit 438 Reaktoren erreicht. Derzeit sind noch 391 am Netz. Den größten Einschnitt brachte der Super-Gau von Fukushima 2011, in dessen Folge Japan sämtliche AKW stillgelegt hat. Unklar ist allerdings, wie viele der rund 50 noch intakten japanischen Reaktoren wieder anlaufen werden. Die Regierung in Tokio hat den Wiedereinstieg beschlossen, allerdings gibt es starke Widerstände bei den lokalen Behörden, die einem Neustart von Reaktoren zustimmen müssen. Die Internationale Atombehörde (IAEA) führt die japanischen Anlagen weiter als „in Betrieb“ und kommt so aktuell auf weltweit 437 Reaktoren. Tatsächlich wird damit gerechnet, dass mindestens ein Drittel der japanischen AKW den Betrieb wieder aufnehmen könnte. Der globale Höchststand von 2002 würde dadurch aber nicht wieder erreicht.

Das Durchschnittsalter der Reaktoren weltweit steigt derweil – und damit deren Störfallanfälligkeit. Es liegt laut dem Report inzwischen bei knapp 29 Jahren. Mehr als die Hälfte der AKW laufen länger als 30 Jahre, 54 sind sogar älter als 40 Jahre. Der Grund für die Alterung: Die Neubautätigkeit ist stark gesunken. In den 1980er Jahren, der Hochzeit der Atomkraft, gingen pro Jahr teils über 30 Reaktoren neu in Betrieb, inzwischen sind die Zugänge nur noch einstellig. Weltweit werden laut der offiziellen Statistik derzeit 62 Reaktoren neu gebaut, vor allem in China, Russland, Indien und Südkorea. Drei Viertel davon verzeichnen allerdings zum Teil gravierende Bauzeit-Überschreitungen, darunter auch die beiden europäischen Neubau-AKW in Finnland und Frankreich (siehe Seite 65), deren Baukosten zudem von geplanten drei auf rund acht Milliarden Euro anwuchsen. Fünf der als „im Bau“ eingestuften Projekte stehen laut dem Atom-Report bereits seit über 30 Jahren in dieser Rubrik.

Die Autoren rechnen damit, dass die Öko-Energien die Atomkraft als „CO2-freie“ Technologie ablösen werden – und zwar aus Kostengründen. Diese Tendenz zeichne sich bereits ab: Seit 1997, als das Kyoto-Protokoll beschlossen wurde, stieg die jährliche Stromerzeugung aus AKW laut dem Bericht um 147 Terawattstunden (TwH), die aus Windkraft und Solarenergie aber fast sechsmal so stark, um rund 880 TwH. Während die Baukosten neuer AKW explodierten, werde der Ökostrom immer billiger.

Der renommierte Nuklearexperte und Hauptautor des Reports, Mycle Scheider (neue energie 04/2015), forderte angesichts dieser Entwicklungen einen „Realitäts-Check“ der Politik besonders in Ländern wie Großbritannien, die trotzdem einen nukleare Renaissance propagierten. Er warnte davor, AKW-Neubauten – wie beim britischen Projekt Hinkley Point C – mit hohen öffentlichen Subventionen durchzudrücken. Die von der Londoner Regierung geplante Förderung des Projekts wird über die 35 Jahre Laufzeit auf bis zu 108 Milliarden Euro geschätzt. Um das Weltklima zu schützen, seien die Investitionen in die Atomkraft nicht effektiv angelegt, so Schneider. Der Bau der AKW dauere zu lang und sei viel zu teuer. 

Der Report zeigt auch, das nicht nur Deutschland, sondern auch mehrere andere Länder die Atomkraft bewusst abschalten:  Belgien hat feste Ausstiegspläne bis 2022 respektive 2025. Schweden will ältere AKW früher als geplant herunterfahren und Frankreich hat beschlossen, den Atomstrom-Anteil von heute knapp 80 Prozent auf 50 Prozent bis 2050 zu senken.

 

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