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Wissenschaftlich betrachtet*

Endlich: Regierung plant höheren Photovoltaikausbau

Foto: Silke Reents

Foto: Silke Reents

Volker Quaschning, 04.04.16
Geschichte geschrieben habe man und den Planeten gerettet, feierte die Bundesumweltministerin die Ergebnisse des Pariser Klimagipfels im Dezember 2015. Auch wenn andere Themen das Mediengeschehen dominieren, haben die Verhandlungsergebnisse durchaus historischen Charakter.

Erstmals unterstützen alle Länder der Erde den Plan, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Bisher galt ein Limit von zwei Grad Celsius schon als das höchste der Gefühle. Der Klimatrend lief bislang aber eher auf vier bis fünf Grad Celsius bis zum Jahr 2100 hinaus. Gelingt es, die Temperatur wirklich auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, könnten auch tiefer liegende Inselstaaten zumindest teilweise dem Untergang entgehen. Damit würde zudem verhindert, dass sich in den nächsten Jahrzehnten dutzende Millionen an Klimaflüchtlingen zusätzlich auf die Reise machen. Denn die globale Erwärmung droht ganze Landstriche zu überfluten oder anderweitig unbewohnbar zu machen.

Das Einhalten der Pariser Klimaschutzziele wäre angesichts der aktuellen Aufregung über die vergleichsweise geringe Zahl an Flüchtlingen eine sehr beruhigende Nachricht. Um die verkündete 1,5-Grad-Grenze aber auch wirklich einzuhalten, müssten alle Länder der Erde ihre Energiepolitik radikal ändern. Ein Grad Celsius haben wir nämlich schon erreicht. Soll die globale Erwärmung wirklich bei 1,5 Grad Celsius stoppen, müsste als erster Schritt unsere Energieversorgung innerhalb der nächsten 25 Jahre komplett kohlendioxidfrei werden. Viel Zeit bleibt für die Radikalkur bei der Energieversorgung also nicht.

In Deutschland deckten erneuerbare Energien im Jahr 2015 gerade einmal 12,6 Prozent des Primärenergiebedarfs. Über 87 Prozent fehlen noch zu einer 1,5-Grad-tauglichen Energieversorgung. Um das bis zum Jahr 2040 zu schaffen, müsste das Tempo der deutschen Energiewende mindestens um den Faktor vier gesteigert werden. Auch Bundeskanzlerin Merkel hatte gemeinsam mit vielen anderen Regierungschefs mit ihrer Anwesenheit den Klimagipfel demonstrativ unterstützt. Daher hätte ich als Folge einen zwischen den deutschen Ministerien abgestimmten stringenten Plan erwartet, der mit einer völlig neuen Energiepolitik auf die Herausforderungen des Klimaschutzes hinarbeitet.

Kohleausstieg bis 2030, Verbot von neuen Öl- und Gasheizungen in spätestens fünf Jahren und ein Auslaufplan für die Herstellung von Autos mit Verbrennungsmotoren wären einige der dafür nötigen Maßnahmen gewesen. Es ist regelrecht grotesk, dass Deutschland einer Verschärfung der Klimaschutzziele zugestimmt hat, ohne im eigenen Land das Tempo zur Reduktion der Treibhausgase deutlich zu erhöhen. Ohne ein entsprechendes Maßnahmenpaket werden wir das uns noch zustehende Kohlenstoffdioxid-Budget sicher überschreiten. Dann lässt sich das versprochene 1,5-Grad-Klimaschutzziel nur noch mit der nachträglichen Abscheidung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre und der anschließenden umstrittenen Endlagerung untertage erreichen.

In Deutschland sind unterirdische Kohlendioxidendlager ähnlich populär wie Atommüllendlager. In Bayern ist daher ein entsprechender Bau schon mal ganz prinzipiell ausgeschlossen, und auch im Rest der Republik lassen sich damit ganz sicher keine Wahlen gewinnen. Außerdem ist die Abtrennung und Endlagerung von Kohlendioxid deutlich teurer als eine schnelle klimaneutrale Energieversorgung, die ganz ohne entsprechende Endlager auskommt.


 „Das Wirtschaftsministerium arbeitet weiter an einem Plan zur Reduktion des Windenergieausbaus, als hätte es gar kein Klimaabkommen gegeben.“


Im Prinzip gibt es nun drei Varianten, wie es nach Paris weitergeht. In Variante 1 sagen wir unseren Kindern in ein paar Jahren: „Sorry, hat halt nicht geklappt.“ In Variante 2 setzen wir unsere jetzige Energiepolitik fort und lassen unsere Kinder das Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre holen und teuer bezahlen. Ich hatte eigentlich die Bundesregierung so verstanden, dass die Varianten 1 und 2 nicht in Frage kommen. Doch seit Paris ist es still um den Klimaschutz geworden. Das Wirtschaftsministerium arbeitet weiter an einem Plan zur Reduktion des Windenergieausbaus, als hätte es gar kein Klimaabkommen gegeben.

Variante 3 wäre schließlich das Einhalten des 1,5-Grad-Limits mit einer 100 Prozent erneuerbaren Energieversorgung bis zum Jahr 2040 und einer ganz neuen Energiepolitik. Doch davon ist momentan überhaupt nichts zu spüren. Bereits durch die letzte EEG-Novelle ist der Photovoltaikausbau in Deutschland dramatisch eingebrochen. Nach einem Zubau von 7,6 Gigawatt im Jahr 2012 wurden 2015 nur noch gerade einmal 1,4 Gigawatt errichtet. China könnte dieses Jahr im eigenen Land einen fast 20 Mal so hohen Zubau erreichen wie wir in Deutschland. Was die Kompetenz bei Zukunftstechnologien angeht, ist das eine höchst fragwürdige Entwicklung.

Doch das wäre noch ein ganz anderes Thema. Der Photovoltaik-Ausbauplan der Bundesregierung liegt derzeit bei 2,5 Gigawatt pro Jahr. Bislang gab es nicht einmal den Anschein eines Versuchs, wenigstens dieses Ziel zu erreichen. Für den Klimaschutz ist es allerdings Jacke wie Hose, ob wir nun 1,4 oder 2,5 Gigawatt pro Jahr zubauen. Selbst mit 2,5 Gigawatt erreichen wir in 20 Jahren in Deutschland nicht einmal einen Solarenergieanteil von zehn Prozent. Soll bis zum Jahr 2040 eine klimaneutrale Energieversorgung ausschließlich auf Basis erneuerbarer Energien erreicht werden, müssten demnach die Planungen für den jährlichen Windenergiezubau um den Faktor fünf nach oben geschraubt werden. Auch als Windenergiefan bezweifle ich, dass für einen derart hohen Zubau eine flächendeckende Akzeptanz erreichbar ist. Darum sollte der Solarenergiezubau deutlich höher liegen als heute geplant. Selbst bei einer Vervierfachung der Zubauziele für die Photovoltaik auf zehn Gigawatt pro Jahr müssten die Windenergieziele gleichzeitig immer noch mehr als verdoppelt werden.

Doch möglicherweise kommt jetzt Bewegung in die Rettung des Planeten. Zum 1. März hat die Regierung das KfW-Solarstromspeicherprogramm verlängert: Häuslebauer können nun weiterhin einen zinsgünstigen Kredit mit Tilgungszuschuss in Anspruch nehmen, wenn sie einen Batteriespeicher zu ihrer Photovoltaikanlage errichten. Was alleine betrachtet keine allzu spektakuläre Nachricht ist, könnte der Einstieg in einen deutlich schnelleren Solarenergieausbau sein. Bliebe der Solarenergieanteil nämlich, wie derzeit vorgesehen, für immer unter zehn Prozent, würde die Solarstromerzeugung in Deutschland nie den Strombedarf übersteigen. Sämtlicher Solarstrom ließe sich dann dauerhaft ganz ohne Speicher ins Netz integrieren. Der Bau und die Bezuschussung von Solarbatteriespeichern wären reine Geldverschwendung.


 „Denkbar wäre, dass mittelfristig wenigstens jeder zweite Haushalt einen Solarbatteriespeicher erhält.“


Wer in den Genuss des aktuellen Speicherförderprogramms kommen will, muss seine Photovoltaikanlage neuerdings auch noch bei 50 Prozent abregeln. Eine Fünf-Kilowatt-Photovoltaikanlage darf dann nicht mehr als 2,5 Kilowatt ins öffentliche Netz einspeisen. In sehr speziellen Einzelfällen kann das in stark überlasteten Verteilnetzen hilfreich sein. Eine solche Regelung flächendeckend einzuführen, ergibt aber nur Sinn, wenn die Photovoltaikerzeugung in Deutschland auch bundesweit die Nachfrage deutlich überschreitet. Werden alle neuen Photovoltaikanlagen nun mit Batteriespeichern und einer 50-Prozent-Abregelung errichtet, ließen sich damit pro Jahr mehr als fünf Gigawatt – also mehr als doppelt so viel wie die aktuellen Zubauziele von 2,5 Gigawatt – an neuen Anlagen ins Netz integrieren, ohne dass die Photovoltaikerzeugung den Bedarf jemals überschreitet.

Durch die flächendeckende Einführung der Elektromobilität oder durch Power-to-Heat-Anwendungen lassen sich dann pro Jahr auch problemlos dauerhaft zehn Gigawatt oder mehr an Photovoltaikanlagen zubauen. Damit wäre es nur konsequent und logisch, wenn die Regierung nach der Verlängerung des Speicherfördergramms im nächsten Schritt eine neue Solaroffensive startete. Sollte es letztendlich wirklich wahr sein, dass die Bundesregierung sich neuerdings wieder für den Erhalt der Lebensgrundlagen unserer Kinder anstatt für die Geschäftsmodelle von Energiekonzernen einsetzen will?

Ist das neue Interesse an Solarbatterien wirklich ernst gemeint, kann das Solarstromspeicherprogramm auch einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Technologie leisten. Eine Abregelung einer Photovoltaikanlage auf 50 Prozent der Nennleistung lässt sich im Prinzip ohne große Ertragseinbußen realisieren, wie unsere jüngst veröffentlichte 50-Prozent-Studie zeigt. Voraussetzung ist aber eine prognosebasierte Betriebsweise der Batterien. Diese dürfen dann nicht gleich nach Sonnenaufgang geladen werden, sondern je nach Sonnenangebot erst um die Mittagszeit. Statt den Solarstrom infolge der 50-Prozent-Abregelungsgrenze wegzuwerfen, landet er dann in der Batterie und kann in der folgenden Nacht vor Ort genutzt werden.

Momentan beherrschen nur sehr wenige Batteriehersteller diese Betriebsweise perfekt. Das Speicherförderprogramm erzwingt damit geradezu technologische Weiterentwicklungen und stärkt somit längerfristig auch die heimische Industrie und den Standort Deutschland. Denkbar wäre, dass mittelfristig wenigstens jeder zweite Haushalt einen Solarbatteriespeicher erhält. Die dezentrale Speicherkapazität würde dann die aller existierenden Pumpspeicherkraftwerke in Deutschland überschreiten.


 „Damit erhielte eine planlose Energiewende endlich mal ein schlüssiges Konzept.“


Ohne eine entsprechende Speicherkapazität kann der Kohleausstieg in Deutschland nicht gelingen. Momentan laufen noch rund 20 Gigawatt an konventionellen Kraftwerken stets im Verbund mit, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. In einem nächsten Schritt müssten regenerative Anlagen in Kombination mit Speichern auch alle Systemdienstleistungen übernehmen, sodass wir mit zunehmender Stromerzeugung aus Photovoltaik und Windkraft auch wirklich alle fossilen Kraftwerke abschalten können.

Damit erhielte eine planlose Energiewende endlich mal ein schlüssiges Konzept. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Solarstrom-Speicherprogramm nur initiiert wurde, um bei einem weiterhin niedrigen Solarenergiezubau Steuergelder zu verbrennen. Ich habe die Hoffnung, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel in einigen Jahrzehnten seiner Tochter nicht ins Gesicht sagen will: „Sorry Kleines, wir haben das alle mit dem Klimawandel gewusst. Aber wir haben es leider vermasselt, euch eure Zukunft zu retten.“ Lasst uns alle auf den guten Kern der Politiker hoffen und sie auf dem richtigen Weg bestärken.

Schreiben Sie Herrn Gabriel, Frau Hendricks und Frau Merkel und drücken Sie Ihre Freude aus, dass die Regierung mit dem Solarstromspeicherprogramm den Grundstein für einen schnelleren Solarenergieausbau gelegt hat. Und vergessen Sie nicht zu fragen, wann wir in Deutschland endlich damit anfangen, nicht nur über Klimaschutz zu reden, sondern zu handeln. Fragen Sie, wann die Ausbauziele von Solar- und Windenergie wieder deutlich gesteigert werden, um damit das Klimaschutzversprechen einzulösen oder ob den Politikern unsere Kinder am Ende doch völlig egal sind. Die Antwort würde mich sehr interessieren.

* An dieser Stelle lesen Sie einen Gastbeitrag, der nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wiedergibt. Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich.

 

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