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Solarenergie

Desertec 2.0 in Down Under

Foto: Alberto Mazza/picture-alliance/robertharding

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Sonne satt: Das australische „Northern Territory“, in dem ein gigantisches Solarkraftwerk geplant ist, beherbergt auch den Nationalpark Uluru-Kata Tjuta.

Joachim Wille, 05.11.20
Solarstrom wird immer billiger, die Kraftwerke immer riesiger. Nun wagen sich australische Milliardäre sogar an den Stromtransport nach Singapur.

Das mit großen Zukunftshoffnungen gestartete Wüstenstrom-Projekt Desertec scheiterte 2014 kläglich. Die Idee war, Europa mit Fernleitungen zum Teil mit Elektrizität aus Nordafrika und dem Nahen Osten zu versorgen. Doch das Projekt, vorangetrieben von Konzernen wie Siemens, ABB, Eon und Deutsche Bank, war zu ambitioniert. Es wurde aufgegeben. Nun allerdings wird an einer Neuauflage des Konzepts gearbeitet – allerdings ausgerechnet im Kohleland Australien. Ein Teil des dort gewonnenen Stroms soll in einigen Jahren über eine Entfernung von 4500 Kilometern nach Singapur fließen.

Hintergrund ist, dass die Solarstrom-Produktion konkurrenzlos billig geworden ist. Der Bau von Photovoltaik-Großprojekten boomt derzeit weltweit, wie der Infodienst IWR jüngst berichtete. Anlagen mit einer Spitzenleistung von 2000 Megawatt (MW) – so viel wie zwei Atomkraftwerke – sind der neue Standard, während die größten Anlagen bisher nur über einige hundert MW verfügten. Gebaut wurden und werden diese Mega-Projekte in Indien, China und den Vereinigten Emiraten.

Sehr viel günstiger als Kohle

In Indien ist im Frühjahr der Solarpark Bhadla im Norden des Landes an der Grenze zu Pakistan fertig geworden, mit dem letzten Teilprojekt wurden insgesamt 2200 MW erreicht. Der gesamte Komplex erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 14.000 Hektar, entsprechend fast 20.000 Fußballfeldern. In China steht ein ähnlich großer Solarpark in der Provinz Qinghai im tibetischen Hochland, Inbetriebnahme war im September. Er ist mit einem Speicher gekoppelt, der die Stromabgabe auch zeitversetzt ermöglicht. Angeschlossen ist der Qinghai-Komplex an eine Ultrahochspannungsleitung, die die Elektrizität vom Westen in den dicht besiedelten Osten des Landes transportiert. Die Bauzeit lag angeblich nur bei rekordverdächtigen vier Monaten.

Wie billig der Solarstrom im Sonnengürtel der Erde produziert werden kann, zeigt das dritte aktuelle Mega-Projekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das etwa 35 Kilometer von der Stadt Abu Dhabi entfernt errichtet wird und ab 2022 produzieren soll. Der Stromabnahmevertrag für die 2000-MW-Anlage mit dem Versorger Emirates Water and Electricity Company sieht umgerechnet 1,15 Eurocent pro Kilowattstunde vor. Strom aus neu gebauten Kohlekraftwerken ist deutlich teurer, die Internationale Energieagentur IEA nennt für Anlagen zum Beispiel in Indien 4,7 Eurocent, in China 6,4, in den USA 9,9.

Unterdessen laufen in Australien Planungen für ein Photovoltaik-Kraftwerk, dass selbst diese Mega-Anlagen in den Schatten stellt. Mit zehn Gigawatt (10.000 MW) noch fünfmal größer soll die Anlage im Norden des Kontinents werden, die derzeit vom Energieunternehmen Sun Cable aus Singapur entwickelt wird. Entstehen wird sie nach den Plänen auf einem ehemaligen Farmgelände im „Northern Territory“, zwischen Alice Springs und der Hauptstadt des Nordens, Darwin. Der Standort ist bekannt für seine extrem hohe Sonneneinstrahlung. Geplant ist eine Speichereinrichtung mit einer Kapazität von 30 Gigawattstunden, die eine Stromlieferung rund um die Uhr ermöglichen soll, also auch nachts und bei bedecktem Himmel. Sun Cable will vorgefertigte, schnell einsetzbare Solaranlagen nutzen, die in einer eigenen Fabrik in Australien produziert werden sollen.

Transport per Unterseekabel

Der Strom aus dem Kraftwerk soll die Region versorgen, ein großer Teil allerdings auch in den südostasiatischen Stadtstaat Singapur exportiert werden. Das Konzept sieht vor, den Ökostrom zuerst über eine 750 Kilometer lange Hochspannungsleitung in die 130.000-Einwohner-Küstenstadt Darwin. Von dort soll der Weitertransport nach Singapur dann über Unterseekabel laufen. Geplant ist, rund 20 Prozent des Strombedarfs des Stadtstaats damit zu decken. Den geplanten Exportwert der Elektrizität beziffert Sun Cable auf zwei Milliarden australische Dollar (1,2 Milliarden Euro) jährlich.

Geplanter Stromtransport

Geplanter Streckenverlauf für die Solarstromleitung nach Singapur. Quelle: Sun Cable

Die Kosten des Gesamtprojekts werden auf 22 Milliarden australische Dollar taxiert, umgerechnet rund 13,3 Milliarden Euro. Im Jahr 2023 soll mit dem Bau begonnen werden, 2026 soll der erste Strom fließen und 2027 der Export nach Singapur beginnen. Angeschoben haben den Plan unter anderem der australische „grüne“ Internet-Milliardär und Co-Chef der Software-Firma Atlassian, Mike Cannon-Brookes, und der Bergbau-Unternehmer Andrew Forrest.

Bemerkenswert ist, dass die kohlefreundliche australische Regierung unter Ministerpräsident Scott Morrison dem Projekt im Sommer den offiziellen Status eines „Großprojekts“ verlieh und damit Unterstützung zusicherte. Industrieministerin Karen Andrews sprach sogar davon, ihr Land werde damit zum „Führer auf dem Weltmarkt“, und Energiemister Angus Taylor erkannte darin eine „strategische Bedeutung“. Eine Kehrtwende in der Energiepolitik bedeutet das allerdings noch nicht. Gleichzeitig hat die Regierung nämlich die Laufzeit von Kohlekraftwerken verlängert und erklärt, Erdgas solle als „Übergangsenergie“ eingesetzt werden. Der Pro-Kohle-Kurs der Regierung kommt allerdings zunehmend unter Druck. Jüngst kündigte die ANZ-Bank als dritte Großbank an, keine neuen Kredite für Kohleprojekte zu vergeben und bestehende Kredite an Kohleunternehmen bis 2030 auslaufen zu lassen. Vielleicht investieren sie das Geld lieber in Desertec 2.0.

 

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