Anzeige
Interview

„Ohne Elektroautos geht es nicht“

Interview: Joachim Wille und Jörg-Rainer Zimmermann, 09.10.15
…ist sich Udo Lambrecht sicher. Der Verkehrsexperte vom Heidelberger Ifeu-Institut wünscht sich, dass Politik, Industrie und Verbraucher gemeinsam mutig die Etablierung der E-Mobilität vorantreiben, jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Den jüngsten Manipulationsskandal bei VW sieht er als Chance für die politischen Institutionen, sich mehr auf unabhängigen Sachverstand als auf die Automobil-Lobby zu verlassen.

neue energie: Herr Lambrecht, gesetzt den Fall, man hat genug Geld für ein Elektroauto – macht es für den Klimaschutz überhaupt Sinn, darauf umzusteigen?

Udo Lambrecht: Ja, das macht Sinn. Zwar hat der heutige Strommix in Deutschland noch hohe Anteile an Kohle und Kernenergie und belastet damit die Ökobilanz eines jeden Stromverbrauchers, also auch des Elektroautos. Unsere Bilanzen zeigen aber: Unterm Strich – Fahrzeugherstellung, Nutzung und Entsorgung eingerechnet – haben selbst Elektroautos in der Fünf-Sitzer-Klasse und mit entsprechend großen Batterien beim heutigen Strommix einen deutlichen Klimavorteil, zumindest gegenüber Benzinern. Sie sind in etwa vergleichbar mit effizienten Diesel-Pkw, zudem stoßen sie keine Auspuffemissionen aus.

neue energie: Sie sprechen die Vergleichbarkeit an. Inwieweit kann man angesichts der Skandale in der deutschen Autoindustrie den Hersteller-Angaben überhaupt noch vertrauen – auch wenn es bei VW und BMW nicht um die CO2-Werte ging?

Lambrecht: Das ist in der Tat ein sehr wichtiger Punkt und betrifft neben den Umweltbilanzen auch die Glaubwürdigkeit der Automobilindustrie. Die Abweichungen zwischen den im Zulassungszyklus (NEFZ) gemessenen Werten, also den Daten, die Sie auch in den Prospekten der Autohersteller lesen, und den Realverbräuchen haben in den letzten Jahren stark zugenommen. So zeigt eine aktuelle umfangreiche Auswertung von Datensätzen, die ICCT zusammen mit Ifeu gemacht hat, dass die Differenz zwischen NEFZ und dem Verbrauch auf der Straße der neuzugelassenen Pkw im Mittel von acht Prozent im Jahr 2010 auf heute etwa 40 Prozent gestiegen ist. Für die Treibhausgasbilanzierungen haben wir aber nicht den Verbrauch im NEFZ genommen, sondern realistische Fahrmuster und auch die Nebenverbraucher wie die Klimatisierung modelliert. Gerade bei Elektroautos wirkt sich das auf den Verbrauch aus. Denn gerade hier – ob jetzt als Plug-in-Hybrid oder reines Elektrofahrzeug – hängt der Stromverbrauch und damit die elektrische Reichweite sehr vom persönlichen Nutzungsmuster ab. Deshalb entwickeln wir zurzeit zusammen mit dem ADAC auch eine App, mit der der individuelle Verbrauch aktueller Fahrzeugmodelle für das eigene Fahrmuster ermittelt werden kann. Das Ganze ist in der intensiven Entwicklung. Wir glauben, dass man damit zukünftig eine stärkere Transparenz in die Verbrauchsdiskussion bekommt.

neue energie: Kommen wir zum Klimavorteil der Stromer zurück. Im Grunde lässt sich Ihre Position auch so verstehen, dass man einfach einen Diesel fahren kann – und keinen Ärger wegen der kurzen Reichweite hat ...

Lambrecht: Das greift zu kurz. Die Ökobilanz des E-Autos wird sich mit der Weiterentwicklung der Energiewende stark verbessern. Ein heute gekauftes Auto wird in zehn Jahren mit über 40 Prozent Ökostrom fahren, weil der Strommix das dann hergibt, und auch ohne Kernkraft, denn der Atomausstieg soll 2022 abgeschlossen sein. Heute gekaufte Benziner und Diesel dagegen werden dann weiterhin mit fossilen Kraftstoffen und einem kleinen Anteil Agrosprit betrieben werden. Zudem haben Elektroautos natürlich einen großen Vorteil dort, wo sie fahren: Sie punkten mit Null-Emission im Straßenraum und geringeren Lärmwerten. Gerade die aktuelle Diskussion um die Stickoxide aus dem Auspuff zeigt, wie empfindlich die Abgasemissionen der mit Kraftstoff betriebenen Fahrzeuge auf eine manipulierte oder defekte Schadstoffminderung reagieren und dann in der Realität ein Vielfaches höher liegen kann, als es der Grenzwert suggeriert. Hinzu kommt, dass es hinsichtlich der Gefährlichkeit von Abgasemissionen in den letzten Jahren geänderte Einschätzungen gab: Die lokalen Belastungen durch Stickoxide und Ultrafeinpartikel spielen eine größere Rolle. Diese Probleme hat das Elektro-Auto nicht – zumindest nicht vor Ort, höchstens im Kraftwerkspark.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews mit Udo Lambrecht. Das komplette Gespräch finden Sie in der Ausgabe 10/2015 von neue energie.

Kommentare (0)

Kommentar verfassen»

Kommentar verfassen

Aktuelles Magazin

Ausgabe Nr. 05 / 2020

Erziehungssache - Digitale Technik kann dem Klima helfen, wenn wir sie trimmen

Bisherige Ausgaben »
Anzeige

Social Media

Anzeige
Anzeige