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Klima und Artenvielfalt

Zwei eng verflochtene Krisen

Joachim Wille, 15.06.21
Für einen neuen Bericht haben sich Weltklimarat und Weltbiodiversitätsrat zusammen getan. Ihre Botschaft: Die beiden Menschheitsaufgaben Klimaschutz und Erhalt von Ökosystemen müssen zusammen gelöst werden.

Der Kampf gegen die Erderwärmung ist eine der Hauptaufgaben von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Allerdings kommt es darauf an, bei den Maßnahmen darauf zu achten, dass sie nicht in Konflikt mit dem Naturschutz kommen. Ein nicht durchdachter Klimaschutz kann nämlich schwerwiegende Folgen für Ökosysteme und die von ihnen abhängigen Pflanzen und Tierarten haben. Das sind die Kernaussagen aus einem gemeinsamen Bericht des Weltklimarats IPCC und des Weltbiodiversitätsrats IPBES, der jetzt veröffentlicht wurde. Diese UN-Forschungsinstitutionen haben erstmals gemeinsam über Lösungen für die beiden eng verflochtenen Krisen beraten.

Der Report mit dem Titel „Biodiversität und Klimawandel“ zeigt an vielen Beispielen auf, wie Klimawandel und Artenschwund zusammenhängen. So hat die Zerstörung von Wäldern, Torfgebieten, Mangroven und anderen Ökosystemen nicht nur die Wildtierpopulationen dezimiert, die normalerweise dort leben, sondern auch große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid freigesetzt. Umgekehrt schädigen die steigenden Temperaturen und extremere Wetterverhältnisse zunehmend die Artenvielfalt.

Der Bericht identifizierte Maßnahmen, mit denen die Klima- und Naturkrise gleichzeitig bekämpft werden können. Dazu zählen die Ausweitung von Naturschutzgebieten und die Wiederherstellung von Ökosystemen, die sowohl kohlenstoff- als auch artenreich sind – etwa Wäldern, natürlichem Grasland, Tangwäldern und Salzwiesen. Die 50-köpfige Forschergruppe fordert konkret, 30 bis 50 Prozent der Meeres- und Landflächen weltweit unter Schutz zu stellen; zurzeit gilt das erst für etwa 15 Prozent der Flächen. Weiter wird in dem Report der Übergang zur abfallfreien Kreislaufwirtschaft gefordert – mit weniger Ressourcen- und Energieverbrauch als Ziel. Die Welt müsse weg von Wegwerfprodukten.

Moore als doppelter Gewinn

Schutz und Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme sind laut dem Bericht der schnellste und billigste Weg, überschüssiges CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Die Emissionen fossiler Brennstoffe zu senken, sei wichtig, reiche aber nicht aus, sagte Co-Autorin Camille Parmesan von der britischen Universität Plymouth. „Wir können einen gefährlichen Klimawandel nicht vermeiden, ohne einen Teil des Kohlenstoffs, den wir bereits in die Atmosphäre eingebracht haben, wieder zu entnehmen. Und der beste Weg, Kohlenstoff zu entnehmen, ist, die Kraft der Pflanzen zu nutzen“, sagte die Professorin.

Die Kenntnisse zur Wiederherstellung von Ökosystemen sind dem Expertenteam zufolge in den vergangenen 40 Jahren stark gewachsen. Man sei heute in der Lage, auch komplexe Systeme wie tropische Regenwälder, Feuchtgebiete an der Küste, Tangwälder und Seegraswiesen so gut wiederherzustellen, dass sie fast ihre frühere Vielfalt zurückerlangen.

Ein weiterer Autor, der Klimaforscher Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, kommentierte: „Klimaschutz wird oft ohne Artenvielfalt gedacht, das müssen wir ändern.“ Als besonders positives Beispiel gilt die Wiedervernässung von trockengelegten Mooren. Dies bindet viel CO2, lässt aber gleichzeitig ein Biotop für viele Arten entstehen.

Die Experten warnten allerdings davor, dass Maßnahmen gegen die eine der beiden Krisen unbeabsichtigt die andere verschlimmern können. Ein Beispiel dafür ist die Schaffung von Baumplantagen in Monokultur. Sie speichern zwar beim Wachstum wie gewünscht durch Photosynthese Kohlenstoff, sind aber sehr artenarm und anfällig für extreme Wetterbedingungen. „Biomasseplantagen sind eine richtig schlechte Idee, wenn wir Klimaschutz und Biodiversität kombinieren wollen“, warnte Professor Josef Settele vom Umweltforschungszentrum (UFZ) in Halle, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. So gebe es auch in Maisfeldern, die oft für die Nutzung der Biomasse in Biogas-Anlagen zur Strom- und Wärmeproduktion genutzt werden, nur eine geringe Artenvielfalt.

Wandel im Agrarsektor nötig

Ein besonderes Augenmerk legen die Expertinnen der beiden Räte auf den Agrarsektor. Da die Ernährungssysteme weltweit rund ein Drittel aller Treibhausgas-Emissionen verursachten, sei eine nachhaltigere Landwirtschaft wichtig. Um sie zu erreichen, gibt es laut dem Report drei Hauptansätze: Kontraproduktive Agrarsubventionen abschaffen, Lebensmittelabfälle reduzieren sowie die Produktion von Fleisch und Milchprodukten verringern, vor allem in den Industrieländern.

„Tierische Landwirtschaft emittiert nicht nur zehn bis 100-mal mehr Treibhausgase pro Produkteinheit als pflanzliche Lebensmittel, sie verbraucht auch zehn bis 100-mal mehr Land“, erläuterte Professor Pete Smith von der Universität Aberdeen. Mehr pflanzliche Ernährung bedeute eine umweltfreundlichere Landwirtschaft, sagte er, und es stünde dann mehr Land zur Verfügung, auf dem naturbasierte Lösungen für den Klima- und Naturschutz angewendet werden können.

Umweltpolitiker und Umweltverbände begrüßten den Bericht. Es sei klar, dass Klima- und Biodiversitätskrise nicht isoliert gelöst werden können, sagte Norwegens Klima- und Umweltminister Sveinung Rotevatn. „Entweder wir lösen beide oder wir lösen keine von beiden.“ Sein britischer Amtskollege Zac Goldsmith, meinte: „Dies ist ein absolut kritisches Jahr für Natur und Klima.“ Mit den im Herbst stattfindenden UN-Gipfeln zu Klima und Biodiversität im schottischen Glasgow respektive im chinesischen Kunming gebe es die Chance, „die Welt auf einen Pfad der Erholung zu bringen“.

 

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