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Klimawandel und Gesundheit

„Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns.“

Foto: Dominik Butzmann

Foto: Dominik Butzmann

Interview: Astrid Dähn, 01.04.21
...sagt Eckart von Hirschhausen. Für den Mediziner und Komiker bedeutet der Abschied vom ausbeuterischen Umgang mit unserem Planeten nicht Verzicht, sondern einen Gewinn an Gesundheit und Lebensqualität. Er setzt dabei auf globale Zusammenarbeit – und auf die Kraft des Humors.

neue energie: Wie sind Sie dazu gekommen, sich dem Thema Klimawandel und Gesundheit zu widmen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Eckart von Hirschhausen: Entscheidend für mich war meine Begegnung mit Jane Goodall. Ich traf sie vor zwei Jahren für ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis, und diese Dame von über 80 Jahren ist eine der charismatischsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein für die Menschenaffen. Heute ist Goodall die weltweit bekannteste Umweltaktivistin. Sie stellte mir eine ganz einfache Frage: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause? Diese Frage hat mich schlucken lassen und mir aufs Eindringlichste gezeigt, dass wir handeln müssen.

ne: Haben Sie persönlich bereits die Erfahrung gemacht, dass der Klimawandel Rückwirkungen auf Ihr köperliche Wohlbefinden hat?

von Hirschhausen: Ich erinnere mich besonders eindrücklich an den Hitzesommer 2018. Ich war bei Freunden in Frankreich in einer Dachgeschosswohnung und konnte nicht mehr schlafen. Es war einfach unerträglich heiß. Am schlimmsten waren die Nächte. Die Sonne war zwar weg, aber es kühlte schlichtweg nicht mehr ab. Warm war es in der Region schon immer, aber diesen Sommer waren es einfach die entscheidenden Grade zu viel. An Erholung war nicht zu denken, alles, was eigentlich Spaß machte, wurde anstrengend.

ne: Es geht bei der zunehmenden Hitze aber nicht nur um verdorbenen Ferienspaß...

von Hirschhausen: Nein, die schlimmer werdende Hitze hat ganz konkrete Folgen: Ältere Leute sterben, weil sie den Kreislaufbelastungen nicht standhalten können. Außerdem werden sich sämtliche Infektionskrankheiten verschlimmern und auch nach Deutschland kommen. Malaria, Dengue-Fieber oder Gelbfieber zum Beispiel. Es leben jetzt schon Mücken in Baden-Württemberg, die solche Infektionen übertragen können. Weil die Winter milder und kürzer werden, werden auch Allergien wie Heuschnupfen viel extremer.

ne: Wie kann man dagegen am besten vorgehen? Hat man schon eine fundierte Diagnose und einen passenden Therapieplan für die 'Krankheit Klimawandel'?

von Hirschhausen: Das ist ein wichtiger Punkt, der mich als Arzt besonders wurmt – dass wir in den großen Zukunftsfragen nicht die wichtige und richtige Reihenfolge einhalten: erst die Diagnose klären, dann reden wir über Therapiemaßnahmen. Wenn Sie glauben, Sie haben einen Spannungskopfschmerz, der mit Aspirin weggeht, und ich verordne Ihnen Chemo, würden Sie mich für bekloppt halten und sich einen anderen Arzt suchen. Erst wenn ich Ihnen gesagt hätte, Sie haben etwas Ernstes, würden Sie verstehen, warum auch die Gegenmaßnahmen radikaler sein müssen. Wenn wir also über Umweltschutz reden, muss man es einmal deutlich sagen – wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns.

ne: Das heißt, eigentlich müssten alle alarmiert sein. Bekommt das Thema entsprechende Aufmerksamkeit, etwa in Politik und Öffentlichkeit?

von Hirschhausen: Leider nein. Die Behandlung müsste an mehreren Bereichen ansetzten, wie Energieerzeugung, Mobilität und Ernährung. 100 Prozent erneuerbare Energie ist in Deutschland technisch möglich, ökonomisch sinnvoll und erst recht ökologisch geboten. Es gibt die Lösungen längst, es fehlt aber der politische Wille, sie umzusetzen. Und aus Angst um die 20.000 Arbeitsplätze in der veralteten und desaströsen Kohle wird ein Eiertanz aufgeführt, statt dass wir über die Zukunftschancen sprechen, die wir gerade verspielen. In der deutschen Solarbranche sind 80.000 Arbeitsplätze vernichtet worden, über die sich jetzt die Chinesen freuen.

ne: Wir befinden uns gerade mitten in einer anderen Gesundheitskrise, der Corona-Pandemie. Kann man aus dem Umgang mit der Pandemie etwas für den Umgang mit den Klimagesundheitsrisiken lernen?

von Hirschhausen: Das sind keine verschiedenen Krisen, die Krisen hängen direkt und unmittelbar zusammen. Wir müssen Gesundheit global denken. Ein Virus fragt nicht nach einem Visum, um Ländergrenzen zu überspringen. So wenig wie ein C02-Molekül in der Atmosphäre fragt, aus welchem Land es kam. Die großen globalen Krisen hängen sehr eng miteinander zusammen: Die Pandemie ist die Folge der Zerstörung der natürlichen Lebensräume der Wildtiere. Acht Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Luftverschmutzung, und eine Lunge, die Dreck einatmen muss, ist viel anfälliger für Corona. Klimaschutz und Tierschutz sind auch Gesundheitsschutz, wenn wir das aus dem letzten Jahr gelernt haben, war es wenigstens zu etwas gut. Dieser Kerngedanke nennt sich international 'One Health' oder auf Deutsch: Gesunde Erde – Gesunde Menschen.

ne: Das ist auch der Name der Stiftung, die Sie ins Leben gerufen haben. Welchem Zweck dient diese Stiftung genau?

von Hirschhausen: Es gibt ein Zeitfenster von wenigen Jahren, in dem wir entscheiden können, ob wir dauerhaft und unwiderruflich das Erdsystem überhitzen oder eine enkeltaugliche Welt erschaffen. Wissenschaft allein verändert kein Verhalten und führt nicht zu den politischen Entscheidungen, die jetzt notwendig sind – um die Not zu wenden. Mit der Stiftung 'Gesunde Erde – Gesunde Menschen' möchte ich dazu beitragen, dass diese notwendige Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neues Futter und neuen Schwung bekommt.

ne: Was kann die Stiftung dafür konkret tun?

von Hirschhausen: Dazu brauchen wir einen frischen 'Spirit': überparteilich, kooperativ, generationsübergreifend und mit ansteckend guter Laune. Mein Team und ich arbeiten an vielfältigen Projekten, zum Beispiel an einer greifbaren neuen Art der Klima-Kommunikation, die Aufklärung zum Zusammenhang von globaler Gesundheit und Klimawandel betreibt. Oder an Vernetzungsprojekten, um bestehende Akteure aus der Nachhaltigkeits-, Politik- und Kirchenszene zusammenzubringen. Ziel all unserer Aktivitäten ist, der deutlichen Mehrheit unserer Gesellschaft bewusst zu machen: Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten.

ne: Wie ist die Resonanz der Menschen auf Ihr Engagement?

von Hirschhausen: Ich würde sagen, von Aufwind bis Gegenwind ist alles vertreten. Dennoch werde ich bei diesem Thema nicht müde zu betonen: Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Es ist wahnsinnig anstrengend mit Klimaleugnern zu diskutieren – jeder meiner Facebook-Posts zu diesem Thema wird teilweise sehr tendenziös und manchmal schlicht unterirdisch hasserfüllt kommentiert. Aber es ist dringend nötig, es immer wieder zu betonen: Der Klimawandel ist real und menschengemacht. Und deshalb können und müssen wir Menschen etwas dagegen tun.

ne: Kann die Medizin im Kampf gegen den Klimawandel mehr erreichen als andere wissenschaftliche Diszplinen, einfach weil Ärzte im Allgemeinen ein enorm großes Vertrauen in der Bevölkerung genießen und daher die Menschen eher zum Umdenken bewegen können?

von Hirschhausen: Die Gesundheitsberufe spielen in der Tat eine Schlüsselrolle. Am 20. September 2019 durfte ich beim globalen Klimastreik vor dem Brandenburger Tor zu 270.000 Menschen sprechen, warum die Klimakrise ein medizinischer Notfall ist. Als Arzt habe ich gelernt, dass der Mensch maximal 41 Grad Körpertemperatur aushalten kann. Wir hatten im Sommer bereits Tage mit 42 Grad in Deutschland. Es sterben Tausende Menschen durch die Hitzewellen, wir bekommen verschiedene Tropenkrankheiten zurück, und der ganze Wahnsinn der fossilen Brennstoffe von Braunkohle bis Diesel kostet enorm viele Lebensjahre durch den Schmutz, den wir einatmen. Die eigene Gesundheit ist den Menschen viel näher als der Eisbär. Und Ärzten und Pflegekräften wird mehr geglaubt als Politikern. Deshalb spielt 'Health for Future' eine zentrale Rolle, um viele Menschen aufzuwecken. Und deshalb bin ich stolz, dass wir zusammen mit der Allianz Klimawandel und Gesundheit vor der Charité demonstriert haben und dass die Ärzteverbände vom Weltärztebund, dem Lancet Climate Countdown bis zum Deutschen Ärztetag jetzt das Thema Klimakrise und Gesundheit vorantreiben.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Den ausführlichen Text lesen Sie in der Ausgabe 04/2021 von neue energie.


Eckart von Hirschhausen

ist Mediziner, Komiker und Wissenschaftsjournalist. Neben seinen Auftritten in Theater und Fernsehen verfasst er Sachbücher und ist Chefreporter der Zeitschrift "Hirschhausens Stern Gesund leben". Hinter den Kulissen engagiert sich von Hirschhausen für den Klimaschutz: Er ist Mitglied der "Scientists for Future" und hat letztes Jahr die Stiftung "Gesunde Erde – Gesunde Menschen" gegründet

 

Kommentare (1)

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  • 11.04.21 - 18:50, Klaus Lippok

    Wenn der Mensch bis 41 Grad Celsius funktioniert dann bitte ich doch den Techniker bei der nächsten Debatte über das EEG die Temperatur im Plenarsaal des Reichstag auf 41 Grad zu setzen. Dann kommen wir schneller zu substantiellen Beschlüssen und Herr Altmaier verliert rasch an seinen "Pfunden".

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