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COP25

Trübe Aussichten

Foto: picture alliance / Photoshot

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Chiles Umweltministerin Carolina Schmidt Zaldivar leitet den Klimagipfel in Madrid.

Joachim Wille, 02.12.19
Heute startet der diesjährige Klimagipfel in Madrid. Im Vorfeld wird klar: Die Kehrtwende bei den Treibhausgas-Emissionen ist immer noch nicht in Sicht. So mancher Klimaforscher ist mittlerweile desillusioniert.

Es klang ziemlich verzweifelt: Der Chef der Welt-Meteorologie-Behörde, Petteri Taalas, gab kürzlich in Genf die Daten zum globalen CO2-Ausstoß für 2018 bekannt. Der Wissenschaftler hatte keine gute Nachricht zu verkünden. Jedes Jahr bringe einen neuen Rekord bei den Emissionen, trotz aller Klimaschutz-Versprechen der Länder im Pariser Weltklima-Vertrag, sagte der Finne. Und mahnte: „Wir müssen die Versprechen endlich in Taten übersetzen.“ Der Termin war mit Bedacht gewählt – in der Woche vor dem turnusmäßigen UN-Klimagipfel, der am heutigen Montag in Madrid beginnt.

Tatsächlich gab es im vergangenen Jahr wieder einen neuen Spitzenwert bei den Treibhausgasen. Die CO2-Konzentration ist auf 407,8 ppm (Teile pro Million Teile Luft) gestiegen, 2017 waren es 405,5 ppm. Der Wert liegt damit um rund 45 Prozent über dem Niveau der vorindustriellen Zeit von 280 ppm.

Doch damit nicht genug: Die Zunahme war sogar höher als im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Heißt: Von Klimaschutz keine Spur. Oder wie es Taalas ausdrückte: „Es gibt keinen Hinweis auf eine Verlangsamung des Langzeittrends, geschweige denn einen Rückgang.“ Das ist in der Tat dramatisch. Denn 430 bis 480 ppm gelten als Obergrenze, wenn die Erderwärmung bei zwei Grad Celsius gestoppt werden soll. Für die eigentlich wünschenswerten 1,5 Grad liegt sie noch niedriger.

Die Lücke wird größer

Auch das UN-Umweltprogramm Unep kommt in seiner aktuellen Analyse, dem „Emissions Gap Report“, zu ernüchternden Ergebnissen. Die Behörde untersucht darin, wie stark die Staaten der Erde ihren Treibhausgas-Ausstoß gegenüber ihren aktuellen Plänen herunterfahren müssen, um das Zwei-Grad-Limit zu halten, wie sie es im 2015 geschlossenen Paris-Vertrag versprochen haben. Da die Emissionen um zwei Prozent gestiegen sind, vergrößert sich die Lücke, die zu schließen ist, um auf das verträgliche Niveau zu kommen.

Derzeit pustet die Weltgemeinschaft pro Jahr rund 55,3 Milliarden Tonnen Treibhausgase – CO2, Methan und Lachgas, umgerechnet in CO2-Äquivalente – in die Atmosphäre. Ohne Trendwende sind laut Unep 2030 rund 60 Milliarden zu erwarten. In diesem Jahr dürften es für das Zwei-Grad-Ziel nur noch 40 Milliarden Tonnen sein. Und für eine Erwärmung von 1,5 Grad sogar nur 23 Milliarden.

Anders gerechnet: Um das 1,5-Grad-Limit zu halten, müsste der Treibhausgas-Ausstoß ab sofort jährlich um 7,6 Prozent sinken – während er tatsächlich steigt und steigt. Die 1,5 Grad gelten als eine Art Sicherheitsnetz. Nur wenn diese Marke eingehalten wird, stehen die Chancen gut, dass bestimmte Kippelemente des Weltklimas nicht ausgelöst werden – wie das Abschmelzen des Grönland-Eisschilds oder das Austrocknen des Amazonas-Regenwalds.

Ankündigungen seit 1992

Die neuen Zahlen zeigen: Ohne eine radikale Kurskorrektur ist das nicht zu schaffen. Von etwa 1850 bis heute hat sich das Weltklima im Schnitt um rund ein Grad erwärmt. Bleibt alles wie bisher, wird das 1,5-Grad-Limit laut dem Forschungsprojekt „Climate Action Tracker“ bereits um 2035 überschritten werden, das Zwei-Grad-Limit etwa 2053.

Die neue Unep-Chefin Inger Andersen kommentierte: „Unser kollektives Versagen, frühzeitig und entschlossen zu handeln, führt dazu, dass wir jetzt viel tiefere Einschnitte bei den Emissionen vornehmen müssen.“ Tatsächlich hat die Weltgemeinschaft über ein Vierteljahrhundert mit ineffektiver Klimapolitik zugebracht. Schließlich hatte sie bereits auf dem UN-Gipfel 1992 in Rio de Janeiro die Weltklimakonvention verabschiedet, die von allen Staaten Schritte fordert, die eine „gefährliche“ Störung des Klimasystems verhindern. Damals betrug der gesamte Treibhausgas-Ausstoß pro Jahr erst rund 38 Milliarden Tonnen. Heute liegt er rund 45 Prozent höher. Die energiebedingten Emissionen stiegen sogar um mehr als 70 Prozent.

Von 2014 bis 2016 sah es so aus, als hätte der globale CO2- Ausstoß seinen Höhepunkt bereits erreicht und als könnte nun der erhoffte Abstieg kommen. Die Emissionen stiegen kaum mehr – vor allem, weil China, das alleine rund die Hälfte der Kohle weltweit nutzt, weniger von diesem besonders CO2-intensiven Energierohstoff verbrannte. Doch als 2017 die Wachstumsraten der Weltwirtschaft wieder nach oben gingen, war die Hoffnung dahin.

2020 sollen schärfere Ziele her

Erschwerend kommt hinzu, dass auch die USA, nach China der zweitgrößte globale Einheizer, ihre Emissionen, die etwa seit 2005 gesunken waren, unter Präsident Donald Trump zuletzt wieder gesteigert haben. Dass die EU, verantwortlich für rund zehn Prozent der globalen Emissionen, klimapolitisch einigermaßen im Plan ist, reißt die Sache nicht heraus.

Die Unep-Klimaexperten sagen voraus, dass die Weltgemeinschaft das 1,5- bis Zwei-Grad-Ziel weit verfehlen wird, wenn die Staaten ihre CO2-Ziele nicht nachschärfen. Setzen sie nur ihre bisherigen Pläne um, steigt die Temperatur bis 2100 laut Gap-Report um voraussichtlich 3,2 Grad. Schaffen sie selbst das nicht, drohen sogar bis zu 3,9 Grad. Das wäre eine katastrophale Entwicklung.

Dass ihre Ambitionen nicht reichen, wissen die Regierenden dieser Welt. Deswegen sieht der Paris-Vertrag vor, die CO2-Ziele alle fünf Jahre zu überprüfen und zu verschärfen. Erstmals soll das 2020 umgesetzt werden. Das wollen die Staaten in Madrid vorbereiten. So muss unter anderem das „Regelbuch“ für die Anwendung des Vertrags fertiggestellt werden. Konkret geht es hier um die Richtlinien zum internationalen Handel mit CO2-Zertifikaten.

Nur wenn klar ist, ob und wie zum Beispiel Industriestaaten ihre Klimaziele auch durch Kauf dieser „Verschmutzungslizenzen“ in Entwicklungsländern erfüllen können, werden viele Staaten ihre ambitionierteren CO2-Pläne ausarbeiten, die dann vor dem Gipfel im britischen Glasgow Ende 2020 eingereicht werden sollen. Ansonsten geht es in Madrid unter anderem auch darum, wie die Weltgemeinschaft mit Verlusten und Schäden („loss and damage“) umgehen wird, die nicht mehr zu verhindern sind – und gerade Entwicklungsländer auch ökonomisch schwer treffen können.

Letzter Ausweg CO2-Filter?

Beim Klima-Sondergipfel, zu dem UN-Generalsekretär Antonio Guterres im September die Staats- und Regierungschefs eingeladen hatte, versprachen rund 70 der 197 Vertragsstaaten, ambitionierte Pläne mit Zieljahr 2030 fristgerecht vor Glasgow vorzulegen. Große Hoffnungen liegen dabei auf China und Europa. Peking könnte seinen CO2-Höhepunkt von 2030 vorziehen, und die EU diskutiert darüber, ob sie ihr bisheriges Ziel von minus 40 Prozent CO2 gegenüber dem Jahr 1990 auf 50 oder 55 Prozent verschärft.

So mancher Klimaforscher ist angesichts der ausbleibenden Fortschritte in den vergangenen 30 Jahren desillusioniert. Der norwegische Experte Jørgen Randers zum Beispiel befürchtet, dass der globale Treibhausgas-Ausstoß erst bis 2100 auf Null absinken wird und die Temperatur 2075 um 2,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen wird. Das Mitglied des Thinktanks „Club of Rome“ glaubt, dass es notwendig sein wird, große Kohlendioxid-Mengen wieder aus der Atmosphäre zu entfernen, um der Menschheit langfristig einigermaßen stabile Lebensgrundlagen zu erhalten. „Man braucht weltweit 10.000 sehr große Anlagen, die überschüssiges CO2 aus der Luft holen und es in tiefen Gesteinsschichten endlagern“, sagte er unlängst in einem Interview in der Frankfurter Rundschau.

Das klingt zwar wie Science Fiction. Doch Randers, der schon 1972 an der legendären Studie „Die Grenzen des Wachstums“ mitgearbeitet hat, sagt voraus, dass es so kommt. Die Anlagen würden ab 2050 gebaut und dann 100 Jahre lang laufen. „Danach wird sich die Situation deutlich verbessert haben.“

 

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