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Corona-Krise

Sondereffekt fürs Klimaziel

Foto: Daniel Kubirski/picture alliance

Foto: Daniel Kubirski/picture alliance

Leere Straßen: Wie hier in Heidelberg sorgen die Ausgangsbeschränkungen in Deutschland derzeit für deutlich weniger Verkehr.

Joachim Wille, 23.03.20
Die Bundesregierung hatte ihr CO2-Ziel für 2020 schon aufgegeben, doch nun hält es eine Analyse wegen der Corona-Pandemie doch für erreichbar. Längerfristigen Klimaschutz bringt der wirtschaftliche Einbruch jedoch nicht, Umweltschützer fordern daher grüne Investitionen.

Als die Groko Anfang 2018 ihren Koalitionsvertrag verhandelte, musste sie beim Klimaschutz einen Offenbarungseid leisten. Das von der Bundesregierung gut zehn Jahre vorher aufgestellte CO2-Ziel für 2020 sei nicht zu schaffen, räumten die Verhandler ein. Eine große Peinlichkeit, Folge von anhaltender Untätigkeit in dem Bereich. Statt minus 40 Prozent gegenüber dem Basisjahr, so erwarteten Experten, seien nur rund 33 Prozent drin.

Doch nun ist plötzlich die Welt eine andere: Ende 2020 könnte das Klimaziel sogar noch übertroffen werden, sagt der Berliner Thinktank Agora Energiewende voraus. Klimapolitisch profitiert Deutschland laut der Analyse vor allem von zwei Einmaleffekten: einem milden Winter 2019/20 und den Folgen der Corona-Krise. Der warme Winter mit ausgeprägten Stürmen hat den Energieverbrauch zum Heizen sinken und die Stromproduktion aus Windkraft ansteigen lassen.

Hinzu kommt seit Mitte März die Corona-Krise, die vor allem zwei CO2-sparende Effekte hat: Es gibt deutlich weniger Personenverkehr und die Nachfrage aus der Industrie nach Strom und Erdgas sinkt. Die Bundesregierung  rechnet mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um fünf Prozent. Agora-Direktor Patrick Graichen bilanziert: „Wir gehen aktuell davon aus, dass der Rückgang der Emissionen bei 40 bis 45 Prozent liegen könnte.“

Warmer Winter und viel Wind

Der Thinktank hat die Entwicklung der CO2-Emissionen für die Bereiche Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Landwirtschaft und Gebäude abgeschätzt. Auch ohne die Corona-Krise würden sie danach 2020 aufgrund der Effekte der ersten zehn Wochen sinken – warmer Winter, starke Windstromproduktion, weniger  Kohleverstromung, niedrige Preise des relativ CO2-armen Erdgases. Dieser „Ohne-Corona-Effekt“ mache einen Rückgang von etwa 20 Millionen Tonnen CO2 im Vergleich zum Vorjahr aus. Gegenüber 1990 käme Deutschland so auf minus 37 Prozent. Corona erhöht die Reduktion je nach Szenario um 30 bis 100 Millionen Tonnen. Im untersten Fall wären die 40 Prozent genau erreicht, im höchsten sogar um fünf Prozentpunkte überschritten.

Graichen warnt allerdings davor, diese Zahlen schon als gute Nachricht für den Klimaschutz zu werten. Zum einen würden die Emissionen nach der Krise wieder hochschnellen, zum anderen drohe ein Rückgang bei klimaschutzrelevanten Investitionen, etwa bei den erneuerbaren Energien, bei der Gebäudesanierung oder in der Industrie. „Wachstums- und Konjunkturpakete, die jetzt geschnürt werden, sollten daher nicht nur die Folgen der Corona-Rezession bekämpfen, sondern sie müssen auch helfen, Deutschland langfristig klimasicher aufzustellen.“ Es sei daher nötig, dass zügig Konzepte für grüne Investitionsprogramme erarbeitet werden.

Homeoffice als Chance?

Ähnliche Forderungen stellten am Montag Umweltverbände. Der BUND meinte: „Wir brauchen einen Green Deal für Deutschland, der Menschen sozial absichert, in der Krise neue Arbeitsplätze schafft und den Weg in eine klimafreundliche Zukunft mit starken regionalen Kreisläufen weist.“ Alle Gelder, vor allem die an große Unternehmen, müssten darauf geprüft werden, ob sie auch langfristigen gesellschaftlichen Nachhaltigkeitszielen wie Klima- und Artenschutz dienen.

Greenpeace forderte, die Bundesregierung müsse das geplante Konjunkturprogramm zu einem „grünen Marshallplan“ machen. Die Organisation schlug vor, die Gebäudesanierung noch stärker zu fördern, den Ausbaudeckel für Solaranlagen zu kippen und die Nutzung von Homeoffice als Chance zur Verminderung von Arbeitswegen zu analysieren. Außerdem solle der niedrige Ölpreis genutzt werden, um das Dieselprivileg bei der Spritsteuer abzubauen und so Finanzmittel zur Krisenbekämpfung zu sichern. Eine neue Abwrackprämie und ein Lockern von Umweltstandards seien abzulehnen.

 

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