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Klimaschutz

„Mit CO2-Rückholung gewinnt man keine Wahlen“

Interview: Astrid Dähn, 04.06.21
... sagt Oliver Geden, Experte für EU-Klimastrategien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zwar rechnen die meisten Szenarien zum Stopp der Erderwärmung längst damit, Kohlendioxid in großem Stil wieder aus der Atmosphäre herauszuholen. Aber die Politik drücke sich bislang um das Thema, bemängelt Geden. Um klimaneutral zu werden, brauche man die Technologien jedoch.

neue energie: Alle sprechen im Moment von Klimaneutralität: Europa, die USA, China und - nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts - natürlich auch Deutschland; wir wollen unsere Treibhausgas-Emissionen jetzt spätestens bis 2045 auf netto-null senken. Sind das nur fromme Vorsätze, oder ist das tatsächlich zu schaffen?

Oliver Geden: Beides. Ich glaube, dass es in den meisten Fällen machbar wäre. Aber so richtig sicher bin ich mir da nur bei der EU, einfach weil sie ihre Klimaziele bislang immer erreicht hat und auch dafür gesorgt hat, dass die entsprechenden Instrumente und gesetzlichen Mittel geschaffen wurden. Bei Deutschland bin ich mir nicht ganz so sicher. Zum einen, weil wir die Neutralität jetzt fünf Jahre früher erreichen müssen als anfangs geplant, zum anderen, weil Deutschland bisher alle seine Klimaziele verpasst hat, mit Ausnahme des Corona-Jahrs 2020. Und ob der Nachsteuerungsmechanismus im Klimaschutzgesetz, der für das Einhalten der Sparziele in den einzelnen Sektoren sorgen soll, wirklich greift, werden wir erst noch sehen.

ne: Wie könnte ein gangbarer Weg zur Klimaneutralität denn aussehen? Was wären die wichtigsten Leitplanken?

Geden: Im Grunde genommen sind das keine anderen Leitlinien, als sie bisher bei etwas weniger ambitionierten Treibhausgas-Reduktionszielen schon diskutiert wurden. Was neu sein wird, ist die Tatsache, dass man schnell lernen wird: Nicht alle Sektoren können wirklich auf null kommen. Es wird Wirtschaftsbereiche geben, in denen Emissionen übrigbleiben.

ne: Welche wären das zum Beispiel?

Geden: Bei Landwirtschaft gilt es als sehr sicher, dass der Treibhausgas-Ausstoß nicht ganz wegzubekommen ist. Natürlich kann man weniger Fleisch produzieren, aber generell entstehen bei Tierhaltung, Landnutzung und beim Düngen immer Emissionen. Ein anderes Beispiel ist die Zementindustrie. Selbst wenn man die Herstellung von Zement mit der Abspaltung und Speicherung von Kohlendioxid kombiniert, wird die Auffangrate nie bei 100 Prozent liegen. Auch die Erzeugung von blauem, also erdgasbasiertem Wasserstoff könnte zu Restemissionen führen. Und wie es im Flugverkehr 2045 aussehen wird, ist heute schwer vorhersagbar.

ne: Lässt sich trotz aller Unsicherheit, was in mehr als 20 Jahren sein wird, schon ungefähr abschätzen, von welchen Restmengen an unvermeidlichem CO2 und anderenTreibhausgasen insgesamt auszugehen ist?

Geden: Für eine verlässliche Aussage gibt es noch zu wenige Modellierungen dazu. Laut einer Studie von Agora Energiewende und der Stiftung Klimaneutralität werden in Deutschland etwa fünf Prozent übrigbleiben, das wären dann 63 Millionen Tonnen pro Jahr. Das Umweltbundesamt nimmt in einer älteren Analyse einen Wert von drei Prozent an. Auch das neue Klimaschutzgesetz geht implizit von mindestens 40 Millionen verbleibenden Tonnen im Jahr 2045 aus. Auf EU-Ebene und in anderen Ländern wird dagegen oft mit zehn Prozent Restemissionen gerechnet.

ne: Um dann trotzdem Klimaneutralität zu erreichen, muss für diese Restemissionen ein Ausgleich geschaffen werden. Das heißt, es gilt Verfahren zu entwickeln, um CO2 aus der Atmosphäre wieder herauszuholen, sodass die Gesamtbilanz am Ende bei null oder vielleicht sogar unter null liegt, also sogenannte negative Emissionen entstehen. Welche Konzepte gibt es dafür?

Geden: Die scheinbar naheliegendste Variante wäre, einfach mehr aufzuforsten. Denn die Bäume entnehmen bei der Photosynthese CO2 aus der Luft und speichern es. Genau das wird weltweit ja auch schon gemacht. Man könnte auch Moore oder Feuchtgebiete aller Art renaturieren, weil solche Ökosysteme ebenfalls relativ große Mengen Kohlendioxid binden können.

ne: Aber sind diese natürlichen CO2-Auffangbecken tatsächlich verlässliche Langzeitspeicher? Wälder können abbrennen oder von Schädlingen befallen werden, Moore austrocknen...

Geden: Stimmt, das generelle Problem bei dieser Gruppe von Maßnahmen ist, dass man sich nicht sicher sein kann, wie lange das CO2 gespeichert wird, weil biologische Systeme an sich anfällig sind. Und die Erderwärmung erhöht das Risiko noch. Wir werden mit Sicherheit noch viel dazulernen, was unter sich verändernden Klimabedingungen möglich oder eben nicht möglich ist. Aber diese Art der CO2-Aufnahme wird immer ein bisschen wacklig sein, es werden sehr starke jährliche Schwankungen bleiben.

ne: Hätten wir für großangelegte Aufforstungen überhaupt genug Platz?

Geden: Das könnte schwierig werden. Nehmen Sie zum Beispiel die 40 Millionen Tonnen Restemissionen, die laut Klimaschutzgesetz ab 2045 jährlich aus der Atmosphäre geholt werden sollen. Wenn wir das mit Aufforstung lösen wollen, wird es eng. Denn klassisch aufgeforstete Bäume ziehen irgendwann nicht mehr viel CO2 aus der Atmosphäre. Und dann brauchen wir wieder neue Flächen für zusätzliche Pflanzungen, es sei denn, wir nutzen sehr viel mehr Holz als Baumaterial. Jedes Jahr in solch einer Größenordnung CO2 aus der Luft zu holen ist nicht wenig, das hat man bislang auch noch nie in dieser Form versucht.

ne: Gibt es andere, vielleicht praktikablere Ansätze?

Geden: Es gibt eine ganze Reihe von Konzepten, die im Prinzip infrage kommen. Das reicht von den rein technologischen Methoden, etwa das CO2 direkt aus der Luft zu holen und anschließend unterirdisch einzulagern, bis hin zu Mischformen aus biologischen und technischen Prozessen. Dazu gehört zum Beispiel der BECCS-Ansatz, also Biomasse energetisch zu nutzen und das dabei freiwerdende CO2 abzuspalten und einzulagern. Oder aus Biomasse mittels Pyrolyse Pflanzenkohle herzustellen und diese dann in die Böden einzubringen; Pflanzenkohle bindet das CO2 relativ stabil und verbessert zugleich die Bodenqualität. Oder auch die künstlich beschleunigte Verwitterung von Gestein. Beim Verwittern bindet zum Beispiel Basalt Kohlendioxid, allerdings sehr langsam. Der Prozess lässt sich ankurbeln, indem man das Gestein klein mahlt und so seine anlagerungsfähige Oberfläche vergrößert.

ne: Sind diese Methoden schon einsatzbereit?

Geden: Grundsätzlich ja, man müsste jetzt allerdings großskalig ausprobieren, wie effektiv sie wirklich sind. Wie die beschleunigte Verwitterung funktioniert, ist klar, das ist ziemlich basale Geologie. Aber man weiß bislang nicht genau, wieweit sich der Prozess beschleunigen lässt und wieviel CO2 dabei genau gebunden wird. Die Bioenergiegewinnung mit CCS, sprich mit der Abspaltung und Speicherung von CO2 zu koppeln, ist technisch überhaupt kein Problem, weil beide Verfahren einzeln längst angewandt werden.

ne: Trotzdem laufen bislang weltweit nur wenige Pilotprojekte zu BECCS...

Geden: Das ist richtig. Die fortgeschrittenste europäische BECCS-Anlage steht zurzeit in Großbritannien, auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Drax. Die Kessel dort wurden irgendwann auf Biomasse umgestellt. Jetzt soll das freiwerdende CO2 zusätzlich eingefangen und unter dem Nordseegrund deponiert werden.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Den ausführlichen Text lesen Sie in der Ausgabe 06/2021 von neue energie.


Oliver Geden

ist Senior Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und einer der Leitautoren des 6. IPCC-Sachstandsberichts, dessen erster Teil in Kürze veröffentlicht wird. Zu den Forschungsschwerpunkten des Politologen gehören die Klimastrategie der EU und die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre.

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