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Treibhausgas-Bilanz

Kurzfristig weniger CO2, langfristig weiter Klimawandel

Foto: picture alliance / AP Photo

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Atmosphärenbeobachtung: Beim Mauna Loa Observatorium auf Hawaii wurde Anfang Mai der höchste CO2-Wert aller Zeiten gemessen.

Margit Hildebrandt, 14.05.20
Eine erste Bestandsaufnahme in Coronazeiten zeigt: Zwar gehen die CO2-Emissionen wohl in bisher ungeahntem Maß zurück. Um den Klimawandel aufzuhalten, reicht das aber nicht – zumal die globale Wirtschaft schon wieder anläuft.

Die globalen Kohlendioxid-Emissionen könnten dieses Jahr um 2,6 Milliarden Tonnen sinken. Das geht aus dem neuen Global Energy Review der Internationalen Energieagentur (IEA) hervor. Der Grund: die Coronavirus-Pandemie und die als Reaktion darauf runtergefahrene Weltwirtschaft, die weniger Öl und Kohle verbraucht. Es wäre mit etwa acht Prozent weniger verglichen mit dem Vorjahr der höchste jemals verzeichnete Abfall der CO2-Emissionen, etwa sechsmal größer als nach der Finanzkrise im Jahr 2008.

Die Vorhersagen der IEA für 2020 gehen von der Annahme aus, dass die aktuellen Lockdowns, Sperrstunden und Schließungen nach und nach in den nächsten Monaten gelockert werden und dann auch der Stromverbrauch wieder ansteigt. Sie betont, dass die Prognosen aber noch mit großen Unsicherheiten behaftet sind und der Grund für den plötzlichen Emissionsabfall kein Anlass zur Freude ist.

Weniger Brennstoffverbrauch

Eine weitere Analyse stammt von der norwegischen Beratungsfirma Rystad Energy. Demnach könnte allein der weltweite Ölverbrauch hauptsächlich durch den zurückgefahrenen Flugbetrieb fünfmal stärker sinken als in der Folge der Finanzkrise. Die globale Nachfrage für Kerosin sei im April und Mai um 35 Prozent gefallen. Der Benzin- und Dieselverbrauch im Autoverkehr dürfte über das Jahr gesehen um 9,4 Prozent fallen, bei Strom und Erdgas rechnen die Analysten mit einem Minus von 2,3 Prozent.

Nach der Finanzkrise machte das Wachstum in China und Indien die CO2-Reduktionen im Rest der Welt teilweise wett. Von der Coronakrise sind beide Länder nun ebenfalls betroffen. In China wird der Energieverbrauch laut Rystad Energy im Mai wieder anziehen und im September das Vorjahresniveau erreichen. Der dortige CO2-Ausstoß war nach Beginn des Lockdowns zeitweilig sogar um etwa 25 Prozent eingebrochen. In Indien sind die CO2-Emissionen laut dem Centre for Research on Energy and Clean Air zum ersten Mal seit 1982 gesunken, im März um 15 und im April um etwa 30 Prozent, da hauptsächlich Kohlegeneratoren abgestellt oder vermindert betrieben wurden. Allerdings sinkt der Kohleverbrauch in Indien bereits seit längerem, der Ölverbrauch stagniert, während die Versorgung durch Erneuerbare wächst. Die Emissionen sollen im vergangenen Jahr um etwa ein Prozent zurückgegangen sein.

Mehr Kohlendioxid denn je

Trotz der aktuellen Emissionsminderung ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre jedoch so hoch wie noch nie. Am Mauna Loa auf Hawaii wurde in der ersten Maiwoche mit rund 418 ppm („parts per million“, CO2-Moleküle pro einer Million Luftmoleküle) der höchste Tageswert seit Beginn der dortigen Aufzeichnung im Jahr 1958 gemessen. Damals habe der Jahreswert noch 316 ppm betragen. Laut Forschern des britischen Wetterdienstes Met Office steigt die weltweite Konzentration dieses Jahr um 2,48 ppm weiterhin an, wenn auch um etwa elf Prozent geringer als ohne Pandemie erwartet wurde. Da die CO2-Moleküle in der Atmosphäre langfristig aufs Klima wirken, hält eine kurze Erholung bei den Treibhausgasen den Klimawandel nicht auf. Dafür wären kontinuierliche Senkungen nötig. Nach Angaben des Weltklimarats IPCC müssten die weltweiten CO2-Emissionen um etwa 7,6 Prozent abnehmen, damit sich das im Pariser Klimavertrag vereinbarte 1,5-Grad-Ziel einhalten ließe – und zwar jedes Jahr.

Doch danach sieht es momentan nicht aus. Laut Flight Tracking Statistics zieht bereits die Anzahl der weltweiten Flüge langsam aber stetig wieder an. Allerorts werden die Lockdowns schrittweise zurückgenommen. Offen ist noch, inwieweit die Konjunkturprogramme für den wirtschaftlichen Wiederaufbau an ökologischen Kriterien ausgerichtet sein werden – wie es beispielsweise die IEA fordert.

 

Teile der Erde bereits zu heiß für Menschen

Zwei Anfang Mai veröffentlichte wissenschaftliche Studien machen erneut deutlich, wie gravierend die absehbaren Folgen des Klimawandels sind.

Zum einen könnte bereits in etwa 50 Jahren rund jeder dritte Mensch in einer extrem heißen Region leben. Die in den „Proceedings“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA (PNAS) veröffentlichten Modellrechnungen ergaben, dass 3,5 Milliarden Menschen mit jährlichen Durchschnittstemperaturen von mehr als 29 Grad Celsius klarkommen müssten –  sollten sie nicht auswandern. Sie befänden sich ansonsten außerhalb der klimatischen Nische, die der Mensch seit mindestens 6000 Jahren bewohnt. Ihre höchste Bevölkerungsdichte erreichten beliebte Siedlungsgebiete demnach bei Temperaturen von etwa elf bis 15 Grad Celsius oder – mit Abstrichen – bei 20 bis 25 Grad Celsius.

Diese Temperaturverteilung habe sich über die Jahrtausende kaum geändert, so die Forscher um Marten Scheffer von der niederländischen Wageningen University. Doch die extrem heißen Gebiete würden sich von jetzt 0,8 Prozent der weltweiten Landfläche, gelegen vor allem in der Sahara, bis 2070 auf 19 Prozent ausdehnen. Die Gebiete lägen vor allem in Südamerika, Afrika, Indien, Südostasien und Nordaustralien. Allein in Indien wären demnach mehr als eine Milliarde Menschen davon betroffen.

Zum anderen hat ein Forscherteam um Colin Raymond von der New Yorker Columbia University nachgewiesen, dass nicht erst in ferner Zukunft sondern bereits heute an einigen Orten die Grenze der menschlichen Toleranz erreicht wird. Im Fachmagazin Science Advances berichten die Forscher von Tausenden bisher seltenen oder noch nie dagewesenen Ausbrüchen extremer Hitze und Feuchtigkeit in Asien, Süd- und Nordamerika, Afrika und Australien. Eine Analyse von Wetterdaten aus den Jahren 1979 bis 2017 ergab, dass sich die Häufigkeit verdoppelt hat. Die höchsten, möglicherweise tödlichen Werte wurden 14 Mal in Städten Saudi-Arabiens, Katars und den Vereinigten Arabischen Emirate festgestellt. Bei Feuchtigkeit können Menschen schlechter schwitzen und sich darüber abkühlen, wodurch sich die Auswirkungen von Wärme verschlimmern.

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