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Energieversorgung

Flüssiggas als Klimarisiko

Foto: Hauke-Christian Dittrich/picture alliance

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Das Spezialschiff „Höegh Esperanza dient in Wilhelmshaven als schwimmende LNG-Plattform.

Joachim Wille, 09.01.23
Die Bundesregierung setzt im großen Maßstab auf den Import von LNG, um die gestoppten Erdgaslieferungen aus Russland zu kompensieren. Damit gehen allerdings deutlich höhere Treibhausgasemissionen einher, warnt eine Studie.

Flüssiggas aus Übersee soll künftig einen großen Teil von Deutschlands Erdgas-Versorgung sichern. Kürzlich wurde am neuen LNG-Terminal in Wilhelmshaven die erste Lieferung von einem Tanker angenommen, es ging um 170.000 Kubikmeter Flüssiggas, womit sich laut Betreiber Uniper 50.000 Haushalte ein Jahr lang versorgen lassen. Dabei wird allerdings immer offensichtlicher, dass LNG allenfalls für eine kurze Übergangszeit eingesetzt werden sollte, da die Klimaschädlichkeit offenbar deutlich höher ist als die von Pipeline-Erdgas.

Laut einer neuen Untersuchung liegt der Treibhausgas-Effekt von LNG nämlich um mindestens 50 Prozent über den Emissionsfaktoren, mit denen diese Wirkung für Erdgas üblicherweise angegeben wird – etwa vom Umweltbundesamt (Uba). Der Grund dafür ist, dass nicht nur bei der Verbrennung des Gases Klima-Emissionen entstehen, sondern schon vorher, auf dem Weg vom Bohrloch über den Transport an Land und auf See bis zum Endverbrauch. Und letztere sind bei LNG besonders hoch, wie die Studie des Hamburger Beratungsbüros Energy Comment im Auftrag der Ökoenergie-Genossenschaft Green Planet Energy zeigt.

Beinahe so klimaschädlich wie Steinkohle-Strom

Negativ schlägt vor allem die große Menge an Methan zu Buche, die bei der Förderung von Erdgas und beim Pipelinetransport entweicht. Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas und wirkt, über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachtet, rund 80-mal klimaschädlicher als CO2. Hinzu kommt beim LNG der hohe Energieaufwand für die Verflüssigung, den Transport per Spezialschiff und die erneute Umwandlung zu Gas am Zielort.

Das Uba setzt die Erdgas-Emissionen mit 200 Gramm pro Kilowattstunde (kWh) an, wobei es nur um die Emissionen der Verbrennung in Haushalten oder der Industrie geht. Energy Comment kommt nun zu dem Ergebnis, dass LNG-Gas inklusive der Vorkette „selbst bei überdurchschnittlich günstigen Bedingungen eine tatsächliche Klimaschädlichkeit von mindestens 300 Gramm CO2 pro Kilowattstunde“ habe. Wird das Gas zur Stromproduktion genutzt, steigt die Klimawirkung laut der Studie wegen des Wirkungsgrads der Kraftwerke von nur etwa 50 Prozent auf 600 Gramm oder mehr pro kWh. Damit liegt LNG fast auf dem Niveau von Steinkohle, bei deren Verstromung mindestens 700 Gramm pro kWh freigesetzt werden. 

Green-Planet-Energy-Vorstand Sönke Tangermann räumte ein, dass Deutschland in der aktuellen Lage „kurzfristig um LNG-Lieferungen zur Energiesicherung nicht herumkommt“. Um aber nicht in einem „fossilen Lock-In“ mit neuen Abhängigkeiten zu enden, müsse die Bundesregierung darauf achten, dass die LNG-Nutzung zeitlich wie mengenmäßig auf das absolute Minimum begrenzt werde. Energieeffizienz, Erneuerbaren-Ausbau und heimische Wasserstoff-Produktion müssten viel schneller vorangetrieben werden. „Der fossile Gasverbrauch muss so schnell wie möglich auf null sinken – das gilt für LNG wie Pipeline-Gas gleichermaßen“, forderte Tangermann.

Expertin: Erneuerbare schneller ausbauen

Die Energieexpertin Claudia Kemfert warnte unterdessen davor, die an Nord- und Ostsee geplanten elf Flüssiggas-Terminals komplett umzusetzen, die das Erdgas aus Russland ersetzen sollen. Kemfert hält drei temporäre Terminals für ausreichend, wie sie in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte. Ihre Begründung: „Wenn wir die Energiewende- und Klimaziele ernst nehmen, wird der Anteil von fossilem Erdgas an der Energieversorgung in wenigen Jahren deutlich abnehmen.“ Und dieser abnehmende Bedarf könne dann vollständig via Pipelines aus Norwegen gedeckt werden. „Dies wäre nicht nur geopolitisch und ökologisch besser vertretbar, sondern vor allem preiswerter“, sagte die Energieökonomin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Die Angabe der Bundesregierung, die Terminals sollten später für grünen Wasserstoff genutzt werden, hält Kemfert „schlicht für Augenwischerei“. Sie verweis auf eine Studie aus dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, wonach eine Umrüstung der Terminals schwierig sei und eher einem Neubau nahekomme. „Das wäre überhaupt nur dann möglich, wenn von Anfang an die verwendeten Baustoffe und Materialien als Wasserstoff-Infrastruktur einsetzbar sind. Genau das ist aber bei den meisten jetzt geplanten Terminals nicht der Fall.“

Die Professorin forderte einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien. „Wenn es möglich ist, in wenigen Monaten fossile LNG-Terminals zu bauen, muss es doch auch möglich sein, in Deutschland Windanlagen – nein, nicht zu bauen, sondern überhaupt erst zu genehmigen“, sagte sie. Es sei geradezu absurd, dass derzeit zehn Gigawatt Windenergie auf die Genehmigung warteten. „Das ist eine deutlich höhere Kapazität als die verlängerten Atomkraftwerke, die manche trotz der hohen Risiken und Kosten gern weiterlaufen lassen würden.“  

 

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