Prognose

Deutsche Klimabilanz rutscht wieder ins Defizit

Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopress/picture alliance

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Schlecht für die Klimabilanz: Das RWE-Kohlekraftwerk Niederaußem im rheinischen Braunkohlerevier.

Tim Altegör, 10.01.22
Klimaziel verfehlt, der Ökostromanteil sinkt, es wird wieder mehr Kohle verbrannt: Eine erste Auswertung des Jahres 2021 im deutschen Energiesektor fällt schlecht aus. Abhilfe schaffen soll ein Sofortprogramm der neuen Regierung.

Der Bonus durch die Corona-Folgen währte nur kurz: Nachdem Deutschland 2020 überraschend das Ziel der Bundesregierung erreicht hatte, die nationalen Treibhausgasemissionen um 40 Prozent gegenüber dem Wert von 1990 zu senken, wurde die Zielmarke im vergangenen Jahr wieder deutlich verfehlt. Zu diesem Ergebnis kommt eine erste Prognose des Thinktanks Agora Energiewende. Die offiziellen Zahlen veröffentlicht das Umweltbundesamt erst im März.

Hauptgrund für die zwischenzeitlich gute Bilanz war nicht klimapolitisches Handeln, sondern das Herunterfahren von Industrie und Verkehr zu Beginn der Pandemie. Entsprechend sind mit dem Wiederanlaufen der Wirtschaft auch die Emissionen wieder hochgeschossen, laut Agora um 4,5 Prozent im Vergleich zu 2020. Die Emissionsminderung liege damit bei nur 38 Prozent.

Kalter Winter, wenig Wind, hohe Gaspreise

Bis 2045 soll Deutschland laut Gesetz klimaneutral sein. Als nächste Etappe sind minus 65 Prozent Treibhausgase bis 2030 vorgesehen. Aktuell drohe das Land den Anschluss zu verlieren, so Agora. „Angesichts des fortgesetzten Konjunkturaufschwungs ist ein weiterer Emissionsanstieg 2022 bereits absehbar“, kommentierte ihr Deutschland-Direktor Simon Müller. „Nur ein schnell wirksames und umfassendes Sofortprogramm der neuen Bundesregierung kann verhindern, dass die Schere zwischen Klimazielen und Klimamaßnahmen noch weiter aufgeht.“ Die Regierung hat ein solches Sofortprogramm in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt.

Als weitere Gründe für die schlechte Bilanz 2021 nennt Agora niedrige Temperaturen sowie eine negative Entwicklung im Stromsektor. Wegen relativ schlechter Wetterbedingungen gab es weniger Windstrom, dafür wurde – begünstigt durch hohe Gaspreise – mehr Kohle in Kraftwerken verbrannt. Insgesamt sei der Ökostromanteil am Verbrauch von 45,6 auf 42,3 Prozent gesunken. „Der starke Rückgang bei den erneuerbaren Energien zeigt die Versäumnisse der Energiepolitik der letzten Jahre auf. Um den Ökostrom-Anteil bis 2030 wie im Koalitionsvertrag vorgesehen nahezu zu verdoppeln, braucht es nun einen massiven und schnellen Ausbau von Wind- und Solaranlagen“, so Müller.

Gebäudesektor verpasst wohl erneut sein Klimaziel

Im nationalen Klimaschutzgesetz sind auch für einzelne Sektoren Emissionsziele festgeschrieben. Nach 2020 habe der Gebäudebereich seine Zielvorgabe 2021 erneut verpasst, prognostiziert Agora. Gleiches gelte voraussichtlich auch für den Verkehr, der 2020 noch im vorgesehenen Rahmen geblieben war. Das Gesetz sieht für diesen Fall eine kurzfristige Nachbesserung durch die Regierung vor, die durch einen Expertenrat geprüft wird. Im letzten Jahr hatte die mittlerweile abgewählte Große Koalition jedoch kein wirksames Programm vorgelegt und das Thema auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben.

Der neue Klimaminister Robert Habeck (Grüne) hatte gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit bereits angekündigt, dass die gesamtdeutschen Ziele für 2022 und möglicherweise auch 2023 wohl verfehlt würden. Man starte „mit einem drastischen Rückstand“, so Habeck.

 

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