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Klimakrise

Bei Nichtstun drohen gewaltige Klimaschäden

Joachim Wille, 09.03.23
Auf bis zu 900 Milliarden Euro könnten sich in Deutschland laut einer Studie die Kosten durch die globale Erwärmung bis 2050 summieren. Noch sei Gegensteuern aber möglich.

Es war ein nationaler Schock: Bei den Flutkatastrophen im Sommer 2021, die vor allem die Flusstäler von Ahr und Erft trafen, stürzten binnen zwei Tagen teils 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter herab, mehr als üblicherweise in einem ganzen Monat. Sie verursachten Schäden von rund 40 Milliarden Euro. Mehr als 180 Menschen kamen um, alleine im rheinland-pfälzischen Ahrtal starben 134. Und der Wiederaufbau ist bis heute nicht abgeschlossen.

Megafluten wie die in Westeuropa von 2021 sind durch die Erderwärmung und den Klimawandel insgesamt deutlich wahrscheinlicher geworden. Das hat ein Team der Initiative „World Weather Attribution“, in der mehrere Klimaforschungs-Institutionen kooperieren, nachgewiesen. Und solche Schadensdimensionen von Naturkatastrophen könnten Mitte des Jahrhunderts jedes Jahr auftreten – dann jedenfalls, wenn der Klimawandel weitgehend ungebremst eskaliert und keine durchgreifenden Maßnahmen zur Anpassung an die Veränderungen ergriffen werden. Aufsummiert wären das für Deutschland von 2022 bis 2050 rund 900 Milliarden Euro.

Das ist das Ergebnis einer vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen und vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) und der Prognos AG durchgeführten Studie. Doch deren Fazit soll nicht Untergangsstimmung angesichts immenser drohender Schäden sein, sondern dass sich diese vermeiden lassen: Wird das 1,5-Grad-Limit global ernsthaft verfolgt und hierzulande gute Anpassung betrieben, könnten die Schäden ganz ausgeglichen werden.

Bereits in den zwei Jahrzehnten von 2000 bis 2021 sind laut der Untersuchung mindestens 145 Milliarden Euro Schäden durch Extremwetterereignisse entstanden, wobei der Löwenanteil in den letzten Jahren anfiel – mit rund 80 Milliarden seit 2018. Neben den Flutkatastrophen von 2021 schlugen hier vor allem die Folgen der Dürresommer 2018 und 2019 zu Buche, die unter anderem Ernteverluste, Waldschäden und verringerte Industrieproduktion verursachten.

Zweimal der komplette Bundeshaushalt

Entgegen der Darstellung der Studienergebnisse durch die Bundesregierung und in verschiedenen Medienberichten lassen sich diese Schäden jedoch nicht im Ganzen der Klimakrise zuschreiben. Die Zahl beschreibt die Kosten der Ereignisse insgesamt, soweit die überhaupt quantifiziert werden können. Die Daten und Analysen dazu sind unvollständig. Wie viel geringer die Schäden ohne den Beitrag des Klimawandels gewesen wären, bedürfte jedoch einer eigenen, anderen Untersuchung.

Bis zur Mitte des Jahrhunderts rechnen die drei Institute je nach Ausmaß der Erderwärmung aber tatsächlich mit volkswirtschaftlichen Schäden in Höhe von 280 bis 900 Milliarden Euro. Die durchschnittlichen jährlichen Kosten der Extremereignisse werden sich nach den Modellrechnungen bis 2050 je nach Szenario um das Anderthalb- bis Fünffache erhöhen. Einbezogen werden darin auch Folgen wie eingeschränkte Produktionsmöglichkeiten oder unterbrochene Lieferketten.

Zum Vergleich: 900 Milliarden entsprechen etwa zweimal dem aktuellen kompletten Bundeshaushalt. Die Autorinnen und Autoren der Institute betonen allerdings, dass ihre Berechnungen die Schäden nur teilweise zeigen können. Zu den finanziell direkt messbaren Kosten kommen noch ideelle und menschliche: Todesfälle durch Hitze und Überflutungen, Gesundheitsschäden, Wegfall von Lebensqualität, mehr soziale Ungleichheit sowie belastete Ökosysteme und Artensterben.

Doppelnutzen von Wäldern und Mooren

Aber: Investitionen in Anpassungsmaßnahmen können die Kosten laut der Untersuchung bei einem mild verlaufenden Klimawandel komplett kompensieren, bei einem mittleren Szenario um 80 Prozent und bei einem schweren Verlauf um 60 Prozent vermindern. Die Autorinnen verweisen hier auf den doppelten Nutzen von „naturbasierten Lösungen“ wie der CO2-Speicherung in Vegetation und Böden durch den Erhalt von Wäldern oder Mooren. Sie können sowohl die Konzentrationen von Treibhausgasen mindern als auch die Anpassung an die Folgen des Klimawandels verbessern. Zudem könnten etwa in der Landwirtschaft die Umstellung auf trockenheitsresistente Pflanzen, an den Küsten höhere Deiche und in Städten mehr Begrünung für niedrigere Temperaturen der Anpassung helfen.

Handelt die Politik also in diesem Sinne? Der Parlamentarische Wirtschafts-Staatssekretär Stefan Wenzel (Grüne) sagte bei der Vorstellung der Studie, sie zeige, dass jeder in den Klimaschutz investierte Euro die volkswirtschaftlichen Kosten verringert, sich also lohnt.

Unterdessen kam aus der Wissenschaft ein weiterer Appell, den Kampf gegen den Klimawandel zu beschleunigen. „Der kritische Zeitpunkt, an dem Deutschland und Europa die Voraussetzungen für die Erreichung der Pariser Klimaziele schaffen können, ist bald verstrichen“, schreibt die in Halle ansässige „Leopoldina“ in einer Stellungnahme. Die Politik müsse verlässliche Rahmenbedingungen für klimagerechte Investitionen schaffen. Parallel dazu sollten „Anreize und Vorgaben“ eine sparsamere, effizientere Energienutzung bewirken. Zudem sei für ein Gelingen der Energiewende ein breiter gesellschaftlicher Partizipations- und Diskussionsprozess wichtig.

 

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