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10 000-Schlepper-Programm

„Ein Revival des Pflanzenkraftstoffs“

Jürgen Heup, 28.08.13
…kommt, das glauben Thomas Kaiser und Anita Walter vom Netzwerk Agrarantrieb. Einige Argumente und Anzeichen sprechen dafür, dass sich das Konzept „Autarke Landwirtschaft“ durchsetzen könnte. Nicht nur der Deutsche Bauernverband und Umweltverbände stehen dahinter, auch die Parteien senden positive Signale.

neue energie: Das Netzwerk Agrarantrieb wurde 2012 von der Natuschutzstiftung Euronatur initiiert. Was ist das Ziel?  

Anita Walter: Bei uns haben sich kleine und mittelständische Unternehmen sowie Verbände und Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen, um regional erzeugte Pflanzenölkraftstoffe in den landwirtschaftlichen Absatzmarkt einzuführen. Daraus entstand zusammen mit dem Deutschen Bauernverband die Initiative zum 10 000-Schlepper-Programm. In den nächsten fünf Jahren soll die Anschaffung von bioreinkraftstoff-tauglichen Land- und Forstmaschinen gefördert werden. Maschinen, die mit Biomethan, Biodiesel oder Pflanzenöl betrieben werden. Wir vom Netzwerk setzen uns vor allem für Pflanzenöl ein.

neue energie: Was soll das bewirken?

Anita Walter: Die Landwirtschaft unabhängig zu machen, sowohl in der Eiweißversorgung als auch beim Kraftstoff. Mit jedem erzeugten Liter Pflanzenkraftstoff erhält der Landwirt noch mal die doppelte Menge an Eiweißfuttermittel, also etwa bei Raps ein Drittel Öl und zwei Drittel so genannter Rapskuchen. Letzteres ist schließlich das Hauptprodukt, das auch die heimische Landwirtschaft von ihrer Export-Abhängigkeit von Soja-Futtermittel verringern soll. Entsprechend würden zwölf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ausreichen, den jährlichen Spritverbrauch der Bauern in Deutschland von 1,6 Millionen Tonnen Mineralöl zu ersetzen. Wobei davon ja wiederum zwei Drittel für die Futtermittelproduktion genutzt würden. Deshalb sind wir auch gegen eine Beimengung von Pflanzenkraftstoffen zum Fossilsprit. Der gesamte Verkehr kann ohnehin nicht rein mit Pflanzenkraftstoffen betrieben werden. Aber zur Deckung des Kraftstoffbedarfs der Landwirtschaft ist Pflanzenreinkraftstoff ideal.

neue energie: Biosprit ist in den Ruf geraten, den Hunger in der Dritten Welt zu forcieren und die Zerstörung der Regenwälder voranzutreiben. Wie könnte das bei einer Lösung für den Landmaschinen-Fuhrpark verhindert werden?

Thomas Kaiser: Durch regionale Nutzungsmodelle. Ein gutes Beispiel ist die Ölmühle im bayerischen Mühlhausen, ein Projektpartner von Agrarantrieb. Dort haben sich 250 Landwirte zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen. Sie bauen jeweils auf zwei oder drei Hektar Ölfrüchte an, lassen diese in der gemeinsamen Ölmühle pressen und nutzen den Kuchen fürs Vieh und das Öl für den Schlepper. Ein Modell der Bürgerbeteiligung wie bei der Windkraft, Kosten und Produktion auf mehreren Schultern verteilt.  

neue energie: Wie teuer würde denn die Einführung pflanzenöltauglicher Maschinen werden, was bedeute die Umstellung der Landwirtschaft auf Biokraftstoffe eigentlich in Zahlen?

Thomas Kaiser: Noch sind reine Pflanzenölschlepper etwa 10 000 bis 15 000 Euro teurer als die Modelle mit Standardmotoren. In Deutschland werden jährlich 30 000 Schlepper verkauft, der Gesamtbestand liegt irgendwo zwischen 150 000 und 200 000 Traktoren. Entsprechend würde der Umfang des Programms fünf Prozent des Bestands bedeuten. Aber durch die Einführung moderner Common-Rail-Einspritzmotoren in der Landwirtschaft sind die technischen Hürden mittlerweile geschrumpft. John Deere, Fendt und Deutz-Fahr können bereits serienreife Pflanzenkraftstoff-Maschinen oder Pilotmodelle vorweisen. Je größer sich deren Produktionsmenge gestaltet, desto schneller gleicht sich der Preis an. Das ist natürlich auch eine Frage, wie weit sowohl Hersteller als auch Landwirte dem Staat vertrauen, sich auf ein mögliches Marktanreizprogramm einlassen würden, falls es zustande kommt.

neue energie: Darauf deutet ja einiges hin. Schließlich hat die Regierung in ihrer Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie explizit geäußert, dass „zur Stärkung ländlicher Räume und zur Berücksichtigung von Aspekten des Boden- und Gewässerschutzes Marktanreize gesetzt werden können, um Bioreinkraftstoffe in land- und forstwirtschaftlichen Maschinen und möglicherweise auch weiteren Offroad-Anwendungen einzusetzen.“ Weiter heißt es, „die Landwirtschaft würde dann darin unterstützt, in weiten Teilen ihren Kraftstoffbedarf für die Nahrungsmittelproduktion selbst zu decken.“

Thomas Kaiser: Ja, und von den Grünen und der SPD kommen ebenfalls durch die Bank positive Rückmeldungen für diese Initiative. Die Agrarministerkonferenz der Länder hat sich einstimmig für die Förderung von Pflanzenöl in der Landwirtschaft ausgesprochen. Bayern wird womöglich noch vor der Bundesregierung mit einem eigenen Pflanzenölschlepper-Programm voranpreschen. Denn alle haben mittlerweile verstanden, dass der Sprit teurer wird und dass die Landwirtschaft dadurch in eine gefährliche Abhängigkeit gerät.

 Anita Walter, Gründungsmitglier bei Netzwerk Agrarantrieb, engagiert sich seit ihrem Forststudium für Pflanzenkraftstoffe, gründete 2005 ihr eigenes Unternehmen Susen  -Sustainable Energies- und entwickelte Konzepte zur Umsetzung des Förderprojektes „Informations-, Beratungs- und Schulungsmaßnahmen für Biokraftstoffe in der Landwirtschaft“ des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. 

Thomas Kaiser, ebenfalls von der ersten Stunde beim Netzwerk Agrarantrieb, wurde 2011 für seine Verdienste um die Pflanzenöltechnologie mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet. Er war unter anderem Gründungsmitglied der „Interessengemeinschaft Mischfruchtanbau“ sowie Gesellschafter der Vereinigten Werkstätten für Pflanzenöltechnologie (VWP). Mit Kaisers Eintritt im Motorforschungsinstitut von Ludwig Elsbett 1984 begann die technische Beschäftigung des ehemaligen Lehrers mit dem Thema Pflanzenöl in Verbrennungsmotoren; bis heute orientieren sich alle seine Arbeiten an der Leitidee einer modernen und leistungsfähigen Technologie, die den Lebensraum Natur erhält und seine Ausformungen in der Landwirtschaft einschließt. Dafür erhielt er bereits 2004 den Deutschen Solarpreis.

 

 

 

 

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