Anzeige
Windenergiemarkt

„Wir werden uns nicht mehr einfach auf die Aussagen der Politik verlassen“

Foto: Roland Horn

Foto: Roland Horn

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 02.12.20
… fasst Hans-Dieter Kettwig seine Erfahrungen als CEO des Windenergie-Pioniers Enercon zusammen. Seinen Stuhl nimmt seit wenigen Tagen Momme Janssen ein. Mit Kettwig ist er der Meinung, dass es ein klares Bekenntnis der Politik zum Klimaschutz und zu erneuerbaren Energien braucht. Zudem setzt er künftig verstärkt auf schlankere Strukturen und das internationale Geschäft.

neue energie: Herr Kettwig, seit dem 1. Dezember stehen Sie nicht mehr an der Spitze von Enercon, nach 33 Jahren. Wie geht es Ihnen persönlich mit dieser Entscheidung?

Kettwig: Der Wechsel an der Enercon-Spitze ist natürlich seit längerem vorbereitet gewesen. In den vergangenen Wochen haben wir mit unseren Führungskräften Gespräche geführt, die Situation diskutiert. Sicher, als der erste Dezember dann näherkam, bin ich auch ein wenig nachdenklich geworden. Aber das Gute ist ja, dass ich der Enercon-Gruppe auch künftig als Berater zur Verfügung stehe. Ich werde also noch an einigen Prozessen und Projekten mitwirken. Es wird ein fließender Übergang für mich und Enercon. Darüber hinaus steht Enercon vor großen Herausforderungen, das Unternehmen wird sich strukturell neu ausrichten. Dass das in Person von Herrn Janssen mit einem neuen Gesicht verbunden ist, fühlt sich für mich absolut richtig an. Das passt.

ne: Seit wann war klar, dass es einen Wechsel an der Spitze geben wird? Und wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Kettwig: Im Jahr 2017 wurde spürbar, dass sich die von der Politik gesetzten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Windkraft verschlechtern würden. Konkret ging es um die neu eingeführten Ausschreibungen und das Ausschreibungsdesign. Das Ausbauniveau war zwar noch gut, aber uns war klar, dass sich das in den Folgejahren ändern würde. Ende 2017 bin ich zudem 60 Jahre alt geworden. Mir stellte sich die Frage, wie ich die vor mir liegenden Jahre gestalten soll. Offiziell lief mein Vertrag mit Enercon noch drei Jahre. Also habe ich mit der Aloys-Wobben-Stiftung gesprochen. Wir sind übereingekommen, dass wir ein neues Management-Team aufbauen. Ziel war es, im Unternehmen einen Erneuerungsprozess zu starten. 2018 sind wir dann auf die Suche nach den passenden Leuten gegangen. Momme Janssen war dabei stark involviert.

ne: Die Geschäftsführung wurde letztlich auf insgesamt fünf Personen erweitert ...

Kettwig: Genau. Und ich bin sehr froh, dass die großen Herausforderungen auf mehrere Schultern verteilt werden konnten. Mitte 2018 wurde dann ja klar, dass die Firma Enercon eine echte Restrukturierung benötigt. Herr Janssen wurde damit betraut, den Turnaround einzuleiten, mit einem Zeithorizont bis 2022.

ne: Um noch einmal zurückzublicken, was waren für Sie Höhepunkte der langen Zeit bei Enercon? Und welche schwierigen Situationen gab es für Sie?

Kettwig: Meine ersten Gespräche mit Aloys Wobben waren für mich sehr prägend. Er hat mich 1988 eingestellt, und er hatte eine Vision. Die wird jetzt Wirklichkeit. Wir erleben eine Transformation der Industrie auf Basis von erneuerbaren Energien. Und mich begeistert bis heute, dass wir unsere Mitarbeiter über Jahrzehnte an unser Unternehmen binden konnten. Diese Menschen leben den Enercon-Spirit, halten durch, auch wenn es mal richtig stürmisch wird. Als einen technologischen Meilenstein sehe ich Anfang der 90er-Jahre die Einführung der getriebelosen Anlagen. Ein weiteres Highlight war für mich natürlich auch der Schritt auf den internationalen Markt, etwa mit den ersten Großprojekten in Portugal, wo wir dann auch eine Fertigungsstätte aufgebaut haben.

ne: Welche schwierigen Situationen gab es für Sie?

Kettwig: Ein Punkt ist natürlich, dass es nicht spurlos an mir vorbeigegangen ist, dass ich im Rahmen der Restrukturierung Menschen freistellen musste. Wobei wir bei Enercon sehr lange am Produktionsstandort Deutschland festgehalten haben. Insgesamt waren die zurückliegenden drei, vier Jahre nicht einfach. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns nicht mehr ohne weiteres auf die Aussagen der Politik verlassen werden. Das gilt weltweit. Aber daraus lernt man. Man ist gut beraten, auch einen Plan B und C in der Tasche zu haben. Auf Deutschland bezogen denke ich, dass es wichtig wäre, mit dem entsprechenden politischen Willen Aufklärungsarbeit in Sachen erneuerbare Energien zu leisten. Gerade Onshore-Wind hat hierzulande ja eigentlich enormes Potenzial. Insgesamt sehen wir, dass sich die Industrie immer mehr mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz beschäftigt. Das darf aber nicht nur in den Geschäftsberichten von Banken oder Industrieunternehmen stehen. Wir sind alle aufgefordert, Nachhaltigkeit zu leben und nicht nur Absichtserklärungen zu drucken. Dann ist dieser Trend der wesentliche Erfolgsfaktor für Unternehmen der Erneuerbaren-Branche.

ne: Wir hatten vor wenigen Monaten über die aktuelle Lage gesprochen. Bitte fassen Sie aber noch einmal kurz zusammen, in welchem Zustand Sie Enercon an Herrn Janssen übergeben.

Kettwig: Wie bereits gesagt, Enercon ist in einem Turnaround-Prozess. Seit 2018 haben wir die Wertschöpfungskette in Deutschland komplett verändert. Das dauert an. Und wir werden uns international neu positionieren. Aktuell erleben wir ja eine Phase, national wie international, in der die Märkte unter hohem Preisdruck stehen. Aber wir sind darauf vorbereitet. Enercon wird sich beweisen. Das, was künftig geschieht, könnte Herr Janssen ergänzen.

Momme Janssen: Tatsächlich erleben wir eine herausfordernde Situation. Aber Enercon hat die Situation verstanden und die Konsolidierung eingeleitet. Herr Kettwig hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit der neuen Geschäftsleitung die entsprechenden Weichenstellungen vorgenommen. Enercon hat sich jetzt bereits neu positioniert, ist in vielen Bereichen internationaler aufgestellt als bisher, hat seine Organisation und Prozesse neu aufgesetzt und treibt mit Hochdruck die Entwicklung neuer, unter dem Gesichtspunkt der Cost-of-Energy optimierter Anlagentypen voran. Und wir wissen, wie groß die Herausforderungen sind. So viel an dieser Stelle.

ne: Viel hängt von der Politik ab. Der Entwurf zum EEG liegt vor, es hat Gespräche mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier gegeben.  Rechnen Sie damit, dass die Windenergie hierzulande bald wieder bessere Zeiten erleben wird?

Kettwig: Der Entwurf zur EEG-Novelle war sicher seit Monaten überfällig. Jetzt wird unter hohem Zeitdruck das Gesetz finalisiert und verabschiedet. Ich würde mir angesichts der Bedeutung des Themas aber wünschen, dass sich die Politik mehr Zeit dafür nehmen würde, mit den Branchenakteuren noch einmal über wichtige Details zu sprechen. Uns wäre es ein großes Anliegen, wenn wir zum Beispiel eine Lösung für das Repowering, also den Austausch von Anlagen am bestehenden Standort hätten. Ungelöst sind für mich auch Themen wie etwa die CO2-Besteuerung oder die EEG-Umlage. Vielleicht wäre ein zweiter runder Tisch denkbar. Sonst haben wir ein neues EEG, aber die alten Probleme. Und nichts ist in der aktuellen Situation schlimmer als noch mehr Unsicherheit.

ne: Sie sehen bislang keine Verbesserungen für die erneuerbaren Energien?

Kettwig: Das Thema findet sicher mehr Resonanz und die Politik bemüht sich stark, das Feld insgesamt abzudecken. Gerade in den Bundesländern ist man dabei, die Dinge nach vorn zu bringen. Ich denke da besonders an die Beteiligung der Bürger vor Ort. Das wäre noch vor Jahren so nicht denkbar gewesen. Allerdings fehlt es daran, das komplexe Thema konzentriert und transparent anzugehen. Ich habe vor kurzem von einem Kunden erfahren, dass in manchen Regionen extrem hohe Gebühren für Eingriffe ins Landschaftsbild fällig werden. Da geht es um bis zu 170.000 Euro. Das konnte ich zuerst gar nicht glauben, das sind sehr hohe Hürden. Das wird aber nicht mit der EEG-Novelle abgeräumt. Die Politik hat sich übergeordnet für einen Klimaschutz-Kurs ausgesprochen – nun muss sie in die Details gehen.

Janssen: Ich würde Herrn Kettwig zustimmen, die Grundrichtung für mehr Klimaschutz müsste über alle Ebenen wirksam werden, vom Bund über die Länder bis in die Kommune, wo die Baugenehmigung erteilt wird. An der Stelle können Bewegungen wie Fridays for Future etwas bewirken, wenn die jungen Menschen etwa in die Politik gehen. Richtig ist auch, dass der Wegfall des deutschen Markts Enercon in diese tiefe Krise gestürzt hat. Die Konsequenz ist, dass wir das Risiko künftig streuen werden – sowohl regional als auch mit Blick auf die Marktakteure.  

ne: Zum Turnaround kommen wir noch. Herr Kettwig hatte aber das Thema Bürgerenergie angesprochen. Experten gehen davon aus, dass die kleinen Akteure über kurz oder lang aus dem Markt gedrängt werden. Was denken Sie?

Kettwig: In den 90er-Jahren haben in Deutschland besonders die Landwirte das Thema erneuerbare Energien möglich gemacht, einfach weil sie die Flächen hatten. Daraus haben sich kleinere Planer und Mittelständler emporgearbeitet, einige sind auch stark gewachsen. Es gab einen Boom und viel Euphorie. Mittlerweile hat sich die Situation aber gewandelt. Die Windenergieanlage ist ein Industrieprodukt mit viel höherer Komplexität als vor 20 Jahren. Wer ein Repowering durchführen möchte, steht vor enormen bürokratischen und technischen Anforderungen. Wer als Mittelständler an dieser Entwicklung teilnehmen möchte, sieht sich wahrscheinlich auch einem Generationenwechsel gegenüber. Mir ist ganz wichtig, dass sich die vielen mittelständischen Akteure nicht kleinreden lassen sollen. Wir von Enercon sprechen mit allen Projektierern und bieten unser komplettes Know-how an. Wir sind davon überzeugt, dass die Keimzelle der erneuerbaren Energien in Deutschland die kleinen Akteure sind, die Landwirte, die nach wie vor gebraucht werden. Sonst wird die Energiewende an Dynamik verlieren. Einfach, weil die Menschen vor Ort nicht mehr so stark mitgenommen werden. Es gibt Investorengruppen, die gehen unter Umständen etwas brachialer vor, wenn Menschen davon überzeugt werden müssen, dass in ihrer Region eine Windenergieanlage oder ein Strommast installiert werden muss.

ne: Wobei die Politik an der Stelle keine eindeutigen Signale gibt...

Janssen: Leider nein. In den 90ern gab es mal, im Zusammenhang mit der Wende, das sogenannte Verkehrswegebeschleunigungsgesetz. Es gab einen gemeinsamen Willen, die Wende zu realisieren. Warum gibt es kein Energiewendebeschleunigungsgesetz? Das würde den Stau auflösen.

ne: Um auf den Turnaround bei Enercon zu kommen – was ist erreicht, was steht weiterhin an?

Janssen: Wir sind bald im zweiten Jahr unserer Restrukturierung. Am Anfang haben wir alle nötigen Analysen durchgeführt und dabei viel gelernt. Enercon war ja geprägt durch ein extrem schnelles Wachstum, in Strukturen, in der Mitarbeiterschaft, auch bei den Produkten. Wir waren also gezwungen, im letzten Jahr sehr genau unsere internen Prozesse anzuschauen, zu prüfen, ob alles tatsächlich zukunftsfähig ist. Wir haben dabei zum Beispiel feststellen können, dass wir in manchen Bereichen Entscheidungen nicht mehr schnell genug treffen, dass wir die Qualität verbessern müssen, und dass unsere gewachsenen Strukturen und Prozesse nicht ideal für unsere neue Ausrichtung auf das internationale Geschäft geeignet sind. Die Kernherausforderung des Turnarounds ist für mich nun, effektiv Lösungen für diese Themen umzusetzen. Es geht darum, sie von der bunten Folie in die Realität zu bringen.

ne: Experten wie etwa Andreas Reuter vom Fraunhofer Iwes sehen aktuell nur wenige Stellschrauben, wenn es um die Anlageneffizienz geht. Sie wollen die Costs of Energy senken. Wo setzen Sie an?

Janssen: Was mich bei den Kosten der Anlage sehr beschäftigt, und da geht es ja letztlich um Wettbewerbsfähigkeit, sind die Strukturen im Unternehmen. Der Taktstock, der wird nicht bei Enercon geschlagen, sondern am Markt und beim Kunden. Das Tempo, das dort an den Tag gelegt wird, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Entsprechend müssen wir überlegen, wie wir unser Unternehmen agil genug machen können, um wieder zu Geschwindigkeit und Einfachheit in unseren Entscheidungsprozessen zu kommen. Wenn uns das gelingt, dann sind wir wieder besser steuerbar. Und ich denke, dann können wir auch wieder das Gewicht im Markt bekommen, das wir zu Recht einmal hatten.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Den ausführlichen Text lesen Sie in der Ausgabe 12/2020 von neue energie.

Kommentare (0)

Kommentar verfassen»

Kommentar verfassen

Aktuelles Magazin

Ausgabe Nr. 01 / 2021

Heißes Eisen: Um rechtzeitig CO2-frei zu sein, muss sich die Schwerindustrie neu erfinden

Bisherige Ausgaben »

Social Media