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Interview

„Wir merken einen Fachkräftemangel“

Foto: Stiebel Eltron

Foto: Stiebel Eltron

Kai Schiefelbein übernahm 2007 die technische Geschäftsführung von Stiebel Eltron. Seit Januar 2017 leitet der promovierte Maschinenbauingenieur gemeinsam mit Nicholas Matten das Unternehmen und verantwortet die Bereiche Technik, Einkauf und Personal.

Interview: Michael Hahn, 13.04.17
… sagt Kai Schiefelbein, Chef des Holzmindener Wärmetechnik-Spezialisten Stiebel Eltron. Er fordert von der Politik mehr Geld für Innovationen rund um die Energiewende.

neue energie: Wie groß sind der Umsatz und die Beschäftigungszahl nur im Bereich erneuerbare Energien und Energiewende? Gibt es einen extra ausgewiesenen Geschäftsbereich „erneuerbare Energien“?

Kai Schiefelbein: Von den etwa 435 Millionen Euro Jahresumsatz in 2015 waren rund 170 Millionen Euro im Bereich erneuerbare Energien. Dazu zählen wir Wärmepumpen und Lüftungsanlagen mit integrierten Wärmepumpen sowie die zugehörigen Speichersysteme, thermische Systeme, PV-Systeme und deren Regelungstechnik, hier insbesondere Energie-Management-Systeme, bei denen PV und Wärmepumpen zusammenspielen.

Etwa 770 Mitarbeiter arbeiten weltweit in Summe direkt im Bereich erneuerbare Energien, davon 340 in der Produktion an den verschiedenen Standorten, 50 in der Produktentwicklung, 150 im Vertrieb international und in Deutschland, im Kundendienst 180 Mitarbeiter, 50 im Produktmanagement und in der Schulung. Hinzu kommt noch ein Anteil an Mitarbeitern aus Personalabteilung und Buchhaltung und so weiter.

In Deutschland sind es 250 Mitarbeiter in der Produktion, 50 in der Produktentwicklung, 50 im Produktmanagement und in der Schulung, 90 im Vertrieb und rund 120 im Kundendienst. Wir weisen erneuerbare Energien in internen Berichten als extra Geschäftsbereich aus, in externen Zahlen nicht. Diesen Detailierungsgrad veröffentlichen wir nicht.

neue energie: Wie schätzen Sie zukünftig die Beschäftigungsperspektiven und -potenziale in diesem Bereich ein?

Schiefelbein: Der Bereich wird sich vergrößern, das ist relativ sicher. Im Klimaschutzplan 2050 steht, dass 67 Prozent CO2-Emissionen bis 2030 reduziert werden sollen gegenüber 1990. In der Energieeffizienzstrategie Gebäude steht, dass der Primärenergiebedarf in Gebäuden um 80 Prozent fallen muss bis 2050 gegenüber 2008. Das will die Politik sehr, sehr deutlich. Die Branchenprognose des Bundesverbands Wärmepumpe geht von einem „State of the Art“-Szenario von 1,6 bis zwei Millionen Wärmepumpen im Jahr 2030 aus. Das ist noch viel zu wenig, wenn die CO2-Einsparziele erreicht werden sollen. Agora Energiewende wird demnächst eine Studie veröffentlichen, in der voraussichtlich mehr als vier Millionen Wärmepumpen als Ziel für 2030 stehen werden. Ähnliche Zahlen prognostizieren auch das Wirtschafts- und das Umweltministerium. Heute gibt es 670.000 Wärmepumpen im Markt, bei einem jährlichen Marktvolumen von um die 65.000 Wärmepumpen. Selbst pessimistische Prognosen gehen von einem Wachstum von 50 Prozent gegenüber dem Ist-Zustand, also quasi ab sofort, aus.

Wenn die Regierung ernsthaft die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfolgt und die nötigen Rahmenbedingungen schafft, wird sich der heutige deutsche Wärmepumpenmarkt innerhalb weniger Jahre vervierfachen.

neue energie: Könnte die Industrie diese Kapazitäten überhaupt liefern?

Schiefelbein: Diese Kapazitäten hat niemand. Das ist ein Risiko, auf das wir die Politik auch aufmerksam machen – Rahmenbedingungen alleine reichen nicht. Das Handwerk hat zunächst nicht die Kapazitäten zur Installation der benötigten Einheiten. Die Handwerksbranche hat Probleme, Nachwuchs zu finden. Der zweite Engpass ist dann das Produktionsvolumen zumindest der deutschen Hersteller. Deswegen besteht eine realistische Gefahr, dass fernöstliche Hersteller davon extrem stark profitieren, wenn das Ramp-up zu schnell erfolgt und zu spät beginnt. Denn diese Hersteller verfügen durch ihre Produktionsstätten von Klimageräten über entsprechende Kapazitäten quasi im Stand-by. Wir bei Stiebel Eltron könnten unseren Ausstoß relativ zeitnah zumindest verdoppeln, darüber hinaus müssten wir deutlich investieren. Da fehlt es dann an allem, von Prüfständen über Maschinen bis Fertigungsfläche.

neue energie: Spürt das Unternehmen einen Fachkräftemangel? Was unternimmt Stiebel Eltron beim Thema Ausbildung?

Schiefelbein: Wir merken aktuell einen Fachkräftemangel unter anderem in der Produktion. Bei sprunghaftem Wachstum wie in diesem Jahr fällt es uns schwer, gerade im Bereich Facharbeiter den Bedarf zu decken. Im Bereich Hilfsarbeiter ist das noch kein Problem. Wir merken den Mangel außerdem in der Produktentwicklung und da ganz stark in der Hard- und Softwareentwicklung sowie im Kundendienst. Beispielsweise benötigt man für bestimmte Wärmepumpentypen Kältetechniker, und die sind in Deutschland leider Mangelware. Stiebel Eltron unternimmt viel, um das zu ändern: Wir bieten Duale Studiengänge in Kooperation mit Hochschulen. Wir bilden üblicherweise deutlich über unserem Bedarf aus. Wir vergeben viele Bachelor- und Masterarbeiten, die die Studenten bei uns im Unternehmen schreiben können und von denen dann auch viele bei uns bleiben, wenn die Bedingungen stimmen. In unserem Energy-Campus schulen wir eigene Mitarbeiter und Fachhandwerker, um die Qualifikationen nachzurüsten, die wir so direkt nicht auf dem Arbeitsmarkt finden. Allerdings: Einige Stellen können wir trotz alledem nicht zeitnah besetzen und müssen länger suchen.

neue energie: Hat Stiebel Eltron von der Erneuerbaren-Gesetzgebung der Regierung profitiert?

Schiefelbein: Ja, 2016 ist ja in Deutschland eine neue Stufe der Energieeinsparverordnung wirksam geworden. Der Marktanteil der Wärmepumpe im Neubau wächst, weil sie dort nun die wirtschaftlichste Möglichkeit ist, die Anforderungen zu erfüllen. Das führt deutlich dazu, dass der deutsche Wärmepumpenmarkt wächst – vermutlich im Bereich zwischen 15 und 18 Prozent gegen über dem Vorjahr. Daneben hilft, dass es über das Marktanreizprogramm eine sehr attraktive Förderung für Wärmepumpen gibt. In Deutschland wird Stiebel Eltron in 2016 stärker wachsen als in jeder anderen Region außer den USA. Es ist eigentlich ungewöhnlich, dass ein Unternehmen im Heimatmarkt stärker wächst als in den Märkten, die es entwickelt. Das liegt in diesem Jahr an den günstigen Rahmenbedingungen.

neue energie: Besteht dadurch nicht auch eine Abhängigkeit von den gesetzlichen Rahmenbedingungen?

Schiefelbein: Ja, 100-prozentig. Niemand, der sich mit erneuerbaren Energien beschäftigt, ist unabhängig von den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Das liegt auch in der Natur der Sache, dass bei den aktuellen Preisen für fossile Energieträger keine Anwendung von erneuerbaren Energien außerhalb eines politisch geförderten Rahmens wirtschaftlich ist. Die Abhängigkeit ist im Gegensatz zu anderen Erneuerbaren-Technologien jedoch kleiner, weil Wärmepumpen näher an der Wirtschaftlichkeit sind. Wenn die EEG-Umlage anders verteilt würde, wäre die Wärmepumpe sofort wieder das wirtschaftlichste System und man müsste nicht über andere Maßnahmen zusteuern.

Da die EEG-Umlage aktuell zu 100 Prozent auf den Strom umgelegt wird, macht das Strom als Endenergieträger aufgrund der preislichen Situation so unattraktiv für den Endkunden, dass er auf fossile Endenergieträger wie Gas oder Öl ausweicht. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir sind nicht gegen das EEG – es ist eine Erfolgsgeschichte – aber in der jetzigen Form ist es leider die beste und effizienteste Förderung für Gas- und Öltechniken, die wir in Deutschland jemals hatten. Da muss etwas geschehen: Entweder verteilt man die Umlage auf alle Endenergieträger, oder man führt vernünftige CO2-Preise ein, ob als Steuer, Umlage oder Abgabe.

neue energie: Wird Stiebel Eltron durch Änderungen im EEG 2017 profitieren, oder sehen Sie Probleme?

Schiefelbein: Die Änderungen im EEG 2017 betreffen uns vorerst voraussichtlich relativ wenig. Allerdings besteht langfristig die Gefahr, dass die Energiewende ausgebremst wird, weil Firmen durch das Ausschreibungsmodell zum Preisdumping verleitet werden könnten und dadurch weniger in Forschung und Entwicklung investieren. Die Energiewende war immer auch ein Innovationsthema, und Innovation braucht Geld – auch wenn die Politik das nicht gerne hört. Das ist ein bisschen ein Spiel mit dem Feuer, was die Politik da betreibt: Man kann insbesondere in jungen, sich entwickelnden Märkten, die ein hohes Innovationstempo brauchen, nicht alles den marktwirtschaftlichen Kräften zu 100 Prozent überlassen.

neue energie: Wie kommunizieren Sie Forderungen an die Politik?

Schiefelbein: Wir sprechen direkt mit Politikern und sind in Verbänden wie dem Bundesverband Wärmepumpe, oder dem ZVEI organisiert. Wir haben auch äußerst deutlich den Wunsch nach einer gerechteren EEG-Umlage und nach vernünftigen CO2-Preisen kommuniziert. Heute liegen 15 Eurocent staatlich bestimmte Preisbestandteile auf dem Preis für eine Kilowattstunde Strom, der Endkunde zahlt für den Wärmepumpenstrom rund 21 Cent. Die Differenz von sechs Cent sind der rein marktwirtschaftliche Anteil für Erzeugung, Transport und so weiter. Bei Gas beträgt der staatlich regulierte Anteil drei Cent und bei Öl 1,5 Cent. Wir haben also tatsächlich eine CO2-proportionale Besteuerung – nur falsch herum! Das kann die Politik nicht wirklich ernst meinen. Wir wissen und verstehen, dass sich in dieser Legislaturperiode daran nichts mehr ändern wird, versuchen aber deutlich zu machen, dass in der nächsten Legislaturperiode sehr schnell etwas passieren muss. Ansonsten könnte auch die deutsche Wärmepumpenindustrie unter die Räder kommen. Der Gradient, mit dem wir neue Produkte in den Markt bringen müssen, um die Ziele, die die Politik formuliert hat, zu erreichen, wird immer steiler. Die Zeit für Forschung und Entwicklung, für den Aufbau der Fertigungskapazitäten und für die Ausbildung von Facharbeitern wird immer kürzer. Gleichzeitig wird das Thema in Frankreich beispielsweise offensiver angegangen, die Rahmenbedingungen ermöglichen dort einen Markt von jährlich 100.000 Wärmepumpen, während wir in Deutschland bei den schon erwähnten circa 65.000 stehen. Dadurch hat die französische Industrie – um nicht immer die Konkurrenz aus Fernost ins Feld führen zu müssen – durch einen starken Heimatmarkt Wettbewerbsvorteile.

neue energie: Gibt es noch andere Unternehmen im Energietechnik-Valley an der Weser, die im Bereich erneuerbare Energien aktiv sind?

Schiefelbein: Dafür muss man den Bereich etwas ausdehnen. Hier in der Region, in Hameln, sitzt die Firma Lenze, die Frequenzumrichter und Inverter baut und stark im Bereich Energieeffizienz aktiv ist. Bei Kassel gibt es die Firma SMA, die Wechselrichter für PV-Anlagen baut. Das Institut für Solarenergieforschung Hameln (ISFH) befindet sich auch in unmittelbarer Nähe der Weser. Mit uns zusammen sind also drei Unternehmen und ein Institut sehr engagiert in Bezug auf die Energiewende tätig. Mit dem ISFH arbeitet Stiebel Eltron in Forschungsprojekten eng zusammen, auch mit SMA gibt es eine gute Zusammenarbeit. Das ist typisch im Mittelstand: Gewichtige Innovationen kann man meistens nur mit Kooperationspartnern betreiben.

 

Dieses Interview ist zuerst in Ausgabe 02/2017 von neue energie erschienen.

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