Story des Monats

Wind aus der Werft

Anne-Katrin Wehrmann, 04.03.14
Mit großen Plänen macht derzeit das Hamburger Unternehmen New Global Wind von sich reden. Auf dem Gelände der Volkswerft Stralsund sollen in den kommenden Jahren mehrere hundert Windkraftanlagen vom Typ Avantis produziert werden.

Investitionen in Höhe von 80 Millionen Euro, unter anderem für die Produktion von 250 bis 300 Windkraftanlagen, und bis zu 1000 neue Arbeitsplätze in den kommenden Jahren: Es klingt ausgesprochen ambitioniert, was die New Global Wind GmbH (NGW) derzeit in Stralsund plant. Nach eigenen Angaben will die Gesellschaft, die sich selbst als Spezialist für Investments in der Windenergie-Branche bezeichnet, den Standort zu einem weltweit führenden Innovationszentrum für On- und Offshore-Windenergie entwickeln. Neben dem Werk zur Herstellung von Windenergieanlagen sollen Produktionsstätten zur automatisierten Rotorblattfertigung, zum Bau von Kleinwindanlagen und bisher nicht markteingeführten Speicherbatterien sowie eine Rohstoffverwertungsanlage entstehen.

Im Zentrum der Planungen steht die seit zweieinhalb Jahren insolvente Volkswerft Stralsund, die NGW gerne kaufen würde. Ebenfalls interessiert an dem Gelände ist die Werftengruppe Nordic Yards, die bereits Standorte in Wismar und Warnemünde betreibt und außer Schiffen auch Konverterplattformen für die Netzanbindung von Offshore-Windparks baut. Die Entscheidung über den Zuschlag, bei der das Land Mecklenburg-Vorpommern als Hauptgläubiger wesentlichen Einfluss hat, sollte ursprünglich schon im Januar getroffen werden. Doch dann kam die Landesregierung in Schwerin nach Absprache mit Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann zu dem Ergebnis, dass beide Angebote nicht komplett überzeugen würden – weil keine tragfähigen Finanzierungskonzepte vorlägen und Nordic Yards keine Arbeitsplatzgarantie abgegeben habe, wie es heißt. Nun soll weiter nach Investoren gesucht werden. Ob die Werftengruppe dabei noch im Boot ist, ist derzeit unklar. Das ursprüngliche Angebot hatte nicht nur der Volkswerft gegolten, sondern auch zwei Fähren, die zuletzt in Stralsund gebaut worden waren. Die sind allerdings mittlerweile an einen anderen Bieter verkauft. Man bewerte das Engagement aktuell neu und habe noch keine Entscheidung darüber getroffen, ob man ein neues Angebot abgeben werde, heißt es bei Nordic Yards.

Stralsund als maritimen Standort erhalten

Bis Mai sollte der Verkauf in trockenen Tüchern sein, sagt ein Sprecher des Insolvenzverwalters: Dann werde das letzte Schiff die Werft verlassen und es gebe keine Arbeit mehr. In einer Landtagsaussprache zu diesem Thema hatte Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) Ende Januar berichtet, dass weitere Interessenten aus der Industrie bereitstünden, mit denen man im Gespräch sei. Das Ziel der Landesregierung sei es allerdings nach wie vor, Stralsund als maritimen Standort zu erhalten, erklärt Regierungssprecher Andreas Timm auf Nachfrage. „Priorität hat der Schiffbau – aber so, wie die Lage ist, muss man sich auch anderweitig umsehen.“ Es gehe darum, unter schwierigen Umständen die beste Lösung zu finden: „Wir brauchen einen Investor mit einem zukunftsfähigen Konzept, das finanziell abgesichert ist und eine Garantie für Arbeitsplätze enthält.

Für den maritimen Standort Deutschland (siehe Hintergrund-Info am Textende) sei es wichtig, ein Werft wie die in Stralsund auch weiterhin für den Schiffbau zu nutzen, betont Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Das gelte im Übrigen auch aus Sicht der Erneuerbaren-Branche: „Die Energiewende funktioniert nur mit Offshore-Windenergie, und Offshore-Windenergie funktioniert nur mit maritimer Industrie“, macht Lüken deutlich. Am effektivsten lasse sich das Know-how einer Werft nutzen, wenn sie das mache, was sie am besten könne – nämlich komplexe maritime Produkte herstellen. „Die Volkswerft ist eine schöne Werft“, sagt der Verbandschef. „Natürlich kann man in einem schönen Fußballstadion auch Brettspiele spielen, aber dann stellt sich die Frage: Ist das eine angemessene Nutzung?

Zweifel an Finanzierung

Ungeachtet solcher Vorbehalte halten die Planer von New Global Wind an ihrem Vorhaben fest. „Nichts gegen Schiffbau“, sagt Projektmanager Karl Engelke, „aber dann müssen auch entsprechende Aufträge reinkommen, wenn das weitergehen soll.“ NGW befinde sich jedenfalls bezüglich des Erwerbs der Volkswerft in konkreten Verhandlungen mit dem Insolvenzverwalter. Das Hamburger Unternehmen ist ein Neuling in der Erneuerbaren-Branche und will nun augenscheinlich mit Riesenschritten in den Markt eintreten. Geschäftsführer Wolfgang Trüschel indes ist in der Szene schon länger bekannt: Seit Anfang der 1990er Jahre hat er mit seinem damaligen Partner Jens Peters Windparks entwickelt und anschließend die P & T Technology AG sowie später die P & T Technik GmbH gegründet. Als New Global Wind im April 2013 erstmals mit Plänen für den „Innovationspark Stralsund“ an die Öffentlichkeit trat – damals spielte die Werft in dem Konzept noch keine Rolle –firmierte die zwischenzeitlich umbenannte Gesellschaft noch als New Global Financial GmbH (NGF). Nach eigenen Angaben besteht die NG-Gruppe aus diversen Firmen mit Sitz in Deutschland und in der Schweiz, die ihren Fokus „auf alle Bereiche der modernsten regenerativen Energien“ legen.

Das Stammkapital von NGW beträgt zwar aktuell nur 25000 Euro, soll nach Aussage von Engelke aber im Verlauf dieses Jahres auf bis zu 15 Millionen Euro aufgestockt werden. Der NDR ließ das Unternehmen in einem Internet-Artikel kürzlich von namentlich nicht genannten Quellen als „Blase, die noch nichts auf die Beine gestellt hat“ und als „Briefkastenfirma“ bezeichnen. „Alles Unsinn“, sagt dazu der Projektmanager. „Einen Briefkasten haben wir, das stimmt. Darüber hinaus haben wir auf einer Fläche von 450 Quadratmetern aber auch Büroräume, in denen wir mit unserem Team und unserem Planungsstab intensiv an der Umsetzung dieser Projekte arbeiten.“ Die Finanzierung sei über ein Konsortium aus NGW und mehreren institutionellen Großanlegern geregelt, das von einer Investmentbank gesteuert werde. Sowohl die Bank als auch die Investoren wollten öffentlich erst dann in Erscheinung treten, wenn der Kauf der Werft unter Dach und Fach sei.

NGW setzt auf Avantis

Sofern New Global Wind den Zuschlag erhält, ist auch eine Kooperation mit dem Consultingunternehmen Gicon geplant, das in den vergangenen Jahren ein schwimmendes Offshore-Fundament entwickelt hat. Noch in diesem Jahr soll laut Gicon-Geschäftsführer Jochen Großmann in der Ostsee ein erster Prototyp installiert werden – für dessen Bau die Volkswerft vorgesehen ist. Im Fokus steht für NGW allerdings die Produktion von Windenergieanlagen. Wenn alles nach Plan läuft, soll im vierten Quartal 2014 mit der Fertigung von zunächst insgesamt fünf bis acht getriebelosen Turbinen, basierend auf den Typen Avantis AV 928 (2,5 Megawatt) und AV 1010 (2,3 Megawatt), begonnen werden. Standorte für diese Pilotanlagen, die innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern mit unterschiedlichen Turmhöhen und Rotordurchmessern sowie unter Offshore-Bedingungen getestet werden sollen, sind laut Engelke schon identifiziert. Anschließend wolle man in die Serienproduktion einsteigen und bis Ende 2017 mehrere hundert Anlagen bauen, die in eigenen Windparks und im Rahmen von Windenergieprojekten in Kroatien, der Türkei und außereuropäischen Ländern zum Einsatz kommen sollen. Das Auftragsvolumen dafür umfasse etwa 750 Millionen Euro. Details des ersten großen Fremdauftrags könnten voraussichtlich Ende März bekannt gegeben werden.

Anlagenentwickler Avantis, der in Hamburg unter derselben Adresse an der Alster gemeldet ist wie NGW, verabschiedet sich mit dieser Zusammenarbeit von den langjährigen Plänen, eine eigene Produktion in Deutschland aufzubauen. Es habe in der Vergangenheit bereits feste Verträge mit Investoren gegeben, die sich dann aber doch noch zerschlagen hätten, berichtet Verkaufschef Ralf Breuer. „Jetzt freuen wir uns, dass wir mit New Global Wind einen Partner gefunden haben, der unsere Technologie finanziert und realisiert.“ Zu den Details der Verbindung erläutert er, dass Avantis die Nutzungsrechte an NGW übertragen habe und somit als Technikgeber fungiere. „Mit der Produktion und Finanzierung haben wir nichts zu tun, gesellschaftsrechtliche Verbindungen bestehen nicht.“ Gleichwohl sei geplant, dass er und Avantis-Technologiechef Detlef Lange bei NGW Funktionen als Verkaufsleiter beziehungsweise Technischer Direktor übernehmen werden. Lange Zeit hatte das Unternehmen große Hoffnungen auf den asiatischen Markt gesetzt. Knapp 50 Anlagen des in Deutschland entwickelten Typs AV 928 seien auch mit dem chinesischen Joint-Venture-Partner Yinhe, von dem man sich 2011 wieder getrennt habe, in China errichtet worden. Ein Ende 2011 verkündeter Auftrag über die Lieferung von 80 Anlagen für ein Projekt in Vietnam sei dagegen bis heute nicht umgesetzt worden, so Breuer.

Sowohl er als auch NGW-Projektmanager Engelke betonen, dass man die Produktion in Stralsund auch dann aufnehmen wolle, wenn die Volkswerft an einen anderen Bieter verkauft werden sollte. Für den „Innovationspark Stralsund“, in dem unter anderem die Rotorblätter gefertigt werden sollen, hat NGW voriges Jahr ein 42 Hektar großes und gut zwei Kilometer von der Werft entferntes Industrieareal gekauft, für dessen Bebauung die Stadt Stralsund gerade die baurechtlichen Voraussetzungen schafft. Die gesamte konzeptionelle Entwicklung sei jedoch vor allem auf die Volkswerft ausgerichtet, sagt Engelke. „Wenn das nichts wird, wäre das für alle Beteiligten sehr schade. Dann würde sich unser gesamtes Projekt sicherlich zeitlich verschieben.“

 


 

Hintergrund-Info: Werften

Die weltweite Schifffahrtskrise der vergangenen Jahre hat auch in der deutschen Schiffbaulandschaft deutliche Spuren hinterlassen. Waren vor Beginn der Krise im Jahr 2008 nach Angaben des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) noch 23624 Arbeitskräfte auf hiesigen Werften mit mehr als 50 Mitarbeitern beschäftigt, sind es mittlerweile (Stand September 2013) nur mehr 16840. Obwohl in den vergangenen Jahren gleich mehrere Seeschiffwerften Insolvenz anmelden mussten, liegt ihre Gesamtzahl in Deutschland unverändert bei rund 35: Mit einer Ausnahme konnten die zwischenzeitlich insolventen Unternehmen ihren Betrieb mit geänderten Geschäftsmodellen und angepassten Kapazitäten fortführen. Weil der lange Zeit vorherrschende Serienbau von Containerschiffen hierzulande komplett zum Erliegen kam, wurde eine Neuausrichtung auf Einzelanfertigungen wie Yachten, Kreuzfahrtschiffe und Fähren erforderlich. Hoffnungen verbindet die Branche seit einigen Jahren auch mit der Offshore-Windenergie: So hat eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG 2011 ergeben, dass sich für deutsche Werften durch den Bau von Offshore-Spezialschiffen, Plattformen und Fundamenten bis 2020 Umsatzpotenziale in Höhe von 18 Milliarden Euro ergeben.

Tatsächlich haben bisher schon mehrere Standorte zum Teil beträchtliche Aufträge aus der Offshore-Windenergie verbuchen können. Die Werftengruppe Nordic Yards in Wismar und Warnemünde hat sich zum Weltmarktführer beim Bau von Konverterplattformen entwickelt, bei Nobiskrug in Kiel werden derzeit eine Umspann- und eine Wohnplattform gefertigt. Und während sich die ehemalige Werft Nordseewerke in Emden mittlerweile auf die Produktion von Offshore-Fundamenten spezialisiert hat, hat die nach langer Insolvenz vor wenigen Wochen an einen russischen Investor verkaufte Sietas Werft in Hamburg gerade das erste in Deutschland gebaute Errichterschiff ausgeliefert. Vereinzelt haben auch andere Werften bereits Offshore-Spezialschiffe produziert beziehungsweise umgebaut oder repariert. Angesichts der Verzögerungen und Unsicherheiten beim Ausbau der Offshore-Windenergie haben die Umsätze für Schiffbauer in diesem Bereich allerdings bei Weitem noch nicht den Umfang erreicht, den die KPMG-Studie bei idealem Verlauf für möglich gehalten hatte. „Durch die von der Politik erzeugten Unsicherheiten sind hier schon viele Chancen ungenutzt geblieben“, sagt VSM-Hauptgeschäftsführer Reinhard Lüken. „Sowohl für die maritime Industrie als auch für die Energiewende insgesamt.“

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