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Corona-Krise

Virus trifft Erneuerbare

Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild

Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild

Während in Spanien Werke schließen mussten, läuft die Rotorblatt-Fertigung von Nordex in Rostock weiter. Das Bild stammt aus der Vor-Corona-Zeit, die Maske dient dem Arbeitsschutz.

Margit Hildebrandt und Michael Hahn, 02.04.20
Der Corona-Virus führt zu Produktionsstopps bei Herstellern von Windenergieanlagen. Wartung und Betrieb der Turbinen laufen dagegen fast wie gewohnt, es drohen allerdings Lieferengpässe bei den Ersatzteilen. Davon ist auch die Solarbranche betroffen. Hier sorgt zusätzlich das baldige Erreichen des Ausbaudeckels für Unruhe.

Die Corona-Pandemie kommt auch in der Erneuerbaren-Branche immer stärker an. Durch Lieferengpässe oder Personalmangel sowie Verzögerungen bei Genehmigungsverfahren sind viele Projekte gefährdet. Bei den Unternehmen kommt es zu Produktionsstopps.

Im Windbereich musste etwa der Anlagenhersteller Nordex erste Fertigungsanlagen in Spanien schließen. Im deutschen Werk in Rostock hingegen erfolge „weiterhin die Produktion der Maschinenhäuser und der Rotorblätter unter erhöhten Hygiene- und Sicherheitsvorkehrungen“, erklärt Unternehmenssprecher Felix Losada auf Nachfrage. Vom weltweiten Portfolio in Höhe von 19,6 Gigawatt seien derzeit fast alle Turbinen in Betrieb, „nur eine Handvoll wurde durch Covid-19 gestoppt oder wird eingeschränkt betrieben“.

Produktion in China wieder gestartet

Auch andere Hersteller mussten Produktionsorte schließen. Natürlich seien „Werke, Zulieferer, Auftragnehmer, Transport und Errichtung durch Beschränkungen in einzelnen Ländern betroffen, unsere globale Struktur und Lieferkette helfen uns aber die Produktion weitestgehend zu sichern“, teilt Vestas mit. In Deutschland laufe die Fertigung in den Werken in Lübeck/Travemünde und Lauchhammer „nach Plan“, ebenso die „Aktivitäten im Service, in der Installation und im Transport“.

Bei Siemens Gamesa sind laut Sprecher Marco Lange die Werke in Spanien „aufgrund der nationalen Gesetzgebung bis zum 9. April geschlossen“. In Indien blieben die Tore bis zum 21. April zu. „In China wurde die Produktion in unseren beiden Werken seit dem 10. Februar dagegen sukzessive wieder aufgenommen“, so Lange. Im deutschen Werk in Cuxhaven würde weiter produziert, ebenso in den Fabriken in Dänemark.

Enercon hat laut einem Firmendossier „umfangreiche Maßnahmen ergriffen, um bestmöglich sowohl den Gesundheitsschutz der Mitarbeiter zu gewährleisten, als auch die Handlungsfähigkeit des Unternehmens in dieser Sondersituation sicherzustellen“. Zudem seien „mehrere funktionsspezifische Krisenstäbe“ eingerichtet worden.

Ersatzteil-Engpass droht

Beim Service für Windenergieanlagen könne es in absehbarer Zeit zu Engpässen im Markt bei der Versorgung mit Ersatzteilen kommen, weil Zulieferer nicht mehr produzieren oder liefern können, sagt der Geschäftsführer von Enertrag Service, Veit-Gunnar Schüttrumpf. „Durch unsere eigene Werkstatt, in der wir gebrauchte Ersatzteile aufarbeiten, können wir darauf jedoch flexibel reagieren.“ Bei der Durchführung der Servicearbeiten gebe es bislang keine Probleme. „Wir arbeiten unter Volldampf weiter“, so Schüttrumpf.

Das bestätigt Elke Hanel, Geschäftsführerin von Stiege Wind: „Die Wartung und Entstörung von Windenergieanlagen läuft aktuell noch mit nur geringfügigen Einschränkungen wie gewohnt weiter.“ Momentan führe ihr Unternehmen keine Sonderdienstleistungen für Dritte durch, etwa den Tausch von Großkomponenten. „Um die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten setzen wir derzeit nach Möglichkeit keine Leiharbeiter ein und versuchen, die Teams konstant zu halten“, so Hanel. Teilweise sei es allerdings schwierig, Hotels für die Servicetechniker auf Montage zu finden.

Der Servicedienstleister Deutsche Windtechnik ist laut  Vorstand Matthias Brandt derzeit und auch mittelfristig ebenso zwar mit erhöhtem Organisationsaufwand, aber so gut wie vollständig, einsatzfähig. Es machten sich bislang nur leichte Verzögerungen im Zahlungs- oder Liefereingang und eine verlangsamte Logistik bemerkbar. Die Lager seien aber noch gut ausgestattet und die Mitarbeiter durch Maßnahmen wie Schichtsysteme, Wegeplanung oder die Nutzung unterschiedlicher Aufenthaltsräume vor einer Ansteckung geschützt. Die Wartezeiten bei Grenzüberfahrten hätten sich erhöht, diese seien für die Servicetechniker des systemrelevanten Energiesektors aber auch in Risikogebiete erlaubt. Bei den Wartungsarbeiten an den Windrädern selbst sei das Infektionsrisiko eher gering.

„Die Räder stehen still“

Von einem konkreten Corona-Stillstand berichtet Horst Leithoff, Geschäftsführer mehrerer Windparks in Schleswig-Holstein. „Eine unserer Anlagen hat seit vier Wochen einen Getriebeschaden, der eigentlich längst behoben sein sollte.“ Allerdings habe das belgische Reparaturteam keine Ausreisegenehmigung erhalten und auch der Ersatzteilversand dürfe derzeit nicht bearbeitet werden. Eine alternative Beschaffung oder Fertigung des Ersatzteils sei ebenfalls wegen Corona-Bestimmungen noch nicht möglich gewesen. „Bislang ist es auch nicht gelungen ein anderes Spezialteam mit Reiseerlaubnis zu finden. Die Räder stehen still“, so Leithoff.

Auch die Photovoltaikbranche ist von der schwer einschätzbaren Situation durch die Corona-Krise betroffen. IBC Solar berichtet von Lieferengpässen bei Komponenten. Daher müsse auch mit Verzögerungen bei der Realisierung von ausgeschriebenen Projekten gerechnet werden. Laut Firmensprecherin Annika Bloem haben zudem bereits einige Kommunen geplante Sitzungen zu Bauleitverfahren abgesagt oder verschoben. Zum Teil seien durch die Schutzmaßnahmen auch Preiserhöhungen für kurzfristige Lieferungen spürbar. Generell hätten aber die Fertigungen in Asien wieder die Produktion aufgenommen, ebenso laufe die Verschiffung wieder an. Das bayerische Unternehmen rechnet mittelfristig mit einer Entspannung der Situation und vermutet, dass bei einer Marktbereinigung vor allem die großen Solarprojektierer bestehen blieben.

Solardeckel bald erreicht

Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise rücken zudem die von der Politik bislang ungelösten Probleme der Branche noch stärker in den Blick. Der baden-württembergische PV-Projektierer Wirsol befürchtet vor allem, dass „durch die Überlagerung aller politischen Entscheidungen durch die Corona-Pandemie die Aufhebung des Solardeckels verschoben wird“. Zwar hat sich die Bundesregierung bereits letzten Herbst im Klimapaket darauf geeinigt, den 52-Gigawatt-Deckel für den PV-Ausbau abzuschaffen. Passiert ist das bislang jedoch nicht. Die Unionfraktion hat die Aufhebung des Deckels mit der Festlegung schärferer Abstandsvorgaben für Windräder verbunden, welche die SPD bislang ablehnt – genauso wie die Branchenverbände und zahlreiche Energieexperten.

Laut Bundesnetzagentur lag Anfang März die installierte Solarleistung bereits bei 49,5 Gigawatt. Mit Erreichen der 52 Gigawatt würden neue Anlagen bis 750 Kilowatt Leistung keine Einspeisevergütung mehr aus dem EEG erhalten. „Wann die Grenze erreicht wird, lässt sich schwer sagen, denn angesichts des drohenden Förderendes sind Vorzieheffekte zu erwarten, andererseits dürfte sich die aktuelle Corona-Krise auch auf den Solarzubau auswirken, da teilweise Personal oder Bauteile fehlen“, sagt Wirsol-Geschäftsführer Markus Wirth. Er schlägt vor, den Deckel nun im Rahmen der verschiedenen Hilfspakete für die Wirtschaft aufzuheben.

Bereits im März forderte die Solarbranche in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Deckel unverzüglich zu beseitigen, denn „vermeidbare zusätzliche Härten für die Wirtschaft sind jetzt unbedingt zu vermeiden und bereits vereinbarte Vorhaben zum Abbau von Marktbarrieren schnell umzusetzen“.


Arbeiten Sie in der Erneuerbaren-Branche und sind von Problemen durch die Corona-Pandemie betroffen? Schildern Sie uns Ihre Situation hier im Kommentarbereich oder schreiben Sie eine E-Mail an Chefredakteur Jörg-Rainer Zimmermann (jz@neueenergie.net).

 

Kommentare (1)

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  • 03.04.20 - 11:54, H. Arlt

    Im Windindustriegebiet Grohnde-Kirchohsen, Gemeinde Emmerthal, Landkreis Hameln-Pyrmont,
    sind 2 von 8 WKA, Typ VESTAS V136, 3,45 MW mit Rotorblattschäden seit Mitte Januar 2020 ausgefallen.
    Eine mehrfach angekündigte Reparatur hat bis lang nicht stattgefunden.
    Die Rotorblattfertigung soll in Lauchhammer für V136 Anlagen eingestellt worden sein.

    Wie realistisch ist eine zeitnahe Reparatur der 2 defekten WKA?
    H.A.

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