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Interview

„Mittelständler haben weiterhin eine gute Position“

Foto: Maria Conradi

Foto: Maria Conradi

Matthias Bockholt (links auf dem Monitor) und Jochen Ahn haben den Erneuerbaren-Projektierer Abo Wind im Jahr 1996 gegründet.

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 08.09.22
... sind die Gründer von Abo Wind, Jochen Ahn und Matthias Bockholt, überzeugt. Das Erneuerbaren-Projektgeschäft sei kleinteilig und brauche Flexibilität. Ganz große Wettbewerber seien da im Nachteil.

neue energie: Als Sie beide vor 26 Jahren ins Erneuerbaren-Geschäft eingestiegen sind, war das absolutes Neuland. Was hat Sie damals angetrieben, sich unternehmerisch auf eine recht unsichere Zukunft einzulassen?

Jochen Ahn: Wir waren der vollen Überzeugung, dass ein Kurswechsel der Energiewirtschaft in Richtung Erneuerbare notwendig ist. Und obwohl wir die Chance, etwas verändern zu können, als eher klein angesehen haben, wollten wir es einfach versuchen. Die heute bereits erreichten Dimensionen und vor allen Dingen, was jetzt für die Zukunft geplant ist, haben wir damals nicht vorausgesehen.

Matthias Bockholt: Wir dachten ja auch nicht wirklich, dass wir uns in eine unsichere Zukunft begeben. Der wirtschaftliche Aspekt stand für uns nicht so sehr im Vordergrund. In unseren Augen hat sich der Rest der Welt durch Nichtstun in eine unsichere Lage manövriert, was jetzt, 26 Jahre später, den meisten klar geworden ist. Die große Mehrheit der Bevölkerung hat in der Vergangenheit die Augen vor den offensichtlichen Problemen verschlossen, auf die die Wissenschaft immer wieder hingewiesen hatte. An der Stelle wollten wir aktiv werden.

ne: Ab welchem Punkt war Ihnen klar, dass Sie es mit Ihrem Geschäftsmodell geschafft hatten?

Bockholt: Ein Projektentwickler, der schlüsselfertig Windparks errichtet, ist in hohem Maß von Fremdkapital, also von Banken, abhängig. In den ersten Jahren mussten wir beide noch für jedes Darlehen persönlich haften. Als Abo Wind irgendwann groß genug war, verlangten die Banken das nicht mehr. Das war befreiend.

ne: Und wann war Ihnen klar, dass die Systemtransformation gelingen wird?

Ahn: Im Rückblick würde ich sagen, dass sich diese Gewissheit mit den politischen Entscheidungen nach der Fukushima-Katastrophe eingestellt hat. Als dann die Erneuerbaren innerhalb eines Jahres durchgehend einen Strommix-Anteil von 25 Prozent erreichten, waren wir sicher, dass wir auf dem Weg zu einer echten Erneuerbare-Energien-Wirtschaft sind.

ne: Wie schätzen Sie die Situation der Energiewende aktuell ein?

Ahn: Die Bundesregierung hat bemerkenswerte Beschlüsse gefasst. Es entsteht der Eindruck, dass es nun schnell gehen könnte. Wer allerdings in der Branche arbeitet, dem könnten auch Zweifel kommen, dass sich die Dimensionen des geplanten Zubaus wirklich so schnell realisieren lassen. Wichtig ist, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Die eigentliche Lehre aus der bisherigen Entwicklung ist ja, dass die einstigen Prognosen zum Erneuerbaren-Anteil immer wieder übertroffen wurden. Mir macht das Hoffnung, dass wir auch die aktuellen, sehr hohen Ziele in angemessener Zeit erreichen werden.

ne: Bereits in Ihrem Geschäftsbericht von 2020 schrieben Sie: ‚Um nicht abgehängt zu werden, muss Abo Wind wachsen.‘ Was ist aktuell am Markt los?

Ahn: Es ist ja nicht nur bei den Erneuerbaren so, dass Effizienz von der Größe abhängt. Je größer ein Projektentwickler ist, desto effizienter kann er einen Windpark konzipieren und dann im Wettbewerb seine Preise gestalten. Generalunternehmer, die wie Abo Wind schlüsselfertige Projekte verkaufen, benötigen finanziellen Rückhalt. Denn die Entwicklungskosten sind im Laufe der Zeit, in Abhängigkeit der Größe der Projekte, immer weiter gestiegen. Und die Genehmigungsverfahren dauern immer länger.

ne: Bis zu sieben Jahren ...

Bockholt: Genau. Der allererste Bauantrag für einen Windpark, den wir gestellt haben, das waren drei Kreuze auf einer kopierten Landkarte, ergänzt mit drei, vier Seiten Text. Die Baugenehmigung zu erhalten hat ein Dreivierteljahr gedauert. Und selbst das schien uns kompliziert, es hat uns richtig aufgeregt. Gegen die Komplexität, mit der wir es heute zu tun haben, war das aber ein Klacks. Und es wird immer komplizierter. Es gibt viele Klagen gegen Projekte, sehr viele Zusatzauflagen, etwa durch den Natur- und Denkmalschutz. Um das zu bewältigen, braucht es mehr Personal, mehr Fachleute. Was nichts anderes bedeutet, als dass Wachstum an ganz vielen Stellen nötig wird. Es muss immer mehr investiert werden, um einen vermarktbaren Wert zu erschaffen.

ne: Übersetzt hieße das, kleinere Mittelständler werden es künftig sehr schwer haben?

Ahn: Es ist klar, dass kleinere Firmen es schwerer haben. Es kommt aber auch darauf an, welche Geschäftsfelder gewählt werden und in welcher Region das Unternehmen arbeitet. Sicher ist es einfacher für ein kleineres Unternehmen, wenn in einer Region in Sachen Wind- oder Solarenergie weniger möglich ist als in einer Region, in der große Konkurrenz mit vielen Akteuren herrscht. Zudem bietet es sich für kleinere Firmen an, solche Projekte zu realisieren, die für einen größeren Marktteilnehmer nicht attraktiv sind.

ne: Welche Projektgröße ist für Abo Wind zu klein?

Ahn: Bei PV-Freiflächenanlagen liegt die Mindestgröße für uns bei einem Megawatt. Dachanlagen planen wir gar nicht. Das ist ein Geschäft, das sich für regional verankerte, kleinere Mittelständler anbietet.

ne: Was bedeutet das alles für die Struktur des künftigen Energiemarkts?

Bockholt: Der Erneuerbaren-Markt ist wesentlich kleinteiliger als der konventionelle. Früher gab es im Wesentlichen Kohle- und Atomkraftwerke, mit Kraftwerksblöcken ab 300 Megawatt. Diese Dimensionen sind hierzulande mit regionalen, kleinen Erneuerbaren-Einheiten nicht möglich. Diese kleinteilige Entwicklung können große Konzerne meist nicht gut steuern.

Ahn: Einige große Energieversorger in Deutschland betätigen sich ja auch als Planer. Mittelständler wie wir haben in diesem Geschäftsfeld aber weiterhin eine gute Position. Wir sind in der Lage, schnell und flexibel zu reagieren. Das bringt uns Vorteile gegenüber den ganz großen Wettbewerbern.

ne: Seit geraumer Zeit wird über zu hohe Pachtpreise und auch über den harten Wettbewerb um Anschlussverträge für das Repowering auf Bestandsflächen diskutiert. Da sind die großen Konzerne doch im Vorteil ...

Ahn: Sicher, die Großen haben andere finanzielle Spielräume. Für einen unabhängigen Projektentwickler wird es damit schwieriger. Aber bei der Frage der Flächenvergabe spielen auch inhaltliche Kompetenz, Einstellung und direkter Kontakt zum Landeigentümer eine wichtige Rolle. Da sind wir als kleiner Akteur gut aufgestellt.

ne: In welchen Weltregionen sehen Sie das stärkste Wachstum für sich?

Ahn: Ich glaube mit 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Deutschland haben wir für den nationalen Markt eine gute Größe erreicht. Wir haben schon recht früh gemerkt, dass das heimische Geschäft stark von den politischen Verhältnissen abhängt. Mit anderen Worten, mal läuft es gut, mal schlechter. Uns war schnell klar, dass wir deshalb Standbeine in mehreren anderen Ländern benötigen. Den Anfang haben wir mit Frankreich gemacht. An dieser Strategie hat sich im Grunde nichts geändert. Wir suchen immer wieder nach neuen Chancen. Aktuell arbeiten wir an Wind-, Solar- und Speicherprojekten mit einem Gesamtvolumen von mehr als 20 Gigawatt, verteilt auf 16 Länder weltweit. Der Großteil davon, rund zwölf Gigawatt, entfällt auf Europa.

ne: Und in welchen Bereichen soll Abo Wind künftig wachsen?

Bockholt: Wir haben uns keine absoluten Größen für unser Wachstum gesetzt. Es geht mehr darum, sinnvolle Schritte zu unternehmen. Unser jährliches Wachstum liegt zwischen zehn und 15 Prozent. Das lässt sich als Richtwert nehmen. Dann kommt es aber auch darauf an, welche Gelegenheiten sich bieten. Neben dem Windsektor sind für uns auch Solarprojekte immer wichtiger geworden, was einen Wachstumsschub bringt. Die Entwicklung ist auch technologisch getrieben. Vor drei Jahren haben wir begonnen, uns im Batteriebereich zu engagieren. Das ist das nächste große Thema der erneuerbaren Energiewirtschaft. So ist es etwa möglich, in der Kombination von Erneuerbaren und Batterien den Netzanschluss zu optimieren, um an einem Anschlusspunkt mehr Energie einzuspeisen. Diese neuen Handlungsfelder führen sogar zu Wachstumszwängen.

Dies ist eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview lesen Sie in Ausgabe 9/2022 von neue energie.

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