Interview zur Oktober-Ausgabe

„Es wird eine weitere Konsolidierung geben“

Foto: GE

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Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 05.10.17
… erwartet Andreas von Bobart, Geschäftsführer von GE Wind Energy, für die Branche aufgrund des steigenden Kostendrucks. Auch mit dem eigenen Betriebsrat würden Gespräche laufen, um die Kosten zu senken. Neben technischen Lösungen richtet er zudem den Blick ins Ausland.

neue energie: Wie erleben Sie derzeit die Stimmung in der Branche?

Andreas von Bobart: Bei unseren Kunden sehen wir die komplette Bandbreite von Panik bis Gelassenheit. Der Kostendruck trifft die gesamte Wertschöpfung. Von den Verpächtern über die Planer, Gutachter, Hersteller, bis hin zu den Zulieferern. Wir sitzen alle in einem Boot, haben die gleichen Herausforderungen vor uns.

ne: Experten aus der Forschung sprechen von einer absehbar nötigen Senkung der Stromgestehungskosten in Höhe von 25 bis 30 Prozent.

Von Bobart: Ich tue mich schwer, solche Zahlen zu kommentieren. Es kommt auf die Ausgangsbasis an, in welchem Zeitraum und in welchem Markt das geschieht. In Deutschland haben wir erlebt, dass innerhalb von kürzester Zeit die Vergütung von sieben oder acht Cent auf vier Cent gesunken ist, das entspricht einem Rückgang von 50 Prozent. Insofern fällt es mir schwer eine Zahl zu nennen, die den zukünftigen Talboden definiert.

ne: Und von der anderen Seite aus gedacht – was ist geschehen, wenn wir Null-Gebote sehen?

Von Bobart: Dann wird dort mit dem Stromhandelspreis gerechnet. Wir haben es im Offshore-Bereich gesehen. Für den relevanten Zeitraum des Vergütungsbeginns liegen die Erwartungen zwischen 35 und 45 Euro. Das wird sich auch im Onshore-Bereich einstellen. Wann und wie, kann ich aber nicht vorhersagen.

ne: Die sehr niedrigen Gebotspreise waren ja nur möglich, weil man mit Anlagen – auch von GE –  kalkuliert hat, die bei Gebotsabgabe noch gar nicht verfügbar waren …

Von Bobart: Ich kann Bieterstrategien nicht kommentieren, da ich sie häufig gar nicht kenne. Dazu müssten Sie die Bieter fragen. Aber natürlich hat das EEG dazu geführt, dass Bieter, die keine Genehmigung brauchen, nicht mit Anlagen in ihre Projektplanung und Wirtschaftlichkeitsberechnung gehen, die bereits verfügbar sind. Unsere 2,5-Megawatt-Anlage hat in diesem Preisgefüge keine Chance mehr. Die Kunden sind gezwungen, mindestens mit der Drei-MW-Klasse zu rechnen. Mit unserer in Husum vorgestellten 4.8-158 ist eine Anlage mit vielversprechenden Chancen für die Teilnahme an den deutschen Auktionen verfügbar.

ne: Große Versorger wünschen sich, dass die Anlagen schnell noch günstiger und noch effizienter werden …

Von Bobart: Der Wunsch ist nachvollziehbar, aber die Betriebswirtschaft setzt dem natürlich Grenzen. Man kann nicht auf der einen Seite immer mehr Preisnachlass erwarten und zusätzlich noch eine gesteigerte Innovationsgeschwindigkeit. Die Innovationszyklen sind im Vergleich zu anderen Industrien sehr sportlich, häufig kürzer als die Lebenszeit eines modernen Laptops, der ja nach drei Jahren abgeschrieben ist.

ne: In welchem Maß könnte man die Entwicklungszeiten bei GE noch verkürzen?

Von Bobart: Derzeit starten wir jährlich zwei neue Produktlinien. Man kann aber keine generelle Aussage machen, wie lange eine spezifische Entwicklung dauert. Die jetzt präsentierte Anlage ist eine völlig neue Plattform, mit völlig neuen Features. Das zu entwickeln dauert deutlich länger, als eine bestehende Plattform zu optimieren.

ne: Bei welchen einzelnen Komponenten sehen Sie aktuell noch die Möglichkeit, deutliche Effizienzgewinne zu realisieren?

Von Bobart: Es gibt zwei Stellschrauben zur Senkung der Stromgestehungskosten. Man kann mehr Strom erzeugen. Oder man macht die Anlagen günstiger, das zieht sich aber durch die gesamte Wertschöpfungskette hindurch. Dann spricht man über jedes Detail, über Zulieferer, Logistik, Transport, Kräne, Arten der Montage, einfach alles. Zudem muss man prüfen, welche Verbesserung beim Betrieb möglich ist. Auch dort geht es um Fragen, wie man etwa Teile günstiger beschaffen und die Logistik für den Service verbessern kann. An dieser Stelle sehen wir Potenzial in der Digitalisierung. Das fing an mit Sensorik und Condition Monitoring, reicht mittlerweile aber bis zum digitalen Asset Management, zur Flottenüberwachung. Damit lassen sich die Einsätze von Service-Teams wie auch das Verhalten des Windparks verbessern, bei Bestands- wie auch Neuanlagen. Das macht vor allem bei wirklich großen Parks Sinn, wo bis zu vier Prozent Mehrertrag grundsätzlich möglich sind. Bei kleineren Projekten würde man hingegen eher prüfen, welche Potenziale sich im Rahmen der Planung auftun. Dabei geht es dann darum, die geeignetste Anlagenkonfiguration für den jeweiligen Standort zu finden. Das wird sicher noch an Bedeutung gewinnen.

ne: Sie haben an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass die Windenergie künftig mit Solar konkurrieren muss, entsprechend der jeweiligen regionalen Gegebenheiten. Was macht das mit dem Markt?

Von Bobart: Diese Herausforderung gilt es anzunehmen. Es wird Märkte geben, in denen Projekte in der Leistungsklasse der 4.8-158 möglich sind. Und es wird sicher auch Weltregionen geben, in denen für Solar so günstige Bedingungen vorliegen, dass man sich mit Windenergie schwertun wird.

ne: Mit Blick auf Deutschland: Wenn Sie sagen, dass man die Kosten nicht innerhalb kürzester Zeit rapide senken kann, wird GE dann auch in den Stromhandel einsteigen, um Umsatz und Marge anzuheben?

Von Bobart: Zunächst haben wir mit der Einführung unserer neuen 4.8-158 einen wichtigen Schritt gemacht. Wie gesagt, man kann den Ertrag erhöhen, die Kosten senken, oder beides. Wir haben beides getan: Wir haben im Vergleich zur Vorgänger-Plattform den Ertrag signifikant erhöht, diesen Effekt hätte man durch Preissenkungen bei älteren Anlagen nicht erzielen können. Gleichzeitig arbeiten wir an einer Reduzierung der Kosten für unsere Kunden – etwa durch digitale Lösungen zum verbesserten Anlagenbetrieb oder flexible Serviceleistungen. Wir werden natürlich auch weiterhin mit unseren Kunden daran arbeiten, die Stromgestehungskosten zu verbessern. Einen generellen Strategiewechsel sehen wir deshalb nicht als nötig an.

ne: In welchen anderen Ländern hat GE das Portfolio erweitert?

Von Bobart: Über die Bereiche Capital und Financial Services von GE sind wir in europäischen Märkten wie Spanien und Skandinavien aktiv. Dort geht es um Hilfestellungen bei der Finanzierung der Parks.

ne: Was bedeutet es für GE, falls in den kommenden Jahren tatsächlich bis zu 50 Prozent der bezuschlagten Projekte nicht gebaut werden sollten?

Von Bobart: Zunächst war zu erwarten, dass der Markt schrumpft, das politische Ziel sind 2800 Megawatt inklusive Repowering. Es war also absehbar, dass wir auf längere Sicht nicht mehr vier Gigawatt aufstellen würden, so wie in jüngerer Zeit. Und wenn die Realisierungsquote in Deutschland sinkt, dann bedeutet das für uns hier natürlich auch einen sinkenden Umsatz. Allerdings muss man wissen, dass bei uns die jährliche Exportquote so hoch ist, dass wir Schwankungen am deutschen Markt über unsere Exporte in andere Regionen ausgleichen können. Ein Beispiel ist etwa, dass wir uns bei der jüngsten Auktion in Spanien gemeinsam mit einem Projektpartner einen deutlichen Anteil der Zuschläge sichern konnten. So können wir einen eventuellen Umsatzrückgang hierzulande ausgleichen.

ne: Sehen Sie bei ihren Kunden bereits einen Trend dahin, Geschäftsmodelle ohne EEG-Vergütung zu wickeln?

Von Bobart: Wir haben die Husum-Messe genutzt, um diese Frage zu stellen. Erste Rückmeldungen gehen genau in diese Richtung. Es geht bei Kunden um Stromhandelsmodelle (Power Purchase Agreement (PPA), Anm. d. Red.), also Kooperationen entweder direkt mit industriellen Abnehmern oder mit Versorgern.

ne: Mit welcher Dynamik entwickelt sich das?

Von Bobart: Wir haben noch kein abschließendes Bild. Das hängt wohl davon ab, wie die kommenden Auktionen in diesem und im kommenden Jahr laufen werden. Alles hängt an der Entwicklung der Gebotspreise …

ne: Wobei viele kleinere Projektierer sagen, sie können sich die Kosten für die Teilnahme schon jetzt eigentlich sparen …

Von Bobart: Aber es ist eben auch die Frage, ob die vielen kleinen Projektierer auskömmliche PPAs finden. Es wird sich am Markt irgendwann zeigen, ob das Sinn macht. Wie schnell das geht, kann ich jetzt noch nicht sagen.

ne: Wie stark wird sich der Markt in Deutschland konsolidieren?

Von Bobart: Ich wüsste keine Kennzahl, mit der ich das beschreiben könnte.

ne: Vielleicht über die Beschäftigtenzahlen …

Von Bobart: Ich glaube, es wird eine weitere Konsolidierung geben. Aber ich traue mir nicht zu, zu sagen, in welchem Umfang sich das am Stellenmarkt zeigt.

ne: Wie sieht es bei dem Thema bei GE aus?

Von Bobart: Auch wir sind mit dem Betriebsrat in Gesprächen zur Kostenreduzierung. Wie andere Hersteller auch sind wir zur Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit gezwungen, Kosten einzusparen. Eine weitere Steigerung unserer Wettbewerbsfähigkeit erwarten wir durch die 4.8-158, die wir auf der Husum Wind vorgestellt haben.

 

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