Interview

„Es braucht sehr viel mehr Mut seitens der Politik“

Foto: Hartmut Zielke

Foto: Hartmut Zielke

Hartmut Brösamle (links) und Gernot Blanke bilden gemeinsam mit Björn Nullmeyer den Vorstand des Erneuerbaren-Unternehmens WPD

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 07.10.22
… um die deutschen Ausbauziele im Windsektor zu erreichen, sagt WPD-Vorstand Hartmut Brösamle. Doch CEO Gernot Blanke ist zuversichtlich, dass das Erneuerbaren-Geschäft weltweit nicht aufzuhalten ist.

neue energie: Am 15. September wurde der Verkauf der WPD-Offshore-Sparte an Global Infrastructure Partners besiegelt. Wie kam es zu dem Deal?

Gernot Blanke: Natürlich beobachten wir unsere Geschäftsbereiche, also Onshore-Wind, Photovoltaik und bislang Offshore-Wind sehr genau. In allen Bereichen haben wir die Internationalisierung vorangetrieben. Wir sind in 30 Ländern aktiv und decken dort die gesamte Wertschöpfungskette ab. Nun war das Offshore-Geschäft mit rund 300 Mitarbeitern in zwölf Ländern auf insgesamt rund 30 Gigawatt angewachsen. Aber dieses Segment ist sehr kapitalintensiv. Da wir nicht nur Projekte entwickeln und dann sofort verkaufen, sondern als unabhängiger Grünstromproduzent weiter wachsen wollen, ist der Aspekt der Finanzierung für uns sehr relevant. Es hätte nicht funktioniert, rein aus unseren erwirtschafteten Gewinnen, also über die Innenfinanzierung, den Offshore-Bereich auszubauen. Deshalb haben wir uns entschlossen, für diesen Geschäftsbereich nach einem Co-Investor zu suchen.

ne: Hätte nicht ein weiterer Aktionär in der WPD AG aufgenommen werden können, um an neues Kapital zu kommen?

Blanke: Klaus Meier und ich haben uns gegen die Aufnahme eines Mitgesellschafters auf der Ebene der Holding WPD AG entschieden. Damit bleibt der Gesellschafterkreis stabil.

Hartmut Brösamle: Wir konnten in der Vergangenheit unsere Projekte immer selbst mit Eigenkapital finanzieren und hatten im Projektgeschäft keinen Verkaufsdruck. Damit haben wir uns als stabiler, starker Kooperationspartner etabliert. Das wollen wir fortführen. Das Ziel ist, den Eigenbestand auszubauen.

Blanke: Wir hatten ja auch im Offshore-Bereich fünf Projekte im Bestand und haben nach einem Käufer gesucht, der diesen Kurs beibehält.

ne: Herr Blanke, wir haben uns vor Jahren auf der Messe Husum Wind kennengelernt. In unserem Gespräch ging es damals nicht zuletzt um Gerüchte, dass WPD verkauft werden soll. Sie hatten das zurückgewiesen. Als jetzt die Verkaufspläne der Offshore- Sparte publik wurden, hieß es erneut, die WPD-Gruppe als Ganzes stünde zum Verkauf. War da etwas dran?

Blanke: Über die Jahre hinweg hat es immer wieder solche Gerüchte gegeben. Nur wie gesagt, unser Gesellschafterkreis ist absolut stabil. Und mit dem Verkauf unserer Offshore-GmbH ist die Neustrukturierung der WPD-Gruppe abgeschlossen. Das gilt für alle unsere bestehenden Geschäftsbereiche inklusive dem Servicesegment mit der Deutsche Windtechnik AG.

ne: Es gab Medienberichte, dass die Probleme mit dem taiwanesischen Offshore-Projekt Yunlin mit ein Grund für den Verkauf gewesen sein sollen...

Blanke: Die Fertigstellung von Yunlin hat sich verzögert, richtig. Und ich kann verstehen, dass manche Medien diesen Punkt stark betont haben, solche Nachrichten verkaufen sich besser. Nur, wir hatten Anteile an sehr viel mehr Offshore-Parks, an Butendiek mit 288 Megawatt und an Nordergründe mit 110 MW. Es sind zwei französische Projekte im Bau, das eine mit 500 MW, das andere mit 450 MW. Dazu kommt in der Ostsee das Windpark-Projekt Gennaker mit 1000 MW. Diese Medienberichte haben sich also auf ein Projekt fokussiert, bei dem es nicht optimal lief. Das wäre aber nie ein Grund gewesen, das ganze Portfolio abzustoßen. Zumal wir in der Yunlin-Projektgesellschaft nur einer von vier Gesellschaftern mit 25 Prozent waren.

ne: Welche Geschäftsbereiche wollen Sie jetzt ausbauen?

Blanke: Hartmut Brösamle hat es schon umrissen. Wir wollen den Eigenbestand massiv ausbauen. Derzeit umfasst unser Bestands-Portfolio rund 2500 Megawatt. Das soll bis spätestens 2026 verdoppelt werden. Daneben werden wir zunehmend Stromlieferverträge anbieten, also den PPA-Bereich ausbauen. Zudem wollen wir uns noch intensiver um die Finanzierung internationaler Projekte kümmern. Wir streben aber nicht danach, Wachstumsquoten zu erfüllen. Wir wachsen organisch, wollen den Aufgaben gerecht werden und die Projekte vorantreiben.

Brösamle: Um das zu ergänzen, wir werden uns verstärkt mit Photovoltaik beschäftigen. Wir waren lange eine reine Windfirma und haben nur gelegentlich kleinere PV- oder Biogas-Projekte realisiert. Vor rund drei Jahren haben wir aber erkannt, dass an PV kein Weg vorbeigeht, wenn man die Klimaschutzziele erreichen will. Seitdem bauen wir sowohl in Deutschland und Frankreich als auch in vielen anderen Ländern entsprechende Teams auf. Das Schöne an PV ist ja, dass im Vergleich zu Windprojekten alles sehr viel schneller geht. Wir reden da von zwei Jahren vom Projektstart bis zur Inbetriebnahme, im Windsektor sind es bis zu sieben Jahre. Jetzt im Oktober ist Baustart für unser erstes PV-Projekt in Deutschland – wir fangen mit zehn Megawatt klein an. Aber schon nächstes Jahr werden wir in Deutschland deutlich über 100 MW umsetzen. Und weitere Länder folgen zeitnah.

ne: Wie wichtig ist der deutsche Markt für Sie?

Brösamle: Der deutsche Markt war und ist unser Heimatmarkt und war immer der Anker unserer Aktivitäten. Das wird auch langfristig so bleiben. Klar gab es Höhen und Tiefen. Aber angesichts der Ausbauziele der Bundesregierung mit zehn Gigawatt jährlich ist das ein sehr spannender Markt. Zudem haben wir hier das stärkste Team in der Projektentwicklung mit viel Know-how, langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in insgesamt 15 Niederlassungen. Von hier aus findet auch der Know-how-Transfer in die anderen Länder statt. Und, nicht zu vergessen, wir kooperieren hierzulande mit rund 50 anderen Planern in Windpark- und PV-Projekten. Diese Kooperationen wollen wir weiter ausbauen.

ne: Stichwort Ausbauziele. Viele Hürden für mehr Tempo sind nicht beseitigt. Wie schnell kann es tatsächlich gehen mit den Zielen der Bundesregierung?

Brösamle: Ich glaube, es wird alles viel langsamer gehen als die Regierung und wir uns das wünschen. Die höchste Hürde ist der Artenschutz. Wenn wir nicht wegkommen vom nach wie vor praktizierten Individuenschutz und das Bundesnaturschutzgesetz nicht geändert wird, dann fehlt mir die Phantasie, wie die zehn Gigawatt Windkraft realisiert werden sollen. Es braucht hier sehr viel mehr Mut seitens der Politik.

ne: Derzeit wird darüber spekuliert, ob die Hersteller überhaupt in der Lage sein werden, die benötigten Anlagen in ausreichender Zahl schnell zu liefern. Es wurde ja viel Personal abgebaut ...

Brösamle: Ich arbeite seit über 25 Jahren in dieser Branche. Und es gab immer wieder mal problematische Phasen, so wie derzeit. Der deutsche Markt war ja zeitweilig fast weggebrochen. Damit tun sich Hersteller schwer, es kommt zum Abbau von Produktionskapazitäten und zu langen Lieferfristen. Wenn wir aber nicht nur hierzulande, sondern europaweit künftig stabile Märkte sehen, dann sollten die Hersteller eine hohe Motivation haben, die Kapazitäten wieder hochzufahren. Langfristige Planbarkeit ist dafür am Ende entscheidend.

ne: Sie sehen keine Anzeichen für eine weitere Konsolidierung bei den Herstellern?

Brösamle: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir ein Oligopol mit nur zwei oder drei Herstellern erleben werden. Aber vielleicht kommt es bei kleineren Herstellern zu Übernahmen.

Blanke: Ich schließe mich dem an. Natürlich muss man im Blick behalten, dass die gesamte Branche von den hierzulande hohen Strompreisen profitiert. Die Strompreise entwickeln sich aber nicht in allen Märkten in dieser Weise. Das hat Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle und natürlich auf die Auftragslage bei den Herstellern. Ich denke aber nicht, dass wir eine große Konsolidierung erleben werden. Angesichts der bereits erfolgten Preissteigerungen sollten die großen Hersteller wieder in die Gewinnzone kommen. Ich glaube, das Geschäft mit erneuerbaren Energien ist nicht aufzuhalten, weltweit.

ne: Vor einiger Zeit wurde intensiv diskutiert, ob chinesische Anlagenhersteller hierzulande zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz werden. Mittlerweile ist davon kaum noch die Rede. Wie sehen Sie das Thema?

Brösamle: Stimmt, vor ein paar Jahren wurde sehr ernsthaft diskutiert, ob chinesische Hersteller massiv in den europäischen Markt einfallen und mit günstigen Preisen einen Konkurrenzkampf auslösen. Letztlich ist daraus nichts geworden. Ich kenne keine europäischen Projekte, bei denen über chinesische Anlagen nachgedacht wird. Anders ist das in Asien.

Blanke: Genau, wenn wir etwa nach Vietnam schauen, dann spielen dort natürlich chinesische Hersteller eine Rolle. Im asiatischen Raum sprechen auch unsere Einkaufsteams mit chinesischen Firmen.

ne: Eine andere Hürde für den schnellen Erneuerbaren-Ausbau ist der viel diskutierte Fachkräftemangel. Was kann die Branche tun?

Brösamle: Klar, auch wir suchen Personal für sämtliche Bereiche. Aktuell haben wir allein in Deutschland 50 Stellen ausgeschrieben. Alle, die sich bewerben und die gut sind, werden eingestellt. Aber wir sind vom Fachkräftemangel weniger betroffen als andere Branchen. Viele Menschen haben Lust, an der Energiewende mitzuwirken. Unsere Bewerber wollen in einem mittelständischen Unternehmen mit flachen Hierarchien arbeiten – und etwas Sinnvolles machen. Allein im Bereich Projektentwicklung habe ich in diesem Jahr im Schnitt pro Woche mindestens eine Person eingestellt. Aber ja, es könnten gerne mehr sein.

Dies ist eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview lesen Sie in der Ausgabe 10/2022 von neue energie.

 

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