Anzeige
Interview

„Die Politik hat auch Verantwortung für die Zubauziele übernommen“

Foto: Heiko Preller

Foto: Heiko Preller

Dirk Güsewell, Leiter Erzeugung/Portfoliomanagement bei EnBW

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 07.07.17
… sagt Dirk Güsewell, Leiter Erzeugung/Portfoliomanagement bei EnBW, zur Umstellung der Erneuerbaren-Vergütung auf Ausschreibungen. Die hohe Zuschlagsquote für Bürgerprojekte in der ersten deutschen Onshore-Auktion sieht er kritisch.

neue energie: Sie sehen kritisch, dass in der ersten Onshore-Auktionsrunde sehr viele Bürgerprojekte einen Zuschlag erhalten haben. Warum?

Dirk Güsewell: Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wir waren und sind davon überzeugt, dass die Energiewende eine Mitmachbewegung sein muss und unterstützen deshalb ausdrücklich, die Akteursvielfalt, nicht zuletzt, weil sie für die Akzeptanz der Energiewende wichtig ist. Bereits heute arbeiten wir mit 30 Bürgerenergiegesellschaften zusammen, Bürgerbeteiligung ist also kein Fremdwort für uns. Aber ich sehe es kritisch, dass Projekte, die unmittelbar baureif sind, nicht zum Zug kommen. Dadurch erleiden viele Projektierer einen Schaden, denn deren Kapital ist in den entwickelten Projekten gebunden und steht zunächst weiteren Projektansätzen nicht zur Verfügung. Andererseits erhalten Projekte einen Zuschlag, deren Gesellschaftsform nach erfolgtem Zuschlag theoretisch geändert werden kann, die aber trotzdem erst in drei oder vier Jahren gebaut werden müssten. Das scheint uns ein großes Problem zu werden.

neue energie: Gehen Sie davon aus, dass in der zweiten Runde wieder viele Bürgerprojekte Gebote abgeben werden? Vielleicht gemeinsam mit EnBW?

Güsewell: Die Politik hat bekanntlich bereits auf die Erkenntnisse aus der ersten Auktionsrunde reagiert .Dass eine BImSchG Genehmigung ab 2018 auch für Bürgerprojekte Pflicht sein wird, ist zunächst eine gute Nachricht. Ich hätte mir allerdings eine schnellere Anpassung gewünscht. Meine Sorge ist deshalb tatsächlich, dass auch in der zweiten Onshore-Runde viele teilnehmende Projekte keine BImSchG-Genehmigung haben werden. Und zur Frage, ob wir über Bürgerprojekte mitbieten werden: Wir haben in der ersten Auktion mit zwei Einzelanlagen teilgenommen und sind auch beim zweiten Mal dabei. Sicher werden wir aber auch in der zweiten Runde die Öffnungsmöglichkeiten, die das EEG im Sinne eines Umgehungstatbestands vorsieht, nicht ‚kreativ‘ ausnutzen.

neue energie: Manche Akteure haben vorgeschlagen, einfach die Haltedauer zu verlängern, um zu gewährleisten, dass die Projekte tatsächlich den Menschen vor Ort gehören. Was halten Sie davon?

Güsewell: Eine längere Haltefrist löst das Problem nicht. Auch Bürgerprojekte müssen die Möglichkeit haben, flexibel auf sich eventuell ändernde Rahmenbedingungen zu reagieren. Man hätte stattdessen aber von vornherein eine Deckelung der Projekte ohne BImSchG-Genehmigung vorsehen können. Das Land Baden-Württemberg hatte einen entsprechenden Vorschlag eingebracht, Projekte ohne Genehmigung auf 30 Prozent zu begrenzen. Eine andere Lösung wäre, dass einem Projekt, bei dem der Charakter der Gesellschaft im Nachgang grundsätzlich geändert wird, der Zuschlag entzogen werden müsste.

neue energie: Es gibt Kenner des Markts, die mit der jetzt beschlossenen Korrektur das langsame Sterben der Bürgerenergie befürchten. Was denken Sie?

Güsewell: Ich höre umgekehrt von Vertretern der Bürgerenergie, dass man sich offensichtlich gar nicht so wohl dabei fühlt, an Auktionen teilzunehmen ohne die Projektentwicklungsphase durchlaufen zu haben. Wenn die BImSchG-Genehmigung auch für die Bürgerenergie gilt, wer hält uns denn davon ab, Geschäftsmodelle aufzusetzen, mit denen Bürgerprojekte auch unter diesen Bedingungen möglich sind? Man kann auf die Gesellschaft zugehen, die Projektentwicklungsphase übernehmen, vielleicht geht man sogar in Vorleistung hinsichtlich der Kosten und Risiken. Nach Erhalt der BImSchG-Genehmigung baut man den Park für die Bürgergesellschaft, sie ist dann später auch Eigentümer und Betreiber.

neue energie: In der Branche wird nun beklagt, dass die Einführung der Ausschreibungen längst nicht alle Probleme im System gelöst hat und es auch andere Wege gegeben hätte, die Kosten zu senken…

Güsewell: Ich kann das grundsätzlich nachvollziehen und natürlich hätten auch andere Wege zum Ziel geführt. Auf der anderen Seite sollten wir sehen, dass wir auch Sicherheit gewonnen haben, denn schließlich hat Politik ja auch Verantwortung für die Erreichung von Zubauzielen übernommen, nicht nur für die Absicherung gegen Übererfüllung.

neue energie: Zum Abschluss, EnBW hatte in der ersten Offshore-Auktion ein Null-Cent-Gebot abgegeben. Denken Sie, wir werden in den kommenden Runden wieder solche Tiefpreise sehen?

Güsewell: Aufgrund der spezifischen Bedingungen der Projekte – kleinere Parks, schwieriger Baugrund, große Tiefen, weniger Winddargebot – sind Null-Cent-Gebote in der Ostsee aus meiner Sicht eher unwahrscheinlich. Allerdings gehe ich von einer unverändert intensiven Wettbewerbssituation in der Nordsee aus.

Kommentare (1)

Kommentar verfassen»
  • 08.07.17 - 22:40, Joachim Falkenhagen

    Das Ende der EEG-Förderung in den Nordsee-Windparks (Null-Cent-Gebote) ergibt sich aus der wesentlich längeren Vorlaufzeit als in der Ostsee oder Onshore. Oder anders ausgedrückt, aus der Hoffnung der EnBW, dass sich in der Zwischenzeit der Energiemarkt insegesamt so verändert, und deutlich höhere Strompreise auf Großhandelsebene aufweist, dass Anlagen ohne Förderung gebaut werden können.
    Wenn das nicht eintreten sollte, hat EnBW immer noch die Option, sich relativ billig von den Projekten zu verabschieden. Im Prinzip handelt sich bei den Geboten um eine Option. Das wurde in der Interview natürlich nicht gesagt.

    PS: Dritter Versuch, hier den richtigen Code einzugeben; jetzt ist er erstmals klar erkennbar.

Kommentar verfassen

Anzeige

Aktuelles Magazin

Ausgabe Nr. 09 / 2017

Am Limit - Radikaler Kostendruck in der Windbranche

Bisherige Ausgaben »
Anzeige

Social Media

Anzeige
Anzeige
Anzeige