Interview

„Die Bürgerenergie könnte auf längere Sicht ausgebremst werden“

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 07.07.17
… befürchtet Enertrag-Chef Jörg Müller angesichts der Debatte um die im Ausschreibungssystem vorgesehenen Privilegien. Er empfiehlt, in die Projekte Windkraft-Skeptiker einzubinden.

neue energie: Derzeit sind die Befürchtungen groß, dass viele der Bürgerprojekte, die aktuell einen Zuschlag ohne Genehmigung erhalten haben, erst 2021 gebaut werden – oder sogar überhaupt nicht. Können Sie das nachvollziehen?

Jörg Müller: Die Sorge teile ich keinesfalls. Wer sich nicht sicher ist, ob er zeitnah eine Genehmigung bekommt, um dann bauen zu können, der riskiert eine Strafzahlung. Gerade Bürgerenergiegesellschaften können sich das nicht leisten. Selbst wenn die Gesellschaften große Unternehmen als Partner haben, stellt das ein hohes wirtschaftliches Risiko dar. Wenn aber erfahrene Unternehmen Bürgerprojekte unterstützen, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Genehmigung auch erteilt wird.

neue energie: In der Branche geht man davon aus, dass bei Projekten ohne Genehmigung ein Ausfallrisiko von 30 bis 50 Prozent besteht, oder anders gesagt, diese Projekte eine Realisierungswahrscheinlichkeit von 50 bis 70 Prozent haben, abhängig davon, in welchem Stadium das Genehmigungsverfahren ist. Wie hoch ist das Ausfallrisiko bei den Projekten von Enertrag?

Müller: Wenn wir mit Enertrag ins Genehmigungsverfahren gehen, führen wir das auch zu Ende. Ich gehe davon aus, dass die 13 Bürgerprojekte, für die wir arbeiten, im Jahr 2019 errichtet werden. Zudem gehe ich generell davon aus, dass Bürgerprojekte, die ja in der Region verankert sind, leichter durch das Planverfahren kommen. An der Stelle empfehle ich sogar, jene Menschen einzubinden, die der Windkraft skeptisch gegenüber stehen.

neue energie: Wie sehen Sie den Vorwurf, die Bürgerenergie-Regelung werde missbraucht?

Müller: Missbrauch würde vorliegen, wenn die Gesellschaften tatsächlich mit Strohmännern gegründet worden sein sollten, die dann nach drei Jahren aus dem Projekt aussteigen und an Großinvestoren verkaufen, die es sich leisten können, auf die ersten zwei Jahre Abschreibung zu verzichten. Das lässt sich aus meiner Sicht nur verhindern, indem man die Haltefrist verlängert. Das wäre vielleicht der beste Weg zu mehr Bürgerenergie. Dass Mitarbeiter von uns sich bei Bürgerenergiegesellschaften engagieren, finde ich toll – viele von ihnen haben sich bereits in der Vergangenheit an unseren Mitarbeiterprojekten beteiligt, auch als Geschäftsführer. Wenn sie nun ihre Erfahrung in die Breite tragen und viel mehr Bürger in den Ausbau der Windkraft einbeziehen, dann ist das genau der richtige Weg zur Teilhabe und Akteursvielfalt.

neue energie: Kooperationen zwischen professionellen Projektierern und Bürgerprojekten sind nicht neu. Was hat sich jetzt eigentlich geändert?

Müller: Im Grunde war es bis 2016 so, dass man eine Genehmigung hatte, dann eine Gesellschaft gründete und Beteiligte suchte. Jetzt gründet sich die Gesellschaft aus dem Kreis der Anwohner zuerst, bringt ihr Projekt zur Genehmigung und sucht dann nach weiteren Gesellschaftern. Dafür hat man nun zwei Jahre mehr Zeit als zuvor. 

neue energie: Wird Enertrag in der bis zum 1. August laufenden zweiten Ausschreibungsrunde wieder dabei sein?

Müller: Das ist noch offen.

neue energie: Sie haben sich dagegen ausgesprochen, dass die immissionsschutzrechtliche Genehmigung auch für Bürgerprojekte Pflicht wird. Weshalb?

Müller: Wenn die BImSchG-Genehmigung auch für Bürgerenergie-Projekte bei Gebotsabgabe vorliegen muss, dann befürchte ich, dass die Bürgerenergie auf längere Sicht ausgebremst werden könnte. Die meisten Planer verkaufen ja schon jetzt ihre Parks an Investmentfonds oder Versicherungskonzerne. Genau das ist aber gefährlich, wenn es um den Erhalt der Akteursvielfalt geht – es geht doch nicht um Planervielfalt, sondern um Betreibervielfalt.

neue energie: Wie bewerten Sie in dem Kontext die Einführung von Ausschreibungen generell?

Müller: Die Politik will sinkende Preise, obwohl das volkswirtschaftlich kaum noch Sinn hat. Wind- und Solarstrom sind extrem preiswert, billiger als alle anderen Energieträger, billiger als Erdöl. Es ist schlicht gelogen, dass die Energiewende teuer ist. Weiter sinkende Preise zu fordern, geht nur noch zu Lasten der Akteursvielfalt. Entweder es gibt viele mittelständische Unternehmen und einen unwesentlich höheren Windstrompreis, oder Auktionen und wenige hochprofessionelle Marktteilnehmer.

Kommentare (0)

Kommentar verfassen»

Kommentar verfassen

Anzeige

Aktuelles Magazin

Ausgabe Nr. 10 / 2017

Leugnen ist zwecklos - Die Folgen des Klimawandels sind längst spürbar

Bisherige Ausgaben »
Anzeige

Social Media

Anzeige
Anzeige