Stadtwerke

„Der bisherigen Bundesregierung ist es nicht gelungen, die Energiewende gut zu steuern“

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 16.02.22
... ist Georg Müller, CEO des Mannheimer Stadtwerks MVV, überzeugt. Den Start von Wirtschaftsminister Habeck hält er für geglückt, ein grünes Label für Atomenergie für verfehlt.

neue energie: Wirtschaftsminister Robert Habeck hat im Januar die 'Eröffnungsbilanz Klimaschutz' vorgelegt und damit die Versäumnisse der Vergangenheit aufgezeigt. Zugleich hat er für 2022 zwei Klimaschutzpakete angekündigt. Ist Deutschland nunmehr auf einem guten Weg, das umzusetzen, was uns das Bundesverfassungsgericht mit seinem Klimaurteil verordnet hat?

Georg Müller: In der Koalitionsvereinbarung werden viele Fragen der Energiewende zutreffend bewertet. Andererseits gibt es auch den einen oder anderen weißen Fleck und Aspekte, die ich für weniger zutreffend beschrieben halte. Die zentrale Aussage ist aber, dass wir schneller in der Umsetzung werden müssen. Das kommt in der Eröffnungsbilanz zum Ausdruck, wenn sämtliche relevanten Gesetze und Verordnungen bis Ende des Jahres in Kraft sein sollen. Ich werte das als Beleg, dass wir endlich Taten sehen werden.

ne: Welche weißen Flecken sehen Sie im Koalitionsvertrag?

Müller: Es fehlen Aussagen zur Wärmewende, einem zentralen Thema, nicht nur für MVV. Deshalb begrüße ich es sehr, dass in der Eröffnungsbilanz auch der Ausbau der Wärmenetze und deren Dekarbonisierung thematisiert wurde. Darüber hinaus hat Herr Habeck eine Fachkräfteinitiative angesprochen, was von enormer Bedeutung ist, denn die Energiewende muss ja auch praktisch umgesetzt werden. Insgesamt ist die Kombination aus Koalitionsvertrag und Sofortprogramm ein gelungener Aufschlag.

ne: Sie selbst haben sich des Öfteren zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens bekannt. Sehen Sie eine Chance, dass dieses Ziel auf Deutschland bezogen eingelöst wird, oder müssen wir froh sein, wenn es am Ende zwei Grad werden?

Müller: Wir sollten uns darauf konzentrieren, jetzt endlich auf den 1,5-Grad-Pfad einzuschwenken, und die dafür erforderlichen Maßnahmen umsetzen. Ich halte es für eine relativ theoretische Diskussion, ob 2030 80 Prozent erneuerbare Energien im Strommix wirklich erreichbar sind. Auch in der Koalitionsvereinbarung der letzten Bundesregierung ging es um Klimaschutz, es wurden dann aber zu wenige Maßnahmen realisiert.

ne: Aus der Vergangenheit lässt sich ja auch lernen. Was hat in Deutschland, auch in Europa, so lange Zeit gebremst, dass wir zwar viele Absichtserklärungen gehört haben, aber letztlich viel zu wenig geschehen ist? Und wie kann es jetzt besser funktionieren?

Müller: Die Energiewende ist ein zentrales Projekt, das aber mit vielen kleineren, dezentral installierten Erneuerbaren-Kraftwerken umgesetzt wird. Es ist den bisherigen Bundesregierungen nicht gelungen, dieses zentrale Projekt Energiewende in seiner dezentralen Charakteristik zu erfassen und gut zu steuern.

ne: Und die europäische Dimension?

Müller: Andere europäische Länder haben unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen, was etwa Primärenergieverfügbarkeiten, Infrastrukturen, Netze, Kraftwerksparks, die Akzeptanz bestimmter Energieformen und den Energiebedarf, das Nachfragepotenzial angeht. Weil das so unterschiedlich ist, braucht es die Offenheit für individuelle nationale Antworten.

ne: Wie sehen Sie in dem Zusammenhang den Vorschlag der EU-Kommission, Investitionen in Gas- und Atomkraftwerke als klimafreundlich zu deklarieren?

Müller: Es besteht die konkrete Gefahr, dass von der EU-Taxonomie, die ja einheitliche Maßstäbe formulieren will, Fehlsteuerungen Aspekausgelöst werden. Wie gesagt, in den einzelnen Mitgliedstaaten sind die Rahmenbedingungen der Energieversorgung sehr unterschiedlich.

ne: Ist es aber grundsätzlich legitim, Atomenergie mit einem 'grünen' Label zu etikettieren?

Müller: Ich halte das für verfehlt. Der Kernenergieausstieg wurde und wird hierzulande richtigerweise von einer breiten Mehrheit getragen. Da gibt es kein 'Zurück'. Wir müssen allerdings zur Kenntnis nehmen, dass Frankreich und auch weitere Länder der EU das anders sehen. Es wird also einen europäischen Kompromiss geben müssen. Das Problem liegt in der Taxonomie. Dahinter steht die Vorstellung, durch eine einheitliche Klassifizierung den Kapitalmärkten Signale zu geben, welche Investitionen als grün und nachhaltig gelten. Auf diesem Weg sollen in der Folge Finanzierungen erleichtert oder erschwert werden. Warum aber sollten Kapitalmärkte wissen, was in welchen Ländern energiewirtschaftlich sinnvoll ist? Weil wie gesagt die Ausgangsvoraussetzungen in den Ländern unterschiedlich sind, braucht es für unterschiedliche Länder unterschiedliche Investitionssignale. Damit ist ein klares Fragezeichen hinter das Grundkonzept der Taxonomie, mindestens im Energiebereich, gesetzt.

ne: Die Vorschläge der EU-Kommission wurden ja schon als Deal zwischen Scholz und Macron kommentiert, der die Pläne von Minister Habeck durchkreuzt. Wie bewerten Sie das grüne Label für Erdgas?

Müller: Wir müssen uns fragen, was wir hierzulande benötigen, wenn wir aus Kernenergie und Kohle aussteigen und trotzdem - notwendigerweise - Versorgungssicherheit gewährleisten. Dazu brauchen wir regelbare Kraftwerke, zukünftig auf Gasbasis, die Wasserstoff-ready sind. Die positive Pauschalität, mit der der Koalitionsvertrag Gas insgesamt bewertet, halte ich allerdings für überzogen.

ne: Was, glauben Sie, sollte, gemessen an dem uns verbleibenden CO2 -Budget der absolute Endpunkt für Erdgas in Deutschland sein?

Müller: 2035 halte ich für ein passendes Datum. Das gilt, wie schon gesagt, unter der Voraussetzung, dass neue Gaskraftwerke für den Einsatz von Wasserstoff geeignet sind und er dafür verfügbar ist.

ne: Wasserstoff gilt als Rettung der deutschen Gaskraftwerke, darauf hebt auch der Stadtwerkeverband VKU ab. Es ist absehbar, dass wir enorme Mengen an Wasserstoff benötigen werden. Woher kommt der dann, und in welcher Farbqualität? Wird er grün, also mit erneuerbaren Energien, oder auch anders, etwa fossil basiert, erzeugt werden?

Müller: Wir brauchen eine angepasste nationale Wasserstoffstrategie, die es ja auch geben soll. Die hierzulande benötigten Mengen können wir nicht selbst erzeugen. Das ist aber auch nicht kritisch, Deutschland importiert schon sehr lange Primärenergieträger. Um unsere Ziele erreichen zu können, werden wir am Anfang Wasserstoff unterschiedlicher Couleur einsetzen. Das Ziel 'grüner' Wasserstoff dürfen wir jedoch nicht aus dem Auge verlieren. Natürlich wäre es gut gewesen, wenn wir damit schon vor fünf oder zehn Jahren begonnen hätten.

ne: Dieser Tage wird viel über Versäumnis se gesprochen. Und deshalb auch über große Herausforderungen für die Bevölkerung, die privaten Endverbraucher, den Mittelstand ...

Müller: Uns alle muss die Frage, wie Strom produziert wird, aus welcher Quelle er stammt, künftig wieder stärker interessieren. Das kann auch helfen, wenn es um Akzeptanz für die Energiewende geht. Ich sehe aber weder eine grundsätzliche Gefährdung der Versorgungssicherheit, noch dass die Preise für Strom oder Wärme durch die Decke schießen. Die Politik hat richtigerweise erkannt, dass man das Erneuerbare-Energien-Gesetz reformieren und die Kosten der Systemtransformation durch eine Neukonzipierung von Steuern und Abgaben künftig nicht mehr nur bei den Stromkunden abladen darf. Sollte es bei den Preisen dennoch zu Ausreißern kommen, muss die soziale Komponente stärker berücksichtigt werden. Schließlich ist die Energiewende neben allem anderen auch ein soziales Projekt, das ganzheitlich betrachtet werden muss. Dies könnte beispielsweise durch eine Umverteilung von Mehreinnahmen durch die CO2 -Steuer erfolgen.

ne: Gerade weil es bei der Systemtransformation um sehr viele Bereiche und Aspekte geht, Energieversorgung, Gebäudesanierung, Verkehr, allgemeine Verhaltensänderung, sind die Herausforderungen enorm. Was kann MVV tun, um die Menschen auf diese Herausforderungen einzustellen? Sie sind ja sehr nah dran an den Endverbrauchern.

Müller: Das Stichwort lautet Kommunikation, inhaltsreich und wertschätzend. Dabei sind wir an allen unseren Standorten sehr aktiv. Genau das ist ja die Stärke kommunaler Unternehmen, weil sie dezentral organisiert sind. Meiner Erfahrung nach ist es sehr oft möglich, bei Bedenken gegenüber Energieprojekten, egal ob Wind, Solar oder Biomasse, die Menschen vor Ort zu überzeugen. Meist sind solche Bedenken verschwunden, sobald die Projekte gebaut sind, weil erkannt wird, dass die Solarmodule doch nicht spiegeln oder die Biomasseanlage doch nicht unangenehm riecht. Man muss sich aber die Mühe machen, in den Dialog zu gehen. Dabei ist auch wichtig, dass Bund, Länder und Kommunen kohärent kommunizieren. Wie gesagt, die Energiewende muss dezentral umgesetzt, aber zentral gesteuert werden.

ne: Die letzte Regierung hat dazu Anläufe unternommen. Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat für die Windenergie einen 18-Punkte-Maßnahmenplan aufgestellt und die Branche zu einem runden Tisch eingeladen. Passiert ist dann aber wenig. Jetzt wird wieder über eine Windkraft-Kommission gesprochen. Was kann so ein Gremium bringen, wenn Beschlüsse nicht bindend sind?

Müller: Das muss man vor dem Hintergrund unseres Föderalismus sehen. Im Ausgangspunkt ist von großer Bedeutung, dass die Energiewende zukünftig als Projekt von überragendem öffentlichen Interesse behandelt wird; nicht zuletzt, weil das in den Abwägungsentscheidungen von Ländern und Kommunen, aber auch der Gerichte großes Gewicht hat. Das ist ein wichtiger Schritt bei der dezentralen Umsetzung der Energiewende. Damit wird auch Entscheidungsträgern in Klein- und Kleinstgemeinden, die sich selten mit solchen Fragen befassen, enorm geholfen. Zusätzlich sollten wir prüfen, ob nicht bestimmte Entscheidungen auf höheren staatlichen Ebenen getroffen werden sollten, um Konzentrationswirkungen zu erzielen. Was es dann noch braucht, ist der Aufbau von mehr Fachkompetenzen und eine bessere personelle Ausstattung der jeweiligen Behörden.

ne: Sie betonen, dass sich MVV ambitionierte Klimaschutzziele gesetzt hat. Was ist der innere Motor Ihres Engagements?

Müller: Zum einen ist es die Erkenntnis, dass die Energiewirtschaft, also auch MVV, CO2 emittiert. Wer auch künftig erfolgreich sein will, muss sich dem stellen. Kommunale Unternehmen wie MVV haben ein Selbstverständnis, das sich nicht darin erschöpft, durch Reorganisation auf Marktveränderungen zu reagieren. Wir schauen zunächst auf unseren kommunalen Versorgungsauftrag und sind als MVV darüber weit hinausgegangen. Uns war und ist klar, dass wir selbst nach Lösungen und Antworten suchen und uns an den Megatrends des Energiesektors ausrichten müssen. Dazu braucht es vor allem unternehmerische Eigeninitiative. Erst danach sollte nach regulatorischer Unterstützung durch die Politik gerufen werden.

ne: Eine Besonderheit von MVV ist ja, dass das Unternehmen als einziges deutsches Stadtwerk börsennotiert ist. Hilft die Struktur bei der Umsetzung Ihrer Pläne?

Müller: Tatsächlich gehört MVV zu 50,1 Prozent der Stadt Mannheim. In unserem Aufsichtsrat ist neben politischer auch energiewirtschaftliche, kaufmännische und soziale Expertise vertreten - um die wichtigsten zu nennen. Vorsitzender ist der Oberbürgermeister Mannheims. Diese Struktur bringt es mit sich, dass wir immer aus einer unternehmerischen Perspektive heraus handeln.

ne: Das zurückliegende Geschäftsjahr 2021 war das beste in der Geschichte von MVV. Zugleich haben Sie eine Nachhaltigkeitsstrategie vorgestellt, das Mannheimer Modell ...

Müller: Eine Nachhaltigkeitsstrategie haben wir ja bereits viele Jahre. Wir arbeiten seit 2009 an diesem Thema und sind sehr konsequent vorgegangen, auch in Zeiten, in denen die Rahmenbedingungen dafür schwieriger waren. Das Ergebnis von 2021 ist erfreulich, darf uns aber den Blick nicht dafür verstellen, dass wir unseren eigenen Weg weitergehen wollen. Den zeichnen wir mit dem Mannheimer Modell vor. Der Erfolg des vergangenen Jahres ist denn auch keine Garantie, dass es immer so läuft. Trotzdem bin ich sehr zuversichtlich, dass wir auch in den kommenden Jahren weiter zulegen können.

ne: Die Ziele der Nachhaltigkeitsstrategie erscheinen tatsächlich ambitioniert, bis 2040 soll MVV klimaneutral werden. Wie kann das gelingen? Vornehmlich durch das Abschalten der Steinkohlekraftwerke in Mannheim und Offenbach?

Müller: Nein. Das wäre viel zu kurz gesprungen. Wir kümmern uns um die komplette Wertschöpfungskette bei MVV, also Emissionen in Scope eins bis drei und beziehen auch sämtliche unserer Aktivitäten im Ausland ein.

ne: Können Sie bitte die wichtigsten Schritte bis 2040 erläutern?

Müller: Mit Scope eins zielen wir auf die CO2 -Emissionen unserer eigenen Energieerzeugung, die bis 2030 gegenüber dem von uns gewählten Referenzjahr 2018 um 80 Prozent sinken werden. Dafür werden wir unter anderem unser Erneuerbaren-Portfolio ausbauen, die Fernwärmeversorgung für Mannheim und die Region bis spätestens 2030 auf 100 Prozent grüne Energiequellen umstellen und keine neuen Kraftwerke für die allgemeine öffentliche Versorgung errichten, die mit fossilem Erdgas betrieben werden.

ne: Und Scope zwei und drei?

Müller: Der relativ kleinste Teil unserer CO2 -Emissionen entfällt auf den eigenen Geschäftsbetrieb, der bis 2025 klimaneutral sein wird. Der wohl schwierigste Teil sind die Scope-drei-Emissionen, die wir in der Vorund Nachkette haben. Dabei sind also unsere Lieferanten und der Vertrieb betroffen. Wir werden unsere Anforderungen bei Ausschreibungen und beim Einkauf schärfen, und auch bei unseren eigenen Vertriebsangeboten ansetzen. Ganz praktisch bedeutet das, dass wir ab 2035 über den Vertrieb keine CO2 -Emissionen mehr in der Nachkette auslösen wollen, den Verkauf von fossilem Gas also einstellen. Das ist sehr ambitioniert, weil wir auf die Kompensation durch zugekaufte Zertifikate verzichten werden. Darüber werden wir transparent und nachvollziehbar berichten.

ne: Nach 2040 soll MVV klimapositiv sein. Was bedeutet das konkret?

Müller: Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass es letztlich einen kleinen Teil unvermeidbarer Restemissionen geben wird. Deshalb gehen wir fest davon aus, dass wir in Deutschland bei der Abscheidung und Speicherung von CO2 zu neuen Antworten kommen werden; es wird eine neue Regulatorik dazu geben. Bei MVV fragen wir uns deshalb zum Beispiel, wie wir das mit unseren Biomasse-Heizkraftwerken erreichen können. Das ist schon sehr konkret. Im Moment prüfen wir, wie wir dies mit einer Pilotanlage in Mannheim testen können. Mit der Abscheidung und Nutzung oder Speicherung von CO2 wird MVV dann sogar klimapositiv sein.

ne: Für die Stadt Mannheim hat MVV 2021 vom Wuppertal-Institut eine sogenannte Energierahmenstudie erstellen lassen. Dort ist die Rede davon, dass Mannheim bis spätestens 2050 klimaneutral ist, also zehn Jahre später als MVV ...

Müller: Wir wollten als kommunales Unternehmen untersuchen, welche Optionen die Stadt Mannheim in einem industriell geprägten Ballungsgebiet insgesamt hat. Nicht alles betrifft MVV. Das gilt etwa für das kommunale Verkehrskonzept, das wir allerdings bei der Ladeinfrastruktur für E-Mobilität unterstützen. Bei der Wärmeversorgung sind wir direkt angesprochen und werden die Fernwärme bis 2030 vollständig dekarbonisieren. Wir haben mit der thermischen Abfallverwertung plus Flusswärmepumpen, Biomasse, Geothermie, Biomethan-Motoren, Elektrodenkesseln und industrieller Abwärme ausreichende Potenziale dafür. Auf der Stromseite ist klar, dass ein industrielles Ballungsgebiet nicht allein mit Eigenerzeugung aus örtlichen Erneuerbaren versorgt werden kann. Insoweit kommt es deshalb bei der Klimaneutralität auf den gesamten nationalen Strommix an.

ne: Was würden Sie von einer sofortigen Solarpflicht in Mannheim halten, vielleicht sogar ausgeweitet auf Bestandsbauten?

Müller: Wir bewegen uns ja mit der Koalitionsvereinbarung in diese Richtung, auch wenn es zunächst nur um neue gewerbliche Bauten geht. Sicher bieten sich aber auch im Gebäudebestand Potenziale. Das Ende der Diskussion ist also lange nicht erreicht. Ob es in diesem Segment aber eine umfassende Solarpflicht braucht, würde ich hinterfragen wollen. Möglicherweise ist eine Kombination von Solarpflicht und Solarkataster die klügere Lösung.

ne: Denken Sie, dass die Bundespolitik die Bedeutung von Stadtwerken wie MVV bei der Energiewende vor Ort in vollem Umfang verstanden hat?

Müller: Tatsächlich entsteht manchmal leider der Eindruck, dass hierzulande zu viel auf die ganz großen Player geschaut und die Bedeutung der kommunalen Wirtschaft zu wenig gesehen wird. Die tägliche Versorgungsrealität ist eine andere.


Georg Müller

ist seit dem Jahr 2009 Vorsitzender des Vorstands der MVV Energie AG. Zuvor war der promovierte Jurist in unterschiedlichen Leitungsfunktionen bei den Energieunternehmen RWE und VSE (Saarbrücken) tätig.


Das Mannheimer Stadtwerk in Zahlen

Die MVV Enerige AG mit Sitz in Mannheim wurde 1999 gegründet, ist als einziges deutsches Stadtwerk börsennotiert und bundesweit sowie im europäischen Ausland aktiv. Georg Müller ist seit Januar 2009 Vorstandschef. Seither engagiert sich MVV stark im Erneuerbaren-Sektor.

2015 unterzeichnete MVV die Charta der "Science Based Targets Initiative" (SBTi), eines Verbunds von internationalen Nichtregierungsorganisationen (darunter Carbon Disclosure Project und WWF). 2016 wurden Zehn-Jahres-Ziele aufgestellt, so unter anderem die Verdopplung des Portfolios an eigener erneuerbarer Erzeugungskapazität und die Einsparung von einer Million Tonnen Netto-CO2 -Emissionen (2021 vorzeitig erreicht).

2020 wurde zudem mit dem Land Baden-Württemberg eine Klimaschutzvereinbarung abgeschlossen. Im vergangenen Jahr stellte MVV das "Mannheimer Modell" vor. Das Unternehmen soll bis 2040 klimaneutral sein und danach klimapositiv werden. Zudem bestätigte SBTi im November 2021, dass die MVV-Ziele im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel stünden.

Das abgelaufene Geschäftsjahr 2021 war das bislang beste der Unternehmensgeschichte. Nach eigenen Angaben lag der bereinigte Umsatz von MVV bei 4,1 Milliarden Euro, das Ebit (Gewinn vor Zinsen und Steuern) ohne einmalige, nicht betriebsbedingte Aufwendungen lag bei 278 Millionen Euro. Insgesamt arbeiteten 6470 Menschen für MVV.

Die Stromerzeugung erfolgte anteilig mit 32 Prozent erneuerbaren Energien, 41 Prozent Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und 27 Prozent sonstigen Erzeugungsformen (Kohle und Gas).

Die installierte Leistung des Erzeugungsportfolios umfasste 564 Megawatt (44,5 Prozent) erneuerbare Energien und 702 Megwatt (55,5 Prozent) konventionelle KWK und sonstige Erzeugungsformen.

 

 

 

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