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Interview-Special zur aktuellen Titelstory

„Verlasst euer Kerngeschäft“

Interview: Astrid Dähn, 05.01.17
…rät IT-Spezialist Jörg Ferchow von SAP den Energieversorgern. Denn die Digitalisierung eröffnet den alten Anbietern ganz neue Verdienstmöglichkeiten – und schafft Raum für jüngere Mitspieler im Energiepoker.

neue energie: Fernwartung, flexibles Netzmanagement, automatische Kundenbetreuung, Online-Strombörsenhandel – die Digitalisierung des Energiesystems schreitet in enormem Tempo voran. Sind IT-Unternehmen mittlerweile die heimlichen Herrscher des Energiemarkts?

Jörg Ferchow: Herrscher würde ich das nicht nennen. Wir bei SAP sehen uns mehr als Technologie- und Lösungsanbieter. Wir entwickeln hier im Haus eine Technologie, mit der man viele verschiedene Dinge im Energiebereich machen kann. Und wir müssen den Unternehmen zeigen, wie sie diese Technologien nutzen können, um ihre Geschäftsmodelle umzusetzen.

neue energie: Welchen neuen Möglichkeiten eröffnet die Digitalisierung denn Energieunternehmen?

Ferchow: Um darauf zu antworten, muss man sich zunächst einmal klar machen, was unter Digitalisierung überhaupt zu verstehen ist. Digitalisierung geht einher mit einer zunehmenden Automatisierung der Unternehmenswelt, immer mehr Abläufe müssen also softwaregesteuert passieren. Darüber hinaus ist sie mit dem verbunden, was wir Big Data nennen, also mit dem Anfallen riesiger Datenmengen, sei es im Bereich der Ablesung oder im Bereich des Kundenverhaltens. Unternehmen können versuchen, aus diesen Daten ein Profil des Kunden zu erstellen, um daraus abzuleiten, welche Produkte sie ihm künftig anbieten möchten. Zur Digitalisierung gehören außerdem neue Möglichkeiten für die Unternehmen, direkt mit dem Endkunden zu kommunizieren, etwa über Tablets oder Smartphones.

neue energie: Zu welchem Zweck?

Ferchow: Der Energieversorger könnte dem Kunden zum Beispiel sagen: „Mit unseren Systemen haben wir gemerkt: Du brauchst wesentlich mehr Energie als vergleichbare andere Haushalte in deiner Nähe. Du solltest dagegen etwas tun.“ Und dann bietet man diesem Kunden eine Lösung an, wie er es schaffen kann, weniger Strom zu verbrauchen; etwa indem man ihm vorschlägt, eine alte Heizungs-Umwälzpumpe gegen eine effizienteres neues Modell auszutauschen. Der Versorger verkauft ihm also nicht nur einen Strom- oder Gasvertrag, sondern er managt die Energie des Kunden. Das kann sogar so weit gehen, dass er versucht, den Kunden vom Bezug von Energie unabhängig zu machen.

neue energie: Wie soll das funktionieren?

Ferchow: Der Energieversorger sagt in diesem Fall: Am Ende produzierst du deine eigene Energie, aber du kaufst uns dazu beispielsweise die Solaranlagen ab. Du kannst deine Energie dann selbst verbrauchen und die Überschüsse weiterverkaufen – wir regeln das für dich. Der Energieversorger schaltet sich dabei sozusagen immer mehr selbst ab, aber im Gegenzug ersetzt er sein altes Betätigungsfeld durch neue Geschäftsmodelle.

neue energie: Stellt sich die Energiebranche in Deutschland aus Ihrer Sicht schon ausreichend auf den Wandel ein?

Ferchow: Mein Eindruck aus vielen Gesprächen ist: Die Unternehmen sind offen, viele haben schon gute Ideen, warten mit der Implementierung aber noch auf mehr Angebote aus dem IT-Bereich. Dabei muss man grob zwischen zwei Arten von Prozessen unterscheiden: Es gibt Software-Lösungen für Prozesse, die eher die technische Seite abdecken, also das Smart Grid; oder das sogenannte Internet der Dinge, was gleichbedeutend damit ist, dass alle Geräte und Anlagen, die am Netz hängen, früher oder später mal eine IP-Adresse haben werden. Sie lassen sich dann etwa mit Hilfe unserer SAP-Software miteinander verbinden. Auf diese Weise sind zum Beispiel Prognosen darüber möglich, wann ein Trafo im Stromnetz kaputt gehen könnte. Die andere Art der Prozesse betrifft die Energieverbraucher-Seite, also den Kontakt vom Energieunternehmen zum Kunden, wie ich ihn eben beschrieben habe. Dazu gehört auch die Koordination von Stromlieferanten, Netzbetreibern und Ablesefirmen. Da laufen komplexe Prozesse ab, etwa wenn ein Kunde den Stromanbieter wechseln möchte und Zählerstände transferiert werden müssen. Dazu bieten wir von SAP schon lange automatische Lösungen an. Wir stellen aber fest, dass nicht immer alles, was wir zur Verfügung stellen, in der Praxis auch wirklich eingesetzt wird.


„Das 100 Jahre alte Geschäftsmodell der Energieversorger hat ausgedient.“


neue energie: Woran liegt das?

Ferchow: Ein Problem dabei ist wohl, dass das 100 Jahre alte Geschäftsmodell der Energieversorger ausgedient hat. Die Umstellung auf neue Modelle braucht offenbar Zeit und geht nicht so schnell von statten, wie wir uns das wünschen.

neue energie: Welche Konsequenzen zieht SAP daraus? Erwägen Sie, das Heft selbst in die Hand zu nehmen, also ins Endkundengeschäft der Energieunternehmen einzusteigen und Kunden zu betreuen oder Strom zu vertreiben?

Ferchow: Nein, wir wollen die Geschäftsmodelle der Energieversorger mit intelligenter Software unterstützen. Das ist unser Hauptanliegen. Die Energieversorger sind unsere Partner, und wir sind Technologieanbieter.

neue energie: IT-Spezialisten wie Google oder gmx scheinen da etwas anders zu denken. Inwiefern öffnet sich der Markt denn jetzt für neue Mitspieler, die früher überhaupt keine Rolle darin gespielt haben?

Ferchow: Es gibt einfach extrem viele neue Techniken und Vertriebsansätze, mit denen kleinere Firmen heute in den Markt drängen können. Wenn die alten Energiekonzerne nicht reagieren, dann wird es schwierig für sie. Betrachten wir zum Beispiel ein Unternehmen wie Tesla. Die US-Firma verkauft eigentlich Mobilität, braucht dazu aber irgendwoher Strom zum Tanken. Also sorgt sie zunächst mal in Eigenregie für die Ladeinfrastruktur in den einzelnen Ländern, auch in Deutschland stellt Tesla einfach Ladesäulen auf. Im zweiten Schritt gehen die Unternehmensvertreter zum Kunden nach Hause und sagen: Wir packen dir Photovoltaik aufs Dach, stellen Batteriespeicher dazu, damit du dein Auto immer volltanken kannst. Das birgt natürlich eine Gefahr für die herkömmlichen Marktteilnehmer. Entweder ziehen die Großen mit, etwa indem sie kleine Firmen gründen, um bestimmte neue Techniken auszuprobieren, oder sie gehen schlichtweg unter.

neue energie: Gibt es neben der E-Mobilität noch weitere Angriffspunkte für Neulinge?

Ferchow: Ein anderer Trend ist die Dezentralisierung und die damit verbundene Demokratisierung der Energieerzeugung. Mehrere Haushalte, die Strom selbst produzieren und auch Überschüsse erzeugen, können zum Beispiel von einem Energieversorger zu einem virtuellen Kraftwerk zusammengeschlossen werden. Dazu muss man Software haben, um das steuern und auch abrechnen zu können.

neue energie: Tut sich hier ein neues Geschäftsfeld für die alten Großen auf, oder eignet sich die Koordination eines virtuellen Kraftwerks eher für kleinere Unternehmen?

Ferchow: Beides ist möglich. Es geht jetzt darum, relativ schnell zu sein. Die Großen müssen sich sputen, denn die Kleinen sind bekanntlich flexibler und flinker. Wenn ihre Idee richtig einschlägt, bekommen kleine Software-Anbieter allerdings meist Probleme mit der Skalierung. Sie können vielleicht 100 bis 200 Kunden mit ihrer Software bedienen, aber wenn es mal 10000 oder eine Million sind, schaffen sie das nicht mehr. Und dann kommen diese Firmen zum Glück oft zu uns und bitten uns um Zusammenarbeit. Weil wir weltweit verteilt sind, bieten wir rund um die Uhr Support. Außerdem haben wir die Rechenpower, um große Datenmengen zu verarbeiten und die vielen Endkunden, die das kleine Unternehmen hat, bedienen zu können.


„Die Software-Konzepte müssen interdisziplinär sein.“


neue energie: Junge Startups sind also potenzielle Partner für SAP, Energieversorger auch – wer sind dann Ihre Konkurrenten im Energiesektor?

Ferchow: Wir versuchen das Energiesystem eher ganzheitlich zu betrachten, die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken, von der Steuerung der Produktionsanlagen bis zur Kommunikation mit den Verbrauchern. Da sind es vor allem die üblichen großen Software-Hersteller wie Microsoft oder Google, die uns Konkurrenz machen – auch im Energiebereich. Aber ich denke, wir sind mit unseren Projekten sehr gut aufgestellt, um in diesem Wettbewerb zu bestehen.

neue energie: An welchen Projekten arbeitet SAP denn momentan?

Ferchow: Das sind unheimlich viele. Ein Beispiel läuft in Karlsruhe. Dort testet der Energiekonzern EnBW gemeinsam mit den örtlichen Stadtwerken sein Konzept „Smight“ – Smart intelligence light. Es geht dabei unter anderem um Energieeffizienz: EnBW hat Straßenlampen entwickelt, die nicht nur auf LED umgestellt, sondern auch miteinander vernetzt sind. So lassen sich die Leuchten in der Stadt für zusätzliche Zwecke nutzen, zum Beispiel als Elektroladesäule oder als Sensoren, die Feinstaub messen und Autos zählen. Ausgewertet wird das mit SAP-Software: Wir laden die anfallenden Daten in unsere Datenbank, analysieren sie und können dann aus diesen Informationen Handlungsanweisungen ableiten. Wir sehen etwa, wenn die Feinstaubkonzentration an mehreren Punkten zu hoch ist oder der Verkehr irgendwo nach einem Unfall stockt. Mit intelligenten Verkehrsleitsystemen können die Autos dann entsprechend umgeleitet werden. An diesem Beispiel zeigt sich übrigens ein grundsätzliches Merkmal der Digitalisierung des Energiesystems: Die Software-Konzepte müssen interdisziplinär sein. Es geht nicht mehr nur um die traditionellen Aufgaben der Energieversorger, in diesem Fall die Straßenlampen zu warten, sondern um viel mehr Dienste.

neue energie: Und dabei wollen Sie die Versorger unterstützen?

Ferchow: Ja, das ist unsere Diskussionsgrundlage. Wir schlagen ihnen vor: „Verlasst euer Kerngeschäft und bietet neuen Service an.“ Und manche machen das schon. Ein großer britischer Energiekonzern zum Beispiel hat mittlerweile einen riesigen Prozentsatz seiner Dienstleistungen auf den Nichtenergiesektor umgestellt. Das ist sehr interessant. Die entwickeln sich quasi zu einem anderen Unternehmen.

neue energie: Umgekehrt gibt es auch immer mehr „energiefremde“ Traditionsunternehmen, die sich neuerdings zu Energiedienstleistern entwickeln…

Ferchow: Das stimmt, infolge der Digitalisierung ist eine zunehmende Vermischung der Geschäftsideen und Geschäftsfelder erkennbar. Es gibt etwa Automobilbauer, die mit Stromkonzernen zusammenarbeiten oder auch selber Strom produzieren wollen. Die Schnittstelle ist die E-Mobilität. Bei unserem Firmensitz hier in Waldorf betreiben wir selbst einen wachsenden Fuhrpark an E-Autos. Das ist zugleich eine Spielwiese für unsere Software-Entwickler. Sie haben ein Flottenmanagement-System eingerichtet, das die Wünsche aller Fahrer einsammelt, daraus einen Ladeplan erstellt und die Last, die Elektroautos zu laden, dann so verteilt, dass das Stromnetz nicht zusammenbricht. Solche Systeme werden in Zukunft immer wichtiger: Wenn in Deutschland demnächst plötzlich sehr viele Nutzer auf Elektroautos umsteigen, muss man irgendwie sicherstellen, dass das Stromnetz diesen Ansturm aushält. Man braucht dann an vielen Stellen Software, die Lastverschiebemechanismen einführt. Auch wenn Elektroautos künftig als mobile Speicher für überschüssigen Strom aus regenerativen Quellen dienen sollen, ist eine Software nötig, die das Netz entsprechend austariert.

neue energie: Ist das nicht alles sehr teuer? Wer kann sich solche übergreifenden Software-Systeme von SAP überhaupt leisten?

Ferchow: Wir zählen im Energiesektor vor allem große und mittlere Unternehmen zu unseren Kunden, die Bedarf und das nötige Budget für ausgefeilte IT-Lösungen haben.


„Es geht uns um die intelligente Vernetzung von Technik und Playern.“


neue energie: Haben Sie keine Angst, dass der flächendeckende Einsatz von Software am Ende an mangelnder Akzeptanz der Nutzer scheitert oder sich deswegen zumindest stark verzögert? Wenn alles digitalisiert ist, erhöht sich schließlich auch das Risiko von Cyberangriffen...

Ferchow: Das ist eine berechtigte Frage, die auch viele unserer Nutzer umtreibt. Wir thematisieren den Sicherheitsaspekt deshalb immer intensiver, etwa auf Konferenzen oder in Kundengesprächen. Wir zeigen, was wir für die Sicherheit unserer Software und unserer Datenzentren tun. Wir legen außerdem  offen, wo unsere Datencenter stehen, es gibt sogar Führungen durch die Gebäude. Dort erklären wir den Kunden, wie viel Investment nötig wäre, wenn sie uns nicht vertrauten, sondern beschließen würden, ihre Daten lieber selbst zu schützen.

neue energie: Wenn man Ihre Software verwendet, kümmern Sie sich also auch um die Sicherheit?

Ferchow: Natürlich. Früher hat man SAP-Software gekauft, sich die Hardware dazu selber beschafft und bei sich in den Keller gestellt. Heute, mit der sogenannten Cloud-Software, funktioniert das anders: Die Software wird zwar nach wie vor irgendwo auf Computer aufgespielt, aber die stehen nicht mehr bei den Firmen, sondern in den Rechenzentren von SAP. Wir managen das komplette System für den Kunden, spielen die Updates ein, kontrollieren die Schutzsysteme. Der Kunde bekommt nur den Zugriff. Das ist ein anderes Geschäftsmodell.

neue energie: Auf die Router der Telekom gab es vor wenigen Wochen einen großangelegten Angriff aus dem Netz. Hatten Sie bei SAP bereits mit ähnlichen Attacken zu kämpfen?

Ferchow: Jedes vernetzte Unternehmen hat sicher schon mal so einen Angriff abbekommen.

neue energie: Dann werden solche Attacken auch zunehmend das Energiesystem treffen?

Ferchow: Das ist ein ganz großes Thema für alle, die am Energiesystem beteiligt sind, nicht nur für SAP. Jedes Gerät in der Versorgungskette, ob Transformator, Messstation oder Servicecenter, wird künftig mit dem Internet verbunden und damit Software-technisch angreifbar sein. Die Telekom mit ihren Routern war ein eindrückliches Beispiel dafür. Ich kann mir gut vorstellen, dass man in Zukunft auf diesem Weg versuchen wird, Attacken auf das Energiesystem zu starten. Einige Logistikunternehmen reagieren im Übrigen schon auf diese Gefahr: Sie arbeiten daran, Frachtpostzentren aufzubauen, die vom Gesamtenergienetz vollkommen unabhängig sind. Sie wollen gewissermaßen Inseln bilden, wo sie ihren eigenen Strom produzieren, um ihn dann in ihre Elektrofahrzeuge einzuspeisen. Lokal erzeugen und ohne lange Transportwege weitgehend lokal verbrauchen, dazu Microgrids installieren, also autarke Netze, in denen Produzenten ihren Strom direkt zu den Konsumenten transferieren – so könnte generell eine möglichst sichere, ressourcenschonende Energiezukunft aussehen.

neue energie: Und wie sieht die digitalisierte Energiewelt aus, auf die SAP mit hinarbeiten möchte?

Ferchow: Unsere Idee ist, ein Digital Energy Network aufzubauen. Das heißt, wir wollen eine Software-Infrastruktur bereitstellen, die zum einen die physikalischen Anlagen im Netz, zum anderen die Kunden und zum dritten die Energieversorger miteinander verbindet. Es geht uns um die intelligente Vernetzung von Technik und Playern. Wer die Player dabei sind, ob das die alten Energieversorger sind oder neue Mitspieler, das ist für uns im Prinzip egal, das halten wir uns offen.

Eine gekürzte Fassung des Interviews ist in der Ausgabe 1/2017 von neue energie erschienen.

 

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