Windenergie

Große Chancen mit großem „Wenn“

Foto: Jochen Tack / picture alliance

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Windpark bei Holzweiler in Nordrhein-Westfalen

Michael Hahn, 21.12.21
Die Windindustrie kann enormes Wachstumspotenzial haben – wenn die politisch gesetzten Rahmenbedingungen stimmen. Das zeigt erneut eine Studie, die sich speziell der Situation in Nordrhein-Westfalen widmet.

Das Marktforschungsunternehmen Wind Research hat in drei verschiedenen Szenarien betrachtet, wie sich der Ausbau der Windenergie auf die Beschäftigungszahlen und die Wertschöpfung in Nordrhein-Westfalen auswirkt. Aktuell gebe es in dem Bundesland im Bereich On- und Offshore-Wind mehr als 350 Marktteilnehmer mit über 20 000 Beschäftigten in Vollzeit, die einen Umsatz von über 7,2 Milliarden Euro erwirtschaften würden, so die Analyse

„In NRW entsteht ein guter Teil der Wertschöpfung für die Windenergie, sowohl On-, als auch Offshore. Insbesondere die Zulieferindustrie, aber auch Engineering und Forschung und Entwicklung sind wesentliche Pfeiler für die deutsche und europäische Windindustrie“, sagt Wind-Research-Geschäftsführer Dirk Briese.

Wie es damit weitergeht, liegt allerdings in den Händen der Politik: Die zukünftige Entwicklung der Branche hängt laut Studie entscheidend davon ab, welche Ausbauziele es an Land und auf dem Meer gibt, welche Abstandsregelungen für Anlagen gelten und ob auch Windturbinen in Wäldern gebaut werden dürften.

Fürs Klimaziel müssten die Abstandsregeln weg

Gehe der Ausbau weiter wie in den vergangen zehn Jahren (Szenario „Status quo Ausbau“), würden den Berechnungen zufolge 2030 etwa 9,9 Gigawatt (GW) an installierter Windenergie-Leistung erreicht. Das hieße, dass die NRW-Landesregierung ihr Ziel verfehlt. Sie will bis dahin 10,5 GW installiert haben, bis 2035 soll die Zahl weiter auf 10,8 GW ansteigen. Zum Vergleich: Ende 2020 waren es 6,2 GW. Der von der Landesregierung im Juli 2021 beschlossene 1000-Meter-Abstand für Windenergieanlagen hätte im Status-Quo-Szenario zumindest bis 2030 keinen Effekt.

Anders sieht es aus, wenn NRW auf Kurs der kurzfristigen nationalen Klimaziele gebracht werden soll (Szenario „Ausbau NRW“): Um bis 2030 insgesamt 65 Prozent Ökostrom im Versorgungsmix zu haben, müssten die Abstandsregeln gelockert und Waldflächen stärker genutzt werden, schreiben die Autoren. Für das Szenario wurde der Beitrag errechnet, den jedes Bundesland mengenmäßig zum nationalen Ziel beitragen muss. Im Ergebnis müsse die installierte Leistung in NRW bis 2035 14,1 GW betragen.

Für das ambitionierteste Szenario („Klimaschutzziel 2050: 100 Prozent“) müssten pauschale Abstandsregelungen, restriktive Höhenbeschränkungen und Einschränkungen beim Bau von Windenergieanlagen in Wäldern dagegen komplett gestrichen werden. Dadurch sei eine installierte Leistung von rund 17,5 GW bis 2035 möglich. Dieses Szenario entspreche „ziemlich genau“ den längerfristigen neuen Zielen der Bundesregierung, sagt Briese. Die besagen, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral sein soll.

Netzausbau und Ausbildungsoffensive gefordert

Unabhängig davon hätte das dritte Szenario den stärksten Effekt auf Wertschöpfung und Arbeitsplätze: Bis 2040 könnten 2650 neue Vollzeitstellen entstehen – ein Wachstum von 13 Prozent – und der Umsatz der Branche auf 8,1 Milliarden Euro steigen. „Voraussetzungen dafür sind neben einem stärkeren Ausbau der Windenergie an Land auch die politisch gewollte Erhöhung der Ausbauziele der Offshore-Windenergie“, heißt es in der Studie. Im „Weiter so“-Szenario würden dagegen nur 550 neue Arbeitsplätze (plus drei Prozent) geschaffen und der Umsatz sogar leicht auf sieben Milliarden Euro sinken.

„Für den weiteren Ausbau der Windenergie in NRW ist insbesondere die Realisierung des Netzentwicklungsplans wichtig“, sagt Dirk Briese. Die hochgeschraubten Ziele der neuen Ampel-Bundesregierung zum Erneuerbaren-Ausbau seien „ein wichtiger Schritt und gutes Signal für die Branche“, auch wenn die komplette Zielerreichung in dem kurzen Zeitraum bis 2030 schwierig werde. Nun gelte es, „schnellstmöglich regulatorische Hürden abzubauen, Akzeptanz zu verbessern und Verfahren zu beschleunigen und dazu auch auf kommunaler und auf Länderebene die passenden Voraussetzungen zu schaffen“, so Briese.

Zudem müsse „umgehend mit einer Ausbildungsoffensive entlang der gesamten Wertschöpfungskette begonnen werden“. Der bereits seit mehreren Jahren bestehende Fachkräftemangel in der Windenergiebranche werde mit den erhöhten Ausbauzielen umso schwerwiegender, sagt Briese. „Auch entsprechende Initiativen und Kampagnen an Schulen und Universitäten sind sinnvoll, um mehr Personen für eine Arbeit in der Windenergiebranche zu begeistern.“

 

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