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Unveröffentlichte Gabriel-Studie

Energiewende: Mehr als 230.000 neue Jobs!

Jörg-Rainer Zimmermann, 15.04.15
100.000 Jobs könnten durch Sigmar Gabriels Braunkohle-Abgabe wegfallen, heißt es bei RWE und Verdi. Stimmt das? Eine bislang unveröffentlichte Studie des Bundeswirtschaftsministeriums belegt, dass die Energiewende unterm Strich langfristig weit mehr Stellen schafft – im Idealfall mehr als eine Viertelmillion.

Es sind starke Verbündete, die gemeinsam ein Totschlagargument ins Feld führen: RWE, der Bundesverband Braunkohle, Gewerkschaften wie Verdi und die IG BCE, die CDU und Teile der SPD empören sich über die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geplante nationale Klimaschutzabgabe für Kohlekraftwerke. Bis zu 100.000 Jobs seien dadurch gefährdet. Die genauen Angaben schwanken, wahlweise kommen zu den Jobs der Kohlebranche noch die der Zulieferer sowie weiterer, indirekt betroffener Wirtschaftszweige. So könnten durch den Verzicht auf Kohle die Energiepreise steigen und auch in der stromintensiven Industrie Stellen entfallen, heißt es bei Energiewende-Skeptikern. Joberhalt gegen Klimaschutz – wird Gabriel am Ende zurückrudern? Immerhin wurde eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Bundesregierung und der Kohleländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg gebildet.

Doch diese Ängste werden zu Unrecht geschürt, wie eine groß angelegte Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt* (siehe neue energie 04/2015).  Verrechnet man die durch den Umbau des Energiesystems entstehenden positiven Arbeitsmarkteffekte mit dem Stellenabbau in der Kohle- und Atombranche, dann ergibt sich ein dickes Plus für die gesamte Volkswirtschaft – zusätzlich zur massiven Emissionsreduktion von klimaschädlichem CO2.

Die Analyse, an der fünf renommierte deutsche Forschungseinrichtungen beteiligt waren, bezieht Daten ab dem Jahr 2004 ein und beschreibt mögliche Entwicklungspfade bis 2050 – ohne verbindliche Prognosen zu geben. Neu ist nicht nur der weite Blick in die Zukunft. Auch dass es sich bei den Ergebnissen des Expertenteams erstmals um so genannte Nettobeschäftigungswerte handelt, könnte die aktuelle Diskussion nachhaltig beeinflussen. Denn es liegen jetzt Zahlen zu künftigen Energiewende-Effekten auf den gesamten deutschen Arbeitsmarkt vor – zumindest wenn sie demnächst veröffentlicht werden.

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Regelmäßig wurden in den zurückliegenden Jahren Zahlen zum Erneuerbaren-Arbeitsmarkt ermittelt. Unter anderem aus den Investitionen in Anlagen und deren Betrieb wurde die direkte Beschäftigung bei Herstellern, Betreibern und Dienstleistungsunternehmen abgeleitet. Da diese Firmen ihrerseits Güter in anderen Wirtschaftssektoren nachfragen, kommt es zur so genannten indirekten Beschäftigung in den Vorleistungs- und Zulieferunternehmen. In Summe lag die Bruttobeschäftigung im Jahr 2013 im Erneuerbaren-Sektor bei 371.400 Personen, nach 399.800 Personen im Jahr 2012. Eine aufgrund der Entwicklung im Solarbereich rückläufige, aber zugleich beachtliche Entwicklung: 2004 betrug die Beschäftigtenzahl noch 160.500 Personen.

In dem Entwurf der bislang unveröffentlichten Studie schreiben die Autoren: „Trotz der Marktkonsolidierung im Photovoltaik-Bereich, die zuletzt zu spürbaren Beschäftigungseinbußen geführt hat, trotz turbulenter Entwicklungen bei den Biokraftstoffen, trotz einiger Anreize, die Fehlentwicklungen begünstigt zu haben schienen und korrigiert wurden, hat sich im Laufe der Jahre eine innovative und international erfolgreiche Industrie herausgebildet.“ Allerdings ist der Vergleich der Bruttowerte vergangener Jahre schwierig. In den jüngsten Berechnungen hatte man die Parameter geändert. 2013 war für die Bruttobeschäftigung des Jahres 2012 von 377.800 Personen die Rede – statt der oben genannten 399.800.

Um die gesamtwirtschaftliche Relevanz der Energiewende beurteilen zu können, müssen aber auch negative Effekte berücksichtigt werden, wie etwa ein Stellenabbau bei den klassischen Energieversorgern. Bei dieser so genannten Nettobeschäftigung werden sämtliche Effekte verrechnet und als Differenz zweier Szenarien wiedergegeben. Ist der Wert positiv, zeigt er die tatsächliche Mehrbeschäftigung, die aus einem verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien resultiert. Dabei stellen die Wissenschaftler in ihrer rund 200 Seiten umfassenden Analyse, die der Redaktion als Entwurf vorliegt, ein so genanntes Ausbauszenario einem Nullszenario gegenüber. Die Annahmen des Ausbauszenarios folgen im Wesentlichen einer Studie des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2012, aktualisiert mit neuesten Wirtschaftsdaten (siehe Tabellen in der Bildergalerie). Das Nullszenario wiederum beschreibt modellhaft eine Entwicklung von 1995 an, wie sie weitgehend ohne erneuerbare Energien aussehen würde. Der Energiebedarf müsste dann weitgehend durch fossile Energien gedeckt werden.

Das Fazit der Autoren ist eindeutig: Wenn der Erneuerbaren-Ausbau – nicht nur national –  fortgesetzt wird und der Export moderat bis gut läuft, überwiegen klar die Vorteile. So kann bis zum Jahr 2030 die Mehrbeschäftigung unterm Strich auf rund 100.000 Personen ansteigen. Sei bis dahin durch den Ausbau erneuerbarer Energien noch mit Mehrkosten zu rechnen, würden Sonne, Wind und Co später den Verbraucher entlasten, was positiv auf den privaten Konsum wirke. Auch dadurch würden die Netto-Beschäftigungszahlen weiter auf 190.000 (Jahr 2040) und später bis über 230.000 (Jahr 2050) steigen. Für den Fall, dass sich der Export sehr gut entwickelt, sehen die Zahlen sogar noch besser aus. Traditionelle Energieversorger verlieren jedoch, deren Geschäftsmodell sei mit zunehmendem Ausbau erneuerbarer Energien weniger erfolgreich, so die Studie. Im Jahr 2020 würden 16.000 Stellen abgebaut, 2030 seien es 14.000.

Zudem geht man in der Studie davon aus, dass das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt im gesamten Beobachtungszeitraum höher liegt als im Nullszenario. Auch profitiere der private Konsum, während die Energieimporte zurück gingen – die immer wieder geforderte Importunabhängigkeit würde gestützt (siehe Bildergalerie).

Dass die Bruttobeschäftigungszahlen bislang über die Umsätze der Erneuerbaren-Branche abgeleitet werden mussten, liegt letztlich auch daran, dass es bislang keine offiziellen Arbeitsmarktdaten zum Erneuerbaren-Bereich gibt. Präzise Zahlen – etwa des Statistischen Bundesamts –, die die Erneuerbaren-Branche als eigenes Segment erfassen und analysieren würden, sind nicht vorhanden. Das wird seitens der Bundesagentur für Arbeit bestätigt. Markus Janser vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB): „Die Datenlage ist ein Problem. Die Erneuerbaren können durch ihre Vielfalt in keinen Wirtschaftszweigen oder Berufsklassifikationen eigens abgebildet werden. Es fehlt also die direkte Grundlage um die Effekte am Arbeitsmarkt zu identifizieren.“

Deutschlands Bedeutung am Weltmarkt schwindet

Die Forscher benennen klare Faktoren, damit sich die Erfolgsgeschichte der deutschen Energiewende fortsetzen kann: „Der Ausbau von Erneuerbaren-Stromerzeugungsanlagen zählt zu den wichtigsten Einflüssen auf die Erneuerbaren-Energien-Beschäftigung – in zweifacher Hinsicht, denn das Niveau des Ausbaus bestimmt auch langfristig die Höhe der Bruttobeschäftigung im Bereich Wartung. Diese Komponente dürfte in Zukunft an Bedeutung gewinnen.“ Zum Verständnis der Beschäftigungsstruktur haben sie bei Erneuerbaren-Firmen umfangreiche Interviews durchgeführt. Neben den Herstellern wurden erstmals auch Unternehmen einbezogen, die Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien betreiben und warten, heißt es in der Studie.

Über den heimischen Erneuerbaren-Ausbau hinaus bestimmt zudem der Export von Erneuerbaren-Anlagen und Maschinen zu deren Herstellung die künftige Entwicklung – ein Faktor, der wiederum von der internationalen Marktentwicklung und Deutschlands Rolle auf den Weltmärkten bestimmt wird. In der Studie werden drei denkbare Varianten der Exportentwicklung verglichen: Eine Welt mit zögerlichem Ausbau und schwachem Export, eine mit dynamischem Ausbau und entsprechendem Export und eine, in der der Ausbau international dynamisch verläuft, Deutschland seine Weltmarktposition aber durch mangelnde Innovation gefährdet. „Die wettbewerbsstarke Position Deutschlands im Referenzjahr 2012 ist auch eine Folge der deutschen Vorreiterposition beim Ausbau der erneuerbaren Energien“, heißt es in der Studie. Demgegenüber entstehe in anderen Weltregionen ein „sich stetig entwickelnder Markt, der den dort beheimateten Unternehmen und Produktionsstätten ein Aufholen in der Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht … Deutschlands Exporte hängen von diesen internationalen Entwicklungen kritisch ab“.

Die Studie leistet einen wichtigen, längst überfälligen Beitrag nicht nur zur Arbeitsmarktforschung, sondern auch zur Einschätzung möglicher (ökonomischer) Entwicklungspfade der deutschen Energiewende überhaupt. Dabei formulieren die Wissenschaftler klare Empfehlungen: Der Erneuerbare-Wärme-Markt zeige zu wenig Dynamik, die Energieeffizienz werde als zweite Säule von Energiewende Klimaschutzpolitik „ihren Zielkorridor nach heutiger Einschätzung ohne weitere Maßnahmen verfehlen“. Probleme sieht man auch im Bereich der Kraftstoffe, wo es an „notwendigen Strategien für nachhaltige Biomassenutzung“ fehle. Klarer könnte der Appell an die Bundesregierung nicht ausfallen.

Totschlagargument kursiert weiter

Darüber hinaus hebt man den Blick über den nationalen Tellerrand: „Aus Sicht der Beschäftigten … sind klare Zielsetzungen auch auf den wichtigsten Exportmärkten notwendig. Europa scheint derzeit sein klares Bekenntnis zum Ausbau erneuerbarer Energien nicht verlängern zu wollen, die jüngsten Beschlüsse bleiben deutlich hinter der Eindeutigkeit einer 20-20-20 Strategie zurück. Ein deutlich langsamerer Ausbau in Europa drückt auf die Wettbewerbsfähigkeit auch der deutschen Erneuerbare-Energien-Branche, denn Europa ist ein wichtiger Absatzmarkt gewesen.“

So wird die Studie auch zu einem wichtigen Diskussionsbeitrag im Vorfeld der Pariser Weltklimakonferenz Ende des Jahres. Allein für Deutschland wird vorgerechnet, dass die CO2-Emissionen massiv sinken können – von 822 Millionen Tonnen jährlich (2005) auf 158 Millionen Tonnen (2050) –, wenn die Politik die richtigen Weichen stellt. In einer Welt ohne Erneuerbare (Nullszenario) wäre die Entwicklung erschreckend anders, für den gleichen Zeitraum haben die Forscher einen Rückgang von 877 Millionen Tonnen auf immer noch 567 Millionen Tonnen ermittelt.

Damit die Studienergebnisse wirksam werden können, fehlt eigentlich nur, dass Sigmar Gabriels Ministerium sie ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Ein verbindlicher Termin wurde auf Anfrage nicht genannt. Bis dahin kursiert das Totschlagargument, bei Konzernen wie RWE und Co würden massenhaft Jobs vernichtet. Die Erneuerbaren verlieren damit an Rückhalt in der Bevölkerung, das Image der deutschen Energiewende wird weiter beschädigt.

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*„Beschäftigung durch erneuerbare Energien in Deutschland: Ausbau und Betrieb – heute und morgen“

Ausführende Forschungseinrichtungen: Gesellschaft für Wirtschaftliche  Strukturforschung(GWS), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prognos AG, Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW)

Die Studie wurde ursprünglich vom Bundesumweltministerium beauftragt, die Zuständigkeit liegt heute beim Bundeswirtschaftsministerium. Geplant war die Veröffentlichung für Herbst 2014, erfolgte bislang jedoch nicht.

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