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Energiesicherheit

Deutsche Industrie lehnt Kapazitätsmärkte ab

Clemens Weiß - energiezukunft.eu, 18.08.14
Das Modell der Kapazitätsmärkte zur Vermeidung von Stromengpässen stößt auf Widerstand: Nicht nur die Erneuerbaren-Branche, auch Energieexperten, die Bundesnetzagentur und nun die Wirtschaft halten sie für zu teuer und sehen keinen Bedarf.

Die deutsche Industrie hat sich gegen weitere Subventionen für die konventionelle Stromwirtschaft und gegen Kapazitätsmärkte ausgesprochen. Die Bundesregierung plant indes, den Strommarkt so zu gestalten, dass die Stromkonzerne Kraftwerkskapazitäten bereithalten müssen, um Stromengpässe zu vermeiden. Für einen solchen Kapazitätsmarkt, der bereits nächstes Jahr umgesetzt werden könnte, würden dann die Stromkunden zur Kasse gebeten.

„Wir sollten nicht zu schnell Kapazitätsmechanismen einführen“, warnte Achim Dercks, Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, gegenüber der Rheinischen Post. „Weitgehende Festlegungen auf staatliche ‚Schattenkapazitäten‘ führen zu hohen Kosten, die am Ende die Stromabnehmer nicht zuletzt in der Wirtschaft zahlen müssen“, sagte er.

Ähnlich äußerte sich der Rheinischen Post zufolge auch der Bundesverband der Industrie (BDI). Gutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) kamen jüngst zu dem Ergebnis, dass Kapazitätsmärkte zu Mehrkosten für die Stromverbraucher von 15 Milliarden Euro bis 2030 führen würden. Dabei sind Kapazitätsmärkte momentan überflüssig. Die zuständige Bundesnetzagentur etwa sieht für die kommenden Jahre keine Engpässe in der Stromversorgung.

Keine Schutzglocke für alte Kapazitäten

Die BMWi-Gutachter empfehlen statt der Kapazitätsmärkte und neuer Subventionen für die Stromwirtschaft eine Flexibilisierung des bestehenden Systems. Sollte es in den kommenden Jahren aus Sicht der Politik doch noch zusätzlichen Bedarf für die Absicherung geben, böte sich das Modell der „strategischen Reserve“an. Dieses hatte der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium und dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) erarbeitet. Auch die Gutachter für das BMWi kommen zu dem Schluss, dass eine strategische Reserve nach den Gesichtspunkten Effizienz, Flexibilität, Wettbewerbsintensität und europäische Einbindung deutlich besser geeignet wäre.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte sich jüngst ebenfalls kritisch zu Kapazitätsmärkten geäußert. Und das, obwohl seine Partei bereits im Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU vereinbart hatte, Kraftwerksbetreiber künftig dafür zu entlohnen, dass sie Kraftwerkskapazitäten bereithalten. Der Kapazitätsmarkt dürfe keine Schutzglocke für nicht mehr benötigte Kapazitäten werden, betonte Gabriel vergangene Woche.

Hermann Falk: „Bundesregierung muss standhaft bleiben“

Diese Gefahr besteht jedoch. Denn in Deutschland herrscht ein Überangebot von Strom aus zumeist alten Kohle- und Gaskraftwerken. Die großen Stromkonzerne schalten aus Kostengründen immer mehr Anlagen ab. Über Kapazitätsmärkte könnten diese Kraftwerke wieder rentabel werden, so die Hoffnung der Betreiber.

„Es wäre ein schwerer Fehler, neue Finanzhilfen für alte, schmutzige Kraftwerke einzuführen“, warnt daher BEE-Geschäftsführer Hermann Falk. „Das würde Milliardenkosten für die Stromverbraucher bedeuten und den Umbau unserer Energieversorgung in Richtung Nachhaltigkeit blockieren. Hier muss die Bundesregierung standhaft bleiben und sich Forderungen der grauen Herren in den Vorstandsetagen verweigern.“ 

Clemens Weiß – energiezukunft.eu

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