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Interview-Special zur aktuellen Titelstory

„Der Wettbewerb wird härter“

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 05.01.17
…sagt Hans-Dieter Kettwig, Vorstandschef des Auricher Windkraftanlagenbauers Enercon. Einen Schub für die Branche erwartet er durch die künftige Sektorenkopplung.

neue energie: Herr Kettwig, die Windbranche erlebt derzeit einen Boom, der sich 2017 wohl noch fortsetzen dürfte. Für die Folgejahre gehen Sie davon aus, dass jeweils maximal 2500 Megawatt (MW) installiert werden und die jährlich auszuschreibende Menge von 2800 Megawatt also nicht erreicht wird. Was sind Ihre Gründe für diese Annahme?

Hans-Dieter Kettwig: Wie sich der Ausbau der Onshore-Windenergie in Deutschland ab 2018 weiterentwickeln wird, darüber herrscht zurzeit noch eine große Verunsicherung. Es gibt nach unserer Einschätzung jedoch bereits deutliche Anzeichen dafür, dass die jährlich auszuschreibende Menge von 2800 MW tatsächlich nicht realisiert werden wird. So bremsen die von der Bundesnetzagentur vorgelegten Vorschläge für die Netzausbauregionen den Windenergieausbau insbesondere an Topstandorten erheblich. In Nordniedersachsen, Schleswig-Holstein und im Norden Mecklenburg-Vorpommerns reduziert sich demnach der zulässige Ausbau von bisher im Durchschnitt 1552 MW auf nur noch 902 MW – ein Verlust an möglicher Windenergieleistung von 650 MW pro Jahr!

Außerdem werden vom geplanten Ausschreibungsvolumen 400 MW für technologieneutrale Ausschreibungen für Windenergie und Photovoltaik abgezogen. Hier ist offen, welche Technologie bei den teilnehmenden Projekten den Zuschlag erhalten wird. Es ist darüber hinaus ungewiss, ob die für die Teilnahme an den Ausschreibungsrunden erforderlichen Genehmigungen rechtzeitig vorliegen werden. Nach unseren Erfahrungen in den letzten Monaten ist das zumindest fraglich. Hinzukommt, dass nicht alle bezuschlagten Projekte tatsächlich realisiert werden. Nicht realisierte Megawatt werden jedoch nach Ablauf der Realisierungsfrist nicht wieder dem Ausschreibungsvolumen zusätzlich zugeschlagen, sondern gehen verloren.

neue energie: Was bedeutet die aktuelle Entwicklung der politischen Rahmenbedingungen und der Märkte für Enercon? Wie hat sich das Geschäft aktuell für Sie entwickelt und welche Prognose geben Sie für die kommenden Jahre?

Kettwig: Nachdem wir 2015 unsere selbst gesetzten Ziele nicht erreicht hatten, sind wir 2016 wieder auf Kurs. Mit knapp 3900 MW installierter Leistung weltweit konnten wir an die positiven Ergebnisse im Jahr 2014 anknüpfen. Auch für 2017 ist unsere Auftragslage vielversprechend. Durch die Einführung des Ausschreibungssystems in Deutschland und sich ändernde Rahmenbedingungen in weiteren Schlüsselmärkten stehen wir und die gesamte Branche jedoch vor wachsenden Herausforderungen in den darauf folgenden Jahren. Unser Marktumfeld verändert sich, der Wettbewerb wird härter. Enercon stellt sich diesen Herausforderungen. Unsere Zielsetzung ist es, weiterhin wettbewerbsfähig zu sein und Arbeitsplätze im Unternehmen langfristig zu sichern. Wir streben nach Technologie- und Qualitätsführerschaft und wollen unseren Kunden die hochwertigsten Windenergieanlagen im Markt liefern. Von diesen Leitlinien werden wir nicht abrücken. Die Voraussetzungen für uns sind positiv: Enercon ist ein stabiles Unternehmen, verfügt über eine solide finanzielle Basis, ist breit aufgestellt und unabhängig in seinen Entscheidungen.

neue energie: Welche Standortpolitik verfolgen Sie in Deutschland, Europa und weltweit, in welchen Märkten wollen Sie wachsen?

Kettwig: Unsere Zielsetzung ist es, zunächst in den Märkten weiter zu wachsen, in denen wir bereits etabliert sind und Vertriebs-, Projektmanagement- und Service-Strukturen geschaffen haben. Darüber hinaus werden wir verstärkt ein Engagement in neuen Märkten prüfen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Rahmenbedingungen in unserem Heimatmarkt Deutschland geboten. Wir werden jedoch auch weiterhin nicht im Offshore-Bereich sowie in China und den USA aktiv werden.

neue energie: Jüngst haben Sie mit Blick auf Ihre Aktivitäten in Kanada erklärt, ‚Enercon kann auch groß‘. Wollen Sie künftig weitere Großprojekte realisieren? Das scheint zumindest dort, wo Ausschreibungsregime installiert sind, der Trend zu sein…

Kettwig: Wir schließen das nicht aus. Wir haben mit der Inbetriebnahme der Niagara Region Wind Farm in Ontario gezeigt, dass wir Großprojekte innerhalb eines eng gesteckten Zeitrahmens realisieren können. Wir liefern aber auch weiterhin Windparks der üblichen Größenordnung oder auch Einzelanlagen für kleine und mittelständisch geprägte Kunden, Stadtwerke oder Bürgerenergieprojekte. Wir haben ein breites Kundenspektrum und werden jeden unserer Kunden gleichermaßen engagiert betreuen.


„Onshore-Windenergie wird in vielen Märkten die tragende Säule des Energiesystems sein.“


neue energie: Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Strombedarf künftig stark steigt, wenn die Sektoren Verkehr und Wärme integraler Teil der Systemtransformation geworden sind. Wie soll dieser Strombedarf gedeckt werden, wenn das Erneuerbaren-Zubauvolumen, wie Sie sagen, in den kommenden Jahren nicht erreicht wird?

Kettwig: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Langfristig wird der Bedarf an umweltfreundlicher und günstiger Energie in vielen Regionen steigen – auch in Deutschland. Aufgrund der Herausforderungen durch den Klimawandel kann dieser Bedarf nur durch die Erneuerbaren gedeckt werden. Der Druck, die Energiewende sektorübergreifend zu vollziehen, wird in den nächsten Jahren zunehmen. Dies wird die Ausgangslage für die Onshore-Windenergie sowohl in unserem Heimatmarkt Deutschland als auch in weiteren Regionen der Welt noch einmal positiv verändern. Die Onshore-Windenergie wird dann in vielen Märkten die tragende Säule des Energiesystems sein. Leider ist die Politik derzeit mancherorts – auch bei uns – nicht konsequent genug bei der Weichenstellung und zu sehr auf kurzfristige Ergebnisse aus. Doch bremsende politische Vorgaben – auch das EEG 2017 mit den jetzt verabschiedeten Ausschreibungsregeln – sind nicht für die Ewigkeit. Spätestens wenn die E-Mobilität bei uns richtig in Gang kommt, wird die Politik nicht umhin kommen, die Rahmenbedingungen für unsere Branche wieder positiver zu gestalten und den Weg frei zu machen für ambitioniertere Ausbauziele.

neue energie: Manche Experten haben ja tatsächlich die Hoffnung, dass die Pariser Klimaziele künftig ernster genommen werden könnten...

Kettwig: Wir werden sicherlich noch alle überrascht sein, welche Folgen der Klimawandel mit sich bringt – und welchen Sinneswandel er letztlich auch bei denjenigen Politikern auslösen wird, die momentan die Energiewende bremsen. Wir sehen es als große Chance an, bei der Lösung der weltweiten Klimaprobleme mitzuwirken.

neue energie: Wird sich künftig der Wettbewerb durch ausländische Anlagenhersteller verschärfen, die in den deutschen beziehungsweise europäischen Markt drängen?

Kettwig: Nein, das denke ich nicht. Die Windenergieindustrie lässt sich nicht mit der Photovoltaikbranche vergleichen. Windenergieanlagen sind große, komplexe Hightech-Produkte, die sich nicht wie Solarmodule irgendwo in Billiglohnländern in Massen fertigen und einmal um die halbe Welt verschiffen lassen, um dann in einem ruinösen Preiskampf damit die hiesigen Märkte zu fluten. Was wir jedoch feststellen, ist, dass der Wettbewerb in der Branche insgesamt härter wird – auch unter den hiesigen Herstellern. Wenn man sich die Preispolitik mancher Unternehmen anschaut, muss man sich fragen, wie das funktionieren soll. Auf die Schiene „Hauptsache billig“ werden wir uns nicht begeben. Enercon wird nie die billigste Anlage bauen. Wir wollen die hochwertigsten Anlagen liefern.

neue energie: Die alten Energieriesen versuchen, im Erneuerbaren-Sektor Fuß zu fassen. Spüren Sie beim Absatz den Markteintritt von RWE, Eon und Co?

Kettwig: Dass auch die großen Energieversorger die Erneuerbaren als Chance – vielleicht für sie als Unternehmen als letzte Chance – erkannt haben, merken wir vor allem daran, dass sie inzwischen zu unseren Kunden gehören. In der Anfangszeit der Windindustrie hatten sie uns nicht ernst genommen. Als sie bemerkten, dass sie jahrzehntelang die falschen Geschäftsmodelle verfolgt haben, und die Erneuerbaren erstmals als Konkurrenz wahrnahmen, haben sie uns bekämpft. Heute realisieren wir gemeinsam Windenergieprojekte – was nicht heißt, dass sie dadurch zu Vorreitern der Energiewende geworden sind. Sie haben ja immer noch die Altlasten ihrer verfehlten, fossil-atomaren Geschäftspolitik zu berücksichtigen. Im Gegensatz zu den Marktakteuren, die von Anfang an auf 100 Prozent erneuerbar gesetzt haben.

neue energie: Werden Rahmenverträge mit großen Volumen und langen Laufzeiten zwischen Projektierern und Herstellern künftig im Markt dominieren – und hat bei den daraus resultierenden fallenden Anlagenpreisen die Bürgerenergie noch eine Chance, die ja nicht in der Lage sein dürfte, solche Verträge abzuschließen?

Kettwig: Durch die sich ändernden Rahmenbedingungen werden sich sicherlich Verschiebungen im Markt ergeben. Wir werden als Unternehmen jedoch alles dafür tun, dass auch mittelständische Akteure, kleinere Stadtwerke und Bürgerenergieprojekte weiter am Windenergiemarkt teilnehmen können. Diese Klientel, die jahrelang die Energiewende in Deutschland engagiert vorangebracht hat, ist unserer Meinung nach auch in Zukunft für den Umbau des Energiesystems sehr wichtig. Bürgernahe Projekte aus der Region fördern die Akzeptanz der Energiewende. Ohne Zustimmung der Bevölkerung vor Ort wird dieses Vorhaben zunehmenden Widerstand erfahren. Enercon bietet diesen Kundengruppen daher individuelle Unterstützung in allen Phasen der Projekte an – bei der Projektentwicklung, bei der Finanzierung, im Genehmigungsverfahren, bei der Ausschreibung, bei der Errichtung sowie im Betrieb, Service und bei der intelligenten Vermarktung der erzeugten Energiemengen.


„Die intelligente Vernetzung gewinnt immer mehr an Bedeutung.“


neue energie: Welche Chancen räumen Sie künftig der Bürgerenergie sowie den mittelständischen Unternehmen (Herstellern, Projektierern, Betreibern…) in Deutschland generell ein?

Kettwig: Sie werden ihre Nische finden. Manche Akteure werden die größeren Risiken vielleicht nicht mehr alleine stemmen können und sich mit größeren Partnern zusammentun müssen. Enercon bietet hier individuelle Unterstützung an, um Bürgerprojekten zum Erfolg zu verhelfen.

neue energie: Enercon ist seit geraumer Zeit dabei, sich neben der Anlagenproduktion weitere Geschäftsfelder zu erschließen – in Aurich wollen Sie etwa das Verteilnetz betreiben. Entwickelt sich Enercon zum Mischkonzern, zum Versorger? Werden Sie künftig weitere neue Geschäftsfelder erschließen?

Kettwig: Das haben wir bereits getan. Wir bieten unseren Kunden neben unserem Kernprodukt Windenergieanlage weitere Bausteine für zusätzliche Wertschöpfung rund um einen Windpark an – beispielsweise umfangreiche Service- und Energielogistik-Dienstleistungen, Direktvermarktung, Unterstützung bei der Betriebsführung und künftig Power-to-X-Anwendungen. Als Anbieter von Systemlösungen werden wir dieses Portfolio sukzessive erweitern.

neue energie: Wie reagiert Enercon als Hersteller von Energieanlagen auf den zunehmenden Trend zur Digitalisierung?  

Kettwig: Wir beschäftigen uns intensiv damit. Durch unsere Aktivitäten beispielsweise im Bereich der Energielogistik sowie unsere Teilnahme an verschiedenen Forschungsprojekten – etwa dem Projekt enera – gewinnen wir in diesem Bereich wichtige Erkenntnisse und sammeln praktische Erfahrungen, die uns bei der Entwicklung innovativer Systemlösungen für unsere Kunden helfen.

neue energie: Enercon arbeitet intensiv an Speicherkonzepten. Wie sehen Ihre weiteren Pläne auf diesem Gebiet aus?

Kettwig: Neben unserem Kerngeschäft, der Entwicklung, Herstellung und Lieferung von Windenergieanlagen, treiben wir das Thema Speicherung Schritt für Schritt voran. Energiespeicher werden im erneuerbaren Energiesystem eine wesentliche Rolle spielen, da sich mit ihnen eine Verstetigung der fluktuierenden Erzeugung erreichen lässt und klimaschädliche fossile Backup-Kraftwerke überflüssig werden. Unsere Kompetenz beim Thema Energiespeicher liegt in der Bereitstellung und Steuerung der Schnittstellentechnologie zur Anbindung von Speicherlösungen ans Netz. Unsere Schnittstelle, die auf unserer Wechselrichter-Technologie basiert, ist universell, sodass sich neben Batteriespeichern künftig kundenseitig weitere Anwendungen darstellen lassen – etwa Power-to-X-Lösungen sowie Schnellladepunkte für die E-Mobilität.

Die Schnittstellen-Technologie arbeitet bereits in zwei Pilotprojekten im Praxisbetrieb: Sie kommt im Regionalen Regelkraftwerk (RRKW) Feldheim in Brandenburg sowie im Batteriespeicher des Windparks Húsahagi auf den Färöer-Inseln zum Einsatz. Das RRKW speichert Energie aus dem Netz, die zur Primärregelung eingesetzt wird, um Frequenzschwankungen in der Regelzone des Netzbetreibers 50hertz auszugleichen. Im Windpark Húsahagi wird in zwei dem Windpark angeschlossenen Batteriecontainern Energie aus den Windenergieanlagen zwischengespeichert, um zu einer Verstetigung der Einspeiseleistung des Windparks beizutragen.

neue energie: Neben den alten Energieriesen drängen völlig neue Player in den Strommarkt, etwa Internet- und IT-Spezialisten wie Google oder GMX. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Ergeben sich daraus neue Marktchancen für Enercon, eventuell durch Kooperationen? Wie könnten die aussehen?

Kettwig: Das wird sich zeigen. Fakt ist, in einem Energiesystem auf Basis der Erneuerbaren gewinnt die intelligente Vernetzung von flexiblen Stromerzeugern und -verbrauchern sowie der Infrastruktur immer mehr an Bedeutung. Für ein erneuerbares Energiesystem, das aus eigener Kraft Versorgungssicherheit und Netzstabilität sicherstellt, müssen wir uns mit den Themen Speicherung, intelligente Netze und Datenströme auseinandersetzen. Inwiefern hierbei IT-Unternehmen neue Impulse setzen können, bleibt abzuwarten.

Eine gekürzte Fassung des Interviews ist in der Ausgabe 1/2017 von neue energie erschienen.

 

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