Klimaschutz

Der Preis ist lauwarm

Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/picture alliance

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Tim Altegör, 10.04.18
Erstmals seit Jahren kostet ein CO2-Zertifikat im europäischen Emissionshandel wieder mehr als zehn Euro. Damit das System ernsthaft zum Klimaschutz beiträgt, braucht es kurzfristig wohl dennoch mehr als die gerade beschlossene Reform.

Vor wenigen Wochen, genauer am 27. Februar, konnten aufmerksame Europäer ein seltenes Schauspiel beobachten. Nein, keinen Meteoritenschauer, etwas weniger spektakulär: In ihrem gemeinsamen Emissionshandel stieß der Preis für ein CO2-Zertifikat in den zweistelligen Eurobereich vor. Ein solches Zertifikat erlaubt den Ausstoß von einer Tonne des Klimagases, seit November 2011 lagen die Kosten dafür durchgehend unter zehn Euro. Diese nun überschrittene Grenze ist zwar rein symbolisch, mit einem echten Effekt für den Klimaschutz rechnen Experten erst ab 20 bis 30 Euro.

Aber mittlerweile (Stand 9. April) sind es immerhin knapp 13 Euro, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor – wobei die Ursache bislang nicht ganz klar ist. Durchschnittlich kostete ein Verschmutzungsrecht 2017 bloß den Ramschpreis von 5,88 Euro. „Die beachtliche aktuelle Preisentwicklung sollte klar machen, dass die Zeiten der vernachlässigbaren CO2-Kosten für viele in der Industrie schneller vorbei sein können, als mancher erwartet haben mag“, kommentierte Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamts, die neue Entwicklung.

Der CO2-Handel wurde 2005 geschaffen, um die Emissionen aus Industrie und Kraftwerken zu senken. Sie stellen in Europa etwa die Hälfte der Gesamtmenge. Nicht dabei sind beispielsweise die Landwirtschaft und ein Großteil des Verkehrs. Das System funktioniert nach dem Prinzip „Cap & Trade“: einer politisch definierten Obergrenze (Cap) an Emissionen und damit Zertifikaten, die zwischen CO2-Erzeugern gehandelt werden können (Trade). So sollen in der Theorie die Treibhausgase möglichst effizient sinken: Zunächst dort, wo die Kosten am geringsten sind, mit immer niedrigerem Deckel dann auch in teureren Bereichen.

Braunkohle bleibt am Markt

Allerdings krankte das System von vorne herein an Konstruktionsfehlern. So drückte vor allem ein deutlicher Überschuss an Zertifikaten, zu großen Teilen auch noch kostenlos an die Unternehmen verteilt, den Preis. Zahlreiche Kritiker halten das Handelssystem deshalb in seiner bisherigen Form für unwirksam. Auch das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass der Deckel bislang fast immer oberhalb der tatsächlichen Emissionen lag – also mangels Verknappung nicht die erwünschte Wirkung für den Klimaschutz enthalten konnte.

Dabei sind die CO2-Emissionen aus jenen EU-Sektoren, die am Handel teilnehmen, in den vergangenen Jahren durchaus etwas gesunken. Gerade erst jedoch hat der britische Klima-Thinktank Sandbag auf Basis offizieller Zahlen der EU-Kommission errechnet, dass es 2017 wohl wieder ein leichtes Plus gab. Beispielsweise sind die Emissionen aus innereuropäischen Flügen – nur sie sind im Handel inbegriffen – weiter gestiegen. Als Hauptgründe nennen die Sandbag-Analysten allerdings eine boomende Industrie sowie den konstanten Beitrag der besonders CO2-intensiven Braunkohle zu Europas Stromerzeugung. Für Deutschland vermeldet das Uba dagegen einen leichten Rückgang der Emissionen aus Industrie und Energiewirtschaft um 3,4 Prozent. Bei der Steinkohle seien sie um volle 17 Prozent gefallen, bei der Braunkohle jedoch nur um 0,7 Prozent.

Um sie vom Markt zu drängen, müssten die CO2-Preise noch weiter steigen. Dabei helfen soll eine Reform des Emissionshandels, die im zähen Brüsseler Politik-Betrieb zwischen der EU-Kommission, dem Parlament und den 28 Einzelstaaten langwierig ausgehandelt und mittlerweile auch beschlossen wurde. Künftig sinkt die Zahl der Zertifikate etwas schneller, außerdem sollen überschüssige dauerhaft vom Markt verschwinden.

Wettbüro Emissionshandel

Möglicherweise treibt die Aussicht auf diese Verschärfung auch den Preis derzeit ein bisschen in die Höhe. Forscher des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) haben 2016 festgestellt, dass der Handel vor allem auf politische Ankündigungen reagiert, statt auf Angebot und Nachfrage. Als „Wettbüro für politische Entscheidungen“ bezeichnete ihn daher der MCC-Direktor Ottmar Edenhofer. Ob die Reform den Preis im Emissionshandel dauerhaft und vor allem kurzfristig in wirksame Höhen treibt, ist jedoch umstritten.

Edenhofer wirbt deshalb dafür, einen Mindestpreis einzuziehen, wie beispielsweise auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Weil es kaum möglich sein dürfte, kurzfristig einen Konsens unter den EU-Staaten zu finden, könnten einige Länder schonmal starten. Der Umweltverband WWF hat jüngst eine Studie vom Öko-Institut dazu erstellen lassen und empfiehlt, einen Preis von 25 Euro je Tonne CO2 im Verbund mit Frankreich, Dänemark, Österreich und den Benelux-Ländern einzuführen und parallel sieben Gigawatt Braunkohle-Leistung in Deutschland stillzulegen. Auf diese Weise sei sogar die klaffende Lücke zum deutschen Klimaziel für 2020 noch annähernd zu schließen.

„Wir brauchen ein zusätzliches Instrument nicht allein auf nationaler, sondern auf europäischer Ebene, weil das bisherige Werkzeug dort nicht wirkt: Der Emissionshandel wird kurz- und mittelfristig keinen Effekt haben. Über ihn bleibt der CO2-Preis bis Mitte der 2020er zu niedrig, um einen Anreiz zur CO2-Minderung zu bieten“, erklärte Michael Schäfer, Leiter des Fachbereichs Klimaschutz beim WWF. Der Energiewirtschaftsverband BDEW verwies stattdessen auf die Sektoren außerhalb des Handels, auf Wärme, Verkehr und Landwirtschaft, in denen zu wenig geschehe und die ebenfalls einen Emissionspreis bräuchten. Das würden wohl auch viele Umweltschützer unterschreiben, es muss sich allerdings nicht gegenseitig ausschließen. Für einen Sektoren-übergreifenden Preis gibt es diverse Vorschläge.


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