Ausschreibungen

Bürgerprojekte dominieren erste Windkraft-Auktion

Foto: Getty Images/ Istockphoto

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Tim Altegör, 19.05.17
Nach Offshore- nun Onshore-Wind: die Ergebnisse der ersten Ausschreibungsrunde wurden heute (19.5.) veröffentlicht. Das Ergebnis überrascht – Erfolg hatten fast ausschließlich Bürgerwindparks.

Das Ergebnis wurde mit Spannung erwartet, jetzt ist es da – und zwar mit einer Überraschung. Bei der ersten deutschen Ausschreibung für Onshore-Windkraftanlagen haben Bürgerenergiegesellschaften den größten Teil der Zuschläge abgeräumt. 807 Megawatt (MW) Leistung hat die für das Verfahren zuständige Bundesnetzagentur insgesamt vergeben, davon sicherten sich Bürgerwindparks 96 Prozent.

Vereinfacht lief die Auktion so: Die Projekte, die mit den niedrigsten Vergütungen auskommen wollen, gewinnen Zuschläge, bis das vorgesehene Kontingent – in diesem Fall 800 MW – voll ist. Im Durchschnitt lagen die erfolgreichen Gebote bei 5,71 Cent je Kilowattstunde erzeugten Stroms. Gerade noch für den Zuschlag gereicht hat es bei 5,78 Cent. Netzagentur-Präsident Jochen Homann bezeichnete die Auktion als erfolgreich. Den relativ niedrigen Preis – als Maximalgrenze waren sieben Cent vorgegeben – habe das „erfreulich hohe Wettbewerbsniveau“ ermöglicht.

Dafür sorgten die Bürgerenergiegesellschaften. Sie waren vorher die große Unbekannte: Weil für die Teilnahme an der Auktion eine gültige Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz nötig war, ließ sich das potenzielle Interesse gut eingrenzen. Weniger als 1000 Megawatt kamen da zusammen, auch weil sich viele Projektentwickler ihre Genehmigung rechtzeitig vor dem Jahreswechsel sicherten und die Anlagen noch mit einer gesetzlich festgelegten Vergütung bauen können.

Mehr als zwei Drittel der Gebote scheitern

Für Bürgergesellschaften gelten jedoch einige Sonderregeln, sie bekommen zum Beispiel das höchste noch zugelassene Gebot – und dürfen die Genehmigung nachreichen. Das soll bei ihnen das Risiko eingrenzen, dass erfolglose Bieter auf hohen Vorab-Investitionen sitzen bleiben. 95 Prozent der Bürgerprojekte nutzten diese Möglichkeit. Letztlich waren so mehr als 2100 Megawatt im Rennen um die 800 MW. Von 256 Geboten setzten sich lediglich 70 durch.

Die ersten Reaktionen auf die Ergebnisse fielen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aus. Wirtschafts-Staatssekretär Rainer Baake sieht dadurch bestätigt, „dass der von uns eingeleitete Paradigmenwechsel von staatlich festgesetzten Fördersätzen hin zu wettbewerblich ermittelten Preisen gut funktioniert“. Stefan Kapferer vom Energiebranchenverband BDEW forderte, „die Vielzahl an Ausnahmeregelungen im Hinblick auf ihre Angemessenheit zu bewerten“, da die Akteursvielfalt durch Ausschreibungen nicht bedroht sei.

Zurückhaltender, aber in eine ähnliche Richtung äußerte sich Matthias Zelinger vom Machinenbauverband VDMA. Weil bei Projekten mit ausstehender Genehmigung die Zeit bis zur Realisierung entsprechend länger ausfallen kann – statt 30 sind bis zu 54 Monate vorgesehen –  steige die Unsicherheit für die Anlagenhersteller, zumal die Umsetzungsrate offen ist. Wie viele Windräder 2019 errichtet werden, sei „daher extrem schwer absehbar“. Bestätige sich der Trend bei den nächsten Auktionsrunden, müsse die Ausnahmeregelung auf den Prüfstand. Diese stehen am 1. August und 1. November an, dann geht es um jeweils 1000 MW. Der Bundesverband WindEnergie appellierte an die zuständigen Landesbehörden, „die erforderlichen Genehmigungsverfahren positiv zu begleiten“, damit die Projekte bald gebaut werden könnten.

Warnung vor Scheinbürgern

Zur Skepsis mahnte der Energieversorger Greenpeace Energy. Das Ergebnis sei zu begrüßen, müsse aber nun „genau darauf geprüft werden, ob hier Gesellschaften zum Zug kamen, in denen tatsächlich engagierte Bürger die Zügel in der Hand halten – oder in wie vielen Fällen am Ende doch versteckte Großinvestoren dahinterstecken“, so Politikchef Marcel Keiffenheim. Diese Sorge war im vergangenen Jahr beispielsweise auch von der Linken-Abgeordneten Eva Bulling-Schröter geäußert worden. Nachdem die Regierungskoalition unter anderem das Verbot von Absprachen zur späteren Übertragung von Anteilen ins Gesetz geschrieben hatte, sagte Bulling-Schröter aber gegenüber neue energie, es sei „ein guter Weg gefunden worden, mit dem ich durchaus zufrieden bin“ (neue energie 2/2017).

Auch eine weitere Besonderheit, das sogenannte Netzausbaugebiet, kam bei der ersten Ausschreibung zum Tragen. Das erstreckt sich über weite Teile Norddeutschlands und darf nur eingeschränkt am Windkraftausbau teilnehmen. Die Bundesregierung begründet das mit fehlenden Stromnetzen. Für diese Runde durften hier maximal 258 der 800 Megawatt vergeben werden, laut Netzagentur gingen deshalb einige Gebote leer aus. Der höchste Preis, der in diesem Gebiet noch erfolgreich war, betrug demnach 5,58 Cent.

Einen Preis unter sechs Cent hätten nur wenige Unternehmen erwartet, erklärte Klaus Bader von der Wirtschaftskanzlei Norton Rose Fulbright. Er ist Co-Autor einer Studie, die 59 von ihnen im Vorfeld nach ihren Strategien für den Systemwechsel befragt hatte. Der Markt stehe jetzt vor einer Konsolidierung, so Bader. „Wir erwarten jetzt Übernahmen und engere Zusammenarbeit der Hersteller, großer Projektentwickler und Investoren.“ Zudem würden große Akteure verstärkt im Ausland investieren, während kleine und mittelgroße unter Druck gerieten. In anderen Ländern kann der Wettbewerb allerdings auch hart sein: in Spanien ging gerade ebenfalls eine Windkraft-Ausschreibung zu Ende. Ergebnis: 4,3 Cent.

 

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